Plauderecke | heute: Eric Trapp

Gleitschirmfliegen als Sport: Progression, Zielsetzung und die Möglichkeiten des Visualisierens

Dem Namen „Eric Trapp“ begegnete ich erstmalig auf dem Online-Streckenflugportal DHV-XC. Wie aus dem nichts heraus tauchte er plötzlich auf der Tageswertung unseres Hausbergs auf – und war unübersehbar, denn dieser Name stand fortan so gut wie immer ganz oben auf der lokalen Rankingliste. Das ging dann eine ganze Weile so, bis ich dieses „Phantom“ endlich einmal am Startplatz zu Gesicht bekam. „Du musst Eric sein!“ „Genau! Schön dich kennenzulernen und guten Flug“, war die knappe, freundliche Antwort des sympathischen jungen Piloten, bevor er elegant die Kappe in den Wind stellte, davon schwebte und sich nach gefühlten drei Kreisen schon im Vollgas gen Horizont verabschiedete.

Eric ist einer der zielstrebigsten und talentiertesten Piloten, den ich kenne. Das Fliegen erlernte der heute 24 Jährige im Kreise seiner Familie. Vater, Mutter, älterer Bruder – fliegen war bei Trapps von Anfang an Familien- und damit Gemeinschaftssache. Nachdem die vierköpfige Familie allesamt flügge waren und den A-Schein in den Taschen hatten, ging es regelmäßig zum Fliegen in die Vogesen (Frankreich). Mit einem fest installierten Wohnwagen auf dem örtlichen Campingplatz schuf man sich hierfür das perfekte „Basislager.“ Das erste Mal zwei, dann drei Stunden fliegen, die erste Talquerung vom Treh an den Drumont und alsbald auch wieder zurück – Eric merkte schnell, dass das Gleitschirmfliegen „sein“ Sport werden sollte. Dementsprechend geradlinig steil zeigte sich fortan auch seine Lernkurve.

Dass Eric aber nicht nur gut fliegen kann, sondern auch in Sachen Mentaltraining und Mindset ganz vorne mitspielt, konnte ich während einiger gemeinsamer Laufeinheiten erfahren. Gründe also genug, Eric einmal in die liftuup Plauderecke zu bitten. Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser, viel Spaß und gute Unterhaltung mit diesem Interview. Ich hoffe, ihr könnt aus Erics Worten genauso viel positive Denkanstöße und das gewissen Quäntchen Motivation für euch herausziehen, wie ich selbst.

liftuup: Hey Eric! Schön mit dir ins Gespräch zu kommen. Stell dich doch mal kurz meinen Lesern vor und sag ein paar Worte zu deiner bisherigen fliegerischen Laufbahn.

