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TESTED: BipBip PRO

Werbung / Transparenz

Das im Folgenden beschriebene Vario BiBip PRO wurde mir vom Hersteller Stodeus Solar Paragliding Instruments für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Ich durfte das Vario nach Abschluss der Testarbeiten unentgeltlich behalten. Weder für die Verfassung dieses Textes noch für die Darstellungen auf Instagram erhielt ich von Stodeus eine finanzielle Zuwendung. Auch erfolgte seitens Stodeus keinerlei Einflussnahme hinsichtlich der zum Vario veröffentlichten Inhalte.

 

Bist du ein Thermikschnüffler?

Wer kennt sie nicht? Wer beneidet sie nicht? Diese Piloten, auf deren DNA sich wohl ein paar genetische Codes unserer gefiederten Vorbilder eingeschlichen haben. Diese Piloten, die mit dem gewissen Fliegergen geboren wurden. Diese Piloten, die mit geradezu anmutiger Leichtigkeit der Schwerkraft regelmäßig ein Schnippchen schlagen, die scheinbar „unabsaufbar“ sind und die am Ende des Tages immer einen Tick höher am Himmel hängen als der Rest der Meute. Diese Piloten, die auch dann noch ihre Kreise über unseren Köpfen ziehen, während wir schon längst ungewollt gegroundet sind und verdutzt und neidvoll zu ihnen aufschauen. Ja, diese Piloten kennt wohl einer jeder von uns. Gehörst du zu diesen Piloten?

Ich jedenfalls nicht. Ich glaube von mir sagen zu können, dass ich mittlerweile, nach vielen hundert Flugstunden im Erfahrungsrucksack, ganz ordentlich und einigermaßen effizient Thermiken verschiedenster Ausprägung und Güte zentrieren kann – wobei ich dahingehend auch heuer noch maximal im oberen Mittelfeld agiere. Und alleine bis zu diesem Level war es für mich ein langer Weg, waren doch die begehrten Aufwinde in den ersten Jahren meiner Fliegerei lange ein Buch mit sieben Siegeln.

Ich bin ein Kind der Technik. Mein erstes Vario legte ich mir unmittelbar nach absolvierter A-Schein Prüfung zu. Das alleinige Fliegen mit dem „Popometer“ und damit ganz ohne piepsende Helferlein, was als Übung für das Thermikgespür von vielen Seiten wärmstens empfohlen wird, habe ich nie praktiziert – vielleicht ein Versäumnis.

Es ist nicht so, dass ich dem „Gefühl“ keine Bedeutung einräume – im Gegenteil. Natürlich bin auch ich stetig bemüht, die Dynamik und Bewegungen der Luftmassen wahrzunehmen, zu interpretieren und dadurch die Aufwinde aufzuspüren und diese dann in der Folge zu zentrieren bzw. beim Kurbeln immer wieder mit kleinen Shifts und Inputs nachzujustieren. Dennoch: Im Großen und Ganzen bin ich einfach sehr stark auf die Akustik meines Varios fokussiert.

Und da ich ganz sicher NICHT mit diesem eingangs beschrieben Fliegergen gesegnet bin, lasse ich mir gerne von der Technik ein wenig unter die Arme greifen. Ergo: Die Performance meines Varios muss für mich einfach wirklich zu hundert Prozent passen.

 

Es war einmal…

Es muss irgendwann im Winter 2019 gewesen sein; draußen klirrende Kälte. Ich lausche einem Vortrag über das Streckenfliegen. Was ich dort in Bezug auf die Einstellungen des Varios aufschnappe, war mir in einigen Teilbereichen bis dato neu. So erfuhr ich von der Relevanz eines sehr sensiblen, raschen Ansprechverhaltens und dass eine zuschaltbare akustische Signalgabe für den sog. Nullschieber sinnvoll sein kann – gerade für Flachlandpiloten. Sinngemäß wurde wie folgt argumentiert: Sinkst du nicht, befindest du dich bereits in steigender Luft, denn dein Eigensinken wird aufgehoben. Das reicht zwar noch nicht zum Aufdrehen, aber irgendwo um dich herum gibt es eine Thermikquelle, die Aufwind produzierte. Gut möglich, dass hier in gewissen Intervallen wieder eine nutzbare Thermik aufsteigt.“ Das klang einleuchtend für mich. Da ich außerhalb der Urlaubsfliegerei zumeist im Mittelgebirge fliege und von dort aus gerne auch Abstecher ins Flachland unternehme, notierte ich mir diesen Tipp auf meiner Verbesserungsagenda.

