Plauderecke #05 | heute: Marlon Jonat

Paragliding & Yoga & YouTube – einmal Backstage bitte!

Schwarzer Vollbart, muskulöse Arme, Sonnenbrille und lässige Sprüche – Marlon Jonat ist wirklich ‘ne coole Socke und dürfte vermutlich die meisten Klickzahlen deutschsprachiger Gleitschirmvideos auf YouTube verbuchen. Und das zu Recht, ist Marlon doch einfach ein sympathischer Kerl und obendrein ein toller Pilot, der es mit seinen Videos vermag, selbst Nicht-Gleitschirmflieger an den Bildschirm zu fesseln und für unseren Sport zu begeistern.

Marlons Videos sind für mich wie bestes Popcorn-Kino; ein Samstagabend-Blockbuster für Gleitschirmflieger sozusagen. Warum? Weil Marlon mich regelmäßig mitnimmt auf eine emotionale Berg- und Talfahrt: Mal knistert es vor Spannung; wenig später Aufatmen und Erleichterung nach einem gemeisterten Low-Save; gefolgt von Verbiegungen auf der Couch und Lachkrämpfen, wenn Marlon wieder einen seiner genialen Sprüche aus dem Cockpit seines Liegegurts feuert. Love it!!

Ich denken die meisten unter euch werden Marlon auch auf diese oder ähnliche Art und Weise auf YouTube wahrgenommen haben.

Nun zeigen die sozialen Medien bekanntermaßen ein doch eher eindimensionales Bild einer Person. Und wie ihr wisst, bin ich von Natur aus ein neugieriger Mensch. Bei einem so coolen Charakter wie Marlon frage ich mich: Was für ein Mensch steckt denn hinter den „Kulissen“. Ja, ich möchte mehr wissen über die Menschen, die unseren geilen Sport ausüben.

Also mache ich das, was jeder wissbegierige Mensch meiner Generation im ersten Schritt tun würde: Googeln 😉 Aha, Marlon arbeitet als Yoga-Coach bzw. betreibt sogar eine eigene Yoga-Schule.

Darüber wollte ich natürlich mehr erfahren. Also kontaktierte ich Marlon kurzerhand per Mail und bat ihn um ein (digitales) Meeting in der liftuup Plauderecke.

Ich bin dankbar dafür, dass Marlon mir sogleich für ein Interview zusagte – umso mehr, gestaltet sich doch für die meisten Selbstständigen diese Zeit der Pandemie alles andere als einfach.

Ich wünsche euch nun super viel Spaß und jede Menge Input beim Lesen der folgenden Zeilen. Aber eines nehme ich schonmal vorweg: Marlon kann nicht nur tolle Videos produzieren, sondern er ist ein Mensch, der mich in seinem ganzen Sein, Denken und Tun begeistert! Aber lest selbst…

liftuup: Hey Marlon! Ich freue mich sehr, dich in der liftuup Plauderecke begrüßen zu dürfen; Die meisten YouTube-affinen Piloten werden dich wahrscheinlich von deinen tollen und viel geklickten Gleitschirmvideos kennen –  für alle, die noch nichts von dir gehört haben: stell dich doch einfach mal selbst vor.

Marlon: Hey Rüdiger! Vielen Dank für die Einladung, es ist schön hier bei dir in der Plauderecke zu sein. Ich heiße Marlon Jonat, bin 31 Jahre alt, komme aus Salzkotten bei Paderborn und bin von Beruf Yogalehrer und Sozialarbeiter.

 

liftuup: Wenn ich mich richtig erinnere, hast du in einem deiner Videos erwähnt, dass du bereits schon vor der Fliegerei Pilot warst – damals allerdings unterwegs auf zwei Rädern und geduckt hinter der Scheibe eines Motorrad-Cockpits. Wie bist du denn vom Motor- zum Gleitschirmsport gekommen? Skizziere doch mal deinen Werdegang zum Freiflieger.

Marlon: Ja genau, das ist richtig! Ich bin in meiner Jugend viel mit dem Mofa, dann mit dem Roller und ab 18 mit dem Motorrad unterwegs gewesen. Damals hat mich besonders die Geschwindigkeit fasziniert und ich habe es geliebt auf einem Rad zu fahren. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung wie unglaublich Gleitschirmfliegen ist und dachte, dass Motorradfahren eben das Beste sei, was man auf der Erde machen kann. Dabei habe ich leider die Erfahrung machen müssen, dass es auf dem Motorrad oft erst dann anfängt Spaß zu machen, wenn es eigentlich schon viel zu gefährlich wird und noch dazu nicht mehr im Sinne der Straßenverkehrsordnung abläuft. Ich bin dann hier und da mal auf der Rennstrecke gewesen, doch auch dort habe ich nicht das gefunden, was ich vielleicht insgeheim gesucht habe. Es war noch immer ziemlich gefährlich und hat noch dazu einen Haufen Geld gekostet. Es hat dann noch eine Weile gedauert, bis ich 24 Jahre alt war. Ich erinnere mich noch gut an den Tag!

