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Gedankenblase #02

Gedankenblase #02: Auf zur Nörgel-Detox-Challenge!

Mitte Februar. Wer in den vergangenen Wochen nicht die Flucht in wärmere bzw. Thermik freundlichere Gefilde angetreten hat, der leidet heuer wohl zusehends unter den fiesen Entzugserscheinungen der allwinterlichen Flugsucht. Die gute Nachricht dabei: Die neue Thermik- und Streckenflugsaison ist nicht mehr weit. Wer zeitlich flexibel reagieren kann, der erwischt bereits im Februar, spätestens jedoch Mitte März schon den ein oder anderen brauchbaren Flugtag. Greifen dann die ersten Aufwinde unter unseren Flügel und entlocken dem Vario ein munteres Freudenkonzert, lässt das unsere Pilotenherzen  höher schlagen. Wohingegen wir uns zu Beginn der Saison noch an den kleinsten Blubbern, Hebern und ersten Startplatzüberhöhungen erfreuen, weicht diese anfängliche, fast kindliche Begeisterung bei vielen Piloten im Verlauf der Flugsaison einer gewissen Unzufriedenheit, die sich nicht selten in einem Mix aus Nörgeln, Jammern und Klagen in die Außenwelt ergießt  – dies geschieht spätestens dann, wenn die hoch gesteckten Saisonziele nicht bzw. nicht umgehend erreicht werden. Das Nörgeln über Wind, Wetter, Thermik oder sonstige für das Fliegen entscheidende Umstände spielt sich in vielen Pilotenkreisen so fortlaufend von Saison zu Saison ab. Manche führen dabei das Wort, einige stimmen blindlings in das Wehklagen ein und andere wiederum hören einfach nur zu und nicken ab. Hinterfragt wird dieser Habitus selten. Warum eigentlich? Hat sich solch ein Gebaren vor dem Start oder nach der Landung in irgendeiner Form bewährt? Ich sagen: Nein! Unser Hobby und unsere Zeit in der Natur sind doch einfach zu wertvoll, als dass wir uns darauf fokussieren sollten, was gerade im Hier und Jetzt nicht so toll läuft oder passt.

Fühlst du dich vielleicht in manchen Situationen und Bereichen deines Fliegerlebens angesprochen? Falls ja, dann machen ich dir nun einen Vorschlag: Warum nicht die kurz vor der Haustür bzw. dem Hausberg stehende neue Saison freudig begrüßen, den Kopf-Kehraus machen und alte Zöpfe abschneiden? Strecke machen wir später – jetzt machen wir erstmal „Nörgel-Detox!“

Bereit? Dann möchte ich dich an dieser Stelle zunächst einmal abholen. Lies das folgende Szenario und stelle es dir ganz intensiv und bildhaft vor:

Wer kennt es nicht? Die Augen sind wie gebannt auf den Bildschirm gerichtet. Die Finger kribbeln. Die innere Aufregung steigt. Morgen! Morgen wird der Tag der Tage! Vor deinem geistigen Auge siehst du dich schon auf persönlicher Rekordstrecke unter einer frohlockenden Wolkenstraße dahingasen. Morgen! Deine Ausrüstung hast du bereits zum fünften Mal durchgecheckt. Dein Arbeitgeber hat dein Freigesuch bereits gestern bewilligt. Dann ist es endlich so weit. Der Tag, DEIN Tag, ist gekommen. Du stehst bereits früh morgens am Berg – das Uri sitzt und der Schweiß rinnt dir alsbald, brav der Schwerkraft folgend, unerlässlich über Brust und Rücken hinab. Dann nimmt der Tag seinen Lauf: Du ballerst dich hochmotiviert raus – und stehst keine 10 Minuten später am Landeplatz deines Hausbergs. Herrschaftszeiten! Das war wohl ein Tick zu früh. Schnell die Ausrüstung gepackt und wieder rauf auf den Berg. Versuch Nummer zwei. Meine Güte, ist das zäh heute. Nur mit Mühe und voller Konzentration tankst du etwas Höhe. Schon der erste Talsprung wird zur Zitterpartie. Kaum gemeistert, ziehen weitaus früher als gedacht Zirren herein und spreizen ihre milchig eisigen Finger über das Land. Du ärgerst dich, haderst mit der fehlerhaften oder missdeuteten Wettervorhersage. Und während du dem Kollektiv der vermaledeiten Wettergeister sämtliche unaussprechliche Flüche entgegenschleuderst, vermasselst du den nächsten thermischen Entstieg. Da stehst du nun, im klebrigen Nass deiner Thermowäsche, in dunkle Gedanken gehüllt, irgendwo im nirgendwo in Steinwurfweite deines Hausbergs. Was ist nur schiefgelaufen?

Jeder Pilot, der regelmäßig seine Ausrüstung schultert und an den Berg bzw. an die Schleppwinde geht, um seinem Hobby zu frönen, wird solche Szenarien kennen. Die tatsächlichen Wetterbedingungen machen uns einen Strich durch die Rechnung. Und dabei spielt es keine Rolle, was unser Ansinnen war: Ob Anfänger, der statt der erhofften Genussbedingungen scharfkantige Böllerthermik vorfindet; ob Hike & Fly Enthusiast, der sich nach einem anstrengenden Aufstieg mit unstartbarem Starkwind konfrontiert sieht; oder aber der oben beschriebene Streckenflieger, der auf Grund unerwarteter Wetterkapriolen seine hoch gesteckten Ziele nicht realisieren kann.

Passt die Wunschvorstellung nicht zur Realität, setzte das unsere Gedankenmaschinerie in Gang, innerhalb derer wir diejenigen Dinge bewerten und einordnen, die um uns herum geschehen. Leider fokussieren sich unsere Gedanken dabei in der Regel verstärkt in Richtung des Problems, mit dem wir uns konfrontiert sehen. In der Psychologie spricht man hier von Problemorientierung bzw. problemorientiertem Denken.

Viele Menschen benutzen als nächsten Schritt dann die Sprache als kommunikatives Instrument, um die eigene Wahrnehmung zu strukturieren, kundzutun und sich in der Folge die externe Bestätigung aus dem Kreis ihrer Zuhörer einzuholen. Die Geburtsstunde des weit verbreiteten Nörgelns und (Be-)Klagens!

Problemorientiertes Denken steht einer sicherheitsbewussten und genussvollen Ausübung unseres Sports entschieden entgegen – denn es führt auf direktem Wege in eine gedankliche Einbahnstraße. Eigentlich verständlich: Indem wir uns rein auf das Problem fixieren und im Geiste mit den damit verbundenen Schwierigkeiten hadern, schränken wir unsere Wahrnehmung massiv ein – wir blicken quasi in einen dunklen, engwandigen Tunnel, der unsere Sicht auf unsere Umwelt stark begrenzt. Dass solch ein eingeschränkter Wahrnehmungskanal denkbar schlecht für sicheres und erfolgreiches Fliegen ist, lässt sich gut nachvollziehen. Für’s Meiden gefährlicher Situationen oder das Weiterkommen an kniffligen Schlüsselstellen benötigen wir jedoch ganz dringend einen möglichst uneingeschränkten Rundumblick. Nörgeln, Jammern und Klagen sind dabei eben genau die verbalen Ausdrucksformen, die uns eher tiefer in diesen dunklen Wahrnehmungstunnel hineinbugsieren, als uns den erwünschten Klarblick verschaffen.

Mit unserer Nörgel-Detox-Challenge gestalten wir unsere Flugsaison 2020 anders! Wir erleben die kommende Saison nörgelfrei und fokussieren uns stattdessen auf die Dinge, die uns Freude bereiten und die uns wirklich weiterbringen.

Aber wie genau sollst du dabei vorgehen?

Um unsere altgewohnten Gedankenmuster aufzubrechen und an deren Stelle ein neues Mindset zu etablieren, arbeiten wir auf zwei Ebenen: Zum einen richten wir unseren Fokus auf unsere Kommunikation nach innen (deine „innere Stimme“) und zum anderen betrachten wir unsere Kommunikation nach außen (die verbale Interaktion mit deiner Umwelt).

1. Nörgelfrei nach innen

Nehmen wir an, du triffst am Starplatz oder während des Fluges auf Bedingungen, die nicht mit deinen Wunschvorstellungen übereinstimmen. Sicheres Starten bzw. weiterfliegen (Sicherheit hat selbstverständlich oberste Priorität) ist gewährleistet, aber es läuft eben nicht so rund wie erhofft. Vielleicht merkst du jetzt, dass sich deine Gedanken an das Problem heften und deine innere Stimme in Schimpfen und Nörgeln verfallen möchte (Wind dreht, Thermik schwächelt, blaues Loch auf der Flugroute, etc…) Genau hier stellst du das gedankliche Stoppschild auf. STOPP! Genau! Forme das Wort gedanklich, Buchstabe für Buchstabe, oder sprich es sogar laut aus, wenn dir das hilft: STOPP! Heute bist du nörgelfrei! Konzentriere dich nun voll und ganz auf das „Jetzt“ – auf das, was du gerade in diesem „Jetzt“ alles auf deiner Habenseite verbuchen kannst. Lege deine Habenseite auf eine gedankliche Waagschale und stelle dir diese bildlich vor. Siehst du den Ausschlag? Stell dir vor, wie sich der rote Zeiger unvermittelt in Richtung deiner Habenseite bewegt. Konkreter? Du hast frei! Du musst nicht im Büro sitzen! Du erlebst eine Bewegungsart, eine Form der Freiheit, eine Dimension, die nur ein Bruchteil der Menschheit genießen kann. Schau dir die majestätische Bergwelt um dich herum an. Schau zu deinem Schirm. Ist er nicht schön? Mach dir das Wunder bewusst, dass du mit diesem Stückchen Stoff solche fantastischen Orte so federleicht besuchen darfst. Ein Glückspilz musst du sein! Setze bewusst ein breites Grinsen auf! Strahle! Lächle! Du wirst sehen, deine Muskeln werden sich entspannen, dein Geist klart auf. Dein Wahrnehmungskanal bleibt offen und weit gefächert. Je regelmäßiger du ein solches „Umpolarisieren“ deiner gedanklichen Bewertungen trainierst, desto schneller kannst du dich künftig von der Problemfixierung lösen und dich auf die zur Verfügung stehenden Lösungen fokussieren.

2. Nörgelfrei nach außen

Kennst du Menschen aus Alltag oder Beruf, die ständig nur über Probleme reden? Menschen, die rund um die Uhr über Missstände klagen, über ihre Mitmenschen lästern und ihr Umfeld anfeinden? Findest du das nicht auch super anstrengend und kräftezehrend? Es ist destruktiv, energieraubend und zieht dich fast automatisch in ein bodenloses Stimmungstief. Mit unserer Sprache teilen wir uns unserer Umwelt mit. Bewerten wir die Dinge um uns herum positiv und wählen wir dabei bewusst eine Kommunikation, die lösungsorientiert und konstruktiv ist, so beeinflussen wir sowohl (positiv) unser Umfeld als auch unsere eigene innere Haltung. Achte also auf deine Sprache. Versuche freudig, motivierend und lösungsorientiert zu kommunizieren. Schwächelt die Thermik? Egal, dann trainieren wir eben unser  Feingefühl für seichte Nullschieber. Bläst es zu stark? Wurst, gehen wir eben auf die Wiese und arbeiten an unseren Bodenskills. Geht weder das eine noch das andere? Wie wäre es mit einem gemeinsamen Cappuccino oder alkoholfreien Bier mit den Fliegerbuddies? So kann man sich in aller Ruhe austauschen, über vielversprechende neue Flugrouten fachsimpeln oder die eine oder andere geplante Hike & Fly – Unternehmung en detail durchsprechen.

