Plauderecke | heute: Lissi Seibt

Biwakfliegen für Einsteiger

Übersetzung aus dem Bayrischen: vom Autor selbst 😉

2019. Wie so viele eröffne auch ich die neue Flugsaison mit bzw. in der ersten Frühjahrsthermik rund um Bassano. Nach zwei Tagen Startplatzrummel samt Schlange stehen wie auf einem Volksfest, sehne ich mich nach etwas Ruhe. Die finde ich im nur wenige Kilometer nordöstlich gelegenen Fluggebiet Feltre. Oben am Startplatz angekommen, ballert die Sonne schon munter in die massive Südflanke des Avena. Eigentlich verlockend, wäre da nicht der vermaledeite Ostwind, der dem Aufwindgemisch eine recht sportliche Note verleiht. Einige Locals eiern knapp über dem Starplatz an der Kante entlang und lassen sich mächtig durchschaukeln – hoch geht’s nicht wirklich. So richtig Bock auf dieses Rodeo habe ich nicht – den geplanten Streckenlug in Richtung Belluno schreibe ich innerlich bereits ab. Ostwind und Inversionsdeckel – unbeirrt von diesen suboptimalen Rahmenbedingungen wird plötzlich ein greller, pinkfarbener Alpina am Startplatz ausgelegt. Instagram sei Dank, erkenne ich die Schirm-Gurtzeug-Helm-Kombination auf Anhieb: Lissi Seibt! Es folgt ein kurzes, spielerisches Groundhandling am Starplatz und schon ist die junge Chiemgauerin elegant airborne. Unbeirrte fliegt Lissi an den wacker kämpfenden Lokalmatadoren vorbei und fräst zielsicher in Richtung Südostflanke des Avena. Kreis 1 – 2 – 3 und der Starplatz ist überhöht. Wow, gut gemacht! Nach Komforthöhe sieht das trotzdem nicht aus, ist doch die Gleitstrecke in Richtung der rückseitigen Südkette nicht gerade kurz. Kopf kratzend nehme ich zur Kenntnis, wie sie es dennoch wagt und abfliegt. ‚Schade, kurzer Flug für dich‘, denke ich bei mir. Nach einem mehr oder weniger spaßigen Lufttanz mit Toplanden-Session am Nachmittag, düse ich nach Bassano zurück und erfahre dort abends bei herzhafter Pizza in der Antica Abbazia, dass dieses Teufelsweib Lissi an diesem Tag fast 60 km als flaches Dreieck ablieferte – Toplandung auf dem Avena inklusive. Whaaat? Bäm! Geile Leistung.

Nun, seitdem bin ich Fan von Lissi Seibt und verfolge mit Spannung ihre Flugabenteuer, über die sie unaufgeregt, authentisch und oft mit tollen Bildern auf ihrem Instagram-Profil berichtet.

Besonders spannend und fesselnd finde ich dabei ihre Insta-Stories nach oder auch schon während ihrer Biwaktouren. Mit Gleitschirm, Zelt und Schlafsack über mehrere Tage hinweg durch die Berge ziehen – Wandern und Fliegen in atemberaubenden Landschaften und die Nächte unter dem unendlich weiten Sternenhimmel auf einem Berg verbringen. Das klingt nach Erleben und Emotion pur.

Ich denke, von solchen Abenteuern träumen viele naturverbundene Gleitschirmpiloten. Doch nicht wenige werden sich dabei fragen: wie gehe ich eine solche Unternehmung am besten an? Wie bereite ich mich gründlich vor und was gibt es alles zu beachten?

Fragen über Fragen. Höchste Zeit also für einen neuen Call aus der liftuup Plauderecke. Bei dem folgenden Interview mit Lissi Seibt wünsche ich euch, liebe Leserinnen und Leser, viel Spaß und jede Menge Inspiration für eigene künftige Unternehmungen.

liftuup: Hey Lissi. Schön, dass du dir für mich und meine Leser Zeit nimmst. Stell dich doch mal vor und verliere dabei auch ein paar Worte zu deiner bisherigen fliegerischen Laufbahn.

