Plauderecke | heute: Timm Asprion

Vom Hausberg zum Horizont. Streckenfliegen im Schwarzwald

 

Die Fliegergemeinde im Schwarzwald ist bunt – hier tummeln sich Hike & Fly Enthusiasten, Genuss-Thermikkurbler, Powersoarer und Streckenflieger. Streckenfliegen und Schwarzwald, das ist so eine Sache: Viele Bäume und in weiten Teilen wenige Landemöglichkeiten schrecken den Streckenflugneuling nicht selten davor ab, den sicheren Hausberg zu verlassen. Dazu ist das Relief Deutschlands größten Mittelgebirges weder alpin noch topfeben. Also weder so richtig Gebirgs- noch Flachlandfliegen. Weder Fisch noch Fleisch könnten böse Zungen behaupten. Aber vielleicht macht genau das den Reiz des Streckenfliegens im Schwarzwald aus, muss man sich doch sowohl den Tricks und Kniffen der Gebirgsfliegerei als auch denen des Flachlandfliegens bedienen, um hier kilometermäßig so richtig abzuräumen.

Einer, der die Schwarzwälder Gleitschirmszene regelmäßig mit atemberaubenden Streckenflügen bereichert, ist Timm Asprion. Viele Locals kennen Timm nur vom online Streckenflugportal DHV-XC. Denn wer Timm einmal „live“ sehen will, muss ziemlich früh dran sein. Nicht selten schwingt sich der 32-Jährige, gebürtig aus Horb am Neckar stammende Pilot schon gegen 10:00 Uhr in die Lüfte, um dann sechs bis acht Stunden später mit weit über hundert Kilometern auf der XC-Uhr wieder sanft einzuschweben. Timms bevorzugte Flugreviere sind dabei die Zuflucht bei Oppenau und die weniger bekannte Vogtmaiers Kanzel bei Bad Griesbach. Von dort gelangen Timm bereits unglaublich beeindruckende Streckenflüge, wie zum Beispiel ein 170 km Flug als freie Strecke oder auch ein 155 km FAI Dreieck. Oder eben mal schnell mit dem Gleitschirm vom Schwarzwald aus an den Bodensee düsen? Für Timmi, wie ihn seine Fliegerkumpels nennen, kein Problem.

Na, neugierig geworden? Ich schon. Und so bin ich sehr dankbar dafür, dass Timmi meinem Ruf gefolgt ist und es sich für eine ganze Weile in der liftuup Plauderecke bequem gemacht hat – so konnte ich Timmi endlich mal mit all meinen Fragen löchern. Ob ich dabei das eine oder andere „Geheimnis“ rund ums Streckenfliegen im Schwarzwald lüften konnte, lest ihr im folgenden Interview. Viel Spaß dabei!

copyright: T. Asprion

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liftuup: Hey Timmi. Schön dass du bei mir zum Gespräch bist. Stell dich doch meinen Lesern einfach mal selbst vor.

Timmi: Hallo Rüdiger. Herzlichen Dank für die Einladung zu dem Gespräch mit dir. Mein Name ist Timm Asprion, ich wohne etwa 60 km südlich von Stuttgart, im Kreis Freudenstadt, in der Nähe von Horb. Ich bin 32 Jahre alt, verheiratet und von Beruf Automatisierungstechniker. Ich fliege seit 2014 Gleitschirm.

liftuup: Wie verlief denn deine bisherige Fliegerkarriere? Skizziere uns mal deinen Weg vom blutigen Anfänger zum heutigen versierten Streckenpilot.

Timmi: Wie schon gesagt, 2014 habe ich mit dem Gleitschirmfliegen begonnen. Aber eigentlich ging das Ganze schon seit 2008 seinen Weg. Da habe ich das erste Mal vom Gleitschirmfliegen gehört bzw. da habe ich erfahren, dass Gleitschirmfliegen auch im Schwarzwald, also bei uns in der Nähe, möglich ist. Obwohl ich im Kreis Freudenstadt lebe, wusste ich bis dahin überhaupt nicht, dass man auch hier bei uns Gleitschirmfliegen kann. 2008 hatte sich mein Vater dazu entschieden die Ausbildung zum Gleitschirmpiloten zu beginnen. Ich war dann einfach mal mit dabei und habe mir das aus Neugier angeschaut. Ich beobachtete dabei dann Piloten am Stöckerkopf in Baiersbronn, wie sie ihre Abgleiter machten. Bei den Piloten handelte es sich überwiegend um ältere Männer, die solche Ganzkörper-Flugoveralls in schrägen Farben trugen und die einen Startabbruch nach dem anderen hinlegten – letztendlich mit dem Resultat, dass sie nach dem Abheben zwei bis drei Minuten später wieder am Boden standen. Mir war dann recht schnell klar, dass das eher kein Hobby für mich sein könnte; schließlich war ich jung und suchte irgendetwas mit Abenteuer und Action.