Kopf-Kehraus. Jetzt!

Die neue Flugsaison steht unmittelbar bevor. 2020 wird anders. 2020 wird der Knaller – denn wir nörgeln nicht mehr über Nichtigkeiten. Fliegen ist geil! Am Berg sein ist geil! Wir eignen uns ein Mindset an, mit dem wir fortan lösungsorientiert arbeiten. Anstelle von Problemen, erkennen wir die Herausforderungen der jeweiligen Situation – und  aus jeder dieser Situation lernen wir etwas, ganz egal ob am Boden oder in der Luft.

Steig jetzt ein in deine persönliche Nörgel-Detox-Challenge. Mach den Selbsttest: März und April bleibst du nörgelfrei. Wie fühlt sich das an? Hänge Mai und Juni dran. Hammer, oder? Ich wette, du behältst dir dieses Mindset auch für den Rest deines Fliegerlebens bei.

Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg mit deinem persönlichen Weiterkommen. Auf dein Feedback freue ich mich sehr!

Achtung:

Gefahren und Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen, hat in unserem Sport aller oberste Priorität. Dieser Artikel soll lediglich dazu dienen, das eigene Mindset so zu strukturieren, dass wir unser tolles Hobby noch schöner und intensiver wahrnehmen und erleben können.

Plauderecke | heute: Eric Trapp

Gleitschirmfliegen als Sport: Progression, Zielsetzung und die Möglichkeiten des Visualisierens

Dem Namen „Eric Trapp“ begegnete ich erstmalig auf dem Online-Streckenflugportal DHV-XC. Wie aus dem nichts heraus tauchte er plötzlich auf der Tageswertung unseres Hausbergs auf – und war unübersehbar, denn dieser Name stand fortan so gut wie immer ganz oben auf der lokalen Rankingliste. Das ging dann eine ganze Weile so, bis ich dieses „Phantom“ endlich einmal am Startplatz zu Gesicht bekam. „Du musst Eric sein!“ „Genau! Schön dich kennenzulernen und guten Flug“, war die knappe, freundliche Antwort des sympathischen jungen Piloten, bevor er elegant die Kappe in den Wind stellte, davon schwebte und sich nach gefühlten drei Kreisen schon im Vollgas gen Horizont verabschiedete.

Eric ist einer der zielstrebigsten und talentiertesten Piloten, den ich kenne. Das Fliegen erlernte der heute 24 Jährige im Kreise seiner Familie. Vater, Mutter, älterer Bruder – fliegen war bei Trapps von Anfang an Familien- und damit Gemeinschaftssache. Nachdem die vierköpfige Familie allesamt flügge waren und den A-Schein in den Taschen hatten, ging es regelmäßig zum Fliegen in die Vogesen (Frankreich). Mit einem fest installierten Wohnwagen auf dem örtlichen Campingplatz schuf man sich hierfür das perfekte „Basislager.“ Das erste Mal zwei, dann drei Stunden fliegen, die erste Talquerung vom Treh an den Drumont und alsbald auch wieder zurück – Eric merkte schnell, dass das Gleitschirmfliegen „sein“ Sport werden sollte. Dementsprechend geradlinig steil zeigte sich fortan auch seine Lernkurve.

Dass Eric aber nicht nur gut fliegen kann, sondern auch in Sachen Mentaltraining und Mindset ganz vorne mitspielt, konnte ich während einiger gemeinsamer Laufeinheiten erfahren. Gründe also genug, Eric einmal in die liftuup Plauderecke zu bitten. Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser, viel Spaß und gute Unterhaltung mit diesem Interview. Ich hoffe, ihr könnt aus Erics Worten genauso viel positive Denkanstöße und das gewissen Quäntchen Motivation für euch herausziehen, wie ich selbst.

liftuup: Hey Eric! Schön mit dir ins Gespräch zu kommen. Stell dich doch mal kurz meinen Lesern vor und sag ein paar Worte zu deiner bisherigen fliegerischen Laufbahn.

Eric: Hey, grüß dich! Ja, ich heiße Eric Trapp, bin 24 Jahre alt und komme ursprünglich aus Neckargemünd bei Heidelberg. Mit dem Gleitschirmfliegen habe ich 2011 begonnen. Im Anschluss an mein Abitur 2014 habe ich ein Maschinenbau Studium begonnen. Nach dem Bachelor Abschluss bin ich nun gerade dabei, den Master in Luft- und Raumfahrttechnik in Aachen zu machen. Das Gleitschirmfliegen hat mich schon während meiner Schulzeit begleitet. Mittlerweile ist das Fliegen neben dem Studium die Nr. 1 für mich. Ich habe mehr oder weniger mein Leben danach ausgerichtet. Die ersten 3 Jahre meines Fliegerlebens waren eigentlich rein vom Thermikfliegen, zusammen mit meiner Familie, geprägt. Die Ausbildung haben wir nämlich im Kreis der Familie absolviert. Sowohl mein Vater, meine Mutter als auch mein älterer Bruder fliegen.
Nach 3 Jahren „Familienfliegen“ hat es mich dann doch sehr in den Fingern gejuckt. Ich habe gespürt, dass in dem Sport weit mehr geht und dass ich mehr erreichen will. Da in meinem Leben, vor allem auch im Sport, schon immer ein bisschen der Leistungsgedanke eine Rolle gespielt hat und ich mich schon immer gerne mit anderen gemessen habe, ließ das auch beim Fliegen nicht lange auf sich warten. 2014 ging es im Rahmen des DHV Jugendevents in die Dolomiten. Dort habe ich Ferdinand Vogel kennenlernen dürfen. Ferdi hat mein Fliegerleben sehr geprägt und mich in dem Sport immens vorangebracht. Meine ersten ernsthaften Streckenflüge habe ich 2015 gemacht. Da war ich mit ebenfalls ambitionierten Fliegerkollegen in der Provence unterwegs. Auch im Schwarzwald konnte ich einige Strecken fliegen. 2015 bin ich dann auch schon von meinem Chili 3 auf den Mantra 6 von Ozone umgestiegen. Ende Juni/ Anfang Juli konnte ich dann mit dem M6 an meinem Hausberg, der Merkur bei Baden-Baden im Schwarzwald, den Gebietsrekord in freier Strecke aufstellen. Das waren damals etwas über 130 km. In dem Zeitraum hatte ich dann auch meine erste Teilnahme bei der DHV Junior- und Ladieschallenge (heute DHV Newcomer Challenge) in Greifenburg. Seitdem fliege ich auch in der Deutschen Gleitschirmliga. Im September 2015 konnte ich dann mit der DHV Jugend in Piedrahita weitere Streckenerfahrung sammeln und mein erstes 100er Dreieck fliegen. Das war richtig cool, dort mit vielen jungen motivierte Piloten unterwegs zu sein. Von Jungs wie Chris Bessei habe ich damals viel gelernt. Ein unglaublich geduldiger und taktisch super agierender Pilot. 2016 war demnach meine erste Ligasaison. Da merkte ich dann gleich, dass ich noch unheimlich viel zu lernen hatte. Konkurrenzfähig war ich damals noch lange nicht. Da hieß es für mich, einfach nur mitfliegen und lernen.

 

liftuup: Da wir beide regelmäßig in Kontakt stehen weiß ich, dass die 2019er Saison für dich persönlich ziemlich erfolgreich war. Gib uns doch mal einen kurzen Abriss.

Eric: 2019 war meine bisher beste Saison überhaupt. Wie ich vorher schon erwähnt hatte, waren meine ersten Jahre in der deutschen Gleitschirmliga ein reiner Lernprozess. 2018 hatte ich dann bereits das Gefühl, dass ich wirklich besser werde, dass da mehr für mich drin sein kann. Im Winter 2018 habe ich mich bereits gedanklich stark auf das Jahr 2019 vorbereitet und fokussiert. Ich konnte an meinem neuen Ozone Zeno gleich im März großartig in die Saison starten. Bei meinen ersten 5 Flügen im Jahr 2019 flog ich 4-mal über hundert Kilometer. In Bassano konnte ich einen tollen Flug von 190 km als flaches Dreieck realisieren. Ich fühlte mich fantastisch und hatte wirklich das Gefühl, dass für 2019 eigentlich alles passt und die Saison ziemlich gut werden könnte. Mit dieser zusätzlichen Spritze an Selbstbewusstsein wurde ich dann auch in den kommenden Wettkämpfen stärker und stärker. Ich kletterte langsam in den Platzierungen nach oben, was mich in meinem Tun zusätzlich bestärkte. Bei den Belgian Open am Grand Bornand, mein erster internationaler Wettkampf außerhalb der Liga, konnte ich im ersten Task fast immer unter den Top 5 mitfliegen. Den zweiten Task konnte ich letztendlich als Erster für mich entscheiden. Da wurde mir dann bewusst, dass meine taktische Ausbildung, die bis dato vor allem durch Ferdi Vogel und Marc Wensauer geprägt worden war, endlich Früchte trug. Ich konnte die gesetzten Tasks selbstständig analysieren und bewerten und die Erkenntnisse daraus dann auch in der Luft umsetzen.
Als Saisonabschluss konnte ich die NCC in Tolmin gewinnen. Das war dann ein mehr als gelungener Saisonabschluss!

 

liftuup: Ich denke es ist unschwer zu erkennen, dass sowohl das freie Streckenfliegen als auch das Wettkampffliegen deine großen Leidenschaften sind. Was reizt dich dabei im Einzelnen?

Eric: Der große Reiz beim Wettkampfliegen ist für mich, für einen begrenzten Zeitraum, so um die 2-3 Stunden, super intensiv und voll konzentriert unterwegs zu sein. Beim Wettkampffliegen ist deine Wahrnehmung total geschärft, du nimmst alles intensiver wahr. Nach der Landung hat man dann beim gemeinsamen Campen und Kochen Spaß mit Gleichgesinnten, kommt mit richtig guten Piloten in Kontakt, tauscht sich aus und lernt enorm viel dazu.
Das Streckenfliegen ist die Sache, von der ich im Nachhinein am meisten zehre. Wenn ich beispielsweise im Winter auf der Couch sitze und vor mich hinträume, dann habe ich die fantastischen Streckenflüge der vergangenen Saison so richtig lebendig vor meinem geistigen Auge. Das ist dann wie so ein Film, der in meinem Kopf abläuft. Wenn du im Schwarzwald auf 3000 Meter aufdrehst und aus der Höhe bis zu den erhabenen Alpen schauen kannst – das sind einzigartige Naturerlebnisse, die ich dann im Nachgang nochmal wie im 3 D Kino durchleben und genießen kann. Natürlich reizt mich am freien Streckenfliegen auch, mich selbst zu pushen, meine persönlichen Bests aufzustellen und diese dann immer weiter zu verschieben. Wenn dann noch gute Freunde oder sogar mein Bruder Nico als Flügelpartner dabei sind, dann wird das Ganze zu einem super intensiven Gruppenerlebnis – das ist dann die absolute Krönung.

 

liftuup: Ich weiß von dir, dass du auch im Ausdauersport eher der Wettkampftyp bist. Manche Menschen würden Wettkämpfe als zusätzlichen Stress neben ihrem ohnehin schon turbulenten Berufsalltag empfinden. Wie gehst du mit Wettkampf- bzw. Leistungsdruck um? Welchen Mehrwert ziehst du für dich daraus?