Es war an einem dunklen kalten Herbstabend 2013, als ich von Langeweile geplagt vor dem Bildschirm saß und mich durch YouTube Videos geklickt habe. Schließlich wurde mir ein Video von Jean-Baptiste Chandelier vorgeschlagen. Mit seiner herausragenden Art, Paragliding in seinen Videos in Szene zu setzen, hat mich diese Art der Fliegerei sofort in seinen Bann gezogen.

Nachdem ich mich durch sämtliche Paragliding Videos geklickt hatte, war mein Verständnis für diesen Sport von Grund auf verändert. Natürlich war mir bereits vor diesem besagten Abend bewusst, dass es Paragliding/ Gleitschirmfliegen als Sport gibt, allerdings habe ich es bis zu diesem Zeitpunkt anders wahrgenommen. Ich hatte das Bild von alten Männern, die an einem Tuch, langsam von einem Hügel herab schweben, im Kopf.

In dem Video von Jean-Baptiste habe ich jedoch erkannt wie viel mehr Potential dieser Sport hat. Es ist nicht nur möglich von oben nach unten zu schweben, sondern auch mit der Thermik aufzusteigen und atemberaubende Manöver zu fliegen und sogar große Distanzen zurück zu legen.

Genau da ist mir klar geworden, dass Gleitschirmfliegen alles andere als langweilig ist und vermutlich genau das war, wonach ich schon immer gesucht und geträumt hatte.

Es war noch derselbe Abend, an dem ich mir bei bei ebay Kleinanzeigen meinen ersten Gleitschirm für 60€ kaufte! Es war ein Gleitschirm von 1989, aber das war mir egal. Ich dachte, der wird schon reichen, um die ersten Erfahrungen zu sammeln.

Wenige Tage später kam das Paket mit der alten, aber noch sehr gut erhaltenen “Tüte” an. Neben dem alten Firebird Schirm hatte ich nur einen Klettergurt, Baumarkt Karabiner und einen Skateboardhelm. Da ich hier im Flachland noch nicht die passenden Hügel kannte, blieb mir erstmal nur das Groundhandling. Das hat mir aber nicht gereicht und ich wollte unbedingt abheben, koste es, was es wolle. Und so ereignete es sich, dass ich an einem sehr windigen Tag mal wieder mit dem Schirm auf einer Wiese stand und mich im Groundhandeln übte, aber schnell merkte, dass der Wind immer stärker wurde. In meiner damaligen Unwissenheit, habe ich mich dann mit einer 10m Reepschnur am Auto befestigt, um nicht vom Wind weggepustet zu werden.

Ihr könnt euch sicher denken was dann passierte…der Wind wurde immer stärker und ich merkte wie ich langsam begann abzuheben. Im ersten Augenblick war ich total happy, denn ich war endlich in der Luft. Doch es dauerte nicht lang und ich merkte, in welch missliche Lage ich mich gebracht hatte. Ich hing verkehrt herum, also mit dem Blick zum Gleitschirm gerichtet, da ich das Groundhandling über Kreuz noch nicht beherrschte, auf voller Seillänge fast senkrecht in der Luft ohne den Schirm richtig steuern zu können. Irgendwann ging es natürlich wieder runter, zwar alles andere als kontrolliert, aber ich bin unbeschadet aus der Situation herausgekommen.

Es folgten viele weitere abenteuerliche Flugversuche und Experimente, in denen ich per Seilschlepp vom Auto in die Luft gezogen wurde, Bruchlandungen und beinahe Abstürze hatte, bis ich endlich den Weg zur Flugschule wählte. Auch wenn ich mir zu dem Zeitpunkt bereits die grundlegenden Start- und Flugfähigkeiten beigebracht hatte, ging es mit der A-Lizenz erst so richtig los.

 

liftuup: Was bedeutet Fliegen für dich heute – viele Flugstunden später?