Irgendwann einmal kam mein Vater nach einem Flugtag nach Hause und erzählte mir, dass es Piloten gäbe, die mit diesen bunten Gleitschirmen auch auf Strecke gehen würden. Es gäbe sogar Cracks, die vom Stöckerkopf in Baiersbronn bis zu uns heim geflogen wären bzw. sogar über unser Haus hinweg. Immerhin sind das unfassbare 30 km. Das änderte gedanklich alles und ich dachte mir: ΄Wow, das ist ja dann doch was anderes, als was ich damals am Stöckerkopf gesehen habe.΄ Von da an interessierte ich mich immer mehr für diesen Sport und begann letztendlich 2014 meine Pilotenausbildung. Ich stiegt also ins Gleitschirmfliegen wegen der Möglichkeit des Streckenfliegens ein. Das war von Anfang an das, was mich immens reizte. Die Vorstellung, einen Rucksack zu haben, in den ein ganzes Fluggerät passt, gefiel mir sehr – und damit dann solche unglaublichen Strecken wie von Baiersbronn zu mir nach Hause fliegen zu können, ganz ohne Motor, ohne Lärm, ohne Krach, einfach frei wie ein Vogel – das sprach mich unglaublich an und auch heute noch bin ich ganz fasziniert von diesem Gedanken.

Nach dem A-Schein folgte recht bald der B-Schein. Das allererste große Ziel, das ich damals verfolgte, war natürlich von meinem Hausberg aus heim zu fliegen. Nach dem ich das geschafft hatte wurde mir bewusst, dass es ja noch super viele andere tolle Ziele in der Region gab, die ich gerne mal mit dem Gleitschirm besuchen wollte. Zum Beispiel zur Burg Hohenzollern fliegen oder sogar mal an den Bodensee – ja, so nahm das alles dann irgendwie seinen Lauf.

liftuup: Ganz allgemein: Welche Bedeutung, welchen Stellenwert hat für dich das Gleitschirmfliegen? Und was macht für dich den besonderen Reiz des Streckenfliegens aus?

Timmi: Gleitschirmfliegen hat einen wirklich hohen Stellenwert in meinem Leben. Es ist mit Abstand das schönste Hobby für mich. Fliegen wie ein Vogel – das ist einfach mit nichts anderem vergleichbar und ich habe durch die Fliegerei für mich persönlich, ja für mein ganzes Leben, so vieles gelernt. Fliegen bereichert mich immens! Wie oft steht man im monotonen Alltag an einem Punkt, an dem man, bewusst oder auch unbewusst. denkt bzw. fühlt, man habe alles im Griff, nichts kann passieren; das Leben läuft eben so vor sich hin und man hat die völlige Kontrolle darüber. Gleitschirmfliegen holt mich dann immer wieder auf angenehme Art und Weise auf den Boden der Tatsachen zurück: Wenn dich die Kräfte der Natur mal so eben auf 2000 Meter katapultieren und du in dieser atemberaubenden Höhe so dahingleitest, dann wird mir immer wieder klar, wie klein, wie unwichtig man eigentlich ist. Da kommt bei mir dann ein Gefühl von Bescheidenheit und Demut auf. Fliegen ist ein Spiel mit den Elementen der Natur, von denen wir abhängig sind. Mit der Brechstange funktioniert da nichts. Man muss die Gegebenheiten hinnehmen wie sie sind, sich darauf einlassen und darauf richtig reagieren. Das macht für mich den besonderen Reiz des Gleitschirmfliegens aus. Solche Momente der Klarheit, Momente, in denen sich das Leben auf das Wesentliche reduziert, erfahre ich beim Fliegen ganz intensiv. Das gefällt mir und ich bin sehr dankbar dafür, so etwas machen und erleben zu dürfen.