Lissi: Hey Rüdi, das freut mich aber sehr, dass ich bei dir in der Plauderecke dabei sein darf. Ich bin die Lissi und ich komme aus der Nähe von Rosenheim. Da ich dort auch aufwuchs, kam ich schon relativ früh mit den Bergen in Berührung. Meine Eltern haben mich schon von klein auf mit in die Berge genommen, hauptsächlich zum Klettern und Skitourengehen.
Irgendwann kam einfach der Punkt, an dem ich merkte, dass das Herunterlaufen vom Berg einfach nicht so meins war. Trotzdem hat es dann aber nochmal relativ lange gedauert, bis ich mit dem Gleitschirmfliegen in Berührung kam. Das lief damals über den Basti Huber. Basti werden die meisten von euch kennen, er ist erfolgreicher Streckenpilot und war auch schon als Athlet bei den X-Alps dabei. Wir kamen ins Gespräch und erst da wurde mir bewusst, dass Gleitschirmfliegen ja gar nicht so aufwendig und teuer ist wie zuvor angenommen. 2014 habe ich meine Pilotenlizenz absolviert – hauptsächlich mit der Motivation, nach dem Aufstieg einfach vom Berg herunterfliegen zu können. Ich wusste damals zwar schon von Basti, dass man mit so einem Gleitschirm ziemlich weit fliegen kann, hatte aber zu meiner Anfangszeit das Streckenfliegen eher wenig auf dem Radar.
Mit dem A-Schein in der Tasche machte ich dann viele Hike & Fly Touren und bin dabei als blutige Anfängerin auch einige Male hochalpin gestartet. Das klappte zwar ganz gut, im Nachhinein betrachtet war da aber wahrscheinlich mehr Glück als Können und Wissen dabei. Erst nach ca. einem Jahr als A-Schein Inhaberin bin ich dann so langsam zum Thermik- und Streckenfliegen gekommen. Darin war ich zunächst gar nicht so erfolgreich. Alleine das Thermikfliegen bereitete mir Probleme und es hat schon eine ganze Weile gedauert, bis ich für die aufsteigenden Luftmassen ein Verständnis und Gefühl entwickelte. Schritt für Schritt bekam ich aber allmählich den Dreh heraus und dann ging es doch sehr schnell, bis ich am Thermikfliegen meine Freude hatte und alsbald auch vom XC-Fieber befallen wurde.

copyright: L. Seibt

liftuup: Du bist in unmittelbarer Nähe zu den Bergen aufgewachsen. Wie hat die alpine Umgebung dich und dein Leben geprägt? Was bedeutet es dir, in den Bergen unterwegs zu sein?

Lissi: Ich bin ja im Voralpenland aufgewachsen, immer mit dem Blick auf die Berge. Die Unternehmungen mit meinen Eltern, egal ob Klettern, Skitourengehen oder klassisches Bergsteigen, waren für mich als Kind wirklich toll und spannend und haben mich natürlich auch stark geprägt. Wie das so bei Jugendlichen oftmals ist, gab es irgendwann auch bei mir eine Zeit, in der mich Berge und Natur nicht sonderlich interessierten. Da hat man als junges Mädel einfach andere Dinge im Kopf und möchte eher nicht das machen, was die Eltern unternehmen. Aber nach dieser Phase wandte ich mich wieder dem Bergsport und seinen facettenreichen Spielarten zu. In den Bergen unterwegs zu sein bedeutet für mich bis heute ein unglaubliches Maß an Freiheit. Man ist die ganze Zeit in und mit der Natur, ist ihr und ihren Kräften und Elementen ausgeliefert. Das erdet mich und fühlt sich gut an. In den Bergen erfahre ich ganz intensiv meine Grenzen, kann diese ausloten und manchmal sogar ein Stück weit verschieben.
Rückblickend kann ich heute sagen, dass mich vorher noch nie etwas so stark in den Bann gezogen hat wie das Gleitschirmfliegen. In den letzten fünf Jahren hat es neben dem Fliegen eigentlich kaum etwas Anderes gegeben. Arbeiten und Gleitschirmfliegen – das bestimmte die letzten Jahre mein Leben.

liftuup: Biwakfliegen – wie definierst du für dich ganz persönlich diese besondere Spielart des Gleitschirmfliegens? Was reizt dich daran, was fasziniert dich besonders?