Das Vario, welches ich bis dahin zum Fliegen nutzte, war grundsolide; aber viele Einstellungsmöglichkeiten, gerade in Bezug auf Ansprechsensibilität bzw. Reaktionszeit gab es nicht.

Und so folgte eine kleine Bestandsaufnahme. Der Markt an Fluginstrumenten für Gleitschirmpiloten ist bunt, breit sortiert und bietet wohl für jeden Pilotengeschmack und Einsatzzweck die passende Lösung – wenn denn das Kleingeld stimmt. Gerade die Top-Geräte, allesamt High-End Produkte, haben einen stolzen Preis.

Im Zuge meiner Recherche stieß ich auf den französischen Instrumentenhersteller Stodeus Solar Paragliding. Deren minimalistisches Solarvario in auffallend grüner Farbe, das BipBip, war mir bereits zurückliegend des Öfteren an diversen Startplätzen ins Auge gefallen.

Ein kurzer Check auf der Firmenseite mündete recht fix in einer Bestellung.

Trotz des minimalistischen Designs und der rudimentären Bedienung wies der kleine grüne Piepser alle oben genannten und von mir erwünschten Funktionen auf; und das in Kombination mit einem für diese Performance unschlagbar günstigen Preis.

 

Was bisher geschah…

Long story short: Das BipBip+ begleitete mich seit dem Kauf auf über 200 Flugstunden, bewahrte mich dabei wohl unzählige Male vor dem Absaufen und zeigte mir stets zuverlässig den Weg zurück an die Basis. Kein Wunder also, bin ich bis heute total in love mit meinem grünen Piepmatz.

 

Das BipBip PRO

Das BipBip+ hatte ganz viele Stärken und nur ein paar wenige Schwächen.

Als Stodeus Ende 2020 den Nachfolger des BipBip+, das BipBip PRO, launchte und auf der Website gut aufbereitet die neuen Eigenschaften des minimalistischen Varios beschrieb, sah ich die von mir bis dato wahrgenommenen Schwächen des Vorgängers als beseitigt. Ich wurde neugierig. Also kontaktierte ich fix das Team von Stodeus und frage nach einem Testgerät bzw. nach einer Kooperation. Mit einsetzendem Frühjahr und thermischer Aktivität dauerte es dann auch nicht lange und das Team aus Grenoble beglückte mich mit einer Paketsendung.

Alt war gut – neu ist besser. Eine sanfte Evolution!

Ich erwähnte ja bereits eingangs, dass ich den Vorgänger, das BipBip+, in vielen, vielen Flügen so richtig zu schätzen gelernt habe. Allerdings hatte der Vorgänger auch ein paar wenige Eigenschaften, die mir persönlich nicht ganz so gut gefielen:

  • Die etwas geringe Lautstärke (am Helm kein Problem; am Cockpit mit Windgeräuschen ein bisschen zu leise)
  • Der etwas blecherne Vario-Ton (hörte sich ein wenig wie Spielzeug an)

Ob es Stodeus geschafft hat, die Grundcharakteristik des für mich so genialen Vorgängers beizubehalten und mit einigen Stellschrauben das BipBip PRO noch ausgefeilter und gewissermaßen erwachsener werden zu lassen und dabei die o. a. Schwächen auszumerzen, dem wollte ich in einem ausführlichen Test auf den Grund gehen. Also raus aus dem Büro und rauf in die Luft. Ich habe mit dem neuen BipBip PRO im Testzeitraum nunmehr etwas über 30 Stunden geflogen und sämtliche Einstellungen ausprobiert. Meine Eindrücke zum Gerät findet ihr in den folgenden Abschnitten.