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liftuup: Verglichen mit anderen Freizeitpiloten verläuft deine persönliche Lernkurve doch recht steil und geradlinig nach oben. Zufall oder System?

Timmi: Teilweise Zufall, teilweise System. Ich betrachte das Ganze gerne so: ich kann mich in einer Woche beispielsweise eine Stunde hinsetzen und mich mit der Thematik Streckenfliegen in der Theorie auseinandersetzten – Informationskanäle gibt es zur Genüge: Bücher, YouTube Videos, Flüge auf Onlineservern, etc. Oder ich gehe beispielsweise einmal pro Woche für eine Stunde auf die Wiese zum Groundhandeln. Mache ich das regelmäßig, sollte ich dabei meine eigenen Fortschritte sehen und diese bewerten können. Werde ich peu à peu besser, komme ich also voran, dann ist alles gut und ich kann so weitermachen. Stagniere ich allerdings in meinem Lernfortschritt über einen gewissen längeren Zeitraum hinweg, dann muss ich mir Gedanken machen, was ich ändern kann und sollte. Klar, nach vielen Jahren des Fliegens und theoretischen Lernens wird die Lernkurve irgendwann allmählich flacher werden, aber es sollte dennoch langzeitlich betrachtet ein Weiterkommen erkennbar sein.

Habe ich das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und meine selbst gesteckten Ziele nicht zu erreichen, dann muss ich gewisse Parameter umstellen. Wie in allen Bereichen des Lebens gilt auch beim Gleitschirmfliegen: Übung macht den Meister! Investiere ich eine Stunde pro Woche in die Fliegerei und stagniere irgendwann, so sollte ich versuchen, künftig 1,5 oder 2 Stunden für mein Hobby aufbringen zu können – stecke ich mehr rein, kommt mehr dabei raus. Klingt simpel, ist es eigentlich auch. Als Beispiel dienen die vielen weiten Flüge guter Streckenpiloten. Schaut man sich mal deren Historie an, dann stellt man in der Mehrzahl fest, dass beispielsweise deren 200er Dreiecke nicht von heute auf morgen erflogen wurden. Oft ist zu erkennen, dass der- oder diejenige über viele Flüge hinweg einen Plan verfolgte. Bis zur Zielerfüllung, also das 200er Dreieck, standen diese Piloten bereits viele Male vorzeitig am Boden, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Aber Kontinuität zahlt sich eben aus. Hält man an einem Ziel fest, arbeitet darauf hin und tut alles für einen selbst Mögliche dafür, dann wird man sein Ziel auch früher oder später erreichen.

Wie man sehen kann, hinter dem Erfolg beim Fliegen steckt also größtenteils System. Ganz kann man Zufall und Glück natürlich nicht ausklammern. Da wären natürlich zum einen die Wetterbedingungen, vor allem aber denke ich hier an Lebensumstände, die man eben nicht oder nur begrenzt ändern bzw. umgestalten kann. Familie, Kinder, Beruf – da muss man mit dem persönlichen Zeitbudget schon sehr gut haushalten.

liftuup: Noch vor 10 Jahren gab es im Schwarzwald, abgesehen von einigen kühnen Drachenpiloten, nur wenige wirklich weite Streckenflüge mit dem Gleitschirm – wenn Strecken geflogen wurden, dann hat man sich meistens bei knackigem Wind one way verblasen lassen. Heute meistern Piloten wie Samuel Blocher, Matthias Wehrle oder auch du bemerkenswert große geschlossene Aufgaben. Welches XC Potential siehst du im Schwarzwald? Ist die Grenze des Möglichen schon erreicht?