Lissi: Hand auf’s Herz: Gleitschirmfliegen an sich ist ja schon eine irre Faszination! Sich frei wie ein Vogel durch die Lüfte schwingen zu können, alleine nur von den Aufwinden getragen. Das gefällt mir alleine schon am Streckenfliegen irre gut! Beim Biwakfliegen kommt noch eine weitere faszinierende Komponente hinzu; und zwar diese aufregende und spannende Ungewissheit! Beim Biwakfliegen planst du nicht alles minutiös durch, brauchst dir keinen Masterplan zurechtlegen, an den du dich strikt klammern musst, um am Ende Punktzahl XY zu erreichen. Das Wahrnehmen der Natur, das pure Erleben rückt dabei viel stärker in den Fokus. Bei einer Biwakreise, ob zu Fuß oder in der Luft, tauchen immer wieder ganz unvorhersehbare Ereignisse am Weg auf. So entdeckt man am Boden beim Wandern manchmal ganz unvermittelt unglaublich tolle Plätze und Orte. In der Luft entwickelt sich ein Tag überraschend mal in die eine, mal in die andere Richtung – was letztendlich dazu führt, dass man vielleicht unverhofft weiter kommt als angenommen oder man andererseits doch viel früher absteht als einem lieb ist. Klar, darauf muss man sich zunächst mal mental einlassen. Kann man das, zieht man aus einer Biwakreise super viel für sich selbst heraus.

copyright: L. Seibt

copyright: L. Seibt

liftuup: 2019 konntest du eine dreitägige Biwak-Gleitschirmreise über drei Ländergrenzen hinweg realisieren. Dabei bist du jeden Tag um die hundert Kilometer geflogen. Erzähl uns bitte davon.

Lissi: Ja genau, Anfang Juni 2019 bin ich in drei Tagen ein größeres Dreieck geflogen. Die Idee dafür hatte ich schon etwas länger im Hinterkopf – die konkrete Umsetzung ergab sich dann eines morgens ziemlich spontan. Nach einem Wettercheck war ich der Meinung, dass eine solche Tour realisierbar sei; also habe ich innerhalb von zwei Stunden bei meinem Arbeitgeber noch schnell Urlaub eingereicht und dann fix meine Sachen gepackt.
Ich startete von meinem Hausberg, der Kampenwand, und erst in der Luft habe ich dann entschieden, in welche Richtung ich mein Dreieck fliegen möchte. Ich hatte den aktuellen Wetterbericht im Kopf und habe diesen mit den Realbedingungen in der Luft abgeglichen. Ich entschied mich, über den Kaiser zu fliegen. Das hat gar nicht so wirklich gut funktioniert und ich wäre dort fast abgestanden. Mit einiger Bastelei habe ich es aber irgendwie dann doch über den Alpenhauptkamm bis zur Grente nach Südtirol geschafft. Das war für mich ein absoluter Wahnsinnsmoment. Seit ich mit dem Fliegen begonnen hatte, träumte ich davon, von der Kampenwand aus über den Alpenhauptkamm zu fliegen. Und dann passiert das einfach so; dann kommt der Moment, in dem ich über den Hauptkamm hinweg gleite. Das war unbeschreiblich emotional. Geschenkt war das allerdings nicht, denn es herrschten an dem Tag schon recht sportliche Bedingungen. So gestaltente sich auch die Toplandung auf der Grente ziemlich anspruchsvoll. Als ich dann aber nach der Landung da oben am Berg saß und anfing zu realisieren, was ich da in ca. fünfeinhalb Stunden für eine Strecke zurückgelegt hatte und dass dabei der Traum der Hauptkammüberquerung wahr geworden war, ergriff und berührte mich das sehr. Da sitzt du am Berg, hast neben deinem Schirm und dem Zelt nur die notwendigsten Dinge dabei und fühlst dich einfach völlig frei. Du lässt dich treiben. Der Moment reduziert sich auf das Wesentliche und das einzige, was die Gedanken einnimmt sind die Überlegungen, wie und in welche Richtung es am nächsten Tag weitergehen könnte. Mehr ist da nicht. Mehr braucht es nicht.
Am nächsten Tag bin ich relativ früh an der Grente gestartet und hatte den Plan gefasst, so weit als möglich in Richtung Osten zu fliegen und dabei erneut den Alpenhauptkamm zu queren. Ich bin dann ganz alleine das Defereggental entlang geflogen. Alleine zu Fliegen ist an der Grente doch eher ungewöhnlich, denn an guten Tagen sind dort Minimum hundert Piloten in der Luft. Ich flog am Glockner vorbei. Das Gebiet hinter dem Glockner hatte ich bis dahin noch nicht aus der Luft gesehen. Ich entschied mich dort, wieder den Hauptkamm zu queren, da auf der Alpensüdseite über den Tagesverlauf hinweg vermehrt Gewitter vorhergesagt waren. Ich querte also den Hauptkamm und sprang zurück auf die Alpennordseite. Nach etwa 150 Kilometern landete ich letztendlich nahe des Stoderzinkens. Ich schlug mein Zelt auf und genoss wieder einen wunderschönen Abend – am Berg wurde es ruhiger und ruhiger, die Thermiken schliefen allmählich ein und die Nacht zog auf. All das nimmst du einfach wahnsinnig bewusst war, während du die Erlebnisse, die Emotionen und Bilder des Tages verarbeitest.
Auch für den Folgetag waren die Vorhersagen wieder gut, sodass ich total zuversichtlich war, dass sich wieder ein erlebnisreichet Tag ausgehen würde.
An Tag drei dauerte es aber erstmal eine Weile, bis die Bedingungen einen Start zuließen. So kam ich dann erst relativ spät am Dachstein vorbei. Dieses imposante Gebiet kannte ich noch aus dem Bordairrace zwei Jahre zuvor. Ich winkte im Vorbeiflug dem erhabenen Hochkönig zu und bestaunte dabei dessen mächtige Südwand. Auf dem Weg zur Steinplatte erkannte ich bereits früh, dass ziemlich viel Wind darauf anstand und es vermehrt zu Überentwicklungen ringsum kam. Ich entschloss mich daher, in Kössen zu landen. So bin ich zwar nicht mehr ganz bis nach Hause an die Kampenwand gekommen, aber das tat dem Gesamterlebnis natürlich keinen Abbruch.
Naja und auf einmal sitzt du wieder zu Hause und erst dort beginnst du zu realisieren, was du da alles in nur drei Tagen erlebt hast. Für mich war das eine Reise, die noch lange auf mich wirkte und von der ich noch lange zehrte.