Eric: Hey, grüß dich! Ja, ich heiße Eric Trapp, bin 24 Jahre alt und komme ursprünglich aus Neckargemünd bei Heidelberg. Mit dem Gleitschirmfliegen habe ich 2011 begonnen. Im Anschluss an mein Abitur 2014 habe ich ein Maschinenbau Studium begonnen. Nach dem Bachelor Abschluss bin ich nun gerade dabei, den Master in Luft- und Raumfahrttechnik in Aachen zu machen. Das Gleitschirmfliegen hat mich schon während meiner Schulzeit begleitet. Mittlerweile ist das Fliegen neben dem Studium die Nr. 1 für mich. Ich habe mehr oder weniger mein Leben danach ausgerichtet. Die ersten 3 Jahre meines Fliegerlebens waren eigentlich rein vom Thermikfliegen, zusammen mit meiner Familie, geprägt. Die Ausbildung haben wir nämlich im Kreis der Familie absolviert. Sowohl mein Vater, meine Mutter als auch mein älterer Bruder fliegen.
Nach 3 Jahren „Familienfliegen“ hat es mich dann doch sehr in den Fingern gejuckt. Ich habe gespürt, dass in dem Sport weit mehr geht und dass ich mehr erreichen will. Da in meinem Leben, vor allem auch im Sport, schon immer ein bisschen der Leistungsgedanke eine Rolle gespielt hat und ich mich schon immer gerne mit anderen gemessen habe, ließ das auch beim Fliegen nicht lange auf sich warten. 2014 ging es im Rahmen des DHV Jugendevents in die Dolomiten. Dort habe ich Ferdinand Vogel kennenlernen dürfen. Ferdi hat mein Fliegerleben sehr geprägt und mich in dem Sport immens vorangebracht. Meine ersten ernsthaften Streckenflüge habe ich 2015 gemacht. Da war ich mit ebenfalls ambitionierten Fliegerkollegen in der Provence unterwegs. Auch im Schwarzwald konnte ich einige Strecken fliegen. 2015 bin ich dann auch schon von meinem Chili 3 auf den Mantra 6 von Ozone umgestiegen. Ende Juni/ Anfang Juli konnte ich dann mit dem M6 an meinem Hausberg, der Merkur bei Baden-Baden im Schwarzwald, den Gebietsrekord in freier Strecke aufstellen. Das waren damals etwas über 130 km. In dem Zeitraum hatte ich dann auch meine erste Teilnahme bei der DHV Junior- und Ladieschallenge (heute DHV Newcomer Challenge) in Greifenburg. Seitdem fliege ich auch in der Deutschen Gleitschirmliga. Im September 2015 konnte ich dann mit der DHV Jugend in Piedrahita weitere Streckenerfahrung sammeln und mein erstes 100er Dreieck fliegen. Das war richtig cool, dort mit vielen jungen motivierte Piloten unterwegs zu sein. Von Jungs wie Chris Bessei habe ich damals viel gelernt. Ein unglaublich geduldiger und taktisch super agierender Pilot. 2016 war demnach meine erste Ligasaison. Da merkte ich dann gleich, dass ich noch unheimlich viel zu lernen hatte. Konkurrenzfähig war ich damals noch lange nicht. Da hieß es für mich, einfach nur mitfliegen und lernen.

liftuup: Da wir beide regelmäßig in Kontakt stehen weiß ich, dass die 2019er Saison für dich persönlich ziemlich erfolgreich war. Gib uns doch mal einen kurzen Abriss.

Eric: 2019 war meine bisher beste Saison überhaupt. Wie ich vorher schon erwähnt hatte, waren meine ersten Jahre in der deutschen Gleitschirmliga ein reiner Lernprozess. 2018 hatte ich dann bereits das Gefühl, dass ich wirklich besser werde, dass da mehr für mich drin sein kann. Im Winter 2018 habe ich mich bereits gedanklich stark auf das Jahr 2019 vorbereitet und fokussiert. Ich konnte an meinem neuen Ozone Zeno gleich im März großartig in die Saison starten. Bei meinen ersten 5 Flügen im Jahr 2019 flog ich 4-mal über hundert Kilometer. In Bassano konnte ich einen tollen Flug von 190 km als flaches Dreieck realisieren. Ich fühlte mich fantastisch und hatte wirklich das Gefühl, dass für 2019 eigentlich alles passt und die Saison ziemlich gut werden könnte. Mit dieser zusätzlichen Spritze an Selbstbewusstsein wurde ich dann auch in den kommenden Wettkämpfen stärker und stärker. Ich kletterte langsam in den Platzierungen nach oben, was mich in meinem Tun zusätzlich bestärkte. Bei den Belgian Open am Grand Bornand, mein erster internationaler Wettkampf außerhalb der Liga, konnte ich im ersten Task fast immer unter den Top 5 mitfliegen. Den zweiten Task konnte ich letztendlich als Erster für mich entscheiden. Da wurde mir dann bewusst, dass meine taktische Ausbildung, die bis dato vor allem durch Ferdi Vogel und Marc Wensauer geprägt worden war, endlich Früchte trug. Ich konnte die gesetzten Tasks selbstständig analysieren und bewerten und die Erkenntnisse daraus dann auch in der Luft umsetzen.
Als Saisonabschluss konnte ich die NCC in Tolmin gewinnen. Das war dann ein mehr als gelungener Saisonabschluss!

liftuup: Ich denke es ist unschwer zu erkennen, dass sowohl das freie Streckenfliegen als auch das Wettkampffliegen deine großen Leidenschaften sind. Was reizt dich dabei im Einzelnen?

