Gedankenblase #03: Verein ist Erlebnisraum und Entwicklungsraum – und er ist vor allem eines: echt.

Herzlich willkommen, liebe Leserinnen und Leser, zu einer neue Ausgabe der liftuup Gedankenblase. Heute darf ich euch den allerersten Gastbeitrag auf meinem Blog präsentieren – was mich natürlich ganz besonders freut! Ralf Baumann, beruflich als freier Texter und Redakeur und im Gleitschirmverein Baden e. V. als Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig, wirft unter anderem die Frage auf, was ein Gleitschirmverein in der heutigen Zeit noch sein kann und will. Wieviel Verein braucht es heutzutage eigentlich noch, wo doch dank Whats App, Facebook, Instagram und co. die nächste Fliegerausfahrt mit den Kumpels nur einen Klick bzw. eine Message weit entfernt ist? Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen. Über reges Feedback freuen sich Ralf und ich gleichmermaßen!


Verein ist Erlebnisraum und Entwicklungsraum – und er ist vor allem eines: echt.

Gastbeitrag von Ralf Baumann


Ich erinnere mich lebhaft an meine erste Jahreshauptversammlung des Gleitschirmverein Baden e.V., die Schwarzwaldgeier, ich glaube es muss so im Jahr 2012/2013 gewesen sein. Mein damaliges Fazit: Auf so eine öde und zerstrittene Veranstaltung, in der es nur um bürokratisches Kleinklein geht, geh ich nie mehr! Naja, ich war dann am Ende nicht ganz so konsequent und bin seither jedes Jahr hingegangen, die letzten fünf oder sechs Mal – ich habe nicht mitgezählt – als Vorstandsmitglied für den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Nicht dass mich irgendwann das „Vereinsvirus“ gepackt hätte, nein. Doch man fängt an zu verstehen, dass es wichtig ist, dass etwas gemacht wird. Andererseits wurden auch die Jahreshauptversammlungen immer besser und ich darf sagen, die in 2020 war die beste, die ich je erlebt habe! Warum? Weil sich in meinen Augen die positive Atmosphäre, die sich in den vergangenen Jahren in unserem Verein entwickeln konnte, auf die Mitglieder übertragen und zu einer spürbar guten Stimmung geführt hat. Ein Gefühl von „ich darf“, nicht „ich muss“. Und nur so geht Verein.

Verein ist für mich heute ein lebendiges Organ echten Miteinanders, echten Erlebens, echter Wissens- und Werteweitergabe. Ein Raum der freiwilligen Begegnung mit Menschen, an deren Andersartigkeit jeder für sich wachsen kann. Unterschiedliche Charaktere, verschiedene Lebensgeschichten verbindet ein gemeinsames Interesse: Fliegen. Das alles verschmilzt zu einer vielgestaltigen Einheit, die Gegenwart weiterbewegt und Zukunft schafft. Dabei wäre es zu einfach den Verein als Gegenpol zur digitalen Welt zu sehen. Beide ergänzen sich. Der Verein deckt den Bedarf nach echtem Erleben und echter Gemeinschaft – und dieser Bedarf ist groß. Auch wenn ich als Pilot heute alles über Social Media organisieren und kommunizieren kann – was ich sehr gut finde, weil es mich frei macht und ich noch mehr Vielfalt vor Augen habe – eines kann ich online nicht: Nach einem geilen Flugtag am Landeplatz an der Feuerschale sitzen und mich mit anderen Menschen angekommen und angenommen fühlen. Ein Verein ist für mich mehr als eine Interessengemeinschaft, er ist eine Art Zuhause auf Zeit, in das ich bei Bedarf immer wieder gehen und auf das ich immer wieder zugreifen kann. Das muss und darf man leben, das muss und darf man pflegen, das muss und darf man bauen.
Der Verein bietet mir beim Gleitschirmfliegen die Möglichkeit, Individualität in einem gesicherten Raum zu leben. Und wenn man es mal ökonomisch betrachtet: So viel Gemeinschaft, so viel Mensch, so viel Know-how und Erlebnis bekomme ich für so wenig Verpflichtung, Zeit und Geld sonst kaum wo in der westlichen Welt. Und darum hat Verein für mich nicht nur Zukunft, Verein ist für mich die Zukunft.