Marlon: Die Fliegerei hat mich nach wie vor in ihren Bann gezogen und es ist jedes Mal ein unglaubliches Gefühl abzuheben und den Boden zu verlassen. Doch heutzutage ist es nicht nur der starke Wunsch, der mich in die Luft bringt, sondern auch das nötige Maß an Wissen und Erfahrung, um auch wieder sicher zu landen. Doch den  Hang zum Experimentieren und den Wunsch nach mehr zu streben, trage ich nach wie vor in mir. Wenn es die Konditionen also hergeben, geht es oft darum, höher, weiter oder schneller zu fliegen oder Acro Manöver zu erlernen, um die Fliegerei in all ihren Facetten kennenzulernen.

liftuup: Hand auf’s Herz: Wie wurde aus dem begeisterten Tuchflieger Marlon Jonat der wohl bekannteste deutsche Gleitschirm-VLOGer auf YouTube? Eine Erfolgsgeschichte nach Plan oder doch eher ein „hat-sich-so-ergeben-Selbstläufer-Ding?“

Marlon: Tja das ist eine gute Frage… Also eine Erfolgsgeschichte nach Plan war es sicher nicht. Genau weiß ich es selbst nicht, aber ich glaube, da haben einige Faktoren und etwas Glück dazu beigetragen. Ich denke, es ist mir gelungen, das Gleitschirmfliegen so darzustellen, dass auch für den Laien erfahrbar wird, was es bedeutet, mit dem Gleitschirm zu fliegen. Die Kombination, aus mehreren Perspektiven zu filmen und meine Emotionen und Eindrücke vor der Kamera zu teilen, um dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln als wäre er selbst mitgeflogen. Und natürlich werde ich auch einfach Glück mit dem YouTube Algorithmus gehabt haben!

 

liftuup: In deinen Videos nimmst du deine Zuschauer auf ganz sympathische und authentisch Art und Weise mit auf beeindruckend schöne Streckenflüge – dabei begeisterst du sogar Zuschauer, die sonst mit dem Fliegen überhaupt nichts am Hut haben. Beim digitalen Blick über deine Schulter spürt man regelrecht, welche Emotionen du beim Fliegen durchlebst. Was fasziniert dich im Besonderen an der Spielart des Streckenfliegens?

Marlon: Vielen Dank Rüdiger, deine netten Worte weiß ich sehr zu schätzen! Es hat mir immer schon viel bedeutet, meine Begeisterung mit meinen Mitmenschen zu teilen.

Dabei hat das Streckenfliegen einen ganz besonderen Reiz. Ich denke, dass besonders die Herausforderung und das Abenteuer am XC Fliegen mich so faszinieren. Wie sagt man so schön: “Runter kommen sie alle!” Nur, dass es beim Streckenfliegen darum geht, möglichst lange oben zu bleiben, um eine möglichst große Distanz zu überwinden. Doch gerade hier, bei mir im Flachland, muss man erstmal einen Weg finden, hoch zu kommen. Das ist an manchen Tagen gar nicht so leicht, besonders, wenn man bedenkt, dass die Hügel von denen ich starte, oft nicht mehr als 50m Höhenunterschied haben. Hat man es dann geschafft bis zur Basis aufzudrehen und hängt unter den Wolken, ist das ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Es erweckt den Eindruck, man könnte ohne Grenzen überall hinfliegen. Es fasziniert mich ungemein, mich z.B. unter einer Wolkenstraße entlang zu hangeln und aus der Vogelperspektive die Welt zu erkunden. Jeder Streckenflug ist ein neues Abenteuer, jedes Mal lernt man etwas Neues oder entdeckt die Welt aus einer anderen Perspektive. Die Bedingungen in der Luft sind nie gleich, die Ungewissheit, wo man die nächste Thermik findet und wie weit der Flug noch geht, können ganz schön an den Kräften zehren und es gibt vermutlich kaum etwas Spannenderes als ein Lowsave! Ein Flug, der sich dem Ende neigt und man schon fest mit der Landung rechnet, aber noch bis zum letzten Meter kämpft und dann…plötzlich piept das Vario und man findet Thermik, die einen wieder bis an die Basis trägt. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Auf einmal ist wieder alles möglich!

Ja, ich denke, das Alles ist es, was mich am Streckenfliegen so fasziniert. Das Gesamtpaket aus Herausforderung und Abenteuer!

 

liftuup: Ich möchte in diesem Interview aber gar nicht in erster Linie über deine mediale Präsenz sprechen. Wenn man dich googelt, dann findet man ganz leicht heraus, dass du Yoga-Lehrer bist – und das bereits seit 2007. Ich finde das super spannend. Wie kam es dazu? Erzähl uns bitte von deiner nicht ganz gewöhnlichen Berufswahl.

