tested – UP KIBO 2

Allgemein

Als UP mit dem Launch des Kibos Anfang 2016 einen dritten Schirm in der En-B Range platzierte, runzelten viele Piloten die Stirn. Damit einhergehend wurde dann die generelle Frage aufgeworfen: macht es für die Hersteller überhaupt Sinn, zwischen den etablierten, im Pilotenjargon als low-B und high-B bezeichneten Schirmkategorien noch eine weitere Kategorie, eine weitere Zwischenstufe zu etablieren? Gibt es im heiß umkämpften B-Segment noch Platz für einen sog. „mid-B“ Schirm?

Ich denke heute, 2019, kann diese Frage definitiv mit „Ja“ beantwortet werden, was man unter anderem auch daran sieht, dass andere namhafte Hersteller der Szene das Konzept ebenfalls aufgreifen und ihre B-Schirmpalette bereits erweitert haben.

Das Gros der Piloten und damit die potentielle Käuferschaft tummelt sich nun mal in der B-Klasse: hier finden sich die Einsteiger, die sich nach ihrer Schulung und den ersten Thermikflügen an einem feinfühligeren Schirm weiterentwickeln wollen. Hier finden wir die XC Einsteiger, die beim eifrigen Kilometersammeln einen fehlerverzeihenden Begleiter benötigen. Hier finden wir die Rücksteiger aus höheren Schirmklassen, die keine Lust mehr auf nervöse Ritte unter heißen Kisten haben sondern die wieder den Genuss, das Naturerlebnis und die Leichtigkeit des Gleitschirmfliegens für sich entdecken. Und natürlich haben wir hier auch die Rekordjäger, welche die größtmögliche Performance von einem Schirm erwarten, um mit möglichst hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten das Maximum aus den guten Streckentagen herauszuholen, dabei aber nicht auf eine vernünftige passive Sicherheit verzichten wollen.

Den Kibo 2 positioniert UP zwischen dem Makalu 4 und dem Summti XC4 bzw. dem Kangri. Mit dem Vorgänger verbrachte ich etwas über 70 Stunden Airtime. Ich kann aufrichtig behaupten, dass das mit Sicherheit die sorglosesten Flugstunden meiner Fliegerkarriere waren 😉 Ich hatte in den über 70 Stunden keine einzige ernsthafte Kappenstörung. Relaxtes fliegen vom Feinsten, gerade auch in kochender Luft!

Umso mehr war ich nunmehr auf den Nachfolger, den Kibo 2, gespannt. Um ehrlich zu sein, war ich vor meinem Erstflug mit dem neuen Schirm dennoch etwas skeptisch: was könnte man denn am Ur-Kibo besser machen, das ein Modell-Update wirklich rechtfertigt?

In den nachfolgenden Zeilen beschreibe ich also unser sommerliches meet-up; wobei das hier nicht als klassischer Testbericht, sondern vielmehr als subjektive Eindrucksschilderung zu verstehen ist 😉 Zu berücksichtigen gilt auch: ich bin Teampilot bei UP. Die lässigen Jungs und Mädels von UP lassen mir natürlich komplett freie Hand beim Filmen und Schreiben. Aber ich bin eben ein aufrichtiger Fan von Frantas Schirmdesigns und liebe dieses besonders feine UP-Handling – von daher bin ich sicherlich nicht ganz neutral und unvoreingenommen!

Beginnen wir also von vorne: Mitte Juni bekam ich den Kibo 2 in der Größe S/M (75-95 kg) direkt aus dem UP Headquarter in Garmisch-Partenkirchen zugesendet. Geflogen bin ich den Schirm mit einem TOW zwischen 92 und 94 kg, also recht weit oben belastet.

Insgesamt konnte ich etwas über 16 Stunden Airtime am Kibo 2 verbringen.

Die meisten meiner Flüge fanden dabei in meiner Heimat, dem Nordschwarzwald, statt. Unterwegs war ich aber auch im schönen Grindelwald in der Schweiz. Mein fliegerisches Highlight in der Zeit war sicherlich das Aufsoaren an der Eigernordwand mit anschließender Überhöhung und Überflug des Eigers.

Auspacken / erster Eindruck

Wie fast immer, wenn ich einen neuen Schirm in die Hände bekomme, gehe ich damit zuerst zum Groundln auf die Wiese. Zum einen bekommt man hierbei bereits einen sehr guten Eindruck über das zu erwartende Starverhalten und die Steuercharakteristik des Schirms – vor allem aber liebe ich es einfach, mit der Kappe im Wind zu spielen 😉 Herausgekommen ist bei dem ersten Kennenlernen auf der Wiese dieses kurze unboxing Video.