 

Stodeus Solar Paragliding | State-Of-The-Art Technology – MADE IN FRANCE

Stodeus Solar Paragliding Instruments ist ein französisches Unternehmen mit Sitz in Grenoble, im Herzen der Französischen Alpen. Die noch junge Firmengeschichte von Stodeus begann im Jahr 2011, als der spätere Firmengründer Timothée auf der Suche nach einem kompakten, ultraleichten, solarbetriebenen und gleichzeitig leistungsstarken Variometer war. Da Timothée innerhalb der damaligen Angebotspalette der etablierten Flugelektronikhersteller nicht bzw. für ihn nicht zufriedenstellen fündig wurde, beschloss er kurzerhand, selbst ein Vario für seine Bedürfnisse zu entwickeln – irgendwie naheliegend, ist Timothée doch selbst Ingenieur der Elektrotechnik. In Zusammenarbeit mit seiner aktiven Flieger-Community, darunter auch Top-Piloten des französischen Nationalteams, entwarf er das „leBipBip“. Vom großen Erfolg des Ur BipBip befeuerte, wurde die die Performance des minimalistischen Varios sukzessive weiterentwickelt und gesteigert: es folgten das „leBipBip+“ und schließlich das hier getestete „BipBip PRO.“

Parallel dazu brachte Stodeus auch eine GPS-Version der BipBip-Erfolgsreihe auf den Markt: Das „leGPSBip“ und später das „leGPSBip+“.

Clarisse trat 2014 dem Unternehmen bei und übernahm in Anbetracht der stetig wachsenden Nachfrage sämtliche Aufgaben im Zusammenhang mit Grafikdesign und Kundenservice.

Timothée und Clarisse arbeiten aber nicht nur im Unternehmen erfolgreich zusammen; sie sind auch in der Luft ein tolles Team. Gemeinsam genießen die beide das Streckenfliegen im Tandem – ein persönlicher Tandem-Rekord von 152 km spricht da wohl Bände!

Das Unternehmen besteht mittlerweile aus 5 Mitarbeitern, die als Team alle erforderlichen Bereiche zur Fortführung der Erfolgsgeschichte von Stodeus abdecken: Forschung und Entwicklung, Kommunikation, Design, Fertigung, Versand und natürlich auch einen kundennahen Service.

Aus Überzeugung und mit dem Anspruch, eine Fertigungsqualität auf höchstem Stand zu gewährleisten, werden alle Stodeus-Instrumente in Frankreich entwickelt und produziert; die firmeneigene Produktionsstätte befindet sich in Grenoble.

Ein weiteres zentrales Bestreben von Stodeus: Nachhaltigkeit! Stodeus bietet für alle ihre Fluginstrumente Ersatzteile und Reparaturservice an, sodass der Endkunde wirklich lange Freude an seinem Stodeus-Produkt haben kann.

 

BipBip PRO – technische Eigenschaften

Die nachfolgend aufgeführten technischen Eigenschaften des BipBip PRO sind der Website des Herstellers entnommen. Hier aus dem Englischen übersetzt:

  • Solarbetrieben, 400% energieautark
  • Batterie mit 400h Autonomiebetrieb ohne Sonne
  • Drucksensor mit 1cm Auflösung (100 Samples pro Sekunde)
  • Lauter Buzzer 95dB (5 Stufen: leise, medium, laut, boost, stumm + LED)
  • Starterkennung (kann deaktiviert werden)
  • 2 Audioprofile: kurze oder lange Tonfolge
  • Einstellbare Integrationszeit von 0 bis 100 %
  • Sinkalarm (von -0,50 m/s bis 3,50 m/s, Standard ist aus)
  • Weak Lift (Nullschieber) Detektor mit einer Range von -30 cm/s bis + 10cm/s (Standard ist aus)
  • Vario LED (grün: Steigen, orange: schwach, rot: Sinken)
  • Batteriestand-Anzeige beim Start
  • Akku-Aufladung mittels Solarpanel von 0 bis 100 % in 10 Std.
  • Micro-USB als Backup fürs Aufladen
  • Ultraleicht: 26g
  • Made in France

 

Unboxing

Ohhh, wie ich das Auspacken von neuem Equipment liebe 🙂 Ich öffne den Karton und ziehe das Vario in seiner Verpackung heraus. Die Verpackung enthält ein Sichtfenster, welches den ersehnten Inhalt, das „Kleine Grüne“, dem Auge des neuen Besitzers zentral präsentiert. Und dieser wird gleich mit motivierenden Worten begrüßt: „Always on top“ – der Slogan auf der Verpackungsvorderseite springt sofort ins Auge und klingt verheißungsvoll.