Marlon: Ich war damals gerade fertig mit meinem Fachabitur, habe noch in einem Hochseilgarten gearbeitet und hatte schon den Plan, Soziale Arbeit zu studieren. Ich wollte allerdings nicht gleich von der Schule ins Studium wechseln. Zu der Zeit war meine Mutter gerade dabei, zur Yogalehrerin ausgebildet zu werden. Ich hatte bis dahin keine Ahnung davon, was Yoga wirklich bedeutet und hatte auch noch keinerlei Vorerfahrung. Ich habe es – ehrlich gesagt – immer etwas belächelt und dachte, dass man beim Yoga Räucherstäbchen anzündet und sich zum Geräusch der Klangschale auf seiner Schaf-Fell-Matte entspannt. Eines Tages ist mir dann ein Übungsbuch meiner Mutter in die Hände gefallen und ich war ganz überrascht, wie akrobatisch und sportlich es beim Yoga zugehen kann. Ich habe, soweit ich konnte, gleich einige Übungen ausprobiert und wollte mehr. Ich erfuhr, dass wir hier ganz in der Nähe meiner Heimat das größte Yoga- und Seminarhaus Europas haben und ich dort auch zum Yogalehrer ausgebildet werden könnte. Es dauerte nicht lang und die Entscheidung war getroffen…Ich wollte Yogalehrer werden! Als ich dann 2007 die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, war ich gerade mal 16 Jahre alt und so war ich zu dem Zeitpunkt der jüngste Yogalehrer Deutschlands. Anfangs habe ich die Ausbildung eher als Weiterbildung für mich selbst gesehen. Dass sich daraus mal meine Selbständigkeit und meine heutige Yogaschule entwickeln würde, hätte ich nie gedacht.

 

liftuup: Welche Bedeutung hat Yoga für dich? Wie hat es dich geprägt? Hat sich durch das regelmäßige Praktizieren etwas an oder in dir geändert?

Marlon: Yoga ist ein Teil meines Lebens geworden und ich kann mir heutzutage kein Leben mehr ohne Yoga vorstellen! Yoga hilft mir, mich fit und gesund zu halten. Es geht aber noch weit darüber hinaus. Ich habe viele Aspekte des Lebens erst durch Yoga aus einer ganz neuen Perspektive betrachten können und es hilft mir mit einem anderen Bewusstsein durchs Leben zu gehen. Auch mein Verständnis von Yoga hat sich grundlegend verändert und ich habe gelernt, dass Yoga so viel größer ist, als ich damals dachte. Es ist viel mehr als nur ein Übungssystem für Körper und Geist. Ich habe selbst nur die “Spitze des Eisbergs” erfahren und entdecke Yoga und mich selbst immer wieder aufs Neue. Es ist schwer zu beschreiben, was Yoga alles umfasst, da es so groß ist, dass jeder etwas Anderes für sich daraus ziehen kann.

Durch das regelmäßige Praktizieren hat sich eine ganze Menge in mir verändert. Ganz offensichtlich sind die körperlichen Veränderungen. Ich bin deutlich flexibler und geschmeidiger als ich es vor der Ausbildung war. Auch ein deutlicher Kraftzuwachs ist unverkennbar. Die aber – in meinen Augen – größte Veränderung ist das Entwickeln innerer Gelassenheit. Yoga hilft mir, einen Ausgleich zum Alltag zu schaffen und bringt mich durch den Wechsel von Anspannung und Entspannung in ein tiefes inneres Gleichgewicht.

 

liftuup: Sieht man dich in den YouTube Videos, so stellt man eines ziemlich schnell fest: Der Marlon ist echt fit! Du bist körperlich ganz hervorragend in „shape“. Machst du neben dem regelmäßigen Yoga Training noch mehr für deine Fitness?

Marlon: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt! Tatsächlich würde ich behaupten, dass Yoga den Schwerpunkt meines Trainings ausmacht. Allerdings gehe ich auch gerne bouldern und laufen und ich baue auch immer wieder funktionelle Fitness-Übungen in mein Training ein.

liftuup: Nun, gute Streckenpiloten gibt es viele – ob mit Plauze oder ohne 😉 Dennoch stelle ich immer wieder fest, dass Toppiloten oftmals auch in unglaublich guter körperlicher Verfassung sind. Man denke nur an die X-Alps Athleten, die alle 2 Jahre auf beeindruckende Art und Weise zeigen, was in unserem Sport geht, welche körperlichen und fliegerischen Leistung abgerufen werden können. Siehst du einen erkennbaren Zusammenhang zwischen körperlicher Konstitution und der potentiellen fliegerischen Leistungsfähigkeit eines Piloten?