Verein hat zwei Dimensionen: die fachliche und die menschliche. In der fachlichen Dimension bietet der Verein ein verselbstständigtes Angebot an lebenslangem und (fast) kostenlosem Lernen. Durch die Kommunikation und den Austausch mit anderen Piloten nimmt man automatisch Wissen auf und gibt selbst Erfahrungen weiter. Der Verein ist ein Wissensmotor, der in dieser Form alternativlos bleibt. Was man allein schon an einem Flugtag im Dialog mit anderen Piloten an Wissen und Erfahrung für sich mitnehmen kann, ist enorm. Natürlich brauche ich dafür nicht unbedingt diese Form der Organisation. Doch der Verein hat einen Vorteil: Man ist nach einiger Zeit Teil des Diskurses und braucht keine Kommunikationshürden zu wildfremden Piloten zu überwinden. Noch besser ist es, wenn Vereine aktiv am Kompetenzauf- und -ausbau arbeiten, etwa durch gemeinsame Trainings zum Starten, Landen und Groundhandling oder Seminare zu Flugtechnik- und -sicherheit.
Die fachliche Dimension kann nur funktionieren und prosperieren, wenn die menschliche Dimension stimmt. Um etwas zu zerstören braucht es wenige Menschen, um etwas aufzubauen viele – und viel Zeit. Was bedeutet, dass jeder im Verein vorleben kann und soll, was ein gutes Miteinander ausmacht: Freundlichkeit, Respekt, Toleranz, Integration und Freiheit. Dabei muss man als Verein klar definieren, was man fördern will, aber auch eindeutig Grenzen ziehen hinsichtlich der Faktoren, die Gemeinschaft gefährden. Das Unbekannte im Anderen belebt und befördert einen selbst und fordert unbedingt Toleranz. Unbedingte Toleranz jedoch, im Sinne von Poppers Toleranz-Paradoxon kann sich selbst gefährden. Daher braucht Verein gleichermaßen Zuspruch und Widerspruch, Selbstbewusstsein und Selbstverteidigung im Umgang mit seinen Interessen und Werten – nach innen wie nach außen. Und ein Verein braucht vor allem eines: Menschen, die sich selbst als verantwortungsvollen Teil des Ganzen sehen und einbringen. Man muss kein Vorstandsmitglied sein, um die Werte und Interessen eines Vereins aktiv zu vertreten. Im Verein ist jeder Verein.

Verein hält den Rücken frei und stärkt den Rücken. Gerade in der deutschen Gleitschirmlandschaft ist der Verein der „Enabler“ schlechthin, derjenige, der Fliegen erst möglich macht. Ohne Vereine keine Gelände, ohne Gelände kein Gleitschirmfliegen. Die Tagesmitgliedschaft zu zahlen, freiwillig und unaufgefordert, ist ein Zeichen des Respekts vor den Menschen, die es mir als Piloten möglich machen überhaupt zu fliegen. Dafür, dass alles rund läuft, müssen sich Vereine intensiv um die Geländepflege und den Erhalt ihrer Interessen kümmern, was Geld, Zeit und Ressourcen kostet. Kommunikation und Interaktion mit Ämtern und Behörden, Umweltverbänden, Anliegern, benachbarten Interessensgruppen, Grundstückseigentümern, Feuerwehren, Bergwachten, der Polizei und, und, und, das kostet Zeit und macht nur bedingt Spaß. Wer einmal in einem Meeting mit diversen Ämtern und Behörden saß, die kurz davor waren das Ordnungsamt dazu zu bewegen, einen Startplatz zu schließen, weiß wovon ich rede. Spaß ist in diesem Fall nicht die Währung, die aufs Machen-Konto einzahlt. Das sind Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein und im besten Fall der Glaube daran, dass man die Welt vor seiner Haustüre einen Finger breit besser machen kann. Für mich persönlich ist Verein genau das: Eine Möglichkeit, die Welt in der ich lebe – meine Welt, hier und jetzt – , ein ganz, ganz, ganz klein wenig besser zu machen – und wenn es nur ist, indem ich versuche freundlich zu sein, hilfsbereit zu sein und anderen vielleicht auch das zeige, was mich als Menschen mit ausmacht, meine Persönlichkeit in all ihren Facetten. Der Mensch wird nicht nur wertgeschätzt, wenn er erfolgreich ist – gerade an anderen Tagen, denen, an denen man nicht am höchsten, weitesten oder längsten geflogen ist, ist man oft mehr Mensch als an den Dominator-Tagen, an denen man neben sich und dem eigenen Erfolg niemand anderen sieht, hört, spürt und zulässt. Verein braucht gegenseitige Sensibilität mehr als gegenseitiges Sich-Beeindrucken. Der Verein ist ein Partner. Ein Partner stärkt einem den Rücken und im Verein kann man sowohl den eigenen Rücken stärken lassen als auch anderen den Rücken stärken.

