Gedankenblase #01: Leistungsdruck – mit wem du dich messen musst!

Die liftuup Gedankenblase ist da!

Herzlich willkommen liebe Leserinnen und Leser. Dies ist die erste Ausgabe der neuen Rubrik auf meinem Blog: die liftuup Gedankenblase! In dieser Rubrik möchte ich euch regelmäßig mit gehaltvollem, inspirierendem und im besten Fall auch zum Nachdenken anregendem Lesestoff rund um die Tuchfliegerei versorgen. Wie bereits im letzten Post angekündigt, will ich neben der Videoproduktion für meinen YouTube Channel im Jahr 2020 verstärkt auch klassisch bloggen. Mit der Serie Gedankenblase erfülle ich mir selbst einen lang gehegten Traum: Ich werde über diejenigen Themen schreiben und reflektieren, die mich selbst auf meinem ganz persönlichen Weg und Werdegang als Pilot intensiv bewegt und geprägt haben. Ich hoffe, ich kann mit meinen Zeilen einen kleinen Mehrwert für euer eigenes Fliegerleben beisteuern. Über einen regen, konstruktiven Austausch über die Kommentarfunktion würde ich mich dabei sehr freuen. Selbstverständlich könnt ihr mir bei Fragen, Anregungen und Kritik auch jederzeit eine E-Mail schreiben. Ich antworte euch garantiert! Nun wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Lesen und in der Folge vielleicht auch beim Umsetzen des einen oder anderen Inputs. Beste Grüße,

Rue

Gedankenblase #01: Leistungsdruck – mit wem du dich messen musst!

Leistungsvergleiche sind wohl so alt wie die Menschheit und dabei wahrscheinlich auch ein wichtiger Motor innerhalb der menschlichen und soziologischen Entwicklung. Welcher Stammesangehörige ist der schnellste Jäger? Und wer ist dabei der Mutigste? Welche Sippe kann am effektivsten in der Gruppe Beute erlegen? In der heutigen modernen Welt erscheinen Leistungsvergleiche auf den ersten Blick weit weniger archaisch, sind im Kern aber prinzipiell doch ähnlich gelagert! Wer steigt in der Unternehmenshierarchie am schnellsten auf? Wer kann sich welche Luxusgüter leisten? Wer hat die meisten Follower auf Instagram oder die längste Freundesliste bei Facebook?

Leistungsvergleiche sind per se nicht verkehrt, helfen sie uns doch bei der Einordnung des eigenen Habens, Könnens und Seins. Auffällig ist dabei, dass wir Menschen in der Reflektion über uns selbst verstärkt dazu tendieren, uns hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich als stärker einzustufen, als dies tatsächlich objektiv der Fall ist. Kleines Beispiel gefällig? Als ich vor etwas über einem Jahr mein Lauftraining intensivierte und alsbald meinen ersten Traillauf über 20 km mit 600 Höhenmetern absolvierte, fühlte ich mich immens stark, super fit und quasi „on top.“ Subjektiv. Bei objektiver Betrachtung reichte ein kurzer (online) Blick in die Welt der Trail- und Ultraläufer, um das selbst Geleistete zu relativieren und das eigene Können im Gesamtkontext des Sports eher am unteren Ende der Leistungsskala wiederzufinden.