Die nächste Freude erwartet mich beim herausholen des Varios. Timothée und Clarisse haben es sich nicht nehmen lassen, dem Gerät eine kleine persönliche Grußkarte beizulegen. Danke ihr beiden 🙂

Dann halte ich endlich das Vario in der Hand. Klein, Federleicht, minimalistisch. Eine optische Änderung zum Vorgänger erkenne ich sogleich an der Beschaffenheit der Solarzelle, die nunmehr fast die gesamte Oberfläche des Gerätes einnimmt.

Zum Lieferumfang des BipBip PRO gehören ferner eine Kurzanleitung, eine Sicherungsschlaufe und mehrere Klett-Klebepads.

Ich nehme das Vario in die Hand, drehe und wende es. Es ist so leicht, dass man sein Gewicht kaum spürt. Das wenige fühlbare Material wirkt haptisch hochwertig und sauber verarbeitet.

Wie bereits erwähnt, nimmt die leistungsstarke Solarzelle fast die gesamte Vorderseite des Geräts ein. Auf der Rückseite befinden sich Kletthaken, um das Gerät später ganz nach Belieben festkletten zu können. Die kurzen Stirnseiten beherbergen den solide wirkenden Sicherungsbügel zur Befestigung der Sicherungsschlaufe auf der einen und den Lautsprecher auf der gegenüberliegenden Seite. Auf einer der Längsseiten des Geräts ist ein Micro-USB Anschluss zusammen mit einer LED Leuchte (visuelle Steig- und Sinkanzeige) verbaut, auf der anderen Seite befindet sich der Bedienknopf.

 

Eine Frage des Einsatzgebiets

Das BipBip PRO ist mit 26 g federleicht. Dank der starken Klettverbindung lässt es sich praktisch überall anbringen. Tragegurte, Schultergurte am Gurtzeug, Helm oder Cockpit – alles geht.

Fliege ich zum spaßigen Herumtollen und soften Manövern am Hausberg mit Sitzgurt, so klette ich das Vario im Nu an den Helm. Aufdrehen, Spielen, Höhe vernichten und wieder aufdrehen… ich liebe diese spielerische Art der Fliegerei 🙂 Und dafür reicht mir der akustische Input des BipBip PRO völlig aus.

Die Befestigung am Helm oder am Schultergurt bietet sich beispielsweise auch für Hike & Fly Unternehmungen oder beim Tandemfliegen an. Gerade beim Tandemfliegen kann ich mir sehr gut den Einsatz der LED Anzeige (Vario-Ton stumm) vorstellen. Der Pilot erhält via der farblich differenzierten LED Anzeige den gewünschten Input, während der Passagier ganz in Ruhe die Landschaft und das Erlebnis „Fliegen“ genießen kann. Ebenso wie der genussorientierte Hike & Flyer, der das Bergerlebnis und die Naturkulisse mit all seinen Sinnen wahrnehmen möchte, ohne dabei von störendem Gepiepe abgelenkt zu werden.

Plane ich lange in der Luft zu sein und/ oder auf Strecke zu gehen, dann nutze ich mein Liegegurtzeug. Ich klette das BipBip PRO dann ans Cockpit und kombiniere das Ganze mit einem (älteren) klassischen Display-Vario, welches mir Groundspeed, Höhe, Steigwerte, Himmelrichtung, bzw. alle anderen wichtigen Parameter anzeigt; und das dann natürlich auch den IGC File aufzeichnet. Da ich das rasche Ansprechverhalten, die Sensibilität und die feine akustische Abstufung des BipBip PRO so dermaßen schätze, habe ich das klassische Vario einfach stumm geschaltet. Die Akustik liefert mir also das BipBip PRO, die visuell relevanten Daten fürs Fliegen das klassische Vario mit Display.

