Gedankenblase #02: Auf zur Nörgel-Detox-Challenge!

Mitte Februar. Wer in den vergangenen Wochen nicht die Flucht in wärmere bzw. Thermik freundlichere Gefilde angetreten hat, der leidet heuer wohl zusehends unter den fiesen Entzugserscheinungen der allwinterlichen Flugsucht. Die gute Nachricht dabei: Die neue Thermik- und Streckenflugsaison ist nicht mehr weit. Wer zeitlich flexibel reagieren kann, der erwischt bereits im Februar, spätestens jedoch Mitte März schon den ein oder anderen brauchbaren Flugtag. Greifen dann die ersten Aufwinde unter unseren Flügel und entlocken dem Vario ein munteres Freudenkonzert, lässt das unsere Pilotenherzen  höher schlagen. Wohingegen wir uns zu Beginn der Saison noch an den kleinsten Blubbern, Hebern und ersten Startplatzüberhöhungen erfreuen, weicht diese anfängliche, fast kindliche Begeisterung bei vielen Piloten im Verlauf der Flugsaison einer gewissen Unzufriedenheit, die sich nicht selten in einem Mix aus Nörgeln, Jammern und Klagen in die Außenwelt ergießt  – dies geschieht spätestens dann, wenn die hoch gesteckten Saisonziele nicht bzw. nicht umgehend erreicht werden. Das Nörgeln über Wind, Wetter, Thermik oder sonstige für das Fliegen entscheidende Umstände spielt sich in vielen Pilotenkreisen so fortlaufend von Saison zu Saison ab. Manche führen dabei das Wort, einige stimmen blindlings in das Wehklagen ein und andere wiederum hören einfach nur zu und nicken ab. Hinterfragt wird dieser Habitus selten. Warum eigentlich? Hat sich solch ein Gebaren vor dem Start oder nach der Landung in irgendeiner Form bewährt? Ich sagen: Nein! Unser Hobby und unsere Zeit in der Natur sind doch einfach zu wertvoll, als dass wir uns darauf fokussieren sollten, was gerade im Hier und Jetzt nicht so toll läuft oder passt.

Fühlst du dich vielleicht in manchen Situationen und Bereichen deines Fliegerlebens angesprochen? Falls ja, dann machen ich dir nun einen Vorschlag: Warum nicht die kurz vor der Haustür bzw. dem Hausberg stehende neue Saison freudig begrüßen, den Kopf-Kehraus machen und alte Zöpfe abschneiden? Strecke machen wir später – jetzt machen wir erstmal „Nörgel-Detox!“

Bereit? Dann möchte ich dich an dieser Stelle zunächst einmal abholen. Lies das folgende Szenario und stelle es dir ganz intensiv und bildhaft vor:

Wer kennt es nicht? Die Augen sind wie gebannt auf den Bildschirm gerichtet. Die Finger kribbeln. Die innere Aufregung steigt. Morgen! Morgen wird der Tag der Tage! Vor deinem geistigen Auge siehst du dich schon auf persönlicher Rekordstrecke unter einer frohlockenden Wolkenstraße dahingasen. Morgen! Deine Ausrüstung hast du bereits zum fünften Mal durchgecheckt. Dein Arbeitgeber hat dein Freigesuch bereits gestern bewilligt. Dann ist es endlich so weit. Der Tag, DEIN Tag, ist gekommen. Du stehst bereits früh morgens am Berg – das Uri sitzt und der Schweiß rinnt dir alsbald, brav der Schwerkraft folgend, unerlässlich über Brust und Rücken hinab. Dann nimmt der Tag seinen Lauf: Du ballerst dich hochmotiviert raus – und stehst keine 10 Minuten später am Landeplatz deines Hausbergs. Herrschaftszeiten! Das war wohl ein Tick zu früh. Schnell die Ausrüstung gepackt und wieder rauf auf den Berg. Versuch Nummer zwei. Meine Güte, ist das zäh heute. Nur mit Mühe und voller Konzentration tankst du etwas Höhe. Schon der erste Talsprung wird zur Zitterpartie. Kaum gemeistert, ziehen weitaus früher als gedacht Zirren herein und spreizen ihre milchig eisigen Finger über das Land. Du ärgerst dich, haderst mit der fehlerhaften oder missdeuteten Wettervorhersage. Und während du dem Kollektiv der vermaledeiten Wettergeister sämtliche unaussprechliche Flüche entgegenschleuderst, vermasselst du den nächsten thermischen Entstieg. Da stehst du nun, im klebrigen Nass deiner Thermowäsche, in dunkle Gedanken gehüllt, irgendwo im nirgendwo in Steinwurfweite deines Hausbergs. Was ist nur schiefgelaufen?