Eric: Der große Reiz beim Wettkampfliegen ist für mich, für einen begrenzten Zeitraum, so um die 2-3 Stunden, super intensiv und voll konzentriert unterwegs zu sein. Beim Wettkampffliegen ist deine Wahrnehmung total geschärft, du nimmst alles intensiver wahr. Nach der Landung hat man dann beim gemeinsamen Campen und Kochen Spaß mit Gleichgesinnten, kommt mit richtig guten Piloten in Kontakt, tauscht sich aus und lernt enorm viel dazu.
Das Streckenfliegen ist die Sache, von der ich im Nachhinein am meisten zehre. Wenn ich beispielsweise im Winter auf der Couch sitze und vor mich hinträume, dann habe ich die fantastischen Streckenflüge der vergangenen Saison so richtig lebendig vor meinem geistigen Auge. Das ist dann wie so ein Film, der in meinem Kopf abläuft. Wenn du im Schwarzwald auf 3000 Meter aufdrehst und aus der Höhe bis zu den erhabenen Alpen schauen kannst – das sind einzigartige Naturerlebnisse, die ich dann im Nachgang nochmal wie im 3 D Kino durchleben und genießen kann. Natürlich reizt mich am freien Streckenfliegen auch, mich selbst zu pushen, meine persönlichen Bests aufzustellen und diese dann immer weiter zu verschieben. Wenn dann noch gute Freunde oder sogar mein Bruder Nico als Flügelpartner dabei sind, dann wird das Ganze zu einem super intensiven Gruppenerlebnis – das ist dann die absolute Krönung.

liftuup: Ich weiß von dir, dass du auch im Ausdauersport eher der Wettkampftyp bist. Manche Menschen würden Wettkämpfe als zusätzlichen Stress neben ihrem ohnehin schon turbulenten Berufsalltag empfinden. Wie gehst du mit Wettkampf- bzw. Leistungsdruck um? Welchen Mehrwert ziehst du für dich daraus?

Eric: Ich fand das schon immer eher etwas befremdlich, dass beim Gleitschirmfliegen der Begriff „Wettkampf“ oft so negativ behaftet ist. Von meinem Elternhaus heraus habe ich Wettkämpfe nie als etwas Negatives vermittelt bekommen. Ich habe einen großen Bruder – das heißt mein ganzes Aufwachsen und Älterwerden war ein einziger langer Wettkampf (lacht). Das empfand ich aber immer als sehr positiv. Wir haben uns quasi immer und überall gegenseitig herausgefordert und gepushed – wer kann mehr essen, wer kann schneller rennen, wer ist der fittere Radfahrer. Wettkampf war bzw. ist für mich bis heute ein wichtiger Indikator, wo man selbst gerade leistungsmäßig steht. Beim Fliegen ist das nichts anderes. Nirgendwo sonst bekommst du so unmittelbares direktes Feedback über dein Tun wie beim Wettkampf. Wettkämpfe, egal ob beim Triathlon, Laufwettkämpfe oder auch Gleitschirm-Comps, sind die idealen Events, auf die man konkret hinarbeiten bzw. hintrainieren kann.

liftuup: Während einer gemeinsamen Laufeinheit hast du mal zu mir gesagt: „Gleitschirmfliegen ist ein Sport. In jeder anderen Sportart geht man wöchentlich trainieren, hat einen Trainer und/ oder einen Trainingsplan. Nur beim Gleitschirmfliegen nicht. Da gehen die Leute halt einfach fliegen, ohne wirklich was zu üben.“
Ich finde diesen Gedankenansatz spannend. Führ‘ das doch mal bitte etwas genauer aus.