Ich weiß, dass viele Piloten mittlerweile ganz auf die Kombination Smartphone (z. B. XC Track) und GPS fähiges Minivario (z. B. Le GPSBip+) umgestiegen sind. Für mich war das bisher aber noch keine wirklich zufriedenstellende Lösung. Ich möchte nicht immer extra eine Powerbank mitschleppen und mich mit Bluetooth-Verbindungsproblemen oder einer schlechten Display-Ablesbarkeit herumschlagen. Ich habe zwei autarke Geräte, die beide höchst zuverlässig funktionieren und eine lange Akkulaufzeit gewährleisten. Punkt. Sehe ich mich beim Streckenfliegen doch einmal mit einer komplexeren Luftraumstruktur konfrontiert, so kann ich im Flug auch schnell mein Handy zücken und XC Track um Rat bemühen 😉

Aber wer weiß, wenn mir Stodeus ein GPSBip+ zur Verfügung stellen würden – würde ich dem neuen „Trendsystem“ vielleicht doch mal eine Chance einräumen. Achtung: An dieser Stelle zwinkere ich Timothée und Clarisse einfach mal gaaanz schelmisch zu 😉

 

Bedienung und Einstellungen

Hat man sich für eine passende Befestigung des Varios entschieden, geht es an die individuelle Geräteeinstellung. Die Bedienung hierfür gestaltet sich, ganz im Zeichen des minimalistischen Konzepts, völlig simpel. Es gibt genau einen Knopf. Die beiliegende Bedienkurzanleitung reicht völlig aus. Dieser kann man die werksseitigen Standarteinstellungen entnehmen und natürlich, wie man diese individuell für sich anpasst.

Das User Manual könnt ihr euch hier mal anschauen. Simpler geht’s kaum.

 

Praxis

Der Erstflug mit dem neuen BipBip PRO ist gleich mal eine ausgedehnte Hausbergrunde am Spätnachmittag in zuverlässiger Thermik. Ideal, um die noch junge Bekanntschaft mit dem BipBip PRO zu vertiefen.

Was gleich positiv auffällt: Nach Einschalten des Varios, was mit einer deutlich hörbaren Tonfolge akustisch bestätigt wird, verstummt das Vario sofort wieder; der eingebauten Starterkennung sei Dank! Das schont die Nerven – sowohl die eigenen, als auch diejenigen der ebenfalls am Startplatz befindlichen Fliegerkollegen. Ich fliege stets mit aktiviertem Nullschieber-Detektor (Weak-Lift-Detector / Standarteinstellung ist aus). Dieser gibt ein stetiges „buzzen“ von sich, wenn weder Höhe gewonnen noch verloren wird. Das Vorgängermodell tat dies dann eben auch am Starplatz (kein Sinken + kein Steigen, ergo buzzen). Das war teilweise so nervig und störte die Konzentration bei den Startvorbereitungen, dass ich das Vario meist ausgeschaltet ließ, bis ich gestartet war.

Das neue BipBip PRO gibt am Startplatz keinen Mucks von sich. Hebt der Pilot ab, gibt es ein kurzes akustisches Signal und das Vario nimmt freudig seine Arbeit auf. Das funktioniert wirklich absolut zuverlässig.

Wo ich schon dabei bin, will ich auch gleich mit der Beschreibung des Weak-Lift-Detectors weitermachen. Für mich als Pilot, der sich im Mittelgebirge und im Flachland oftmals mit kniffliger Aufwindsuche und schwachem Steigen konfrontiert sieht, ist diese „Nullschieber-Erkennung“ eine wirklich feine Sache.

Ich versuche das mal wie folgt zu beschreiben:

Befinde ich mich im Gleitflug und habe nur mein Eigensinken, ist das Vario still.