Beim Gleitschirmfliegen gehöre ich zu jenen Piloten, die den ganz typischen, viel beschriebenen Weg gegangen sind. Ich habe irgendwann meinen A-Schein gemacht. Kaum war der in der Tasche, stand ich zwar motoviert, berufsbedingt aber doch insgesamt viel zu unregelmäßig am Startplatz. Mit oftmals schlotternden Knien und stets auch mit dem gebotenen Respekt vor den Elementen, sammelte ich Flug um Flug und damit Erfahrung um Erfahrung. Abgleiter waren für mich keine Enttäuschung, freute ich mich doch einfach über die (kurze) Zeit, die ich vogelfrei in der Luft verbringen durfte. Nach etwa 2 Jahren als Freiflieger meldete ich mich auf Anraten einiger Vereinskollegen beim online Streckenflugportal DHV-XC an. „Da musst du mitmachen“, so der einhellige Tenor. Gesagt, getan. Ein Schritt, dessen Ausmaß und Tragweite mir beim damaligen ersten Sing-In nicht annähernd klar war. Denn fortan schaute ich fast täglich auf die besagte Onlineplattform. Dabei ging es mir gar nicht primär um irgendwelche weit entfernten Tagessieger und deren tollkühnen 200 km Strecken. Mir ging es eher um die lokale Fliegerszene rund um meinen Hausberg. War heute jemand in der Luft, wo ich es mich doch nicht getraut habe? Wie ist Kollege X und wie Kumpel Y geflogen? Alsbald befand ich mich mitten im unaufhaltsamen Sog des Leistungsvergleichs. Freudestrahlend beendete ich einen 1,5 Stunden Flug rund um meinen Hausberg und fuhr völlig selig und befreit vom Alltagsstress nach Hause, nur um dann abends am PC festzustellen, dass einer meiner Vereinskollege ganze 2,5 Stunden in der Luft verbuchen konnte. Ich kann mich auch noch sehr gut an meinen ersten 20 km Flug im Schwarzwald erinnern. Nach der Landung war ich stolz wie Bolle, fühlte mich wie Chrigel Maurer und Paul Guschlbauer in einer Person. Die Euphorie hielt so lange an, bis ich am Abend vor dem flimmernden Bildschirm erkennen musste, dass der Tag natürlich viel mehr Potential hatte und die besseren Piloten drei- bis viermal so weit geflogen waren? Es wurmte mich, das gebe ich heute offen zu. Gar nicht unbedingt, weil ich es den „Erfolgreicheren“ in Persona nicht gegönnt hätte, sondern weil ich meine eigene mangelhafte Leistung ins gedankliche Rampenlicht stellte. Was dann folgte liegt auf der Hand: Selbstzweifel, destruktive Gedanken, innere Schelte. ‚Jetzt bist du wieder nach 25 km abgesoffen. Mein Fliegerkumpel ist dagegen 80 km weit gekommen. Du wirst es einfach nie lernen. ‘

Kennst du vielleicht solche Gedanken? Dieses aufkommende madige Gefühl, das dich innerlich umtreibt und wurmt? Ein Gefühl, dass sich alles andere als angenehm anfühlt. Heute schmunzle ich darüber, habe ich doch gelernt, die eigenen Erlebnisse einfach anders zu bewerten. Ist derjenige, der 100 km weit fliegt wirklich glücklicher als derjenige, der in der tief stehenden Abendsonne genüsslich die letzten Thermikfetzen über dem Hausberg auskostet? Wir entscheiden, wie wir unser persönliches Outdoor-Abenteuer wahrnehmen und anschließend auf emotionaler Ebene verwerten. Und nur wir selbst sind es, die im Rahmen unserer geistigen Bewertung entscheiden, ob wir uns dabei und danach glücklich fühlen.

Was will ich dir damit sagen? Leistungsdruck beim Fliegen ist ganz sicher nichts Schlechtes. Aber jeder von uns Piloten verträgt bzw. benötigt eben ein ganz eigenes, individuelles Maß an Leistungsdruck. Wir benötigen so viel Druck, sodass wir den inneren Antrieb verspüren, uns immer weiter verbessern und an den eigenen fliegerischen Fähigkeiten arbeiten zu wollen. Andererseits aber dürfen wir nicht zu viel Druck zulassen, sodass wir das Fliegen in seiner ganzen puristischen Einfachheit und Schönheit genießen und erfahren können.

Wie aber kann ich im Rahmen einer solchen Herangehensweise eine gesunde Balance für mich finden?

Das ist gar nicht so schwer. Lös‘ dich mal für einen Moment vom Bildschirm und begib dich in dein Bad, in dein Schlafzimmer oder eben dorthin, wo du in deiner Wohnung einen Spiegel angebracht hast. Sieh hinein und präge dir dein Spiegelbild ein. Dein Spiegelbild! Du! Das ist die einzige Person, mit der du dich messen musst. Du! Das ist die einzige Person, die du regelmäßig schlagen und überbieten musst, wenn du stetig besser werden willst!