Marlon: Ich denke bei den X-Alps Piloten ist die körperliche Leistungsfähigkeit eine unumgängliche Voraussetzung, um den läuferischen Anteil des Rennens überhaupt bewältigen zu können. Aber ich bin davon überzeugt, dass auch für die weniger laufstarken Piloten unter uns die körperliche Fitness einen positiven Effekt auf die fliegerische Leistungsfähigkeit hat. Wer schon mal mehrere Stunden am Stück bei anspruchsvollen Bedingungen unter dem Schirm hing, der weiß, wie körperlich es beim Gleitschirmfliegen zur Sache geht und wie wichtig es ist, eine konstant hohe Leistungsfähigkeit über Stunden hinweg aufrecht zu erhalten.

 

liftuup: Die körperliche Verfassung ist die eine Seite der Medaille, sozusagen die Hardware, mit der wir arbeiten können. Fliegen spielt sich aber bekanntermaßen auch ganz stark im Kopf ab. Situationen und Begebenheiten sondieren, analysieren und in der Folge möglichst gute Entscheidungen treffen – gerade anspruchsvolle Streckenflüge verlangen von uns Piloten in dieser Hinsicht so einiges ab. Was denkst du persönlich über mentale Stärke und das passende Mindset als Rüstzeug für erfolgreiches (Strecken-)Fliegen?

Marlon: Ich bin ganz deiner Meinung! Oft gerät man beim Fliegen und besonders beim Streckenfliegen in Situationen, in denen man nicht nur schnell und präzise analysieren und wichtige Entscheidungen treffen muss, sondern auch unter starker mentaler Spannung steht. Ich habe gleich eine ganze Reihe Situationen vor Augen, in denen die äußeren Umstände ein schnelles und konsequentes Handeln erfordert haben und das Treffen der richtigen Entscheidung maßgeblich am Erfolg des Fluges oder der Sicherheit beigetragen haben.

Zum Beispiel bei meinem Flug von Detmold bis an die belgische Grenze. Da hatte ich bereits kurz nach dem Start eine Situation, in der ich sehr tief auf der Suche nach Thermik war und deutlich spürte, wie meine innere Anspannung anstieg. Es schien ziemlich aussichtslos, mich aus dieser Situation nochmal herauszuarbeiten. Hätte ich in dem Moment dem Zweifel Raum geschenkt und meinen Fokus verloren, wäre der Flug dort auf dem Feld sicher zu Ende gewesen.

 

liftuup: Hilft dir dein regelmäßiges Yoga-Training auch als Vorbereitung für knifflige oder gar brenzlige Situationen während eines Fluges?  Gibt es Techniken, die du in den jeweiligen Situationen abrufen und anwenden kannst? Wie sieht das konkret aus?

Marlon: Ich denke schon, dass sich Yoga bzw. die durch das Yoga geübte innere Gelassenheit positiv auf meine fliegerische Leistungsfähigkeit auswirkt und mich schon so manches Mal vor einer Bruchlandung bewahrt hat. Ich glaube, ich habe auch ein Händchen dafür, mich in brenzlige Situationen zu bringen oder mich höherem Risiko auszusetzen. Aber gerade dann, wenn es darauf ankommt, bin ich innerlich oft ganz ruhig und im Kopf ganz klar. Wenn es mal eng wird, habe ich das Gefühl, dass auf einmal alles wie in Zeitlupe läuft und ich mehr Zeit für meine Entscheidungen und mein Handeln habe. Ich kann mich an einige Situationen erinnern, die das Potential hatten, gefährlich enden zu können, es mir aber gelungen ist, die Ruhe zu bewahren und die richtige Entscheidung zu treffen.

Ich habe allerdings keine spezielle Technik, die ich in der Situation selbst anwende. Es ist vielmehr meine grundsätzliche innere Einstellung. Man könnte jetzt natürlich anführen, dass es hilfreich ist, tief in den Bauch zu atmen und die Ausatmung etwas zu verlangsamen. Das ist eine Technik, um sich aktiv zu beruhigen, jedoch mache ich davon in der Luft eher weniger Gebrauch. Ich denke, ich profitiere von der grundsätzlichen inneren Haltung, die ich durch mein Yoga-Training entwickeln konnte. Da sich im Yoga Anspannung und Entspannung immer wieder abwechseln, wird einem völlig klar, wie es sich anfühlt unter Spannung zu stehen und was nötig ist, um wieder in einen entspannten Zustand zurück zu finden. Yoga hat mir geholfen, selbst in starken Spannungszuständen Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln, um meinen Fokus nicht zu verlieren.

 

liftuup: Es gibt viele verschiedene Yoga-Stile bzw. Ausprägungen. Die Thematik wirkt auf Laien der Materie wie mich sehr faszinierend aber natürlich auch unglaublich komplex. Wie gelingt der Einstieg?