Gleite ich durch Luftmassen, die mir ein vermindertes Sinken bescheren (von -30cm/s bis +10cm/s) ertönt der Buzzer. Die Akustik ist dabei so sensibel eingestellt, dass je nach Länge bzw. Kürze der Tonfolge die umgebende Luftmasse sehr gut gelesen und abgescannt werden kann:

  • langsam gezogene Buzzer-Töne –> wieder mehr Sinken bzw. das Steigen nimmt wieder ab
  • schnelle Aneinanderreihung der Buzzer-Töne –> Steigen nimmt zu, man nähert sich nutzbarem Aufwind

Diese sensible, quasi akustische „Visualisierung“ der umgebenden Luftmassen ermöglicht feine Korrekturen der Gleitrichtung. Mal mit dem Gewicht nach links shiften, dann wieder nach rechts; für mich ist das eine unglaublich große Hilfe für die Linienwahl im Gleitflug.

Bewerte ich meine Lage so, dass ich in erreichbarer Umgebung keine zuverlässig nutzbare Aufwindquelle ansteuern kann, so bleibt dennoch die Möglichkeit, im Bereich des verminderten Sinkens weiterzusuchen. Dieser Bereich reicht zwar nicht zum Zentrieren bzw. zum Höhengewinn aus, aber wer weiß – gut möglich, dass hier eine Thermikquelle am Werk ist bzw. war, die in Bälde wieder Nachschub gen Himmel entlässt.

Erreiche ich endlich wirklich nutzbaren Aufwind, ändert sich die Akustik fast verzögerungsfrei (Ansprechgeschwindigkeit ist stufenweise einstellbar). Aus dem Buzzen wird das so geliebte Piepen, das unsere Herzen höherschlagen lässt.

Dieses schnelle, fast verzögerungsfreie Ansprechverhalten des BipBip PRO ist einfach nur genial; gerade wenn es darum geht, kleine enge Kerne oder windversetzte Blasen zu zentrieren, denn hier ist schnelles Reagieren und Nachzentrieren unabdingbar.

Freilich ist auch der Sinkalarm individuell einstellbar. Die einen nervt’s, für mich jedoch ein wichtiges Tool und eine weitere Hilfe, gerade beim Einsatz des Beschleunigers.

Apropos individuelle Einstellbarkeit. Eine weitere Neuerung zum Vorgänger sind die zwei vorprogrammierten Soundprofile:

  • langgezogene, progressive Töne mit variablen, fein akzentuierten Tonhöhen
  • kurze, knackige Töne

Der Vorgänger kannte nur die schnellen, kurzen Töne. Das funktionierte gut, hörte sich aber immer etwas blechern an.

Übrigens, der Lautsprecher am BipBip PRO hat stark an Leistung zugelegt. Ich kann das BipBip PRO nun endlich so laut stellen, dass ich es auch bei Befestigung am Cockpit und mit Sturmhaube/Stirnband unter dem Helm mit den stets herrschenden Windgeräuschen super klar hören kann.

Da ich durch den Vorgänger an die kurze, stakkatoartige Tonmodulation gewöhnt war, stellte ich für meinen Erstflug das BipBip PRO auf dieses Soundprofil ein und musste mich damit zunächst überhaupt nicht umgewöhnen. Prima dachte ich – das alternative Soundprofil wollte ich in Anbetracht der Testtätigkeit obligatorisch natürlich auch mal ausprobieren. Kurzum mittels Ein-Knopf-Bedienung eingestellt (kann auch ganz einfach im Flug umgestellt werden), war ich vom Ergebnis wirklich positiv überrascht. Die langgezogene, tiefere Tonmodulation hört sich klasse an. Kein Spielzeug-Flair, kein blechernes Piepsen mehr. Nach einigen Flugstunden bin ich hellauf begeistert und möchte dieses Soundprofil nicht mehr wechseln. Das geniale daran: Im Vergleich zum kurztönigen Soundprofil empfinde ich diese langgezogenen Töne als noch präziser bzw. akzentuierter. Die Ab- bzw. Zunahme der Tonlänge und deren Aneinanderreihung ist unglaublich eingängig und leicht verständlich. Mehr Schräglage oder weniger Schräglage, Shift nach außen oder doch weiter nach Innen in den Kern drücken – dieses Soundprofil des BipBip PRO macht solche Entscheidungen noch leichter bzw. intuitiver.