Jeder von uns kennt wohl einen oder mehrere Vereinskollegen, die immerzu wie Vögel am Himmel kleben, die für die Regeln der Schwerkraft nur ein müdes Lächeln übrig haben , ja, die einfach „unabsaufbar“ scheinen. Dazu kommen Top-Piloten, wie beispielsweise die heutigen X-Alps Helden, die auf den einschlägigen Social-Media Plattformen oft so bildgewaltig in Szene gesetzt werden. Wenn du zu den „Otto-Normal-Piloten“ wie ich gehörst, mit durchschnittlichem Talent ausgestattet bist und dabei mitten in einer vierzig Stunden Arbeitswoche steckst, dann wirst du diese Athleten in Bezug auf Skills und fliegerischen Leistungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie schlagen, bzw. an deren Können herankommen. Das musst du aber auch nicht um deinen eigenen Lernfortschritt zu generieren. Das einzige was du dafür tun musst, ist, deine eigene Leistung von gestern und vorgestern zu schlagen! Wende den Fokus weg von anderen Piloten  und lege ihn auf dich selbst! Wenn du morgen ein Quäntchen besser bist als heute, dann bist du übermorgen vielleicht schon doppelt so gut wie heute. Und wenn du übermorgen bereits doppelt so gut bist wie heute, dann bist du nächsten Monat um ein Vielfaches besser, als du es heute bist. Spinne das Spiel weiter – überlege dir, wo du in einem Jahr stehen wirst!

Gehe es in kleinen aber stetigen Schritten an. Du willst dieses Jahr solide und regelmäßig 20-30 km fliegen? Fein. Sammle deine XC Kilometer. Fliege deine Strecken gut und sicher. Lade sie auf den DHV-XC hoch oder dokumentiere sie in einem selbst erstellten Erfolgsjournal (z. B. Excel-Tabelle). Führe dein Erfolgsjournal kontinuierlich und fülle es mit Leben, indem du deine Flüge mit Kommentaren zu deinen persönlichen Erkenntnissen und Emotionen versiehst. Wenn du 2020 mehrere Flüge um die 20-30 Km geflogen bist, dann verspreche ich dir, du wirst 2021 wie von selbst 30-40 km fliegen. Und schon hast du dich gesteigert, fliegst weiter und wahrscheinlich auch routinierter als noch ein Jahr zuvor. Gleitschirmfliegen ist ein Sport, den wir bis ins hohe Alter betreiben können. Wir haben also Zeit. Zeit, unseren Erfahrungsrucksack langsam aber stetig (mit guten Erlebnissen) zu füllen. Nutze dein Erfolgsjournal, um dich und deinen Fortschritt zu reflektieren und dich aus deinen bisherigen Leistungen selbst zu motivieren. Machst du das zwei, drei, vier Jahre lang, so siehst du kontinuierlich dein persönliches Vorankommen – ohne dich dabei ständig durch den Blick auf andere selbst klein zu machen. Bäm! Du hast es geschafft. Du bist im Lernflow!

Mache es dir zum Mantra: sieh‘ in den Spiegel! Du bist Gleitschirmpilot! Du übst das schönste Hobby der Welt aus. Heute bist du besser als gestern und morgen ein Stück weiter als heute. Begib‘ dich auf deine Erfolgsreise! Jetzt!

6 thoughts on “Gedankenblase #01: Leistungsdruck – mit wem du dich messen musst!”

  1. Carsten sagt:

    Respekt….. einfach nur: „Respekt“.

  2. Ralf sagt:

    Jau, da sprichst Du etwas sehr wichtiges an. Besonders Anfänger kommen mit dieser Problematik sich mit anderen zu messen bzw. verleiten lassen dass zu tun, in veritable Schwierigkeiten. Denn wie oft wurde schon gestartet, obwohl man sich nicht ausreichend sicher fühlte, aber sich messen wollte, wie oft wurde Frust generiert etc. etc. Von den tatsächlichen Katastrophen die auch daraus entstehen möchte ich gar nicht sprechen…Ein wirklich wichtiges Thema! Danke.

  3. Uli sagt:

    Sehr schöner Ansatz. Nach einigen Jahren wirst Du vielleicht auch mal nicht ‚bessere‘ Ergebnisse haben. Und ab und zu kann es auch den Horizont erweitern doch mal auf die Anderen zu schauen, um ein sich selbst ein schönes neues Ziel auszugucken.
    Danke für die gute Beschreibung der Vergleichsfalle nach einem persönlich doch erfolgreichen Flug. Bei den ersten Versuchen sollte man da aber nur als sehr überzeugter Mensch reinfallen, irgendwann kommt sie aber fast sicher

    • liftuup sagt:

      Hey Uli. Herzlichen Dank für dein Kommentar – überaus wertvoll, von einem so erfahrenen Piloten und tollen Streckenflieger wie dir, zu dem Thema ein Feedback zu bekommen. Davon lebt der Blog! Beste Grüße aus dem Schwarzwald (nach München oder?)

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