liftuup: Welche Voraussetzungen sollte man als Pilot mitbringen, um in diese faszinierende Spielart des Gleitschirmfliegens einzusteigen? Über welche Skills sollte man verfügen? Ist Biwakfliegen nur etwas für absolut versierte Streckenpiloten?

Lissi: Ganz allgemein gesprochen: man sollte fürs Biwakfliegen einfach eine gewisse Bereitschaft mitbringen. Das Wichtigste ist doch, dass man sich auf diese Art des Fliegens, der Fortbewegung, einlässt. Dabei hilft auch, dass man seine Erwartungen was Airtime und geflogene Kilometer betrifft, herunterschraubt. Kann man sich letztendlich darauf einlassen, so bekommt man einfach die tollsten und schönsten Momente geschenkt. Hinsichtlich des eigenen Könnens denke ich, dass es schon sinnvoll ist, ein bisschen Thermikfliegen zu können und dass man das Landen außerhalb eines offiziellen Landeplatzes einigermaßen beherrscht. Und nein, man muss kein absolut versierter Streckencrack sein, der jedes Jahr 200er Dreiecke herunterreißt.
Ich möchte nochmal ein wenig auf das Herunterskalieren der eigenen Erwartungen eingehen, da ich das als einen sehr wichtigen Punkt erachte. Als Faustregel rechne ich für mich so, dass ich etwa die Hälfte bis zwei Drittel der an einem guten XC-Tag für mich üblichen Strecke schaffe – d. h. die Distanzen, die ich bei meinen Biwaktouren realisieren kann, fallen in der Regel kürzer aus. Das hat verschiedene Gründe. So starte ich oft später als an einem reinrassigen Streckentag. Will ich am Nachmittag oder Abend Toplanden, so verzichte ich auf die letzten Gleitmeter des Tages und konzentriere mich eher auf einen strategisch günstigen Spot zum Einlanden. Meiner Erfahrung nach reizt man die Tage einfach nicht so aus. Das macht auch Sinn, denn es gibt bei so einer Tour einfach so viele andere Dinge, die mich anderweitig beschäftigen: Das Equipment ist schwerer als sonst; man ist vielleicht etwas angeschlagen von der Nacht in einer tollen aber ungewohnte Umgebung und damit oft nicht ganz ausgeschlafen und erholt; die Erlebnisse, die Eindrücke des Tages, der Reise, gilt es zu verarbeiten und so weiter. Mit Rekordflügen sollt man auf einer Biwakreise also eher nicht kalkulieren, aber darum geht es dabei ja auch gar nicht.

liftuup: Welche Bedeutung kommt dabei der eigenen körperlichen Fitness zu?