Ein paar Worte möchte ich noch zum Akku bzw. dessen Laufzeit verlieren. Dieser wird beim BipBip PRO über eine leistungsstarke Solarzelle gespeist, kann aber auch via Micro-USB über das Stromnetz geladen werden. Beim BipBip PRO kann ich an dieser Stelle noch nicht wirklich von Langzeiterfahrung sprechen. Der Vorgänger jedenfalls ließ mich in dieser Hinsicht nie im Stich. Das Vario funktionierte einfach immer! Selbst nach vielen Wochen im Winterschlaf im dunklen Keller erwachte das BipBip+ zum Frühjahr umgehend auf Knopfdruck – ohne es vorher eine Weile in die Sonne gelegt zu haben.

Ich gehe daher davon aus, dass es sich beim BipBip PRO genauso verhalten wird.

 

Fazit

Wie ihr unschwer beim Lesen dieser Zeilen erkennen konntet, bin ich hellauf begeistert vom neuen BipBip PRO. Unterstützte mich schon der Vorgänger massiv beim Nutzen von Aufwinden und Auffinden guter Linien, so ist das nunmehr erhältliche BipBip PRO ein mehr als würdiger Nachfolger – hat das Vario doch in allen Funktionsbereichen nochmal eine ordentliche Schippe draufgelegt.

Im Detail gefallen mir besonders die automatische Starterkennung (kein nerviges Gepiepe mehr am Startplatz), die unterschiedlichen Soundprofile mit ihren präzisen, fein akzentuierten Tonmodulationen (in Kombination mit dem super nützlichen Weak-Lift-Detector) und die nunmehr völlig ausreichend regulierbare Lautstärke.

Alles in allem spricht mich das gleichzeitig leistungsstarke wie minimalistische Gesamtkonzept des BipBip PRO einfach total an.

Alleine genutzt kannst du das Fliegen ganz ursprünglich und puristisch (sogar lautlos via LED Anzeige) erleben und genießen. Kombinierst du das BipBip PRO mit einem klassischen Display-Vario, kannst du zu allen Strecken und Routen deiner Träume aufbrechen.

Hinzu kommt der angesichts der gebotenen Performance wirklich faire Preis.

Zu guter Letzt: Das BipBip PRO ist grün. Grün ist die Farbe der Hoffnung – und die darfst du beim Fliegen nie verlieren; irgendwo steht immer ein Bart und den wirst du mithilfe des BipBip PRO ganz sicher finden. Getreu dem Slogan auf der Verpackung: „Always on top“ 😉

In diesem Sinne, viel Spaß beim Fliegen mit dem BipBip PRO. Schreibt doch gerne eure Erfahrungen mit dem BipBip bzw. den Geräten von Stodeus Solar Paragliding unten in die Kommentare!

 

Cheers!

Gedankenblase #04: Rausblick zum Jahresende

Rausblick? Ja, richtig gelesen. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Rückblick und Ausblick – also wurde es ein Wortmix aus beidem 😉 Sei’s drum – aus der Rubrik Gedankenblase gab es ja schon eine Weile nichts Neues zu vermelden, was, ja ich gebe es zu, einer kleinen kreativen Atempause zuzuschreiben war. Eine Atempause, die mich als Gleitschirmpilot doch recht regelmäßig mit Beginn des Frühjahrs heimsucht und dann meist bis zum Spätsommer anhält. Schlecht für das Blogger-Geschäft. Aber hey, wer könnte dafür mehr Verständnis aufbringen als ihr, meine Leser 😉

 

Nun zum unmittelbar bevorstehenden Jahreswechsel ist es mir aber ein großes Bedürfnis, dieses in weiten Teilen doch sehr schwierige Jahr nochmal vor meinen geistigen Augen abzuspielen, zu reflektieren und meine diesbezüglichen Gedanken mit euch zu teilen. Wobei an dieser Stelle natürlich betont werden muss, dass die folgenden Zeilen aus meiner ganz eigenen und höchstpersönlichen Perspektive heraus entstanden.