Eric: Ich fand das schon immer eher etwas befremdlich, dass beim Gleitschirmfliegen der Begriff „Wettkampf“ oft so negativ behaftet ist. Von meinem Elternhaus heraus habe ich Wettkämpfe nie als etwas Negatives vermittelt bekommen. Ich habe einen großen Bruder – das heißt mein ganzes Aufwachsen und Älterwerden war ein einziger langer Wettkampf (lacht). Das empfand ich aber immer als sehr positiv. Wir haben uns quasi immer und überall gegenseitig herausgefordert und gepushed – wer kann mehr essen, wer kann schneller rennen, wer ist der fittere Radfahrer. Wettkampf war bzw. ist für mich bis heute ein wichtiger Indikator, wo man selbst gerade leistungsmäßig steht. Beim Fliegen ist das nichts anderes. Nirgendwo sonst bekommst du so unmittelbares direktes Feedback über dein Tun wie beim Wettkampf. Wettkämpfe, egal ob beim Triathlon, Laufwettkämpfe oder auch Gleitschirm-Comps, sind die idealen Events, auf die man konkret hinarbeiten bzw. hintrainieren kann.

 

liftuup: Während einer gemeinsamen Laufeinheit hast du mal zu mir gesagt: „Gleitschirmfliegen ist ein Sport. In jeder anderen Sportart geht man wöchentlich trainieren, hat einen Trainer und/ oder einen Trainingsplan. Nur beim Gleitschirmfliegen nicht. Da gehen die Leute halt einfach fliegen, ohne wirklich was zu üben.“
Ich finde diesen Gedankenansatz spannend. Führ‘ das doch mal bitte etwas genauer aus.

Eric: Ich trainiere schon mein Leben lang. Früher Fußball und Badminton, später dann Laufen, Radfahren und dann auch Triathlon. Da gehörte es für mich einfach immer dazu, in Form zu bleiben. Dafür ist wöchentliches Training mit verschiedenen Trainingseinheiten obligatorisch. Beim Gleitschirmfliegen ist das natürlich schwieriger. Man ist einfach viel mehr vom Wetter bzw. den äußeren Faktoren abhängig.
Da ich besser werden wollte, habe ich einfach mal die richtig guten Piloten beobachtet und dabei festgestellt, dass diese in allen Bereichen einfach super gut waren: die konnten spielerisch Groundhandln, effizient in der Thermik steigen, schnell Fliegen und natürlich auch das Wetter und die örtlichen Gegebenheiten gut lesen. In zahlreichen Gesprächen haben solche Piloten mir erzählt, dass sie in ihrer Fliegerkarriere einfach schon wahnsinnig viel Zeit in die Fliegerei investiert haben. Du musst zunächst einfach ganz viel Fliegen gehen. Ist der Wind zu stark, geht man auf die Wiese und trainiert seine Bodenskills. Geht wettermäßig gar nichts, kann man sich im theoretischen Verständnis weiterbilden. Mir persönlich hilft es auch enorm viel, eine intensive Nachbereitung meiner größeren Streckenflüge und meiner Wettkampfteilnahmen zu machen. Da versuche ich, meine Flüge im Kopf und am PC ganz genau zu analysieren, taktische und technische Fehler zu erkennen und mir dann zu überlegen, wie ich mich in den analysierten (Schwach-)Punkten künftig verbessern kann.
Ich beobachte leider viele Freizeitpiloten, die immer nur an den Berg gehen und dann versuchen, sich irgendwie in der Luft zu halten. Die hauen sich abenteuerlich raus und eiern dann in der Luft herum, ohne irgendwie einen Plan im Kopf zu haben. Das geht dann Jahr ein Jahr aus so. Die sehe ich auch nie auf der örtlichen Trainingswiese zum Groundhandling, was sich wiederum in oftmals chaotischen Starts widerspiegelt. Ich denke, mit einem regelmäßigen Training bzw. dem Einbau diverser Übungen während des Flugs würden solche Piloten massive Fortschritte machen.
Oft spricht man in der Szene von Genusspiloten. Genuss hin oder her. Gleitschirmfliegen kann sehr schnell, ein sehr gefährlicher Sport werden. Wenn man mangelndes Können stets mit der Selbstklassifizierung, „ich bin halt Genusspilot“, abtut, zeugt das für mich eher von einer fehlenden Bereitschaft einer kritischen Selbstreflektion. Das mögen vielleicht harte Worte sein aber hey, die Leute sollen trainieren – das würde ihnen und unserem Sport einfach nur guttun.

 

liftuup: Ok, halten wir fest: auch bzw. gerade beim Gleitschirmfliegen sollte regelmäßig trainiert werden. Mal von regelmäßigem Groundhandling abgesehen; wie könnte nun also der lernwillige Pilot konkret sein „Fliegen gehen“ gestalten, um besser zu werden und regelmäßige Fortschritte zu erzielen?

Eric: Ein Patentrezept gibt es beim Gleitschirmfliegen natürlich nicht, da es ja ein sehr individueller Sport ist. Was ich aber in jedem Fall empfehlen kann ist, sich einen konkreten Plan zu machen. Am besten fängt man damit schon im Winter an. Einfach mal die Saison vorplanen: wann mache ich mein Sicherheitstraining? Das sollte auf jeden Fall fester Bestandteil einer Flugsaison sein. Hat man bereits mehr Erfahrung, kann man auch selbstständig über Wasser diverse Manöver trainieren. In Gebieten wie z. B. an der Gerlitzen findet man dafür ideale Rahmenbedingungen.
Wer sich im Streckenfliegen verbessern will, der sollte sich bei mindesten einem Event der Newcomer Challenge anmelden, bestenfalls natürlich zu allen drei Terminen – wetterbedingt kann ja immer mal ein Event ausfallen. Von Leuten wie Marc Wensauer, Ferdi Vogel oder Jonas Böttcher kann man einfach enorm viel lernen. Da kannst du dir Wissen zu Wettergeschehen, Streckenplanung, den sinnvollen taktischen Einsatz des Beschleunigers und vieles mehr abgreifen.
Ansonsten: gestaltet eure Zeit in der Luft sinnvoll. Klar, man darf natürlich auch mal gemütlich am Hausberg abhängen, das mache ich gelegentlich auch. Aber bei einem Großteil eurer Flüge sollte ihr euch gezielt Aufgaben stellen. Übt zum Beispiel den Einsatz des Gaspedals in Turbulenzen, die Pitchkontrolle mit dem Beschleuniger, Nicken und Rollen, das Thermik Kreisen auf eurer Schokoladenseite, etc. Analysiert eure Schwäche und trainiert diese gezielt, um letztendlich ein möglichst kompletter Pilot zu werden. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, um auch am Hausberg immer wieder Übungen einzustreuen.

 

liftuup: Thomas Mangold, ein bekannter Sportmentalcoach, sagte einmal in einem Podcast: „Ein Ziel ohne einen Plan, ist lediglich ein Wunsch.“ Sprich mal bitte über die Bereiche Zielsetzung und Zielerreichung.

Eric: Ich setze mir meistens mehrere kurz- bis mittelfristige Ziele, zum Beispiel über die anstehende Flugsaison hinweg.
Voraus geht erst mal eine Selbstanalyse: was kann ich noch nicht? Daraus formuliere ich mir dann meine Ziele: Wo will ich hin? Wie gut will ich werden? Ziele sollten konkret formuliert sein. Um diese zu erreichen, plane ich mir dann entsprechend die Saison. Welchen Plan benötige ich also, um die einzelnen, konkret formulierten Ziele zu erreichen. Daraus resultiert dann zum Beispiel mein Manövertraining, bzw. einzelne Strecken- und Wettkampfaufgaben. Wichtig ist hierbei, sein eigenes Tempo der Progression und der damit verbundenen Zielsetzung zu finden. Es wird immer andere geben die schneller besser werden oder denen einfach gewisse Dinge zufliegen.

 

liftuup: Stichwort „Visualisierung.“ Mittlerweile ein oft genutztes Tool aus dem Bereich des Mentaltrainings. Verwendest du dieses Tool selbst auch und wenn ja, wie wendest du es an?

Eric: Visualisierung ist bei mir ein großes Thema. Ich habe ziemlich bald in meiner Fliegerkarriere damit begonnen, meine Flüge vor meinem geistigen Auge Revue passieren zu lassen. Ferdi Vogel gab mir 2015 den Tipp, unsere Streckenflüge stets schriftlich zu fixieren, also quasi aufzuschreiben, was während des Fluges passiert und erlebt wurde. Da ich ein schreibfauler Mensch bin, habe ich eher versucht, das Ganze in Kopfarbeit zu machen. Ich habe die Flüge also in den DHV-XC hochgeladen und bin dann den Track quasi visuell nachgeflogen. Was habe ich konkret an welcher Stelle gemacht und warum? Das war so der Start in die Visualisierung. Das hat mir von Anfang an richtig gut getaugt. Mittlerweile habe ich das gut trainiert. Ich kann mir auch meine langen Streckenflüge detailliert merken und dabei in der mentalen Nachbereitung fast den kompletten Flug 1:1 nachfliegen.
Visualisierung nutze ich aber auch zur Vorbereitung auf Streckenflüge. Im Rahmen der Streckenplanung benutze ich Google Earth und versuche, mir das gesamte Gelände bzw. wichtige Schlüsselstellen einzuprägen. Dann stelle ich mir bildlich vor, wie ich dort entlang fliege, wo ich aufdrehe, etc.
Wenn ich dann tatsächlich im realen Flug an den entsprechenden Stellen bin, habe ich nicht das Gefühl, dass alles neu und unbekannt ist. Es fühlt sich eher vertraut an, als ob ich schon einmal dort gewesen wäre. Du generierst dir quasi im Kopf eine bereits bekannte Situation. Das gibt mir ein enormes Komfortpolster und damit einen entscheidenden Pluspunkt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Visualisierens ist für mich, sich einzelne Abläufe beim Fliegen bildhaft vorzustellen und einzuprägen. Ich denke mir beispielsweise meine Reaktion auf einen großen Klapper ganz intensiv durch, stelle mir die Bewegung und Beschleunigung der Kappe und meine Reaktion darauf vor. Oder beispielsweise beim Vollgasfliegen: da stelle ich mir hundertfach vor, mit meinem 2-Leiner voll im Gas durch Turbulenzen zu fräßen und über die B-Leinenebene die Kappe offen zu halten. Mir bringt das für Realsituationen enorm viel und die Umsetzung fällt mir dann viel leichter.

 

liftuup: Lass und diesbezüglich mal praxisnäher werden. Du konntest 2018 das größte FAI Dreieck (119km) überhaupt im Odenwald realisieren. Eine hoch beachtliche Leistung, wenn man sich das gemäßigte Relief und die Ausdehnung dieses Mittelgebirges einmal näher ansieht. Vor einigen Wochen hast du mir zudem von deinem 190er flachen Dreieck in Bassano erzählst, das du im März 2019 geflogen bist. Sprich doch mal bitte anhand dieser konkreten Beispiele darüber, wie es von der Idee in deinem Kopf über die Visualisierung bis hin zur praktischen Umsetzung kam.