Lissi: Eine gewisse Grundfitness ist natürlich von Vorteil. Ich kann natürlich eine Gleitschirm-Biwakreise auch verwirklichen, wenn ich nicht der fitteste Pilot bin. Es schreibt einem ja zum Glück niemand vor, dass man immer nur Wandern und Kraxeln darf. So kann man z.B. auch Bergbahnen mitbenutzen, mit dem Shuttle zum Starplatz fahren oder nach einer Landung im Tal auch mal per Anhalter oder mit dem Zug weiterreisen.
Aber klar, möchte man eine solche Tour auch als eine gewisse sportliche Herausforderung sehen, dann ist ein gewisses Maß an Kondition und Kraft schon förderlich. Kann ich beispielsweise ganz easy meine Ausrüstung auf den Berg tragen, dann bin ich später bei Start, Flug und Landung einfach wacher und konzentrierter. Je fitter ich körperlich und je stärker ich mental bin, desto ausgefallenere Touren kann ich in Angriff nehmen. Aber wie gesagt, ich würde die Entscheidung, zu einer Biwakreise aufzubrechen, nicht davon abhängig machen, ob ich super fit bin oder nicht.

liftuup: Wie bereitet man sich am besten auf seine erste mehrtägige Tour vor? Wie bzw. unter welchen Aspekten sollte man seine Route planen?

Lissi: Bei Touren von zwei bis drei Tagen Dauer ist das Ganze relativ unkompliziert. Erst wenn die Reisedauer darüber hinaus geht, muss man ein bisschen mehr planen und dementsprechend einpacken. Am besten man fängt mit einer kurzen Tour an. Einfach mal ein langes Wochenende ins Auge fassen. Das lässt sich dann auch recht spontan und ohne viel Aufwand umsetzen, sobald sich eine passende Wetterlage auftut. Der Wettervorhersage ist für zwei bis drei Tag in der Regel recht verlässlich. Kann ich gemäß Prognose Regen mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließend, so kann ich schon mal das ganze wasserdichte Equipment bzw. die dafür erforderliche Bekleidung zu Hause lassen; und auf Wechselkleidung kann ich auch weitestgehend verzichten. Auch mit der Stromversorgung habe ich in so einem überschaubaren Zeitraum eigentlich keine Probleme – eine ausreichend starke Powerbank reicht da in der Regel aus. Es braucht also nicht viel Vorbereitungszeit. Sobald das Wetter passt – los!

liftuup: Wie stehst du zum Thema Sicherheit? Ist Biwakfliegen gefährlicher als „normales“ Streckenfliegen? Wo liegen die besonderen Gefahren bei einer solchen Unternehmung?

Lissi: Ich würde nicht behaupten, dass Biwakfliegen generell gefährlicher als normales Streckenfliegen ist. Vielleicht ist es am Ende sogar ein Stück weit sicherer, weil man sich langsamer und defensiver fortbewegt. Es kommt einfach total darauf an, in welchen Gefilden man sich bewegt. Bin ich in den Alpen und damit in Gebieten unterwegs, in denen ich auch meine normalen Streckenflüge absolviere, dann erwarten mich da jetzt erst mal keine ganz neue, unbekannte Gefahren. Zudem sind in den Alpen einfach eine sehr gute Infrastruktur und eine meist gut funktionierende Rettungskette vorhanden. Das kann natürlich in anderen Gebirgen bzw. Teilen der Erde ganz anders aussehen.
Was man beim Biwakfliegen eben auch unbedingt auf dem Schirm haben sollte, sind Punkte wie: Habe ich Internet und kann einen ordentlichen Wettercheck machen, bevor ich losfliege? Wie ist meine Verfassung? Bin ich es nicht gewohnt, im Freien zu nächtigen und schlafe ich daher vielleicht schlecht, so kann sich die Müdigkeit stark auf meine Konzentration und Leistungsfähigkeit auswirken. Mit dem ganzen Equipment am Mann bzw. der Frau bin ich schwerer und behäbiger als üblich und das wirkt sich nicht unerheblich auf meine Start- und Landetechnik aus.
Ansonsten sehe ich es so, dass wenn man eine solche Unternehmung als Reise und nicht als Wettkampf betrachtet und dementsprechend angeht, dann reizt man die Tage einfach nicht so sehr aus – man ist langsamer und defensiver unterwegs. Entschleunigtes Gleitschirmfliegen im Biwakstil kann somit sogar etwas sicherer sein als leistungsorientierten Streckenfliegen mit der Jagd auf Kilometer und Punkte.

liftuup: Kommen wir mal auf das Material zu sprechen. Was sollte man bei einer mehrtägigen Biwak-Gleitschirmreise dabeihaben. Was ist unentbehrlich, was eher unnötiger Ballast?