Timmi: Da sage ich natürlich immer NEIN. Die Grenze des Möglichen ist definitiv nicht erreicht. Wir Menschen sind auf Weiterentwicklung und Fortschritt ausgelegt. Betrachtet man alleine den Materialfortschritt, den es in den letzten Jahren gegeben hat. Daneben auch die engere Vernetzung der Fliegergemeinde, die vor allem durch die sozialen Medien und modernen Kommunikationsmittel flächendeckend Einzug gehalten hat. Auf Foren, Blogs, auf YouTube und Podcasts, aber natürlich auch im Rahmen klassischer Vortragsveranstaltungen findet fast täglich ein enormer Wissenstransfer statt. Ein Wissenstransfer, der letztendlich dazu führt, dass sich viele Piloten überall auf der Welt weiterentwickeln. Überall auf der Welt, und so eben auch im Schwarzwald, wird das Machbare immer weiter nach oben verschoben. Wovon ich in jedem Fall fest ausgehe ist, dass das XC-Potential im Schwarzwald über die Jahre hinweg immer mehr Piloten zu nutzen lernen werden. Sind es heute beispielsweise noch 20 Piloten, die an einem guten XC Tag im Schwarzwald über 100 Kilometer fliegen können, werden es in einigen  Jahren 30 bis 40 Piloten sein, die eine solche Distanz erfliegen können – und so steigert sich das kontinuierlich in die Breite der Pilotengemeinschaft. Dazu gesellt sich wie bereits vorhin erwähnt der Fortschritt in Sachen Ausrüstung und Material. Wissen, Können und Technik kommen quasi zusammen und ergänzen sich. Es geht immer weiter voran und bleibt in jedem Fall spannend!

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liftuup: Hand auf’s Herz, Timmi: worin liegt das Geheimnis im erfolgreichen Streckenfliegen im Schwarzwald? Wie wichtig sind dabei Uhrzeit und Startplatzwahl? Wieviel Glück gehört an einem guten Tag dazu? Plaudere doch mal bitte aus dem Nähkästchen.

Timmi: Noch vor gar nicht allzu langer Zeit gab es im Schwarzwald nur eine Handvoll mutige und versierte Drachenpiloten, die wirklich weite Streckenflüge realisieren konnten. Dann folgten irgendwann vereinzelt ein paar Gleitschimpioniere. Größere Strecken wurden aber insgesamt nicht sehr oft erflogen. Ich denke neben Aspekten wie Material etc. lag das vor allem daran, dass man damals nur wenig Neues ausprobierte. Das bestätigte sich mir immer wieder bei Gesprächen mit älteren Fliegerkollegen meines Heimatvereins – Piloten, die schon seit 10-15 Jahren an unseren Hausbergen fliegen. In den Gesprächen hörte ich immer wieder solche Grundsatzregeln wie: „Vor 14:00 Uhr braucht man hier gar nicht starten. Vorher geht eh nichts.“ Einer meiner Lieblingsspots beispielsweise, die Vogtmeiers Kanzel in Bad Griesbach, hat den vorgelagerten Dollenberg. Dessen Ost-Südost-Flanke bekommt schon früh morgens richtig viel Sonne ab und heizt sich dementsprechend gut auf. Oder, bei den Oppenauern Gleitschirmpiloten ganz populär, das „Horn“ gegenüber dem Starplatz Zuflucht. Da ballert auch schon früh morgens ostseitig die Sonne rein. Frühere Pilotengenerationen habe solche Stellen einfach nicht oder viel zu selten ausprobiert. Erfolgreiche Streckenpiloten halten sich an solche althergebrachten Regeln nicht sondern probieren einfach immer wieder Neues aus. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg.

Will ich weit fliegen, muss ich lang fliegen. Punkt. Das heißt, ich brauche den Tag und zwar den ganzen Tag. Ich muss also früh starten und dafür brauche ich Hänge und Flanken, die schon so früh wie möglich nutzbare Aufwinde spenden. Das muss ich bei meiner Startplatzwahl für den geplanten Streckenflug einfach berücksichtigen. Für weite geschlossene Aufgaben ist es auch wichtig, einen Ausgangspunkt zu wählen, der möglichst in Nähe des zentralen Schwarzwaldkamms liegt. Hier geht es thermisch einfach früher los und ich habe somit ein größeres Zeitfenster für meinen Streckenflug zur Verfügung.

Ich beobachte bzw. erfahre auch oft, dass Piloten viel zu spät am Startplatz auftauchen. Wenn ich beispielsweise mit Samuel Blocher zwischen 10:00 und 11:00 Uhr starte, dann herrschen am Hausberg oft noch super geschmeidige, ruhige Bedingungen. Andere Piloten trudeln erst gegen 14:00 Uhr am Startplatz ein und  finden dann vor Ort richtig krasse thermische Ablösungen vor, in denen es kaum noch sicher zu Starten geht. Abends, wenn ich dann von einem großen Dreiecksflug zurückkehre und diesen Piloten zufällig begegne, werde ich oft gefragt, wie ich bei diesen wilden Bedingungen nur starten konnte. Naja, zu der Zeit, zu der am Startplatz ein wildes Rodeo herrschte, befanden wir uns schon irgendwo auf 2000 Meter Höhe. Da interessierten uns die Ablösungen am Startplatz überhaupt nicht.