Jeder Pilot, der regelmäßig seine Ausrüstung schultert und an den Berg bzw. an die Schleppwinde geht, um seinem Hobby zu frönen, wird solche Szenarien kennen. Die tatsächlichen Wetterbedingungen machen uns einen Strich durch die Rechnung. Und dabei spielt es keine Rolle, was unser Ansinnen war: Ob Anfänger, der statt der erhofften Genussbedingungen scharfkantige Böllerthermik vorfindet; ob Hike & Fly Enthusiast, der sich nach einem anstrengenden Aufstieg mit unstartbarem Starkwind konfrontiert sieht; oder aber der oben beschriebene Streckenflieger, der auf Grund unerwarteter Wetterkapriolen seine hoch gesteckten Ziele nicht realisieren kann.

Passt die Wunschvorstellung nicht zur Realität, setzte das unsere Gedankenmaschinerie in Gang, innerhalb derer wir diejenigen Dinge bewerten und einordnen, die um uns herum geschehen. Leider fokussieren sich unsere Gedanken dabei in der Regel verstärkt in Richtung des Problems, mit dem wir uns konfrontiert sehen. In der Psychologie spricht man hier von Problemorientierung bzw. problemorientiertem Denken.

Viele Menschen benutzen als nächsten Schritt dann die Sprache als kommunikatives Instrument, um die eigene Wahrnehmung zu strukturieren, kundzutun und sich in der Folge die externe Bestätigung aus dem Kreis ihrer Zuhörer einzuholen. Die Geburtsstunde des weit verbreiteten Nörgelns und (Be-)Klagens!

Problemorientiertes Denken steht einer sicherheitsbewussten und genussvollen Ausübung unseres Sports entschieden entgegen – denn es führt auf direktem Wege in eine gedankliche Einbahnstraße. Eigentlich verständlich: Indem wir uns rein auf das Problem fixieren und im Geiste mit den damit verbundenen Schwierigkeiten hadern, schränken wir unsere Wahrnehmung massiv ein – wir blicken quasi in einen dunklen, engwandigen Tunnel, der unsere Sicht auf unsere Umwelt stark begrenzt. Dass solch ein eingeschränkter Wahrnehmungskanal denkbar schlecht für sicheres und erfolgreiches Fliegen ist, lässt sich gut nachvollziehen. Für’s Meiden gefährlicher Situationen oder das Weiterkommen an kniffligen Schlüsselstellen benötigen wir jedoch ganz dringend einen möglichst uneingeschränkten Rundumblick. Nörgeln, Jammern und Klagen sind dabei eben genau die verbalen Ausdrucksformen, die uns eher tiefer in diesen dunklen Wahrnehmungstunnel hineinbugsieren, als uns den erwünschten Klarblick verschaffen.

Mit unserer Nörgel-Detox-Challenge gestalten wir unsere Flugsaison 2020 anders! Wir erleben die kommende Saison nörgelfrei und fokussieren uns stattdessen auf die Dinge, die uns Freude bereiten und die uns wirklich weiterbringen.

Aber wie genau sollst du dabei vorgehen?

Um unsere altgewohnten Gedankenmuster aufzubrechen und an deren Stelle ein neues Mindset zu etablieren, arbeiten wir auf zwei Ebenen: Zum einen richten wir unseren Fokus auf unsere Kommunikation nach innen (deine „innere Stimme“) und zum anderen betrachten wir unsere Kommunikation nach außen (die verbale Interaktion mit deiner Umwelt).