Lissi: Ja, das Material, das ist immer die große Frage. Da hat wahrscheinlich jeder so seine eigene Philosophie. Zunächst mal zu Schirm und Gurtzeug: Da finde ich es wichtig, mit der gewohnten Ausrüstung unterwegs zu sein – also die Ausrüstung, die man auch beim normalen Streckenfliegen verwendet und mit der man sich einfach wohl fühlt. Da würde ich mich schon aus Sicherheitsgründen auf keine Experimente einlassen.
Auch auf kurzen Trips von zwei bis drei Tagen nehme ich einen dünnen Schlafsack und eine sehr leichte, aufblasbare Isomatte mit. Das ist für mich sehr wichtig, denn guter Schlaf ist elementar. Wenn abzusehen ist, dass das Wetter nicht ganz so trocken bleibt oder die Nächte empfindlich kühl werden, dann habe ich auch ein leichtes Zelt unter einem Kilo im Gepäck. So ein Zelt ist schon keine ganz billige Anschaffung, aber der damit gewonnene Komfort es mir einfach Wert. Sind die Nächte richtig kühl und beginne ich im dünnen Schlafsack zu frieren, dann decke ich mich zusätzlich noch mit dem Gleitschirm zu. Puristen können sich anstelle einer Isomatte auch auf den Gleitschirm im Zellenpacksack legen. Hinsichtlich Essen und Verpflegung mache ich es so, dass ich auf kurzen Touren in der Regel auf einen Kocher verzichte. Bin ich länger unterwegs, wandert ein Leichtkocher ins Gepäck. Mit dem kann ich dann auch mal Schnee schmelzen, wenn ich anderweitig nicht an Wasser komme. Ein ganz wichtiges Utensil übrigens: ein kleines Messer für die Brotzeit zwischendurch.
Ich möchte an dieser Stelle nochmal betonen: Halte es einfach so, wie es dir taugt! Beim Biwakfliegen gibt es keine festen Regeln. Es spricht doch auch nichts dagegen, mal irgendwo einzukehren und sich in einer Hütte eine warme Mahlzeit zu gönnen. Immerhin kann man auf diese Art und Weise so einiges an Ausrüstung und damit an Gewicht sparen.
An Kosmetik nehme ich natürlich neben der Zahnbürste nur das Allernötigste mit. Moderne Funktionskleidung lässt sich auch mal in einem Bach ohne chemischen Reiniger auswaschen und trocknet in der Sonne schnell. So benötige ich auch nicht viel an Wechselkleidung. Alleine am Weg ist es ohnehin Wurst, wie man riecht. Ist man zu zweit oder zu dritt auf Tour, riechen zumindest alle (lacht).
Neben dem schon Genannten ist auch ein kompaktes Erste-Hilfe-Set zu empfehlen.
Für den Strom wandert eine fette Powerbank in den Rucksack. Die sollte für Kurztrips eigentlich ausreichen. Bin ich länger unterwegs, dann kann ich mit Solarpanelen arbeiten und daneben auch einen normalen Strom-Ladestecker mitnehmen, sodass ich meine Geräte auch mal am Stromnetz aufladen kann, sobald ich an der Zivilisation vorbeikommen.
Gerade für den Einstieg in diese Spielart des Fliegens würde ich dazu raten, spontan und ganz unkompliziert zu einem Kurztrip aufzubrechen. Einfach mal mit Minimalequipment losziehen und ein Wochenende draußen verbringen. Dabei merkt man am besten, was einem reicht oder was eventuell noch fehlt.

copyright: L. Seibt

copyright: L. Seibt

liftuup: Welche Tipps kannst du uns zum Verstauen des ganzen Equipments geben?