Ich empfehle daher jedem, der ernsthaft Streckenfliegen will, früh am Starplatz zu sein. Früh startklar machen und früh starten. Mal ehrlich: was kann denn im schlimmsten Fall passieren? Klar, schnelles Absaufen früh am Tag. Ich empfinde das aber nicht als schlimm, denn so kann ich direkt bzw. einige Zeit später nochmal einen Versuch starten und habe dann meistens immer noch recht viel Zeit für mein Streckenvorhaben zur Verfügung. Das ist mir in jedem Fall lieber, als dass ich zu spät dran bin und dann nur noch unter großem Risiko starten kann; oder sogar überhaupt nicht mehr raus komme und schließlich bis spät abends warten muss, ehe sich noch ein Flug ausgeht.

Ob Glück dazugehört? Glück gehört schon immer auch ein Stück weit dazu. Ich denke jeder ambitionierte XC Pilot kennt das auch. Wenn man beispielsweise früh am Vormittag an der Zuflucht in Oppenau startet, dann kann man einfach ein paar Minuten zu früh dran sein und steht in Folge alsbald am Kniebis oder in Freudenstadt ab. Nur eine halbe Stunde später fliegen dann einige Piloten mit komfortabler Höhe über einen hinweg. Das ist manchmal einfach Glückssache. Aber ich denke, über die Vielzahl an Streckenflügen relativiert sich das mit dem Glück. Fleiß und Kontinuität überwiegen und zahlen sich letztendlich aus.

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liftuup: Stichwort Schwarzwaldkonvergenz. Fast schon ein mystischer Begriff im Vokabular der streckenhungrigen Locals. Gibt es sie überhaupt im Schwarzwald? Und wenn ja, wo steht sie und wie lässt sie sich in größere Dreiecksflüge integrieren?

Timmi: Ja, die Schwarzwaldkonvergenz gibt es auf jeden Fall und ist eine geniale Sache. Ich wünsche jedem Schwarzwaldpilot, diese Konvergenz mal erleben zu dürfen. Das sind dann Bedingungen, in denen ich schon mal 30 km am Stück geradeaus fliegen konnte, ohne einen Kreis zu drehen – ein grandioses Gefühl und einfach nur wunderschön!

Sie entsteht im Schwarzwald an sehr guten thermischen Tagen, die gleichzeitig auch schwachwindig sein müssen. Betrachtet man z. B. die Wetterstation an der Hornisgrinde bzw. die entsprechenden Höhenwindkarten für den Bereich plus/minus 1500 Meter und zeigen diese einen Höhenwind von unter 10 km/h an, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich eine Konvergenz bilden wird. Dabei zieht der Schwarzwald in Folge thermischer Hebung Luft von Osten und Westen aus den vorgelagerten Ebenen an, also aus Baar und Rheinebene. Das ist beim Fliegen auch fühl- bzw. messbar: Starte ich an guten Konvergenztagen beispielsweise auf der Westseite des Schwarzwaldes und fliege von dort aus in Richtung des zentralen Schwarzwaldkamms, dann werde ich feststellen, dass ich mit Rückenwind fliege. Gleite ich über den Zentralkamm hinweg auf die Ostseite des Schwarzwaldes, sehe ich mich plötzlich mit einer Gegenwindkomponente konfrontiert. Ist die Konvergenz aktiv, so bildet sich bei Wolkenthermik entlang des zentralen Kamms oft eine schöne, markante Wolkenstraße aus.

Taktisch gesehen lässt sich die Konvergenz sehr gut für geschlossene Aufgaben nutzen und darin integrieren. Will man das Konvergenzfliegen erstmal kennen und verstehen lernen, bietet sich einfach mal ein Flug entlang der erwarteten Konvergenzlinie an. Also beispielsweise von der Zuflucht aus nach Süden fliegen und dann wieder nach Norden zurück. Das ist ein idealer Einstieg und es geht sich auf diese Weise bereits ein schönes flaches Dreieck aus.