Die Verarbeitung des Schirms ist UP typisch auf höchstem Niveau. Ich denke aber auch, dass sich hierbei zwischen den namhaften, etablierten Hersteller kaum noch große Unterschiede auftun.

Ganz besonders hat mir die neue Bremsgriffbefestigung gefallen. UP nennt das System „Snap-Lock.“ Dabei wird der Bremsgriff durch einen zylinderförmigen Magneten in eine Art U-förmige Halteschale gezogen und somit arretiert. Die Haltekraft des Magneten ist sehr angenehm. Bei der Startvorbereitung lässt sich so der Bremsgriff easy vom Tragegurt lösen. Man muss nicht daran reißen oder entnervt aus verschiedenen Winkeln daran ziehen, um ihn zu lösen. Ein leichter Zug in die einzig mögliche Zugrichtung reicht aus und man hält den Bremsgriff in der Hand. Ein unbeabsichtigtes Lösen und Herabfallen des Bremsgriffes bei der Startvorbereitung ist bei mir nie vorgekommen.

Nach der Landung führt man dann den Magneten am Bremsgriff einfach wieder in Richtung der Aufnahme am Tragegurt und das Ganze fügt sich wie von Geisteshand automatisch zusammen. Bravo UP. Das ist richtig nice! Gefällt mir viel besser als die bis dato verwendete Druckknopfbefestigung.

Starten

Starten ist ja so eine Sache. Eigentlich hat ein sauberes, sicheres Starten eher  etwas mit Fleiß, als mit dem Schirm zu tun. Ich kenn eigentlich kaum einen Piloten, der viel Groundhandling betreibt und trotzdem schlecht startet. Wer nicht trainiert, läuft bei anspruchsvollen Startbedingungen eher Gefahr, unkontrolliert und damit potentiell unfallgefährdet abzuheben, egal wie gutmütig der Schirm auch sein mag.

Wer mit dem Kibo 2 schlecht startet, der hat sich entweder bei den herrschenden Startbedingungen massiv verschätzt, oder aber trainiert die Abläufe nicht 😉

Trotz der für einen B-Schirm beachtlichen Streckung von 5,7 füllt sich der Kibo 2 zuverlässig, baut schnell Spannung auf und steigt dann homogen als ganzer Block nach oben. Vorwärts wie Rückwärts geht tadellos. Seitliches ausbrechen – Fehlanzeige. Die Kappe ist sehr spurstabil, lässt sich aber bei Bedarf dennoch feinfühlig mit Steuerleinen- und Hüfteinsatz in die gewünschte Ausrichtung dirigieren.

Auch die eigentliche Starvorbereitung gestalten sich als einfach: Der Tragegurt ist schmal aber schön steif, sodass ein „in-sich-um-sich-an-sich-irgendwie-verdrehen“ bei einem Mindestmaß an Sorgfalt eigentlich nicht passieren kann. Die Stammleinen sind voll ummantelt und farblich gekennzeichnet. Lediglich die Gallerieleinen zeigen sich nackt und tragen keinen Mantel. Knötchen oder sonstige unliebsame Wirr-Warr-Kobolde traten bei keinem meiner Starts auf.

Thermikfliegen

Wenn ich am Vorgänger, dem Kibo 1, einen Minuspunkt hätte benennen müssen, dann wäre das vielleicht die Lesbarkeit der Luftmassen gewesen. Der Kibo 1 hatte meinem Empfinden nach eine superstabile, gespannte und angenehm gedämpfte Kappe. Das war zwar in richtig harzigen Bedingungen absolut nervenschonend – bei schwächelnder Thermik fehlte aber das letzte Quäntchen Rückmeldung von Tragegurten und Steuerleinen, um stets im Bilde der Umgebungsluft und deren Bewegungsrichtung zu sein.

Der Kibo 2 hat quasi alle guten Manieren des Vorgängers geerbt und darüber hinaus dessen Schwäche abgelegt.

Auch der Kibo 2 ist rock solid: ehrlich, egal wie es bockt und an der Kappe zerrt, der Kibo 2 schein undeformierbar zu sein. Selbst der Außenflügel bedarf auch bei scharfkantigen Abwindrändern nur minimaler Stütze. Das ist gerade bei langen Flügen in durchwühlter Luft absolut entspannend und Balsam für das Nervenkostüm. Man kann sich voll und ganz auf die Umgebung, die Flugroute oder die anstehenden flugtaktischen Entscheidungen konzentrieren und den Schirm dabei so ziemlich ausblenden. So soll das beim Fliegen sein. Und wer keine Kilometer abspulen möchte, der kann sich ganz entspannt dem Sightseeing samt Naturgenuss widmen.