Lissi: Das ist nicht immer ganz leicht und meist stellt sich die Frage: Protektor ja oder nein? Ich persönlich verwende beim Biwakfliegen ein Advance Lightness 2. Ich nehme bei dem Gurt den Schaumstoffprotektor raus und stopfe in das freie Fach die ganz weichen Ausrüstungsteile, wie beispielsweise Isomatte, Schlafsack und Überzelt. Harte Sache wie das Zeltgestänge oder die Heringe sollten in diesem Fach aus Sicherheitsgründen nicht verstaut werden. Klar, diese Methode stellt zweifellos Einbußen in Punkto Sicherheit dar. Man ist auch schwerer und damit behäbiger auf den Beinen – darauf muss man sich gerade bei Start und Landung einstellen. Und natürlich fehlen dann auch die zertifizierten Dämpfungseigenschaften eines Protektors. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, inwieweit er für ein Mehr an Stauraum auf passive Sicherheitspuffer verzichten möchte.
Nehme ich nur meinen dünnen Schlafsack mit, kann ich den so klein komprimieren, dass ich ihn im Gurt zwischen meinen Beinen verstaut bekomme.
Was generell beim Verstauen des ganzen Equipments total wichtig ist und zu beachten gilt, ist, dass man das das ganze System ausgeglichen bzw. ausbalanciert hinbekommt. So verstaue ich zum Beispiel mein Essen und den Kocher im Fach unter den Oberschenkeln, damit ich nicht so nach hinten kippe. Würde man alle schweren Sachen ins Rückenfach stopfen, so würde das beim Fliegen zu einer ziemlich unbequemen Position führen, da die Beine ständig nach oben zeigen würden – das schränkt die Flugsicht ungemein ein und ist zur Schirmkontrolle einfach total ungeeignet. Wichtig ist also, dass ich vor meiner ersten Biwaktour mit dem ganzen Equipment mal an meinen Hausberg gehe und das ganze Packen, Verstauen und Fliegen in vertrauter Umgebung ausprobiere und gegebenenfalls optimiere.
Komme ich mit dem Platz nicht ganz hin, kann ich auch noch eine kleine Tasche in die Karabiner einhängen, sodass diese quasi hinter dem Cockpit hängt. Dazu eignet sich beispielsweise die Hülle von einem Schlafsack. In diese improvisierte Tasche kann man dann zum Beispiel seine Wechselklamotten verstauen.

liftuup: Lass uns mal ganz konkret in die Praxis gehen. Hast du einen Vorschlag für eine erste einfache Biwaktour für Einsteiger? Wie könnte diese aussehen? Nimm‘ uns doch mal bitte mit auf eine fiktive Reise!