Marlon: Ich selbst habe als Yogalehrer noch nicht alle Yogastile ausprobiert und es gibt nahezu endlose Übungen, Techniken und Methoden, um die körperliche, geistige und seelische Entwicklung zu trainieren. Ich habe damals mit Hatha-Yoga begonnen und es ist nach wie vor der Grundbaustein meines Trainings und meiner Kurse. Es ist ein eher körperorientierter Yogastil, der Elemente aus den 6 grundlegenden Yogastilen vereint. Wenn ich mir jetzt als Einsteiger die Frage stelle, welcher Yogastil für mich der richtige ist, dann würde ich mich zunächst fragen, was mein Ziel ist, das ich erreichen möchte. Hier im westlichen Teil der Welt, wird Yoga oft mit Pilates oder Aerobic verglichen und natürlich gibt es gewisse Parallelen und Gemeinsamkeiten. Es gibt aber noch so viel mehr! Und keine Sorge, liebe Männer da draußen: Es ist nicht nur für Frauen! Ich bin davon überzeugt, dass besonders die Männer vom Yoga profitieren. Für mich ist die körperliche Komponente nach wie vor das, was ich im Yoga trainieren möchte. Aber der Geist spielt dabei immer eine wichtige Rolle.

Welcher Stil für einen der richtige ist, kann ich nicht pauschal sagen. Ich denke, in der heutigen Zeit ist man gut damit beraten, sich im Internet mal ein paar Stile anzuschauen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Unabhängig vom Yoga Stil ist es aber auch entscheidend, den für sich passenden Yogalehrer zu finden.

 

liftuup: Gibt es einen Yoga-Stil, den du insbesondere Gleitschirmpiloten ans Herz legen würdest? Wenn ja welcher und warum?

Marlon: Ich kann zumindest sagen, was mir persönlich hilft: Das ist ein körperorientierter Stil, der eine ausgewogene Mischung aus Körperübungen (Kräftigung, Mobilisierung und Koordination) sowie Entspannungs-, Meditations- und Atemübungen beinhaltet, also Hatha-Yoga. Die Körperübungen halten mich fit und flexibel und helfen mir, an Flugtagen in bester Verfassung zu sein. Die Entspannungs- und Meditationsübungen helfen mir, gelassen und gleichzeitig fokussiert zu fliegen. Übrigens haben die ursprünglichen Yogis in Indien die Yoga Übungen praktiziert, um möglichst lange beschwerdefrei in der Meditationshaltung verweilen zu können, teilweise mehrere Tage am Stück. Da ist es doch naheliegend, dass uns die Yogaübungen auch auf langen Streckenflügen helfen, möglichst lange leistungsfähig zu sein und bequem im Gurtzeug sitzen zu können.

 

liftuup: Jetzt steht noch einige Zeit des Winters bevor. Für die meisten Piloten bedeutet diese Jahreszeit Kälte und Nässe statt der geliebten Airtime. Eigentlich die beste Zeit, um anderweitig für die eigenen fliegerischen Projekte, Träume und Ziele zu trainieren. Gib uns doch eine Empfehlung, wie wir die flugarme Jahreszeit sinnvoll nutzen können, um uns körperlich und mental zu stärken, sodass wir mit vollem Tatendrang samt neu erworbener Fähigkeiten in die neue Flugsaison starten können.

Marlon: Ja schon richtig, dass es im Winter nicht so einladend ist und wetterbedingt auch weniger Flugtage zur Verfügung stehen. Aber wann immer ich kann, bin ich auch im Winter in der Luft bzw. am Übungshügel, um im Training zu bleiben. Wenn es im Frühling mit den thermisch aktiven Tagen losgeht, dann will ich doch vorbereitet sein! Genauso würde ich es auch jedem anderen Piloten raten!

An den schlechten Tagen gibt es dann wiederum kaum etwas Besseres, als sich ein gutes Buch aus der Gleitschirmliteratur zu schnappen, sich aufs Sofa zu setzen und einfach mal tief in die unterschiedlichen Themeninhalte abzutauchen. Ich liebe es, ein solches Buch richtig durchzuarbeiten. Mit Textmarker und Post-it bewaffnet markiere ich die für mich relevanten Themen und versuche aufkommende Fragestellungen für mich zu beantworten. Dabei habe ich regelmäßig “AHA Momente”, die mich am nächsten Flugtag besser und erfolgreicher fliegen lassen.

Aber ich vermute, du spielst auf etwas Anderes an. Wenn wir schon beim Thema sind, ist der Winter die perfekte Zeit, um etwas für sich und seinen Körper zu tun! Und wer weiß, vielleicht entdeckt der ein oder andere ja Yoga für sich!? Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!

 

liftuup: Nun sprich mal in eigener Sache. Wo findet man Infos über dich und dein Yoga-Training?