1. Nörgelfrei nach innen

Nehmen wir an, du triffst am Starplatz oder während des Fluges auf Bedingungen, die nicht mit deinen Wunschvorstellungen übereinstimmen. Sicheres Starten bzw. weiterfliegen (Sicherheit hat selbstverständlich oberste Priorität) ist gewährleistet, aber es läuft eben nicht so rund wie erhofft. Vielleicht merkst du jetzt, dass sich deine Gedanken an das Problem heften und deine innere Stimme in Schimpfen und Nörgeln verfallen möchte (Wind dreht, Thermik schwächelt, blaues Loch auf der Flugroute, etc…) Genau hier stellst du das gedankliche Stoppschild auf. STOPP! Genau! Forme das Wort gedanklich, Buchstabe für Buchstabe, oder sprich es sogar laut aus, wenn dir das hilft: STOPP! Heute bist du nörgelfrei! Konzentriere dich nun voll und ganz auf das „Jetzt“ – auf das, was du gerade in diesem „Jetzt“ alles auf deiner Habenseite verbuchen kannst. Lege deine Habenseite auf eine gedankliche Waagschale und stelle dir diese bildlich vor. Siehst du den Ausschlag? Stell dir vor, wie sich der rote Zeiger unvermittelt in Richtung deiner Habenseite bewegt. Konkreter? Du hast frei! Du musst nicht im Büro sitzen! Du erlebst eine Bewegungsart, eine Form der Freiheit, eine Dimension, die nur ein Bruchteil der Menschheit genießen kann. Schau dir die majestätische Bergwelt um dich herum an. Schau zu deinem Schirm. Ist er nicht schön? Mach dir das Wunder bewusst, dass du mit diesem Stückchen Stoff solche fantastischen Orte so federleicht besuchen darfst. Ein Glückspilz musst du sein! Setze bewusst ein breites Grinsen auf! Strahle! Lächle! Du wirst sehen, deine Muskeln werden sich entspannen, dein Geist klart auf. Dein Wahrnehmungskanal bleibt offen und weit gefächert. Je regelmäßiger du ein solches „Umpolarisieren“ deiner gedanklichen Bewertungen trainierst, desto schneller kannst du dich künftig von der Problemfixierung lösen und dich auf die zur Verfügung stehenden Lösungen fokussieren.

2. Nörgelfrei nach außen

Kennst du Menschen aus Alltag oder Beruf, die ständig nur über Probleme reden? Menschen, die rund um die Uhr über Missstände klagen, über ihre Mitmenschen lästern und ihr Umfeld anfeinden? Findest du das nicht auch super anstrengend und kräftezehrend? Es ist destruktiv, energieraubend und zieht dich fast automatisch in ein bodenloses Stimmungstief. Mit unserer Sprache teilen wir uns unserer Umwelt mit. Bewerten wir die Dinge um uns herum positiv und wählen wir dabei bewusst eine Kommunikation, die lösungsorientiert und konstruktiv ist, so beeinflussen wir sowohl (positiv) unser Umfeld als auch unsere eigene innere Haltung. Achte also auf deine Sprache. Versuche freudig, motivierend und lösungsorientiert zu kommunizieren. Schwächelt die Thermik? Egal, dann trainieren wir eben unser  Feingefühl für seichte Nullschieber. Bläst es zu stark? Wurst, gehen wir eben auf die Wiese und arbeiten an unseren Bodenskills. Geht weder das eine noch das andere? Wie wäre es mit einem gemeinsamen Cappuccino oder alkoholfreien Bier mit den Fliegerbuddies? So kann man sich in aller Ruhe austauschen, über vielversprechende neue Flugrouten fachsimpeln oder die eine oder andere geplante Hike & Fly – Unternehmung en detail durchsprechen.

Kopf-Kehraus. Jetzt!

Die neue Flugsaison steht unmittelbar bevor. 2020 wird anders. 2020 wird der Knaller – denn wir nörgeln nicht mehr über Nichtigkeiten. Fliegen ist geil! Am Berg sein ist geil! Wir eignen uns ein Mindset an, mit dem wir fortan lösungsorientiert arbeiten. Anstelle von Problemen, erkennen wir die Herausforderungen der jeweiligen Situation – und  aus jeder dieser Situation lernen wir etwas, ganz egal ob am Boden oder in der Luft.

Steig jetzt ein in deine persönliche Nörgel-Detox-Challenge. Mach den Selbsttest: März und April bleibst du nörgelfrei. Wie fühlt sich das an? Hänge Mai und Juni dran. Hammer, oder? Ich wette, du behältst dir dieses Mindset auch für den Rest deines Fliegerlebens bei.

Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg mit deinem persönlichen Weiterkommen. Auf dein Feedback freue ich mich sehr!

Achtung:

Gefahren und Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen, hat in unserem Sport aller oberste Priorität. Dieser Artikel soll lediglich dazu dienen, das eigene Mindset so zu strukturieren, dass wir unser tolles Hobby noch schöner und intensiver wahrnehmen und erleben können.

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