Will man einen größeren FAI Dreiecksflug realisieren und die Konvergenz dabei einbauen, so könnte das Ganze so aussehen: Man startet im Nordschwarzwald an der Oppenauer Zuflucht. Dann versucht man, etwa in Höhe von Schramberg aus dem Schwarzwald heraus in Richtung Osten zu fliegen. Wo genau man den Schwarzwald verlässt, richtet sich natürlich nach den Bedingungen des jeweiligen Tages. Idealerweise zeigen aktive Wolken den Weg hinaus in die Baar-Ebene. Meiner Erfahrung nach stehen oft schon früh am Tag in Richtung Rottweil vielversprechende Wolken und damit gute Thermikanzeiger. Habe ich meinen östlichen Wendepunkt erreicht, heißt es abbiegen und in den Schwarzwald zurückfliegen. Zurück im Schwarzwald setzt man seinen südlichen Wendepunkt. Dann sollte es schon später am Tag sein und die Konvergenz zuverlässig ausgebildet sein. Die Konvergenzlinie ermöglicht letztendlich einen recht schnellen Rückflug, sodass die Aufgabe geschlossen werden kann.

Meiner Erfahrung nach ist es sinnvoll, früh den Schwarzwald zu verlassen und in die Ebene hinauszufliegen und dann spät am Tag über dem Relief des Schwarzwaldes zu fliegen. Der Schwarzwald geht einfach thermisch besser und länger als die vorgelagerte Ebene und trägt in der Regel auch noch am Abend. Idealerweise liegt dann der letzte Schenkel des Dreiecks auf bzw. entlang der Konvergenzlinie.

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liftuup: Aus Erfahrung weiß ich, dass viele Piloten im Schwarzwald ein Problem damit haben, sich von „ihrem“ Hausberg zu lösen und „Neuland“ zu erkunden. Was würdest du solchen Piloten raten, um ihre Hemmungen zu überwinden?

Timmi: Ich denke das Gefühl kennten viele Piloten: Man fliegt so einige Zeit über dem Startplatz des vertrauten Hausbergs und denkt sich so: ΄Hey, da unten steht mein Auto. Ich lande einfach hier, das ist einfach das Bequemste.΄ Solche Gedanken lassen die Piloten oft am Hausberg kleben und verhindern schon im Ansatz einen vielleicht tollen Streckenflug.

Ich mache das mit meinem Fliegerkumpels oftmals so, dass wir unsere Autos bewusst zu Hause lassen und stattdessen mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Oder aber wir stellen ein Auto nach Freudenstadt. Dorthin kommt man eigentlich von überall aus wieder zurück. Steht mein Auto nicht direkt am Startplatz sondern beispielsweise in Freudenstadt, so habe ich für mich schon mal die Challenge, zumindest dorthin kommen zu wollen. Ich muss quasi wegfliegen, um an mein Auto zu kommen. Auf diese Weise ist die erste Barriere im Kopf schon mal durchbrochen. Spannend ist das auch bei weniger gut vorhergesagten Tagen; also an Tagen, an denen man auf Grund der mittelprächtigen Prognose vielleicht gar nichts ausprobieren hätte. Tut man es dann „gezwungenermaßen“ doch, ist man manchmal überrascht, dass es doch besser geht als gedacht. Der Lerneffekt ist in jedem Fall enorm hoch und es macht die Fliegerei noch spannender.

Also, an alle Piloten, die Hemmungen verspüren, wegzufliegen: Probiert es doch einfach mal aus – nutzt den öffentlichen Personennahverkehr, um an euren Startplatz zu kommen und fasst euch dabei den Vorsatz, zumindest heim bzw. zu eurem Auto zurückzufliegen. Lasst euch auf dieses kleine Abenteuer ein. So überwindet ihr eure gedanklichen Barrieren.

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liftuup: Was sind deine Top 5 Tipps für erfolgreiches Streckenfliegen im Schwarzwald?