Marlon: Ja, sehr gern! Ich habe im letzten Jahr ein paar neue Übungsvideos auf meinem YouTube Yoga-Kanal hochgeladen. Den findet man auch, wenn man einfach meinen Namen “Marlon Jonat” am besten in Kombination mit Yoga bei YouTube eingibt. Da bekommt man sicher einen guten ersten Eindruck davon, wie der Yogastil, den ich praktiziere, aussieht. Ich habe die Absicht, dort in naher Zukunft noch mehr hochzuladen und den Kanal auszubauen. Ich bin aktuell dabei meine Yogaschule zu erweitern. Die Bauphase des neuen Gebäudes ist nun fast abgeschlossen. Die offizielle Website www.athleticyoga.de befindet sich aktuell noch im Aufbau. Aber auch dort wird demnächst Einiges zu finden sein. Wer hier im Paderborner Land mal unterwegs ist, ist nach dem Lockdown herzlich zu einer Probestunde eingeladen.

 

liftuup:  Wie geht es weiter mit Marlon Jonat auf YouTube? Auf was können wir uns künftig freuen?

Marlon: Natürlich kann ich noch nicht zu viel verraten, aber auf meinen Festplatten stapeln sich etliche Terabytes an Videomaterial, das nur darauf wartet, endlich bearbeitet zu werden. Es werden Videos kommen, die meine Geschichte des Gleitschirmfliegens darstellen und meine halsbrecherischen Anfänge dokumentieren. Natürlich weitere Streckenflüge im VLOG Style, aber auch Motor- und Akrofliegen werden Thema sein. Und als nächstes kommt das Video, was erzählt, wieso es so lange ruhig auf meinem Kanal war und was genau passiert ist! Denn eins ist sicher: Ich bin nach wie vor absolut fasziniert vom Fliegen und möchte meine Faszination auch weiterhin mit euch teilen!

 

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das tolle Interview und freuen uns, wenn es das nächste Mal heißt: „Jetzt muss es der Enzo einfach regeln!“ 😉

 

Anmerkung:

Alle hier in diesem Beitrag verwendeten Bilder unterliegen ausschließlich und alleine den Bildrechten des Bildinhabers Marlon Jonat

25 thoughts on “Plauderecke #05 | heute: Marlon Jonat”

  1. Alex sagt:

    Hallo Rüdiger,
    Einfach spitze, deine Plauder Runde mit Marlon.
    Ich liebe seine Filme auf YouTube, schau mir die als auf dem TV im Wohnzimmer an. Das hat was 👍🤩
    Grüße
    Alex

    • liftuup sagt:

      Hey Alex. Besten Dank für dein Feedback. Mir geht’s wirklich genauso. Marlons Filme sind einfach der burner! Gerade jetzt im Winter, wo wir alle leider nur wenig zum Fliegen kommen, lass ich mich von Marlon gerne mitnehmen auf seine tollen Streckenabenteuer 🙂 bis bald am Merkur 😛

  2. Pete sagt:

    Marlons Videos sind ausschlaggebend dafür, dass ich heute fliege. Nachdem ich schon paar mal mit dem Gedanken gespielt hatte, mit dem Gleitschirmfliegen anzufangen, waren es letztendlich Marlons Videos, die mir den letzten Ruck gaben. War die beste Entscheidung überhaupt. Seitdem bereichert das Fliegen mein Leben. Danke Marlon für deine tollen Videos. Danke Rüdiger für deine Mühen hier mit dem Blog.
    Gruß
    Pete

    • liftuup sagt:

      Hey Pete. Danke für deinen Kommentar. Ich glaube als Marlon angefangen hat, Videos zu schneiden und auf YoutTube zu stellen, konnte er sicherlich kaum erahnen, was er da lostreten wird…im positiven Sinne. Leute zum Fliegen zu bringen – kann’s was schöneres geben? Hoffe Marlon liest hier mit 🙂
      Beste Grüße

    • Marlon Jonat sagt:

      Hey Pete,
      es freut mich sehr, dass meine Videos mit ein Grund dafür waren dich für diesen unglaublichen Sport zu begeistern 🤗🙏 Danke für deine tolle Rückmeldung!
      Beste Grüße,

      Marlon

  3. bambam sagt:

    Bissel yoga lastig für meinen Geschmack aber sonst cooles Interview. Marlons Videos sind hammer!