Eric: Den Dreiecksflug im Odenwald zum Beispiel hatte ich schon super lange in meinem Kopf. Wie bereits bei deiner vorherigen Frage erwähnt, plane ich die Strecke zunächst am PC, setzte mir Weg- und Wendepunkte. Mittels Google Earth präge ich mir das Gelände dann ganz intensiv ein. Kurz vor Umsetzung des Plans, also wenn sich ein geeigneter Tag dafür anbahnt, fliege ich die Strecke oft auch mit dem Segelflugsimulator Condor ab. So habe ich dann auch aus der Flugperspektive schon mal alles gesehen. Damit schaffe ich mir das Gefühl, dass ich alles kenne, überall schonmal gewesen bin. Wichtig dabei ist auch, nicht nur den einen Plan im Kopf zu haben. Oftmals geht sich der Ursprungsplan auf Grund der äußeren Gegebenheiten nicht 1:1 aus. Darauf sollte man vorbereitet sein, um dann nicht planlos in der Gegen rumzueiern. Ein Plan B und C sollte also ebenfalls ausgearbeitet werden. Zum Beispiel das geplante FAI Dreieck verkleinern oder vergrößern oder doch auf ein flaches Dreieck gehen, etc. Fokussiert sein ja, aber eben nicht verkrampft an einem Plan festhalten, sondern im Kopf für die Strecke flexibel bleiben.

 

liftuup: Die meisten meiner Leser fliegen nicht so ambitioniert wie du es tust bzw. erreichen auch nicht deine jährliche Airtime. Dennoch: besser werden und damit sicherer unterwegs sein und obendrein auch größere Strecken fliegen, das ist der Wunsch vieler Piloten. Was sind deine Top 5 Tipps, um ein besserer Pilot zu werden.

Eric:
• Jährliches Sicherheitstraining
• Teilnahme an Einsteiger-Wettbewerben wie der DHV Newcomer Challenge (auch Anfänger)
• Gemeinsames Fliegen gehen mit wirklich guten Piloten und sich an eine Community von versierten, zielstrebigen Piloten dranhängen
• Vorbereitung zu Hause: Sein Material in- und auswendig kennen, alles perfekt auf sich einstellen. Dazu: Mentaltraining und Visualisierungsübungen: Abläufe durchdenken
• Nicht zu verbissen sein. Man kann beim Fliegen nichts erzwingen. Man muss mit der Natur fliegen und nicht gegen sie. Gesunder Ehrgeiz ist gut, aber man sollte sich Zeit geben für die persönliche Progression. Gleitschirmfliegen ist zum Glück ein Sport, den man sehr lange ausüben kann.

 

liftuup: X-Alps Athlet Gavin McClurg stellt in seinem tollen Podcast „Cloudbase Mayhem“ seinen Gesprächspartnern regelmäßig die folgende Frage (sinngemäß): Was würdest du aus heutiger Sicht dem Eric Trapp raten, der gerade seine ersten 50 Stunden Airtime auf dem Erfahrungskonto hat?

Eric: Häng dich direkt an die DHV Jungend dran. Fange früher mit Sicherheitstrainings an, übe viel mehr selbständig über Wasser und nimm so früh wie möglich an Wettkämpfen teil. Sei in manchen Situationen mutiger und probiere Neues aus. Gib dir selbst die nötige Zeit zum Lernen.

 

liftuup: Eric, meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das tolle Gespräch und die Einblicke, die du uns dabei in dein Fliegerleben und dein „Flieger-Mindset“ gegeben hast. Für die kommende Saison wünschen wir dir unvergesslich schöne Flüge und allzeit Happy Landings.

Gedankenblase #01

Die liftuup Gedankenblase ist da!

Herzlich willkommen liebe Leser. Dies ist die erste Ausgabe der neuen Rubrik auf meinem Blog: die liftuup Gedankenblase! Einmal im Monat werde ich euch mit gehaltvollem, inspirierendem und im besten Fall auch zum Nachdenken anregendem Lesestoff rund um die Tuchfliegerei versorgen. Wie bereits im letzten Post angekündigt, will ich neben der Videoproduktion für meinen YouTube Channel im Jahr 2020 verstärkt auch klassisch bloggen. Mit der Serie Gedankenblase erfülle ich mir selbst einen lang gehegten Traum: ich werde über diejenigen Themen schreiben und reflektieren, die mich selbst auf meinem ganz persönlichen Weg und Werdegang als Pilot intensiv bewegt und geprägt haben. Ich hoffe, ich kann mit meinen Zeilen einen kleinen Mehrwert für euer eigenes Fliegerleben beisteuern. Über einen regen, konstruktiven Austausch über die Kommentarfunktion würde ich mich dabei sehr freuen. Selbstverständlich könnt ihr mir bei Fragen, Anregungen und Kritik auch jederzeit eine E-Mail schreiben. Ich antworte euch garantiert 😊 Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und in der Folge vielleicht auch beim Umsetzen des einen oder anderen Inputs. Beste Grüße,

Rue

Gedankenblase #01: Leistungsdruck – mit wem du dich messen musst!

Leistungsvergleiche sind wohl so alt wie die Menschheit und dabei wahrscheinlich auch ein wichtiger Motor innerhalb der menschlichen und soziologischen Entwicklung. Welcher Stammesangehörige ist der schnellste Jäger? Und wer ist dabei der Mutigste? Welche Sippe kann am effektivsten in der Gruppe Beute erlegen? In der heutigen modernen Welt erscheinen Leistungsvergleiche auf den ersten Blick weit weniger archaisch, sind im Kern aber prinzipiell doch ähnlich gelagert! Wer steigt in der Unternehmenshierarchie am schnellsten auf? Wer kann sich welche Luxusgüter leisten? Wer hat die meisten Follower auf Instagram oder die längste Freundesliste bei Facebook?

Leistungsvergleiche sind per se nicht verkehrt, helfen sie uns doch bei der Einordnung des eigenen Habens, Könnens und Seins. Auffällig ist dabei, dass wir Menschen in der Reflektion über uns selbst verstärkt dazu tendieren, uns hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich als stärker einzustufen, als dies tatsächlich objektiv der Fall ist. Kleines Beispiel gefällig? Als ich vor etwas über einem Jahr mein Lauftraining intensivierte und alsbald meinen ersten Traillauf über 20 km mit 600 Höhenmetern absolvierte, fühlte ich mich immens stark, super fit und quasi „on top.“ Subjektiv. Bei objektiver Betrachtung reichte ein kurzer (online) Blick in die Welt der Trail- und Ultraläufer, um das selbst Geleistete zu relativieren und das eigene Können im Gesamtkontext des Sports eher am unteren Ende der Leistungsskala wiederzufinden.

Beim Gleitschirmfliegen gehöre ich zu jenen Piloten, die den ganz typischen, viel beschriebenen Weg gegangen sind. Ich habe irgendwann meinen A-Schein gemacht. Kaum war der in der Tasche, stand ich zwar motoviert, berufsbedingt aber doch insgesamt viel zu unregelmäßig am Startplatz. Mit oftmals schlotternden Knien und stets auch mit dem gebotenen Respekt vor den Elementen, sammelte ich Flug um Flug und damit Erfahrung um Erfahrung. Abgleiter waren für mich keine Enttäuschung, freute ich mich doch einfach über die (kurze) Zeit, die ich vogelfrei in der Luft verbringen durfte. Nach etwa 2 Jahren als Freiflieger meldete ich mich auf Anraten einiger Vereinskollegen beim online Streckenflugportal DHV-XC an. „Da musst du mitmachen“, so der einhellige Tenor. Gesagt, getan. Ein Schritt, dessen Ausmaß und Tragweite mir beim damaligen ersten Sing-In nicht annähernd klar war. Denn fortan schaute ich fast täglich auf die besagte Onlineplattform. Dabei ging es mir gar nicht primär um irgendwelche weit entfernten Tagessieger und deren tollkühnen 200 km Strecken. Mir ging es eher um die lokale Fliegerszene rund um meinen Hausberg. War heute jemand in der Luft, wo ich es mich doch nicht getraut habe? Wie ist Kollege X und wie Kumpel Y geflogen? Alsbald befand ich mich mitten im unaufhaltsamen Sog des Leistungsvergleichs. Freudestrahlend beendete ich einen 1,5 Stunden Flug rund um meinen Hausberg und fuhr völlig selig und befreit vom Alltagsstress nach Hause, nur um dann abends am PC festzustellen, dass einer meiner Vereinskollege ganze 2,5 Stunden in der Luft verbuchen konnte. Ich kann mich auch noch sehr gut an meinen ersten 20 km Flug im Schwarzwald erinnern. Nach der Landung war ich stolz wie Bolle, fühlte mich wie Chrigel Maurer und Paul Guschlbauer in einer Person. Die Euphorie hielt so lange an, bis ich am Abend vor dem flimmernden Bildschirm erkennen musste, dass der Tag natürlich viel mehr Potential hatte und die besseren Piloten drei- bis viermal so weit geflogen waren? Es wurmte mich, das gebe ich heute offen zu. Gar nicht unbedingt, weil ich es den „Erfolgreicheren“ in Persona nicht gegönnt hätte, sondern weil ich meine eigene mangelhafte Leistung ins gedankliche Rampenlicht stellte. Was dann folgte liegt auf der Hand: Selbstzweifel, destruktive Gedanken, innere Schelte. ‚Jetzt bist du wieder nach 25 km abgesoffen. Mein Fliegerkumpel ist dagegen 80 km weit gekommen. Du wirst es einfach nie lernen. ‘

Kennst du vielleicht solche Gedanken? Dieses aufkommende madige Gefühl, das dich innerlich umtreibt und wurmt? Ein Gefühl, dass sich alles andere als angenehm anfühlt. Heute schmunzle ich darüber, habe ich doch gelernt, die eigenen Erlebnisse einfach anders zu bewerten. Ist derjenige, der 100 km weit fliegt wirklich glücklicher als derjenige, der in der tief stehenden Abendsonne genüsslich die letzten Thermikfetzen über dem Hausberg auskostet? Wir entscheiden, wie wir unser persönliches Outdoor-Abenteuer wahrnehmen und anschließend auf emotionaler Ebene verwerten. Und nur wir selbst sind es, die im Rahmen unserer geistigen Bewertung entscheiden, ob wir uns dabei und danach glücklich fühlen.

Was will ich dir damit sagen? Leistungsdruck beim Fliegen ist ganz sicher nichts Schlechtes. Aber jeder von uns Piloten verträgt bzw. benötigt eben ein ganz eigenes, individuelles Maß an Leistungsdruck. Wir benötigen so viel Druck, sodass wir den inneren Antrieb verspüren, uns immer weiter verbessern und an den eigenen fliegerischen Fähigkeiten arbeiten zu wollen. Andererseits aber dürfen wir nicht zu viel Druck zulassen, sodass wir das Fliegen in seiner ganzen puristischen Einfachheit und Schönheit genießen und erfahren können.

Wie aber kann ich im Rahmen einer solchen Herangehensweise eine gesunde Balance für mich finden?

Das ist gar nicht so schwer. Lös‘ dich mal für einen Moment vom Bildschirm und begib dich in dein Bad, in dein Schlafzimmer oder eben dorthin, wo du in deiner Wohnung einen Spiegel angebracht hast. Sieh hinein und präge dir dein Spiegelbild ein. Dein Spiegelbild! Du! Das ist die einzige Person, mit der du dich messen musst. Du! Das ist die einzige Person, die du regelmäßig schlagen und überbieten musst, wenn du stetig besser werden willst!