Eric: Ich trainiere schon mein Leben lang. Früher Fußball und Badminton, später dann Laufen, Radfahren und dann auch Triathlon. Da gehörte es für mich einfach immer dazu, in Form zu bleiben. Dafür ist wöchentliches Training mit verschiedenen Trainingseinheiten obligatorisch. Beim Gleitschirmfliegen ist das natürlich schwieriger. Man ist einfach viel mehr vom Wetter bzw. den äußeren Faktoren abhängig.
Da ich besser werden wollte, habe ich einfach mal die richtig guten Piloten beobachtet und dabei festgestellt, dass diese in allen Bereichen einfach super gut waren: die konnten spielerisch Groundhandln, effizient in der Thermik steigen, schnell Fliegen und natürlich auch das Wetter und die örtlichen Gegebenheiten gut lesen. In zahlreichen Gesprächen haben solche Piloten mir erzählt, dass sie in ihrer Fliegerkarriere einfach schon wahnsinnig viel Zeit in die Fliegerei investiert haben. Du musst zunächst einfach ganz viel Fliegen gehen. Ist der Wind zu stark, geht man auf die Wiese und trainiert seine Bodenskills. Geht wettermäßig gar nichts, kann man sich im theoretischen Verständnis weiterbilden. Mir persönlich hilft es auch enorm viel, eine intensive Nachbereitung meiner größeren Streckenflüge und meiner Wettkampfteilnahmen zu machen. Da versuche ich, meine Flüge im Kopf und am PC ganz genau zu analysieren, taktische und technische Fehler zu erkennen und mir dann zu überlegen, wie ich mich in den analysierten (Schwach-)Punkten künftig verbessern kann.
Ich beobachte leider viele Freizeitpiloten, die immer nur an den Berg gehen und dann versuchen, sich irgendwie in der Luft zu halten. Die hauen sich abenteuerlich raus und eiern dann in der Luft herum, ohne irgendwie einen Plan im Kopf zu haben. Das geht dann Jahr ein Jahr aus so. Die sehe ich auch nie auf der örtlichen Trainingswiese zum Groundhandling, was sich wiederum in oftmals chaotischen Starts widerspiegelt. Ich denke, mit einem regelmäßigen Training bzw. dem Einbau diverser Übungen während des Flugs würden solche Piloten massive Fortschritte machen.
Oft spricht man in der Szene von Genusspiloten. Genuss hin oder her. Gleitschirmfliegen kann sehr schnell, ein sehr gefährlicher Sport werden. Wenn man mangelndes Können stets mit der Selbstklassifizierung, „ich bin halt Genusspilot“, abtut, zeugt das für mich eher von einer fehlenden Bereitschaft einer kritischen Selbstreflektion. Das mögen vielleicht harte Worte sein aber hey, die Leute sollen trainieren – das würde ihnen und unserem Sport einfach nur guttun.

liftuup: Ok, halten wir fest: auch bzw. gerade beim Gleitschirmfliegen sollte regelmäßig trainiert werden. Mal von regelmäßigem Groundhandling abgesehen; wie könnte nun also der lernwillige Pilot konkret sein „Fliegen gehen“ gestalten, um besser zu werden und regelmäßige Fortschritte zu erzielen?

Eric: Ein Patentrezept gibt es beim Gleitschirmfliegen natürlich nicht, da es ja ein sehr individueller Sport ist. Was ich aber in jedem Fall empfehlen kann ist, sich einen konkreten Plan zu machen. Am besten fängt man damit schon im Winter an. Einfach mal die Saison vorplanen: wann mache ich mein Sicherheitstraining? Das sollte auf jeden Fall fester Bestandteil einer Flugsaison sein. Hat man bereits mehr Erfahrung, kann man auch selbstständig über Wasser diverse Manöver trainieren. In Gebieten wie z. B. an der Gerlitzen findet man dafür ideale Rahmenbedingungen.
Wer sich im Streckenfliegen verbessern will, der sollte sich bei mindesten einem Event der Newcomer Challenge anmelden, bestenfalls natürlich zu allen drei Terminen – wetterbedingt kann ja immer mal ein Event ausfallen. Von Leuten wie Marc Wensauer, Ferdi Vogel oder Jonas Böttcher kann man einfach enorm viel lernen. Da kannst du dir Wissen zu Wettergeschehen, Streckenplanung, den sinnvollen taktischen Einsatz des Beschleunigers und vieles mehr abgreifen.
Ansonsten: gestaltet eure Zeit in der Luft sinnvoll. Klar, man darf natürlich auch mal gemütlich am Hausberg abhängen, das mache ich gelegentlich auch. Aber bei einem Großteil eurer Flüge sollte ihr euch gezielt Aufgaben stellen. Übt zum Beispiel den Einsatz des Gaspedals in Turbulenzen, die Pitchkontrolle mit dem Beschleuniger, Nicken und Rollen, das Thermik Kreisen auf eurer Schokoladenseite, etc. Analysiert eure Schwäche und trainiert diese gezielt, um letztendlich ein möglichst kompletter Pilot zu werden. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, um auch am Hausberg immer wieder Übungen einzustreuen.

liftuup: Thomas Mangold, ein bekannter Sportmentalcoach, sagte einmal in einem Podcast: „Ein Ziel ohne einen Plan, ist lediglich ein Wunsch.“ Sprich mal bitte über die Bereiche Zielsetzung und Zielerreichung.