Verein fordert und fördert den Menschen. Was ist die schlimmste Konsequenz für Fehlverhalten im Gleitschirmverein? Rausschmiss. Und? Dann geht man ins nächstbeste Fluggebiet, fertig – unangenehm, ja, aber nicht das Ende aller Tage. Meist gehen Leute, die sich nicht mit anderen „vereinen“ können oder wollen früher oder später von selbst. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Es gibt im Verein, speziell im Gleitschirmverein, keine wirklich harten Restriktionen, denen sich der Einzelne ausgesetzt sieht. Im Beruf wird man abgemahnt, verliert man seinen Job oder Kunden und die Existenz ist gefährdet, benimmt man sich wie die Axt im Walde. Im Freundeskreis verliert man Freunde und damit Halt und Sicherheit und gefährdet im weiteren Sinn auch seine Existenz, wenn man auf Rambo macht. Und im Verein? Im Verein passieren keine schlimmen, existenzbedrohenden Dinge, verhält man sich wie der Elefant im Porzellanladen. Und das ist die große Herausforderung am Verein, die dieser an jedes Mitglied stellt: Die einzige Maxime des eigenen Verhaltens sind das eigene Verhalten-Wollen und Verhalten-Können selbst. Das macht es einerseits zur Herausforderung, sich selbst immer wieder gleichermaßen zu zügeln und zu motivieren und andererseits kann es einem gerade dadurch viel bringen, dass man sich selbst eigene Grenzen des „guten Verhaltens“ setzen kann und muss.
Im Verein darf sich jeder immer wieder selbst definieren und disziplinieren. Das ist stets aufs Neue eine anspruchsvolle Aufgabe, die nur man selbst an sich stellen und erfüllen kann. Von daher kann man sich in einem Verein auch in seiner Menschwerdung und Reifung als gesellschaftliches Wesen weiterentwickeln. Das wichtigste Werkzeug dazu: Kommunikation. Mit anderen und mit sich selbst.

JFK soll gesagt haben: „Frage nicht was Dein Land für Dich tun kann, frage was Du für Dein Land tun kannst.“ Ich würde weiter gehen und auf den Verein bezogen sagen: „Frage was Du für Deinen Verein tun kannst, frage aber auch was Dein Verein für Dich tun kann!“ Denn indem Du den Verein fragst, stellst Du ihn konstruktiv infrage und zeigst ihm so, was die Menschen, aus denen er besteht, im innersten bewegt – und das ist dann echter, gelebter Verein – immer im Wandel, immer im Wachsen begriffen.


Autor: Ralf Baumann, Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Gleitschirmverein Baden e.V., die Schwarzwaldgeier. Karlsruhe, 25. Februar 2020

2 thoughts on “Gedankenblase #03: Verein ist Erlebnisraum und Entwicklungsraum – und er ist vor allem eines: echt.”

  1. Hallo Rüdiger,
    Danke für den Beitrag von Ralf in deinem Blog.
    Besser kann man den Wert der Vereinsarbeit nicht auf den Punkt bringen.
    Genau diese Erkenntnisse haben mich, als bekennenden „Nicht Vereinsmeier“, bewogen in einen Gleitschirmverein einzutreten.

    Viele Grüße
    Manfred

    • liftuup sagt:

      Hallo Manfred,

      herzlichen Dank für dein Feedback, das ich natürlich umgehend an Ralf weitergebe 🙂
      Und an Dich bzw. den gesamten Verein der Teufelsflieger richte ich an dieser Stelle ein großes Dankeschön. Ich fühle mich als Gastflieger bei euch jederzeit herzlichen willkommen und pudelwohl. Die Orga ist super, das Gelände unglaublich toll gepfelgt – man merkt einfach, wieviel Herzblut ihr da rein steckt. Danke dafür 🙂 bis bald am Berg!!

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