    • liftuup sagt:

      Hallo bambam. Klar, das hier ist ein Gleitschirm-Blog. Aber ist der Blick über den Tellerrand nicht auch mal interessant und bereichernd? 🙂
      Beste Grüße,
      Rüdiger

    • Marlon Jonat sagt:

      Hi Bambam,

      danke für dein Feedback. Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich aber ich kann verstehen wenn man als Gleitschirmpilot besonders an der Fliegerei interessiert ist. Aber vielleicht bereichert es ja den ein oder anderen 😉✌
      Beste Grüße,
      Marlon

  4. Christopher sagt:

    Grüße dich Rüdiger,

    vielen lieben Dank an dich für das Interview, und natürlich an Marlon für den Einblick in den schönsten Sport der Welt.
    Der Winter bietet auch die Möglichkeit mal in Ruhe den Lufthunger zu schüren, beim Stöbern auf Youtube oder eben deinem Blog.
    Vielen Dank.
    Ich wünsche dir ein herrliches Flugjahr 2021. Auf das es dieses Jahr wieder etwas normaler wird.

    • liftuup sagt:

      Hallo Christopher! Danke für dein Kommentar und Feedback. Darüber freue ich mich immer riesig; und ich denke meine Interviewpartner auch 🙂 Flughunger schüren… oh ja… ich weiß ja nicht wie das bei dir ist…also ich verspüre so richtigen Heißhunger 😉
      Ich wünsche dir auch ein geniales Flugjahr 2021 – auf viele viele unvergesslich schöne Momente hoch droben 🙂 Mach’s gut.
      Beste Grüße,
      Rüdiger

    • Marlon Jonat sagt:

      Hi Christopher,
      es ist schön hier deinen tollen Kommentar zu lesen!🤗 Danke dafür und dir auch ein besseres 2021 und viele tolle Flüge.
      Beste Grüße,

      Marlon

  5. Anonymous sagt:

    Super Interview, Merci! lg, ben

  6. Sebbi sagt:

    also wenn ich vom Yoga solche Oberarme bekomme, fang ich auch damit an ;-P

  7. Frau Snow sagt:

    Super geschrieben und auch für Nicht-Gleitschirmflieger interessant zu lesen. 🙂

  8. Anonymous sagt:

    Bitte mehr von deinen Yoga Videos. Die sind super. LG Maike

    • Marlon Jonat sagt:

      Hey Maike, mit so einer Rückmeldung habe ich hier garnicht gerechnet 🤗😁
      Wie auch auf dem Gleitschirmkanal wird es bald neue Videos geben!

  9. Hartmuth Hechtbauer sagt:

    Danke für das tolle Interview. Habe mich sehr gefreut wieder was vom Marlon Jonat zu hören bzw. zu lesen. Hatte schon leichte Sorge das er in den unendlichen Weiten des der YT-Channel verschwunden ist. Das wäre echt Jammer, weil seine Videos zu dem Besten gehören was man sich zum Thema Gleitschirmfliegen anschauen kann. Spannend, mitreißend, witzig, informativ, fesselnd, und eine unglaubliche Motivation entfachen. Also lieber Marlon: Lass uns nicht mehr arg so lang auf Dein nächstes Video warten und alles Gute für Deine beruflichen Pläne. Und Deine Yogaseite schaue ich mir nun auch an.
    Herzliche Grüße aus Oberbayern.

    • Marlon Jonat sagt:

      Hallo Hartmuth,
      ich bin aktuell dabei das nächste Video für den Kanal zu produzieren und werde dann auch ausgiebig erzählen wieso ich so lange von der Bildfläche verschwunden war! Es wird also sicher sehr bald weitergehen 🤗
      Vielen, vielen Dank für deinen tollen und herzlichen Kommentar! 🙏
      Beste Grüße nach Bayern!

  10. Moschi ;-) sagt:

    Hey Marlon, machst du auch mal ein Video speziell zum Motorschirmfliegen?
    Grüße, Volker

    • Marlon Jonat sagt:

      Hi Volker, ja tatsächlich habe ich dazu sogar schon einige Aufnahmen auf der Festplatte. Ich habe z.b. einen Schirm den ich ausgiebig auf Herz und Nieren teste und meine Erfahrungen dazu per „Live-Kommentar“ direkt äußere. Das geht teilweise heiß her. Der Schirm ist eine wahre Rakete und mit leichtem Rückenwind geht es teilweise mit über 100km/h vorwärts 🤗
      Beste Grüße,
      Marlon

  11. liftuup sagt:

    Marlon, gaaaanz ganz herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, alle Kommentare hier durchzulesen und zu antworten. Das freut mich riesig; und meine Leser sicherlich auch. Erst der Austausch, die Konversation, macht diesen Blog hier lebendig!! 🙂

  12. Marc Bräuer sagt:

    hahaha, Gleitschrim Blockbuster :-))) das triffts wirklich gut. freue mich sehr auf neues. grüße von der mosel, Marc

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