Jeder von uns kennt wohl einen oder mehrere Vereinskollegen, die immerzu wie Vögel am Himmel kleben, die für die Regeln der Schwerkraft nur ein müdes Lächeln übrig haben , ja, die einfach „unabsaufbar“ scheinen. Dazu kommen Top-Piloten, wie beispielsweise die heutigen X-Alps Helden, die auf den einschlägigen Social-Media Plattformen oft so bildgewaltig in Szene gesetzt werden. Wenn du zu den „Otto-Normal-Piloten“ wie ich gehörst, mit durchschnittlichem Talent ausgestattet bist und dabei mitten in einer vierzig Stunden Arbeitswoche steckst, dann wirst du diese Athleten in Bezug auf Skills und fliegerischen Leistungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie schlagen, bzw. an deren Können herankommen. Das musst du aber auch nicht um deinen eigenen Lernfortschritt zu generieren. Das einzige was du dafür tun musst, ist, deine eigene Leistung von gestern und vorgestern zu schlagen! Wende den Fokus weg von anderen Piloten  und lege ihn auf dich selbst! Wenn du morgen ein Quäntchen besser bist als heute, dann bist du übermorgen vielleicht schon doppelt so gut wie heute. Und wenn du übermorgen bereits doppelt so gut bist wie heute, dann bist du nächsten Monat um ein Vielfaches besser, als du es heute bist. Spinne das Spiel weiter – überlege dir, wo du in einem Jahr stehen wirst!

Gehe es in kleinen aber stetigen Schritten an. Du willst dieses Jahr solide und regelmäßig 20-30 km fliegen? Fein. Sammle deine XC Kilometer. Fliege deine Strecken gut und sicher. Lade sie auf den DHV-XC hoch oder dokumentiere sie in einem selbst erstellten Erfolgsjournal (z. B. Excel-Tabelle). Führe dein Erfolgsjournal kontinuierlich und fülle es mit Leben, indem du deine Flüge mit Kommentaren zu deinen persönlichen Erkenntnissen und Emotionen versiehst. Wenn du 2020 mehrere Flüge um die 20-30 Km geflogen bist, dann verspreche ich dir, du wirst 2021 wie von selbst 30-40 km fliegen. Und schon hast du dich gesteigert, fliegst weiter und wahrscheinlich auch routinierter als noch ein Jahr zuvor. Gleitschirmfliegen ist ein Sport, den wir bis ins hohe Alter betreiben können. Wir haben also Zeit. Zeit, unseren Erfahrungsrucksack langsam aber stetig (mit guten Erlebnissen) zu füllen. Nutze dein Erfolgsjournal, um dich und deinen Fortschritt zu reflektieren und dich aus deinen bisherigen Leistungen selbst zu motivieren. Machst du das zwei, drei, vier Jahre lang, so siehst du kontinuierlich dein persönliches Vorankommen – ohne dich dabei ständig durch den Blick auf andere selbst klein zu machen. Bäm! Du hast es geschafft. Du bist im Lernflow!

Mache es dir zum Mantra: sieh‘ in den Spiegel! Du bist Gleitschirmpilot! Du übst das schönste Hobby der Welt aus. Heute bist du besser als gestern und morgen ein Stück weiter als heute. Begib‘ dich auf deine Erfolgsreise! Jetzt!

Blog war VLOG wird Blog

Anfang 2018 startete ich mein Paragliding Lifestyle Projekt „liftuup.“ Online ging‘s via Blog, YouTube Channel und Instagram. Seitdem sind fast zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre ganz im Zeichen der Tuchfliegerei – Fliegen, Reisen, Interviewen, Lernen und eigenes Wissen weitergeben. Eine One-Man-Show. Den Hauptfokus in dieser Zeit legte ich auf die Produktion von Video-Content für meinen YouTube Channel sowie den Aufbau einer wachsenden, aktiven Online-Community auf Instagram. Wohingegen ich YouTube und Instagram regelmäßig mit neuem Material fütterte, nutzte ich meinen Blog liftuup.de fast ausschließlich zur Ankündigung bzw. Präsentation der neuen Videobeiträge. Also quasi ein Blog für den Vlog. Soweit der Status quo.

Seit dem vergangenen Sommer ist es insgesamt etwas ruhiger um liftuup geworden. Das hatte jedoch in keiner Weise etwas mit Flugmüdigkeit, mangelnder Motivation oder gar einer etwaigen Schaffenskrise zu tun. Vielmehr konnte ich mir mit der kleinen Produktionspause die zeitlichen Freiräume schaffen, die für mich selbst, für mein persönliches Wachstum sehr wichtig waren. Selbstreflexion, Priorisierung, Zielsetzung, Mindsetting – ich bewegte mich quer durch das vielschichtige Labyrinth der Persönlichkeitsentwicklung. Es war und ist weiterhin eine spannende Reise für mich. Eine Reise, aus der ich unglaublich viele Erkenntnisse gewinnen konnte, die mich nicht nur als Mensch in meinem sozialen Umfeld, sondern auch als Pilot ein ganzes Stück weiterbringen werden.

Viele Denkanstöße und unglaublich viel kreativen Input erlangte ich dabei über diverse Blogs. Ich las, dachte nach, las erneut, reflektierte und zog meine Schlüsse. Neben all den inhaltlichen Erkenntnissen, die ich durch die Lektüren gewinnen konnte, wurde mir dabei einmal mehr bewusst, wie mächtig doch das geschriebene Wort ist und wie nachhaltig bzw. nachklingend es seine Wirkung entfaltet. Klar, leichtes Entertainment sieht anders aus. Seichte Filmchen und bunte Bildchen konsumieren sich nach einem anstrengenden Arbeitstag um ein Vielfaches einfacher – so geht es jedenfalls mir selbst recht oft. Nicht umsonst rangieren die Userzahlen von Social-Media-Plattformen wie YouTube und Instagram im Milliardenbereich. Doch die Schnelllebigkeit dieser Medien ist nicht von der Hand zu weisen. Achtlos wird da durch einen überladenen Feed gescrollt, gelangweilt wischt der Zeigefinger nur allzu schnell ein blasses Video an den Bildschirmrand und damit in den Bereich der Bedeutungslosigkeit. Wenn ich an den eigenen Medienkonsum der letzten Jahre denke, dann sind es darin meist die gehaltvollen Texte, die mir auch heute noch nachhaltig im Gedächtnis präsent sind.  

Gegensätze bringen Abwechslung und damit einhergehend die gewisse Würze in der kreativen Arbeit. Daher habe ich beschlossen, meinen eigenen Blog in eben solch eine Richtung zu dirigierend. Keine Angst, es wird auch weiterhin regelmäßig Videos auf meinem YouTube Channel und Postings auf meinem Instagram Profil geben. Aber auch das geschriebene Wort soll eben nicht zu kurz kommen. Dazu werde ich das Jahr 2020 mit zwei neunen spannenden Rubriken im Bereich des klassischen Blogstyles starten. Mehr will ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Ich hoffe aber, ich kann euer Fliegerleben künftig mit dem einen oder anderen geschriebenen Wort bereichern.

Herzliche Fliegergrüße,

Rüdiger 

#Reisefieber – Roadtrip Frankreich

Reisen mit dem Gleitschirm – ich liebe es einfach! Mit dem Campingbus durch fantastische Landschaften gondeln, sich treiben lassen, mal hier, mal dort anhalten, an atemberaubenden Plätzen grandiose Sonnenuntergänge erleben – und wenn dann schließlich die Nacht herein bricht mit dem Camper dort übernachten, wo der Pfeffer wächst. Für meine Frau und mich ist das Freiheit pur! Auf Reisen darf bei mir selbstverständlich auch der Gleitschirm nicht fehlen. Wenn ich neben ausgedehnten Wanderungen die Landschaft zudem aus der Luft erkunden darf, dann erlebe ich in diesem Wechsel der Perspektive das Reiseland nocht internsiver!

2019 waren meine Frau und ich gleich zweimal in Frankreich unterwegs. Beziehungsweise eigentlich waren wir stets zu dritt, denn seit einiger Zeit ist unsere Hündin „Naira“ fester Bestandteil unserer kleinen Reisegesellschaft.

So ging es in Teil 1 unseres Roadtrips zunächst entlang des Schwarzwaldes bis nach Saint-Vincent-les-Forts. Nach kurzem Break mit Heimataufenthalt folgte Roadtrip Teil 2: Wir erkundeten die liebliche Vulkanlandschaft der Auvergne, düsten entlang der Atlantikküste und statteten auch der Dune du Pilat einen kurzen Besuch ab.

Kommt einfach mit und lasst euch durch die sonnig wamen Bilder in dem Video den öden Winterblues vertreiben! Viel Spaß beim Anschauen!

Interview mit Kilian Hallweger | Red Bull X-ALPS Team GER 2

Die Red Bull X-Alps 2019 sind nunmehr Geschichte. Die Athleten haben sich körperlich weitestgehend von den Strapazen des Rennens erholt. Es kehrt wieder Alltag im Fliegerleben ein – sowohl bei den Athleten als auch bei den tausenden von begeisterten Hobbypiloten bzw. all den sonstigen Zuschauern, die entweder live an den einzelnen Turnpoints oder via Lifetracking im Internet dieses grandiose Spektakel verfolgen konnten.

Die Bilder vor dem geistigen Auge und die damit verbundenen emotionalen Eindrücke hingegen dürften bei den meisten Athleten noch eine ganze Weile nachwirken. Der ideale Zeitpunkt also für mich, „Backstage“ zu gehen und einmal hinter die Kulissen dieses Adventure-Race zu blicken. Denn wenn die X-Alps eines mit Sicherheit nicht sind, dann eine Veranstaltung für Egomanen und Einzelkämpfer. Ohne professionelles Team geht es auf dem heutigen Level nicht mehr. Weder bei der Vorbereitung, noch während des eigentlich Rennens. Vor allem dann nicht, wenn man als Athlet auf eine der vorderen Platzierungen schielt. Ja, und wie das bei solchen sportlichen Megaevents so ist: Abenteuer und Heldentaten spielen sich oft gerade auch abseits des öffentlichen bzw. medialen Hauptfocus‘ ab.

In diesem Kontext konnte ich mit Kilian Hallweger sprechen. Kilian, selbst Gleitschirm-Abenteurer und begnadeter Pilot, gehörte bei den Red Bull X-Alps zum Team GER 2 und war teamintern als Supporter des deutschen Teilnehmers Markus Anders tätig.

Hautnahe Einblicke in die Red Bull X-Alps 2019 – viel Spaß beim Lesen! Eine Auswahl an Fotos findet ihr am Ende des Interviews.

liftuup: Hallo Kilian. Schön, dass du dir für mich und meine Blog-Leser Zeit nimmst für ein kurzes  Interview. Die wichtigste Frage vorneweg: wie
geht es dir und deinem Team-Buddy Markus. Habt ihr euch vollständig von den Strapazen des Rennes erholt?

Kilian: Uns geht es beiden wieder gut, danke der Nachfrage. Wir haben uns nach den körperlichen Strapazen der X-Alps wieder sehr gut erholt. Markus hat sich ja mittlerweile schon wieder ins nächste Abenteuer gestürzt. Er ist für einen Biwak-Trip in den Himalaya gereist. Ich selbst lasse es derzeit ein bisschen chilliger angehen. Ursprünglich wollte ich auch noch verreisen, aber du weißt ja, Zeit und Geld (lacht). Außerdem hatte ich das Gefühl, nach den X-Alps eine kleine Pause zu brauchen. Irgendwie ist es in letzter Zeit dann doch etwas zu viel „Gleitschirm“ gewesen – selber viel fliegen, dazu das ganze Planen und Organisieren vor und während der X-Alps. Ich hatte mir jetzt einfach mal einen Monat Pause von der Gleitschirmfliegerei gegönnt. Das tat gut!