Trotz dieser unglaublichen Stabilität fühlt sich die Kappe weicher an als beim Vorgänger. Für mich hatte das den Vorteil, dass ich gerade in schwächelnden Bedingungen die Luft besser lesen und damit effektiver zentrieren und steigen konnte. Meine Flächenbelastung im oberen Bereich zeigte sich dabei in Bezug auf die Steigperformance nicht als nachteilig.

Der Bremsdruck ist etwas geringer geworden als beim Vorgänger. Ohne nennenswerten Kraftaufwand lässt sich der Kibo 2 spielerisch in alle Schräglagen bringen. Müde Arme oder Schultern bleiben so auch nach mehrstündigen Flügen mit langen Kurbelorgien aus. Das gefällt mir sehr, sehr gut. Insgesamt fühlt sich der Kibo 2 richtig agil und spritzig an. Es ist eine wahre Wonne, den Schirm in engen Aufwinden auf den Stabilo zu stellen und so direktiv in Richtung Basis zu zirkeln 🙂 Dabei behält die Kappe die einmal eingestellte Schräglage stoisch bei und zieht dann satt und laufruhig ihre Bahnen. Ich denke hier hebt sich der Flügel als mid-B Schirm deutlich von seinen low-B Brüdern ab. Gerade im low-B Bereich finde ich es oftmals ziemlich nervig, wenn man ständig einem gewissen Aufrichtmoment entgegenwirken und dabei immer wieder nachdrücken muss, um auf Kurs zu bleiben. Da spürt man dann doch die sportlicheren Gene des Kibo 2. In dieser Eigenschaft erinnert er eher an den Summit XC 4 als an den Makalu. Nice!

Beim Thermikeinflug stellt sich die Kappe kaum einmal auf. Falls es richtig nach oben ballert, einfach mal die Steuerleinen kurz freigeben und die Kappe fährt wunderbar neutral in den Aufwind ein. Apropos Pitch: wirkliches Vorschießen kennt der Kibo 2 nicht. Und falls er doch mal den Ansatz dazu zeigen sollte, reicht ein kurzer Steuerleineninput und die Kappe bleibt schön neutral über dem Piloten.

In freier Wildbahn hatte ich weder Front- noch Seitenklapper. Alle simulierten Kappenstörungen waren völlig harmlos.

XC

Ich selbst bin lediglich ein paar kleine Genuss-Sightseeing-Dreiecke im schweizerischen Grindelwald geflogen. Da war ich im Wechsel mit dem Summit XC 4 und dem Kibo 2 unterwegs. Im direkten Vergleich zum Summit XC 4 wurde mir dann abermals die geringe Arbeitslast vor Augen geführt, die der Kibo 2 seinem Piloten abverlangt. Auch nach einem 5 Stunden dauernden Flug bei ordentlich thermischen Bedingungen war ich tiefenentspannt und konnte die Bergwelt um mich herum in vollen Zügen genießen.

Der Beschleuniger lässt sich bei mittelhartem Druck fein einsetzten. Wer bis dato noch nicht viel mit dem Gaspedal gearbeitet hat, wird es am Kibo 2 intuitiv tun und dessen Einsatz dann zu schätzen lernen. Auch in durchwühlter Luft bleibt der Kibo im Gas super stabil.

Mit dem beschriebenen tollen Thermikhandling bei geringer Arbeitslast in Verbindung mit dem superstabilen Gleiten, bietet sich der Kibo 2 natürlich auch für weit größere Streckenabenteuer an. Ich denke ein guter XC Pilot kommt mit dem Schirm überall hin – und das Ganze völlig stressfrei. Teampilot Tim Schober demonstrierte das bereits im Mai 2019 mit einem herrlichen 145 km Panoramaflug vom Stubai aus über den Alpenhauptkamm. Tim, der selbst den Trango X-Race fliegt, schreibt als Kommentar zu dem Flug: „Ein genialer Flügel, der einen auch die bockigsten Bärte stressfrei auskurbeln lässt. Schön dynamisch, direktes Handling und ein überraschend gutes Gleiten. So muss das sein. Mehr Schirm braucht man wirklich nicht :D“

Ich denke damit hat es Tim gut auf den Punkt gebracht. Danke Tim 😉

Für wen?

In meinem Video bezeichne ich den Kibo 2 als die „Eierlegende Wollmilchsau.“ Zugegeben, der Begriff ist mittlerweile schon etwas abgedroschen, passt aber einfach perfekt für den Schirm.

Mit seinem moderaten Gewicht, den unkomplizierten Startvorbereitungen bzw. dem anfängertauglichen Startverhalten eignet sich der Kibo 2 sehr gut für genussvolle hike and fly Touren sowie für Reisen in alle Welt.