Timmi:

  1. Mach dir Gedanken über die Top-Spots im Schwarzwald und stelle dir die Fragen: Was bzw. welche Beschaffenheit macht diesen Spot zu einem Top-Spot? Welcher Startplatz ist am besten für mein Ziel, für mein Streckenvorhaben geeignet? Bei welchen Wetterlagen suche ich welchen Startplatz auf? Von wo aus kann ich gut One Way und von wo aus gut geschlossene Aufgaben fliegen?
  2. Blende den Rückweg aus. Heim kommt man immer! Wichtig dabei: Nimm dir an guten Tagen den kompletten Tag frei. Nur so hast du den Kopf wirklich frei von jeglichem Termindruck.
  3. Sprich gute Piloten an und frage die ambitionierten Locals nach Tipps und Tricks. Frage nach, ob du dich für einen Flug mal dranhängen darfst. Gute Piloten freuen sich immer über Mitflieger, denn das Gruppenfliegen hat unschlagbare Vorteile. Fliege den Piloten nicht wie an einer Perlenschnur hinterher sondern unterstütze die Gruppe aktiv, indem du dich am Auffächern beteiligst. So kann man am besten die Umgebungsluft und damit Steig- und Sinkzonen visualisieren. In der Gruppe lernt man enorm viel, hat gemeinsam mehr Erfolg und Spaß macht es obendrein!
  4. Begib dich früh zum Startplatz. Richte dich früh, starte früh. Nur so kannst du das gesamte Potential eines guten Flugtages effektiv ausnutzen. Stehst du früh ab, kannst du meistens nochmal einen zweiten Versuch starten.
  5. Das Allerwichtigste zum Schluss: Lass dich niemals und durch nichts so frustrieren, dass deine Motivation darunter leidet oder du sie sogar verlierst. Bleib immer am Ball. Zufall, Glück, Pech – das alles gehört zum Streckenfliegen auch dazu. Auch deine sich verändernden Lebensumstände kannst du nicht immer beeinflussen. Lass dich davon nicht unterkriegen und von deinen Zielen abbringen. Fliegen ist ein lebenslanger Lernprozess. Es geht immer weiter und Kontinuität zahlt sich am Ende aus.

liftuup: Von welchen künftigen Streckenabenteuern im Schwarzwald träumt ein Timm Asprion an einem nebelgrauen Wintertag?

Timmi: In letzter Zeit bzw. über den vergangenen Winter hinweg habe ich immer mehr von einem mehrtägigen Hike & Fly Trip durch den Schwarzwald geträumt. Mehrere Tage zusammen mit einem guten Fliegerkumpel mit Schirm und Schlafsack durch unsere Heimat ziehen. Ein Abenteuer ohne großen Aufwand, sozusagen mit Start direkt vor der Haustür. So etwas möchte ich bald mal in die Tat umsetzen. Das Ganze möchte ich bewusst mit einem guten Freund zusammen machen und nicht alleine. Beim Gleitschirmfliegen allgemein, insbesondere aber beim Streckenfliegen, erlebt man als Pilot oft solch grandiose Momente, die sich im Nachhinein durch Erzählungen nur schwer mit anderen teilen lassen. Man kann einfach diese Emotionen allein durch Worte nicht vermitteln. Kann man solche Momente am Abend mit seinem Flügelpartner teilen, dann verbindet das ungemein und die Freude über das Erlebte ist insgesamt doppelt so groß.

copyright: T. Asprion

liftuup: Was würdest du dem Timm Asprion raten, der sein erstes Flugjahr mit plus/ minus 30 Stunden Airtime hinter sich gebracht hat und nun voll motiviert auf seine nächste Saison zusteuert?

Timmi: Ich würde diesem Timm Asprion auf jeden Fall raten, so bald wie möglich den B-Schein zu machen. Und dann eben: dran bleiben! 30 Stunden Airtime in der ersten Saison sind doch schon mal wunderbar und ein guter Start in die Fliegerkarriere. Mach weiter so und versuche im nächsten Jahr, deine Airtime noch etwas zu erhöhen. Klappt das, und Timm Asprion hat im Folgejahr über 30 Stunden auf der Uhr, dann sollte auch automatisch ein Lernfortschritt erkennbar sein. Kann Timmi jedoch im zweiten Jahr nicht mehr als 30 Stunden Flugzeit verbuchen, dann würde ich ihm raten, sich hinzusetzen und sich zu fragen, was er in Bezug auf sein persönliches Zeitmanagement umstellen könnte, um mehr in die Luft zu kommen. So etwas in der Art würde ich dem plus/ minus 30 Stunden Timm Asprion wohl raten.

 

liftuup: Mein Leser und ich bedanken und ganz herzlich bei dir für’s Zeit nehmen. Wir wünschen dir weiterhin viele unvergessliche Streckenflüge – ob im Schwarzwald oder sonst wo auf der Welt. Bis bald am Berg oder in der Luft!

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