Eric: Ich setze mir meistens mehrere kurz- bis mittelfristige Ziele, zum Beispiel über die anstehende Flugsaison hinweg.
Voraus geht erst mal eine Selbstanalyse: was kann ich noch nicht? Daraus formuliere ich mir dann meine Ziele: Wo will ich hin? Wie gut will ich werden? Ziele sollten konkret formuliert sein. Um diese zu erreichen, plane ich mir dann entsprechend die Saison. Welchen Plan benötige ich also, um die einzelnen, konkret formulierten Ziele zu erreichen. Daraus resultiert dann zum Beispiel mein Manövertraining, bzw. einzelne Strecken- und Wettkampfaufgaben. Wichtig ist hierbei, sein eigenes Tempo der Progression und der damit verbundenen Zielsetzung zu finden. Es wird immer andere geben die schneller besser werden oder denen einfach gewisse Dinge zufliegen.

liftuup: Stichwort „Visualisierung.“ Mittlerweile ein oft genutztes Tool aus dem Bereich des Mentaltrainings. Verwendest du dieses Tool selbst auch und wenn ja, wie wendest du es an?

Eric: Visualisierung ist bei mir ein großes Thema. Ich habe ziemlich bald in meiner Fliegerkarriere damit begonnen, meine Flüge vor meinem geistigen Auge Revue passieren zu lassen. Ferdi Vogel gab mir 2015 den Tipp, unsere Streckenflüge stets schriftlich zu fixieren, also quasi aufzuschreiben, was während des Fluges passiert und erlebt wurde. Da ich ein schreibfauler Mensch bin, habe ich eher versucht, das Ganze in Kopfarbeit zu machen. Ich habe die Flüge also in den DHV-XC hochgeladen und bin dann den Track quasi visuell nachgeflogen. Was habe ich konkret an welcher Stelle gemacht und warum? Das war so der Start in die Visualisierung. Das hat mir von Anfang an richtig gut getaugt. Mittlerweile habe ich das gut trainiert. Ich kann mir auch meine langen Streckenflüge detailliert merken und dabei in der mentalen Nachbereitung fast den kompletten Flug 1:1 nachfliegen.
Visualisierung nutze ich aber auch zur Vorbereitung auf Streckenflüge. Im Rahmen der Streckenplanung benutze ich Google Earth und versuche, mir das gesamte Gelände bzw. wichtige Schlüsselstellen einzuprägen. Dann stelle ich mir bildlich vor, wie ich dort entlang fliege, wo ich aufdrehe, etc.
Wenn ich dann tatsächlich im realen Flug an den entsprechenden Stellen bin, habe ich nicht das Gefühl, dass alles neu und unbekannt ist. Es fühlt sich eher vertraut an, als ob ich schon einmal dort gewesen wäre. Du generierst dir quasi im Kopf eine bereits bekannte Situation. Das gibt mir ein enormes Komfortpolster und damit einen entscheidenden Pluspunkt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Visualisierens ist für mich, sich einzelne Abläufe beim Fliegen bildhaft vorzustellen und einzuprägen. Ich denke mir beispielsweise meine Reaktion auf einen großen Klapper ganz intensiv durch, stelle mir die Bewegung und Beschleunigung der Kappe und meine Reaktion darauf vor. Oder beispielsweise beim Vollgasfliegen: da stelle ich mir hundertfach vor, mit meinem 2-Leiner voll im Gas durch Turbulenzen zu fräßen und über die B-Leinenebene die Kappe offen zu halten. Mir bringt das für Realsituationen enorm viel und die Umsetzung fällt mir dann viel leichter.

liftuup: Lass und diesbezüglich mal praxisnäher werden. Du konntest 2018 das größte FAI Dreieck (119km) überhaupt im Odenwald realisieren. Eine hoch beachtliche Leistung, wenn man sich das gemäßigte Relief und die Ausdehnung dieses Mittelgebirges einmal näher ansieht. Vor einigen Wochen hast du mir zudem von deinem 190er flachen Dreieck in Bassano erzählst, das du im März 2019 geflogen bist. Sprich doch mal bitte anhand dieser konkreten Beispiele darüber, wie es von der Idee in deinem Kopf über die Visualisierung bis hin zur praktischen Umsetzung kam.