 

liftuup: Erzähle uns doch mal zunächst etwas über dich und deine fliegerische Laufbahn. Wie und wann kamst du zum Gleitschirmfliegen?

Kilian: Ich wohne ziemlich nahe an den Alpen und habe daher oft die umherfliegenden Gleitschirmflieger beobachtet. Das hat mich immer fasziniert und ich hatte irgendwann den Wunsch, das Ganze mal selbst auszuprobieren. Meine damalige Freundin hat mir dann einen Schnupperkurs geschenkt und als ich dabei dann auch mal abheben konnte, war es um mich geschehen.  Von da an hat sich fortan mein ganzes Leben nur noch um die Gleitschirmfliegerei gedreht. Die Pilotenausbildung habe ich letztendlich 2014/2015 absolviert.

 

liftuup: Wie sieht deine Fliegerei heutzutage aus? Was sind deine bevorzugten „Spielarten“ beim Gleitschirmfliegen? Wieviel Airtime verbuchst du so durchschnittlich pro Jahr?

Kilian: Meine Fliegerei schaut heutzutage so aus, dass ich relativ viel am Streckenfliegen bin – das heißt, ich bin eigentlich an jedem guten Tag unterwegs. Egal ob Nord- oder Südalpen – sobald sich ein Hammertag abzeichnet, stehe ich am Start. Zum Üben bzw. Spielen bevorzuge ich ehrlich gesagt kleine Soaringkanten. Da kann man, wenn der Wind laminar ansteht, schön nahe am Gelände fliegen. Dabei lernt man super viel. Insgesamt komme ich in etwa auf 250-300 Stunden Airtime pro Jahr.

 

liftuup: Betreibst du neben dem Gleitschirmfliegen noch weitere Sportarten?

Kilian: Ja, ich betreibe auch noch andere Sportarten. Am meisten mache ich aber doch Hike and Fly. Wenn ich am Berg bin, habe ich normalerweise auch immer einen Gleitschirm dabei. Wenn es nicht zum Fliegen geht, dann gehe ich normalerweise auch nicht rauf auf den Berg – das ist so das Manko (lacht). Neben dem Gleitschirmfliegen spiele ich zurzeit auch noch Golf. Ich habe schon in früheren Jahren Golf gespielt und habe nun nach längerer Pause wieder damit angefangen. Das macht mir momentan so richtig bock.

 

liftuup: Bleibt da überhaupt noch Zeit für Studium oder Beruf? Also mein Tag hat nur 24 Stunden 😉

Kilian: Zeit für Studium oder Beruf bleibt nicht wirklich – gerade im Jahr der X-Alps würde sich das zeitlich nicht ausgehen. Bei den diesjährigen X-Alps sind wir ab Januar in die Vorbereitungsphase gestartet. Da waren wir, vor allem aber natürlich der Markus, so stark gefordert und eingespannt, das eigentlich für nichts anderes Zeit blieb. Ansonsten ist es bei Markus und mir so, dass wir beide auf 20-Stunden-Basis arbeiten und das restliche Auskommen mit Tandemfliegen oder sonstigen Aufträgen bestreiten. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

 

liftuup: Kommen wir nun konkret auf die Red Bull X-Alps zu sprechen. Zunächst ganz grundlegend: Wie wird man denn eigentlich zum X-Alps-Teilnehmer? Wie läuft das mit der Bewerbung als Athlet? Nach welchen Kriterien wird dann entschieden?

Kilian: Man sollte vor einer Bewerbung zum X-Alps Athleten schon an einigen Rennen, v. a. an Hike & Fly Rennen, teilgenommen haben. Da gibt es z. B. die Bordairrace-Serie, das Dolomiti Superfly, die X-Pyrs und viele weitere. Bezüglich der eigentlichen Bewerbung läuft das dann so ab, dass man seine gesammelten Erfolge und seine persönlichen Statistiken etc. an Red Bull sendet und sich somit bewirbt. Was man bei Red Bull eben in der Gesamtschau sehen möchte, ist der Abenteuercharakter, der Abenteuergeist des Bewerbers.

 

liftuup: Sieht man sich auf den einschlägigen OLC Servern um, so wird eines schnell klar: Gute XC Piloten gibt es viele. Was zeichnet denn einen Piloten aus, der bei den X-Alps teilnehmen bzw. dann im Race auch erfolgreich sein will?

Kilian: Ja, gute XC Piloten gibt es wirklich viele. Ich meine, an einem guten Streckentag kann jeder weit fliegen; und wenn man in der Saison alle guten Streckentage mitnimmt, dann steht man am Ende recht weit oben im Ranking. Die X-Alps sind aber wirklich etwas komplett anderes. In diesem Rennen musst du auch bei schlechten Bedingungen das Maximale rausholen. Das ist die Schwierigkeit bei den X-Alps – du musst auch an eher schlechten bzw. suboptimalen Tagen in der Lage sein, weit zu fliegen. Das macht am Ende den entscheidenden Unterschied aus.

 

liftuup: Wie würdest du die folgenden Eigenschaften eines X-Alps Piloten nach Wichtigkeit beurteilen (Angabe in Prozent):

a. fliegerische Skills ||  b. körperliche Fitness  ||  c. mentale Stärke

Kilian: Schwierig zu sagen, ich würde in einem Ranking die mentale Stärke wohl am höchsten ansetzen. Die fliegerischen Skills auf Platz zwei und danach die körperliche Fitness. Also:

a: 35 || b: 25 % || c: 40 %

Nicht falsch verstehen, das Rennen ist schon richtig krass anstrengend und die körperliche Fitness ist nicht zu unterschätzen – aber das Meiste holt man dann doch mit der mentalen Stärke und dem fliegerischen Können heraus!

 

liftuup: Welche Bedeutung kommt deiner Meinung nach dem Team eines Athleten zu? Kann man die X-Apls als Teamwettkampf betrachten oder ist das Race doch eher eine Einzelleistung?

Kilian: Das Team eines jeden Athleten ist ausschlaggebend für die Gesamtleistung. Der Athlet sollte dabei so wenig wie möglich im Kopf haben, bzw. sich um nichts außen herum kümmern müssen. Er soll einfach nur losgehen, fliegen, essen, laufen, schlafen. Darin liegt die größte Bedeutung des Teams: dem Athleten komplett den Rücken frei zu halten. Ein gutes Team sorgt dafür, dass alles rund läuft, dass alles gut vorbereitet ist. Ist zum Beispiel abzusehen, dass der Athlet demnächst irgendwo landet, dann sollte dort schon jemand vom Team stehen, der ihn dann direkt mit Essen und Trinken versorgt, evtl. Wechselklamotten bereithält, etc. Das Team sollte im Idealfall immer zwei bis drei Schritte voraus sein. Das gestaltet sich in der Realität oftmals relativ schwierig. Eine erfolgreiche Teilnahme bei den X-Alps ist also definitiv keine reine Einzelleistung sondern das Ergebnis eines super funktionierenden Teams.

 

liftuup: Aus wie vielen Personen besteht so ein Team. Ist das offiziell reglementiert?

Kilian: Offiziell reglementiert ist die Größe eines Teams nicht. Das Team kann daher beliebig groß sein. Ich habe darüber mal mit Simon Oberauner gesprochen. Er hatte in der vorherigen X-Alps Ausgabe ein eher großes Team. Beim diesjährigen Rennen hat er es wieder verkleinert. Ich persönlich  sehe mehr Vorteile in einem kleinen Team. Unser Team GER 2 bestand insgesamt aus 5 Personen mit konkreter Aufgabenverteilung. Athlet/ Pilot, Supporter, Planungshelfer, Physio, Koch. Konkret waren das: Markus Anders, Thomas Schaible, Giovanni Gallizia, Nina Lehner und meine Wenigkeit.

 

liftuup: Wie wurdest du zum Supporter von Markus Anders? Wie fing das alles an?  

Kilian: Markus Supporter bin ich in erster Linie geworden, weil wir beide sehr gut miteinander befreundet sind. Wir haben uns 2015 oder 2016, das Jahr kann ich gar nicht mehr genau sagen, bei der DHV Newcomer Challenge Serie kennengelernt. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden und sind viel miteinander geflogen. Das Ganze hat sich einfach super entwickelt. Für uns war dann eigentlich auch recht schnell klar, dass wir uns gegenseitig helfen, sofern einer von uns bei den X-Alps teilnehmen wird.

 

liftuup: Im Nachhinein betrachtet: War dir damals so richtig klar, was da im Gesamten auf dich zukommen wird?

Kilian: Nein, mir war im Voraus nicht ganz klar, was da wirklich alles auf mich zukommt. Die ganze Planung, die Organisation und auch das Rennen selbst – da wird man schon an seine Grenzen getrieben. Aber natürlich war das alles auch eine richtig geile Erfahrung und hat mega Spaß gemacht.

 

liftuup: Eine Frage, die mich ganz besonders interessiert: Wie bereitet man sich auf diese schier  unmenschliche Herausforderung vor? Hattest du einen fixen Trainingsplan? Und wenn ja, kannst du uns da mal einen kleinen Einblick geben?

Kilian: Ich bin öfters mal Markus Trainingsplan mitgegangen. Das Training enthielt viel Bouldern, Berggehen und Laufen. Aber als es dann wirklich ins Detail gegangen ist, habe ich mehr Zeit mit der Planung und Gesamtkoordination als mit dem Training verbracht.

 

liftuup: Gab es im Team GER 2 auch eine spezifische fliegerische Vorbereitung? Geländeerkundung? Befliegen und Testen möglicher Routen?

Kilian: Wir haben den Abschnitt in Frankreich abgefahren und teils auch abgeflogen. Das war so die Ecke um Chamonix und weiter bis Monaco runter. Die restlichen Streckenabschnitte kannten wir eigentlich schon ganz gut aus früheren Flügen.

 

liftuup: Die X-Alps 2019 waren meiner Wahrnehmung nach stärker als je zuvor von Sponsoring und Werbung geprägt. Klar, solch ein Event ist gerade für die Gleitschirmbranche, aber natürlich auch für die namhaften Outdoor-Ausrüster und den regionalen Tourismus, eine riesige Plattform, die ungeahnte Reichweite generieren kann. Wie war das im Team GER 02. Wer waren eure Sponsoren und wie sieht dann solch ein Sponsoring konkret aus? Geht es überhaupt noch ohne?

Kilian: Ohne Sponsoren geht es wirklich nicht. Es ist einfach eine Unmenge an Geld, die da zusammenkommt. Also im Großen und Ganzen sind das eine Vielzahl an Kleinbeträgen, die sich letztendlich zu einer beachtlichen Summe addieren. Darunter zum Beispiel Dinge wie diverse Schuhe, die Automiete, das ganze Benzin, etc. Da ist man dann um jedes Sponsoring froh. Unsere Hauptsponsoren waren AM-Computersysteme, Skywalk Paragliders, Flugschule Luftikus, Condition Steigenberger, Privatbrauerei Schnitzelbaumer und Summermobil (s. auch am Ende des Interviews).

 

liftuup: Kommen wir auf das eigentliche Event, das Rennen an sich, zu sprechen. Zunächst euer Fazit: seid ihr mit eurer Leistung und dem erreichten Ergebnis zufrieden?

Kilian: Wenn wir als Team ein Fazit ziehen, dann sehen wir darin unsere Gesamtleistung schon auf einem recht guten Niveau. Wir hätten das Ganze natürlich noch mehr ausreizen können und unsere Krafteinteilung war nicht ganz optimal. Auch sind uns einige Planungsfehler unterlaufen. Die diesjährigen X-Alps waren für uns eher ein Rennen zum Lernen. Bei der kommenden Ausgabe wollen wir dann mehr attackieren (lacht).