Hausbergpiloten finden in dem Schirm einen zuverlässigen Gesellen: nach einem stressigen Arbeitstag eben noch mal den Kopf frei fliegen und ein bisschen Natur tanken? Aber gerne!

Low-B Piloten, die sich behutsam in ihren Skills am Schirm weiterentwickeln, sich dabei an höhere Streckung samt satterer Kurvenenergie und mehr Gleit-Performance gewöhnen wollen, finden mit dem Kibo 2 einen langjährigen Partner – ein hohes Maß an passiver Sicherheit inklusive.

Das gilt natürlich auch für XC Einsteiger, die sich beim Herantasten an größere Strecken auf alles andere konzentrieren wollen als auf ihren Schirm.

Und letztendlich ist der Kibo 2 auch Rücksteigern aus höheren Klassen zu empfehlen. Kurbeln, sorglos Gasen, kurbeln, sorglos Gasen. Kilometer machen kann so einfach und stressfrei sein – und stets bleibt Zeit, die unfassbar schönen Landschaften zu genießen, über die uns unser Flügel trägt.

Wie immer gilt: fliegt euren künftigen Schirm ausgiebig Probe, vergleicht ein paar Modelle und macht euch letztendlich euer eigenes Bild! Denn es ist nur euer Gefühl, euer Empfinden, das letztendlich zählt. Ihr müsst euch wohl am Schirm fühlen. Ihr müsst stets mit einem breiten Grinsen am Landeplatz einschweben – das ist das einzige, auf das es wirklich ankommt  🙂

In diesem Sinn – ich wünsche euch allen unvergesslich schöne Flüge.

Cheers!

2 thoughts on “tested – UP KIBO 2”

  1. Klaus Rinschede sagt:

    Hey, danke für Deinen Bericht, den ich nur bestätigen kann, in einem Sicherheitstraining im Juni konnte ich den Kibo 2 gute testen. Eine Frage habe ich: Am Startplatz unterhielen sich zwei Piloten über älter Modelle und zeigten auf meinen neuen Kibo2 und erwähnten die ummantelten Leinen, das die veraltet waren. Da ich im Startfenster war, konnte ich nicht nachfragen, was sie damit meinten. Vielleicht hast Du eine Erklärung. Beste Grüße, Klaus

    • rue_webmaster sagt:

      Hallo Klaus,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂
      Na, da waren mal wieder die Startplatzspezialisten unter sich 😉 ich versuche mal, deine Frage zu beantworten:

      Die heutigen B-Schirm Modelle, egal ob low-, mid-, oder high-B, haben eine hervorragende Gleitleistung. Was der Gleitperformance immer im Wege steht und stehen wird, ist der Luftwiderstand. Die Leinen am Schirm machen dabei einen Großteil dieses Widerstandes aus. Um ein besseres Gleiten zu generieren, kann man so z. B. versuchen, Leinenmeter einzusparen… oder eben den Mantel wegzulassen und damit den Leinendurchmesser zu verringern. Viele B-Modelle haben das mittlerweile, aktuelle C-Schirme fast alle.
      Das Ganze macht die Leinen natürlich empfindlicher für äußere Unwegsamkeiten (Steine, Äste, scharfe Kanten) und die Sortierbarkeit am Starplatz leidet darunter – die Tendenz zu verheddern oder Knötchen zu bilden steigt.

      Meine Meinung:
      XC Piloten, welche 6-8 Stunden absolvieren, dabei außer beim Kurbeln stets voll im Gast stehen, schwierige Talquerungen angehen und am Ende des Tages regelmäßig 200 km + auf dem Tacho stehen haben.. diese Piloten merken da vielleicht wirklich den Unterschied in der Leinenummantelung. Otto normal Piloten wie du und ich, die schön Thermik fliegen wollen und irgendwo zwischen 50 und 150 km Strecken fliegen wollen, wo ddie Durchschnittsgeschwindigkeit am Ende des Tages eher weniger eine Rolle spielt, für die ist es absolut wurst, ob das Leinen-Setup ummantelt oder unumantelt ist.

      UP hat sich hinsichtlich der Zielgruppe des Kibo 2 bewusst für die ummantelten Leinen entschieden: einfach Starvorbereitungen, farbliche Kennzeichnung, Haltbarkeit – das steht in dieser Klasse einfach noch im Fokus – wer nur Racen und im Gas fliegen will, der kann auf den Summit XC 4 zurückgreifen 😉

      Mach dir also mal keine Sorgen – der Kibo ist on Top was die serzeitige Technologie angeht. Und Gleiten tut er fantastisch gut.

      Ich hoffe ich konnte deine Frage beantworten.
      Herzliche Grüße aus dem Schwarzwald und viele geniale Flüge mit deinem Kibo wünsche ich dir!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.