Eric: Den Dreiecksflug im Odenwald zum Beispiel hatte ich schon super lange in meinem Kopf. Wie bereits bei deiner vorherigen Frage erwähnt, plane ich die Strecke zunächst am PC, setzte mir Weg- und Wendepunkte. Mittels Google Earth präge ich mir das Gelände dann ganz intensiv ein. Kurz vor Umsetzung des Plans, also wenn sich ein geeigneter Tag dafür anbahnt, fliege ich die Strecke oft auch mit dem Segelflugsimulator Condor ab. So habe ich dann auch aus der Flugperspektive schon mal alles gesehen. Damit schaffe ich mir das Gefühl, dass ich alles kenne, überall schonmal gewesen bin. Wichtig dabei ist auch, nicht nur den einen Plan im Kopf zu haben. Oftmals geht sich der Ursprungsplan auf Grund der äußeren Gegebenheiten nicht 1:1 aus. Darauf sollte man vorbereitet sein, um dann nicht planlos in der Gegen rumzueiern. Ein Plan B und C sollte also ebenfalls ausgearbeitet werden. Zum Beispiel das geplante FAI Dreieck verkleinern oder vergrößern oder doch auf ein flaches Dreieck gehen, etc. Fokussiert sein ja, aber eben nicht verkrampft an einem Plan festhalten, sondern im Kopf für die Strecke flexibel bleiben.

liftuup: Die meisten meiner Leser fliegen nicht so ambitioniert wie du es tust bzw. erreichen auch nicht deine jährliche Airtime. Dennoch: besser werden und damit sicherer unterwegs sein und obendrein auch größere Strecken fliegen, das ist der Wunsch vieler Piloten. Was sind deine Top 5 Tipps, um ein besserer Pilot zu werden.

Eric:
• Jährliches Sicherheitstraining
• Teilnahme an Einsteiger-Wettbewerben wie der DHV Newcomer Challenge (auch Anfänger)
• Gemeinsames Fliegen gehen mit wirklich guten Piloten und sich an eine Community von versierten, zielstrebigen Piloten dranhängen
• Vorbereitung zu Hause: Sein Material in- und auswendig kennen, alles perfekt auf sich einstellen. Dazu: Mentaltraining und Visualisierungsübungen: Abläufe durchdenken
• Nicht zu verbissen sein. Man kann beim Fliegen nichts erzwingen. Man muss mit der Natur fliegen und nicht gegen sie. Gesunder Ehrgeiz ist gut, aber man sollte sich Zeit geben für die persönliche Progression. Gleitschirmfliegen ist zum Glück ein Sport, den man sehr lange ausüben kann.

liftuup: X-Alps Athlet Gavin McClurg stellt in seinem tollen Podcast „Cloudbase Mayhem“ seinen Gesprächspartnern regelmäßig die folgende Frage (sinngemäß): Was würdest du aus heutiger Sicht dem Eric Trapp raten, der gerade seine ersten 50 Stunden Airtime auf dem Erfahrungskonto hat?

Eric: Häng dich direkt an die DHV Jungend dran. Fange früher mit Sicherheitstrainings an, übe viel mehr selbständig über Wasser und nimm so früh wie möglich an Wettkämpfen teil. Sei in manchen Situationen mutiger und probiere Neues aus. Gib dir selbst die nötige Zeit zum Lernen.

liftuup: Eric, meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das tolle Gespräch und die Einblicke, die du uns dabei in dein Fliegerleben und dein „Flieger-Mindset“ gegeben hast. Für die kommende Saison wünschen wir dir unvergesslich schöne Flüge und allzeit Happy Landings.

2 thoughts on “Plauderecke | heute: Eric Trapp”

  1. Chris sagt:

    Ferdinand, Eric, Chrigel – um nur einige Namen zu nennen – haben alle eines gemeinsam:
    Sie sind am Schirm (auch am Boden) wann immer es möglich ist.

    Ich denke für unseren Sport bewahrheitet sich einmal mehr:
    Übung macht den Meister!

    Wie man dabei Fortschritte erzielt, beschreibt Eric hier schon recht gut.

  2. Ferdi sagt:

    @Chris: schön wärs 🙂 Im Schnitt ca. 10-20 h pro Monat Airtime

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