 

liftuup: Welche Taktik hattet ihr euch vor dem Race-Start zurechtgelegt? Was ging auf? Was hätte besser laufen können?

Kilian: Unsere Strategie sah zunächst einmal vor, dass wir uns eigentlich ziemlich auf uns selbst verlassen und dabei nicht allzu sehr auf die anderen schauen wollten. Um dies zu ermöglichen, hatten wir jeden einzelnen Routenabschnitt detailliert vorgeplant. Aber wie das bei diesem Event nach Rennstart eben so ist: Der Chrigel fliegt straight voraus und alle fliegen hinterher. Und schneller als man sich versieht, wirft man seinen eigenen Plan über den Haufen. Da denkt man dann schnell: Die anderen Piloten bzw. Teams wissen mehr als wir oder können es besser. Man lässt sich dabei schnell verleiten, den anderen zu folgen. Klappt das dann nicht, steht man auf einmal ohne Plan da und muss improvisieren. Daraus haben wir in den ersten beiden Renntagen viel gelernt. Im Anschluss haben wir uns wieder mehr auf unser eigenes Können und unseren ursprünglichen Plan besonnen.

 

liftuup: Was genau war deine Funktion im Race als Supporter? Wie sah dein tägliches Doing und dein Tagesablauf aus?

Kilian: Meine Funktion als Supporter war die Gesamtkoordination des Teams, die Planung und Strukturierung. Mein tägliches Doing sah so aus, dass ich gegen 04:00 – 04.30 Uhr aufgestanden bin und schon mal alles vorbereitet habe. So konnte Markus etwas länger schlafen. Es stand dann alles schon bereit, wenn Markus gegen 04:50 Uhr aufstand und er konnte gleich essen und sich anziehen. Wir haben die Morgenroutine gut im Team aufgeteilt: Essen und Kleidung richten, alle Sachen für den Tag packen. Tagsüber bin ich dann entweder selbst gefahren oder ich war Beifahrer. Als Beifahrer habe ich das Wettergeschehen und das Livetracking verfolgt und habe erforderlichenfalls unsere Taktik nachjustiert.

 

liftuup: Wieviel bist du selbst gehiked und geflogen?

Kilian: Selbst gehiked bin ich vielleicht so 20 Prozent von dem, was Markus absolviert hat. Das waren in etwa so 1000 – 1500 Höhenmeter pro Tag auf ca. 10 – 15 km Strecke. Selbst geflogen bin ich tastsächlich nur einmal. Das war in der Gegend um St.-Hilaire.

 

liftuup: Was war dein schönster Moment im Rennen?

Kilian: Mein schönster Moment im Rennen war der Abschnitt von der Zugspitze bis zum Kronplatz. Das war ein richtig geiler Tag für uns und wir konnten recht viel Strecke aufholen. Wir hatten den Tag im Voraus so geplant, dass Markus die gesamte Strecke fliegend zurücklegt. Wir hatten also beide Autos auf der der Nord-Alpenseite stehen lassen, weil wir davon ausgingen, dass es Markus sowieso wieder zurück schafft. Wegen einem aufziehenden Gewitter um den Kronplatz gestaltete sich das Ganze dann aber doch nicht so leicht. Letztendlich ist Markus am Hauptkamm eingelandet, stieg 500 Höhenmeter auf und Flog dann auf der Nordseite wieder runter. Der Plan ging am Ende also auf. Ein genialer Tag.

 

liftuup: Gab es für dich auch beängstigende Situationen? Hast du dich das eine oder andere mal in einem Grenzbereich bewegt? Wie ging das Team mit Risiko um?

Kilian: Ich selbst war keinem Risiko ausgesetzt. Ich machte mir da eher Sorgen um Markus. Er war ab einem gewissen Zeitpunkt des Rennens in so einem Tunnel und hat darin nicht mehr alles um sich herum so hundert prozentig genau realisiert. Da mussten wir dann ab und an mal die Bremse für Markus reinhauen.

 

liftuup: Welche Rolle spielen Glück bzw. Zufall in solch einem mehrtägigen, von den jeweiligen regionalen Wetterbedingungen bestimmten Rennen?

Kilian: Man spricht gerne von Glück und Zufall. Aber ich persönlich denke es ist weder Glück noch Zufall, dass am Ende immer der Chrigel gewinnt und als erster auf dem Floß landet – und das meistens auch noch mit so einem großen Vorsprung. Man kann schon mal Glück haben, zum Beispiel beim lokalen Wettergeschehen, was einen dann ein paar Plätze nach vorne katapultiert. Aber über die gesamte Race-Distanz macht Glück nicht wirklich viel aus.

 

liftuup: Hand auf’s Herz. Waren die X-Alps 2019 der Startschuss für deine eigene Bewerbung als Athlet bzw. als Hauptakteur bei den X-Alps 2021?

Kilian: Mir war klar, dass ich das Projekt X-Alps 2019 zusammen mit Markus mache und dass ich ihn bei seiner Teilnahme bestmöglich unterstütze. Ich konnte das diesjährige Rennen für mich auch dazu nutzen, die Eventlogistik, das eigentliche Renngeschehen und den Medienrummel drum herum kennenzulernen bzw. hautnah mitzuerleben. Ich konnte live erleben, wieviel Anstrengung und Stress eine eigene Teilnahme bedeutet, welchen Aufwand man dafür betreiben und wie viel Zeit man investieren muss, vor allem als Athlet. Es wäre eine riesige Herausforderung für mich und ich habe richtig bock darauf, irgendwann selbst dieses Abenteuer zu bestreiten. Wann das aber genau sein wird, kann ich noch nicht sagen.

 

liftuup: Von den X-Alps abgesehen – welche fliegerischen Pläne schmiedet Kilian Hallweger für die Zukunft? Ziele, Träume, Wünsche?

Kilian: Ich will wieder mehr sehen – das heißt, nicht auf Teufel komm raus Kilometer für die OLC-Wertung schrubben, sondern wieder mehr das leidenschaftliche, emotionale Fliegen in den Vordergrund stellen. Ich möchte diesen tollen Sport wieder mehr genießen, langsam machen, auf den Berg gehen, biwakieren, etc. Also insgesamt weniger kompetitiv unterwegs und sein und demnach nicht an jedem Hammertag an die bekannten Hot-Spots hetzen.

 

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das informative Interview! Wir wünschen dir weiterhin zahlreiche fantastische Momente in der Luft und stets unfallfreie Flüge!









Sponsoren:

Streckenfliegen mit ANLEITUNG

Möchtest du endlich so richtig mit dem Streckenfliegen loslegen, aber dir fällt es irgendwie schwer, dich von deinem sicheren Hausberg zu lösen? Gehörst du zu den Piloten, die schon Erfahrung im Thermikfliegen haben, regelmäßig an die Basis kurbeln und dann da oben irgendwie „Ladehemmung“ haben? Was mache ich mit meiner Höhe? Wo soll ich als nächstes hinfliegen?

In der Gruppe und mit Anleitung fliegt es sich wesentlich leichter und entspannter. Vielleicht wäre daher ein Streckenflugseminar genau das was du brauchst, um deinen ersten wichtigen Schritt zu deinem persönlichen XC Abenteuer zu machen.

Ich habe mich daher mal für dich bei den ZUGVÖGELN umgesehen – ein seit Jahren etablierter Anbieter für XC Seminare mit bestem Ruf. Die Zugvögel versprechen: Lifecoaching in der Luft…!

Viel Spaß bei dieser Folge!

Zum Angebot der Zugvögel:

https://www.zugvoegel.rocks

tested – UP KIBO 2

Allgemein

Als UP mit dem Launch des Kibos Anfang 2016 einen dritten Schirm in der En-B Range platzierte, runzelten viele Piloten die Stirn. Damit einhergehend wurde dann die generelle Frage aufgeworfen: macht es für die Hersteller überhaupt Sinn, zwischen den etablierten, im Pilotenjargon als low-B und high-B bezeichneten Schirmkategorien noch eine weitere Kategorie, eine weitere Zwischenstufe zu etablieren? Gibt es im heiß umkämpften B-Segment noch Platz für einen sog. „mid-B“ Schirm?

Ich denke heute, 2019, kann diese Frage definitiv mit „Ja“ beantwortet werden, was man unter anderem auch daran sieht, dass andere namhafte Hersteller der Szene das Konzept ebenfalls aufgreifen und ihre B-Schirmpalette bereits erweitert haben.

Das Gros der Piloten und damit die potentielle Käuferschaft tummelt sich nun mal in der B-Klasse: hier finden sich die Einsteiger, die sich nach ihrer Schulung und den ersten Thermikflügen an einem feinfühligeren Schirm weiterentwickeln wollen. Hier finden wir die XC Einsteiger, die beim eifrigen Kilometersammeln einen fehlerverzeihenden Begleiter benötigen. Hier finden wir die Rücksteiger aus höheren Schirmklassen, die keine Lust mehr auf nervöse Ritte unter heißen Kisten haben sondern die wieder den Genuss, das Naturerlebnis und die Leichtigkeit des Gleitschirmfliegens für sich entdecken. Und natürlich haben wir hier auch die Rekordjäger, welche die größtmögliche Performance von einem Schirm erwarten, um mit möglichst hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten das Maximum aus den guten Streckentagen herauszuholen, dabei aber nicht auf eine vernünftige passive Sicherheit verzichten wollen.

Den Kibo 2 positioniert UP zwischen dem Makalu 4 und dem Summti XC4 bzw. dem Kangri. Mit dem Vorgänger verbrachte ich etwas über 70 Stunden Airtime. Ich kann aufrichtig behaupten, dass das mit Sicherheit die sorglosesten Flugstunden meiner Fliegerkarriere waren 😉 Ich hatte in den über 70 Stunden keine einzige ernsthafte Kappenstörung. Relaxtes fliegen vom Feinsten, gerade auch in kochender Luft!

Umso mehr war ich nunmehr auf den Nachfolger, den Kibo 2, gespannt. Um ehrlich zu sein, war ich vor meinem Erstflug mit dem neuen Schirm dennoch etwas skeptisch: was könnte man denn am Ur-Kibo besser machen, das ein Modell-Update wirklich rechtfertigt?

In den nachfolgenden Zeilen beschreibe ich also unser sommerliches meet-up; wobei das hier nicht als klassischer Testbericht, sondern vielmehr als subjektive Eindrucksschilderung zu verstehen ist 😉 Zu berücksichtigen gilt auch: ich bin Teampilot bei UP. Die lässigen Jungs und Mädels von UP lassen mir natürlich komplett freie Hand beim Filmen und Schreiben. Aber ich bin eben ein aufrichtiger Fan von Frantas Schirmdesigns und liebe dieses besonders feine UP-Handling – von daher bin ich sicherlich nicht ganz neutral und unvoreingenommen!

Beginnen wir also von vorne: Mitte Juni bekam ich den Kibo 2 in der Größe S/M (75-95 kg) direkt aus dem UP Headquarter in Garmisch-Partenkirchen zugesendet. Geflogen bin ich den Schirm mit einem TOW zwischen 92 und 94 kg, also recht weit oben belastet.

Insgesamt konnte ich etwas über 16 Stunden Airtime am Kibo 2 verbringen.