Lissi: Mein Tipp wäre, einfach von eurem Hausberg loszufliegen. Oder eben von einem Gebiet aus zu starten, das ihr sehr gut kennt und in dem ihr gerne fliegt. In so einem Gebiet hat man ja in der Regel schon einiges an Airtime gesammelt oder hat sogar schon den einen oder anderen kleinen Streckenflug machen können. Plant einfach mal für ein langes Wochenende bzw. für so zwei bis drei Tage; das ist ein wirklich sehr überschaubarer Zeitraum und erfordert damit auch keinen allzu großen Planungsaufwand. Im Vorfeld überlege ich mir dann für mein Vorhaben ein paar verschiedene Szenarien und Optionen. Meine fliegerische Heimat ist die Kampenwand. Die Kampenwand funktioniert am besten bei Nordwestwind und dazu auch meist erst spät am Nachmittag. Nehmen wir also an, es öffnet sich laut Wetterbericht ein brauchbares Fenster für mein Vorhaben. Ich fahre am Freitagmittag an den Berg und Starte an der Kampenwand, sagen wir mal so gegen 15:00 Uhr. Kössen wäre von dort aus ein realistisches Ziel, das ich bis zum Abend noch gut erreichen kann. Kössen hätte dabei auch den Vorteil, dass man dort auch nochmal mit der Bergbahn hochfahren kann, wenn man nicht Toplanden möchte, sondern lieber den sicheren Landeplatz im Tal bevorzugt. Erreiche ich Kössen als Tagesziel nicht, kann ich mir schon im Vorfeld überlegen, was meine Alternativen sind. Die Infrastruktur ist in dem Gebiet gut und so kann man trampen oder auch den Bus nehmen. Ganz wichtig: das ist überhaupt keine Schande und ist oft durchaus besser, als ein Gewaltmarsch in der Hitze, bei dem man dann schon zu Beginn all seine Kräfte verbraucht. Nochmal: es gibt hier keine Regeln. Es geht dabei nur um das eigene Erlebnis – Bus und Bahn sind ok!
Erreiche ich Kössen, würde ich auf jeden Fall oben auf dem Berg schlafen. Dieses Erlebnis ist einfach unbeschreiblich schön.
Bleibt am Folgetag die Nordwestlage erhalten, würde ich eher nicht gegen den Wind fliegen, denn da quäle ich mich nur unnötig. Also fliege ich lieber weiter in Richtung Pinzgau bzw. entscheide mich einfach wieder für eine weitere kleine Strecke. Bin ich bei der Vorplanung meiner Tour etwas ratlos, welche Routen sinnvoll sein könnten, dann bemühe ich die allseits bekannten Tools wie Google Earth, die DHV Geländedatenbank oder auch den XC Contest und schaue dort einfach, welche Fluggebiete auf meiner gewünschten Route liegen, wo dort gestartet bzw. wie von dort geflogen wird.
In meinem kleinen Denkbeispiel habe ich eine ruhige Nacht am Berg verbracht. So langsam zieht der Tag auf, die Natur erwacht und am Startplatz kommt peu à peu Leben auf. Andere Piloten kommen an den Berg und machen sich startklar. Ich habe überhaupt keinen Stress. Ich kann einfach mal zusehen, was die Vorflieger treiben und schauen, ob es schon zuverlässig trägt. Da ich keine persönlichen Rekordambitionen hege und ich mich mit einer kurzen Strecke begnüge, muss ich mich auch nicht als erster raushauen und den Dummy für andere spielen. Ist das thermische System jedoch an und trägt es zuverlässig, dann kann auch ich mich in die Luft schwingen. Ich drehe auf und verfolge dann meinen im Kopf zurechtgelegten Plan, weiter in Richtung Pinzgau zu fliegen. Erreiche ich überglücklich das Pinzgau, lande ich irgendwo auf einem passenden Berg ein, sofern ich mich gut fühle und es die Bedingungen zulassen. Andernfalls lande ich lieber im Tal und kann mir dort dann gleich noch etwas Leckeres zu Essen holen.
Am dritten und letzten Tag fliege ich dann den Pinzgauer Spaziergang entlang in Richtung Zell am See. Hier gibt es unglaublich viel zu bestaunen, denn mir bieten sich tolle Ausblicke auf den Alpenhauptkamm. Zudem bewege ich mich in gut erschlossenen Gefilden: Es gibt Zahlreiche Landemöglichkeiten, eine gute Verkehrsanbindung und in der Regel auch Handyempfang für Kommunikation und Wettercheck.
Dreht der Wind an Tag drei jedoch eher in östliche Richtung, habe ich natürlich auch jederzeit die Möglichkeit, anstelle nach Zell am See zu fliegen das Zillertal anzusteuern – schließlich bin ich frei und damit an keine Streckenaufgabe gebunden.
Das wäre mal so ein kleines, gut umsetzbare Biwakabenteuer von meinem Hausberg aus. Die Möglichkeiten sind natürlich endlos. Die Alpen sind einfach ein riesiger, genialer Spielplatz dafür. Denn wenn mal alle Stricke reißen und nichts mehr so richtig klappen möchte, dann komme ich normalerweise von überall aus recht einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wieder zurück.

copyright: L. Seibt

lifuup: Fragerunde kurz & knapp. Bitte die Antworten einfach mal aus der Hüfte feuern!

liftuup: Zelt oder offener Himmel?
Lissi: Sternenzelt!

liftuup: Isomatte oder Almwiese?
Lissi: Isomatte. Guter Schlaf ist wichtig! Und der Schirm dankt es dir, wenn du nicht nächtelang darauf liegst.

liftuup: Schlafsack oder Gleitschirmtuch?
Lissi: Schlafsack. Der Gleitschirm ist für mich da eher die Notlösung – das Tuch ist einfach nicht atmungsaktiv.

liftuup: Kocher oder Jause?
Lissi: Bei Kurztrips eine Jause, bei längeren Unternehmungen bevorzuge ich den Kocher.

liftuup: Alleine oder in Begleitung?
Lissi: Leider bin ich fast immer alleine unterwegs, da es extrem schwierig ist, passende Biwak-Flugpartner zu finden.

liftuup: Kilometer zählen oder Landschaft gucken?
Lissi: Landschaft und Natur anschauen. Das ist für mich das Wichtigste!

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für deine Zeit, die du dir genommen hast. Wir wünschen dir unvergesslich schöne Momente am Berg und in der Luft!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.