Die meisten meiner Flüge fanden dabei in meiner Heimat, dem Nordschwarzwald, statt. Unterwegs war ich aber auch im schönen Grindelwald in der Schweiz. Mein fliegerisches Highlight in der Zeit war sicherlich das Aufsoaren an der Eigernordwand mit anschließender Überhöhung und Überflug des Eigers.

Auspacken / erster Eindruck

Wie fast immer, wenn ich einen neuen Schirm in die Hände bekomme, gehe ich damit zuerst zum Groundln auf die Wiese. Zum einen bekommt man hierbei bereits einen sehr guten Eindruck über das zu erwartende Starverhalten und die Steuercharakteristik des Schirms – vor allem aber liebe ich es einfach, mit der Kappe im Wind zu spielen 😉 Herausgekommen ist bei dem ersten Kennenlernen auf der Wiese dieses kurze unboxing Video.

Die Verarbeitung des Schirms ist UP typisch auf höchstem Niveau. Ich denke aber auch, dass sich hierbei zwischen den namhaften, etablierten Hersteller kaum noch große Unterschiede auftun.

Ganz besonders hat mir die neue Bremsgriffbefestigung gefallen. UP nennt das System „Snap-Lock.“ Dabei wird der Bremsgriff durch einen zylinderförmigen Magneten in eine Art U-förmige Halteschale gezogen und somit arretiert. Die Haltekraft des Magneten ist sehr angenehm. Bei der Startvorbereitung lässt sich so der Bremsgriff easy vom Tragegurt lösen. Man muss nicht daran reißen oder entnervt aus verschiedenen Winkeln daran ziehen, um ihn zu lösen. Ein leichter Zug in die einzig mögliche Zugrichtung reicht aus und man hält den Bremsgriff in der Hand. Ein unbeabsichtigtes Lösen und Herabfallen des Bremsgriffes bei der Startvorbereitung ist bei mir nie vorgekommen.

Nach der Landung führt man dann den Magneten am Bremsgriff einfach wieder in Richtung der Aufnahme am Tragegurt und das Ganze fügt sich wie von Geisteshand automatisch zusammen. Bravo UP. Das ist richtig nice! Gefällt mir viel besser als die bis dato verwendete Druckknopfbefestigung.

Starten

Starten ist ja so eine Sache. Eigentlich hat ein sauberes, sicheres Starten eher  etwas mit Fleiß, als mit dem Schirm zu tun. Ich kenn eigentlich kaum einen Piloten, der viel Groundhandling betreibt und trotzdem schlecht startet. Wer nicht trainiert, läuft bei anspruchsvollen Startbedingungen eher Gefahr, unkontrolliert und damit potentiell unfallgefährdet abzuheben, egal wie gutmütig der Schirm auch sein mag.

Wer mit dem Kibo 2 schlecht startet, der hat sich entweder bei den herrschenden Startbedingungen massiv verschätzt, oder aber trainiert die Abläufe nicht 😉

Trotz der für einen B-Schirm beachtlichen Streckung von 5,7 füllt sich der Kibo 2 zuverlässig, baut schnell Spannung auf und steigt dann homogen als ganzer Block nach oben. Vorwärts wie Rückwärts geht tadellos. Seitliches ausbrechen – Fehlanzeige. Die Kappe ist sehr spurstabil, lässt sich aber bei Bedarf dennoch feinfühlig mit Steuerleinen- und Hüfteinsatz in die gewünschte Ausrichtung dirigieren.

Auch die eigentliche Starvorbereitung gestalten sich als einfach: Der Tragegurt ist schmal aber schön steif, sodass ein „in-sich-um-sich-an-sich-irgendwie-verdrehen“ bei einem Mindestmaß an Sorgfalt eigentlich nicht passieren kann. Die Stammleinen sind voll ummantelt und farblich gekennzeichnet. Lediglich die Gallerieleinen zeigen sich nackt und tragen keinen Mantel. Knötchen oder sonstige unliebsame Wirr-Warr-Kobolde traten bei keinem meiner Starts auf.

Thermikfliegen

Wenn ich am Vorgänger, dem Kibo 1, einen Minuspunkt hätte benennen müssen, dann wäre das vielleicht die Lesbarkeit der Luftmassen gewesen. Der Kibo 1 hatte meinem Empfinden nach eine superstabile, gespannte und angenehm gedämpfte Kappe. Das war zwar in richtig harzigen Bedingungen absolut nervenschonend – bei schwächelnder Thermik fehlte aber das letzte Quäntchen Rückmeldung von Tragegurten und Steuerleinen, um stets im Bilde der Umgebungsluft und deren Bewegungsrichtung zu sein.

Der Kibo 2 hat quasi alle guten Manieren des Vorgängers geerbt und darüber hinaus dessen Schwäche abgelegt.

Auch der Kibo 2 ist rock solid: ehrlich, egal wie es bockt und an der Kappe zerrt, der Kibo 2 schein undeformierbar zu sein. Selbst der Außenflügel bedarf auch bei scharfkantigen Abwindrändern nur minimaler Stütze. Das ist gerade bei langen Flügen in durchwühlter Luft absolut entspannend und Balsam für das Nervenkostüm. Man kann sich voll und ganz auf die Umgebung, die Flugroute oder die anstehenden flugtaktischen Entscheidungen konzentrieren und den Schirm dabei so ziemlich ausblenden. So soll das beim Fliegen sein. Und wer keine Kilometer abspulen möchte, der kann sich ganz entspannt dem Sightseeing samt Naturgenuss widmen.

Trotz dieser unglaublichen Stabilität fühlt sich die Kappe weicher an als beim Vorgänger. Für mich hatte das den Vorteil, dass ich gerade in schwächelnden Bedingungen die Luft besser lesen und damit effektiver zentrieren und steigen konnte. Meine Flächenbelastung im oberen Bereich zeigte sich dabei in Bezug auf die Steigperformance nicht als nachteilig.

Der Bremsdruck ist etwas geringer geworden als beim Vorgänger. Ohne nennenswerten Kraftaufwand lässt sich der Kibo 2 spielerisch in alle Schräglagen bringen. Müde Arme oder Schultern bleiben so auch nach mehrstündigen Flügen mit langen Kurbelorgien aus. Das gefällt mir sehr, sehr gut. Insgesamt fühlt sich der Kibo 2 richtig agil und spritzig an. Es ist eine wahre Wonne, den Schirm in engen Aufwinden auf den Stabilo zu stellen und so direktiv in Richtung Basis zu zirkeln 🙂 Dabei behält die Kappe die einmal eingestellte Schräglage stoisch bei und zieht dann satt und laufruhig ihre Bahnen. Ich denke hier hebt sich der Flügel als mid-B Schirm deutlich von seinen low-B Brüdern ab. Gerade im low-B Bereich finde ich es oftmals ziemlich nervig, wenn man ständig einem gewissen Aufrichtmoment entgegenwirken und dabei immer wieder nachdrücken muss, um auf Kurs zu bleiben. Da spürt man dann doch die sportlicheren Gene des Kibo 2. In dieser Eigenschaft erinnert er eher an den Summit XC 4 als an den Makalu. Nice!

Beim Thermikeinflug stellt sich die Kappe kaum einmal auf. Falls es richtig nach oben ballert, einfach mal die Steuerleinen kurz freigeben und die Kappe fährt wunderbar neutral in den Aufwind ein. Apropos Pitch: wirkliches Vorschießen kennt der Kibo 2 nicht. Und falls er doch mal den Ansatz dazu zeigen sollte, reicht ein kurzer Steuerleineninput und die Kappe bleibt schön neutral über dem Piloten.

In freier Wildbahn hatte ich weder Front- noch Seitenklapper. Alle simulierten Kappenstörungen waren völlig harmlos.

XC

Ich selbst bin lediglich ein paar kleine Genuss-Sightseeing-Dreiecke im schweizerischen Grindelwald geflogen. Da war ich im Wechsel mit dem Summit XC 4 und dem Kibo 2 unterwegs. Im direkten Vergleich zum Summit XC 4 wurde mir dann abermals die geringe Arbeitslast vor Augen geführt, die der Kibo 2 seinem Piloten abverlangt. Auch nach einem 5 Stunden dauernden Flug bei ordentlich thermischen Bedingungen war ich tiefenentspannt und konnte die Bergwelt um mich herum in vollen Zügen genießen.

Der Beschleuniger lässt sich bei mittelhartem Druck fein einsetzten. Wer bis dato noch nicht viel mit dem Gaspedal gearbeitet hat, wird es am Kibo 2 intuitiv tun und dessen Einsatz dann zu schätzen lernen. Auch in durchwühlter Luft bleibt der Kibo im Gas super stabil.

Mit dem beschriebenen tollen Thermikhandling bei geringer Arbeitslast in Verbindung mit dem superstabilen Gleiten, bietet sich der Kibo 2 natürlich auch für weit größere Streckenabenteuer an. Ich denke ein guter XC Pilot kommt mit dem Schirm überall hin – und das Ganze völlig stressfrei. Teampilot Tim Schober demonstrierte das bereits im Mai 2019 mit einem herrlichen 145 km Panoramaflug vom Stubai aus über den Alpenhauptkamm. Tim, der selbst den Trango X-Race fliegt, schreibt als Kommentar zu dem Flug: „Ein genialer Flügel, der einen auch die bockigsten Bärte stressfrei auskurbeln lässt. Schön dynamisch, direktes Handling und ein überraschend gutes Gleiten. So muss das sein. Mehr Schirm braucht man wirklich nicht :D“

Ich denke damit hat es Tim gut auf den Punkt gebracht. Danke Tim 😉

Für wen?

In meinem Video bezeichne ich den Kibo 2 als die „Eierlegende Wollmilchsau.“ Zugegeben, der Begriff ist mittlerweile schon etwas abgedroschen, passt aber einfach perfekt für den Schirm.

Mit seinem moderaten Gewicht, den unkomplizierten Startvorbereitungen bzw. dem anfängertauglichen Startverhalten eignet sich der Kibo 2 sehr gut für genussvolle hike and fly Touren sowie für Reisen in alle Welt.

Hausbergpiloten finden in dem Schirm einen zuverlässigen Gesellen: nach einem stressigen Arbeitstag eben noch mal den Kopf frei fliegen und ein bisschen Natur tanken? Aber gerne!

Low-B Piloten, die sich behutsam in ihren Skills am Schirm weiterentwickeln, sich dabei an höhere Streckung samt satterer Kurvenenergie und mehr Gleit-Performance gewöhnen wollen, finden mit dem Kibo 2 einen langjährigen Partner – ein hohes Maß an passiver Sicherheit inklusive.

Das gilt natürlich auch für XC Einsteiger, die sich beim Herantasten an größere Strecken auf alles andere konzentrieren wollen als auf ihren Schirm.

Und letztendlich ist der Kibo 2 auch Rücksteigern aus höheren Klassen zu empfehlen. Kurbeln, sorglos Gasen, kurbeln, sorglos Gasen. Kilometer machen kann so einfach und stressfrei sein – und stets bleibt Zeit, die unfassbar schönen Landschaften zu genießen, über die uns unser Flügel trägt.

Wie immer gilt: fliegt euren künftigen Schirm ausgiebig Probe, vergleicht ein paar Modelle und macht euch letztendlich euer eigenes Bild! Denn es ist nur euer Gefühl, euer Empfinden, das letztendlich zählt. Ihr müsst euch wohl am Schirm fühlen. Ihr müsst stets mit einem breiten Grinsen am Landeplatz einschweben – das ist das einzige, auf das es wirklich ankommt  🙂

In diesem Sinn – ich wünsche euch allen unvergesslich schöne Flüge.

Cheers!