 

Steigen wir also ein ins Jahr 2020. Ich halte inne, drücke auf den imaginären „Rewind-Button“ und spule die Zeit schnurstracks ein wenig zurück. Es muss irgendwann zwischen März und April gewesen sein. Der erste Lockdown wurde auf politischer Ebene entschieden und dessen Auswirkungen sickerten damit auch unaufhaltsam in unseren Mikrokosmos: unsere geliebte Gleitschirmwelt! Sperrung von Fluggebieten wurden ausgesprochen und damit einhergehende entbrannten in unserer Community hoch kontroverse Diskussionen. Da diese fortan nicht mehr ausgelassen bei schmackhaftem Landebier am Landeplatz persönlich ausgetragen werden konnten, verlagerte sich das Diskussionsgeschehen verstärkt in die sozialen Netzwerke, allen voran auf Facebook. Facebook nutze ich selbst fast ausschließlich für die Ankündigung neuer Blogposts. Ansonsten bin ich dort eher der stille Mitleser. Das Mitlesen dauerte in diesem Fall etwa zwei Wochen. Dann entschied ich mich zum ersten Mal nach vielen Jahren, die Facebook-App von meinem Smartphone zu deinstallieren.

 

An dieser Stelle möchte ich nicht falsch verstanden werden: Ich bin durchaus ein Freund kontroverser Diskussionen, führen sie doch, respektvoll und mit Achtung gegenüber dem Gesprächspartner geführt, oft zu wertvollen Inputs, neuen Ideen, zu Selbstreflexion und Weiterentwicklung. Mit der Pandemielage und deren prognostizierten Auswirkungen auf die anstehende Flugsaison im Rücken, konnte zu diesem Zeitpunkt aber von konstruktiver Gesprächs- und Diskussionskultur keine Rede mehr sein. Vielmehr wurde so ziemlich auf jeden noch so harmlosen Ausgangs-Post via der Kommentarfunktion Gift und Galle gespuckt. Ich wurde Zeuge von Angriffen auf persönlichster Ebene, von Diffamierung und Hetze. Uff, das schlug ziemlich ein bei mir. Ich bin mittlerweile auch schon etwa 10 Jahre Freiflieger, Gleitschirmpilot und damit Teil einer Community. Einer Community, die ich sehr schätze und die mir unglaublich ans Herz gewachsen ist. Bei uns Tuchfliegern tummeln sich so viele hoch interessante Menschen, kunterbunte Charaktere, die alle ihre eigenen Geschichten über das Leben, das Fliegen und das Leben geprägt vom Fliegen erzählen können.

 

Zu dieser Zeit des Jahres sah ich mich an einem Punkt, an dem ich mich, wie so oft im Leben, für eine gewisse Richtung entscheiden musste. Ich musste meine weitere gedankliche Bewertung der hier dargelegten Geschehnisse neu ausrichten – und konsequenterweise danach dann das eigene Handeln orientieren. Ich glaube an das Gute in den Menschen, und zwar felsenfest. Punkt! Also entschied ich recht direktiv, nicht an meiner persönlichen Haltung gegenüber meiner Fliegercommunity zu zweifeln. Meine Güte, ich bin einfach Fan von euch – von uns im Kollektiv! Ja, so ist das eben! Ich wollte jedem einzelnen von euch auch weiterhin zuhören, mit euch sprechen, diskutieren, mit euch lachen, lernen und gemeinsam mit euch fliegerisch wachsen. Also zeigte ich dem „Wegen-Corona-kommunizieren-wir-nur-noch-online-Ding“ den imaginären Stinkefinger. Konversation? Aber klar doch! Statt der Kommentarfunktion auf Social-Media musste jedoch ganz klassisch wieder die Groundhandlingswiese herhalten, auf der sich die örtliche Fliegerszene zu dieser Zeit regelmäßig zum Trainieren versammelte (mit Abstand versteht sich). Wenn der gewünschte Gesprächspartner nicht mal eben um die Ecke wohnte, dann tat es auch das eine oder andere bereichernde Telefonat.

Und da war es wieder.

Oh ja! Klönen, Fachsimpeln, Diskutieren, Respekt zeigen, sich gegenseitig ernst nehmen, sich unterstützen und motivieren.

Oh ja! Da war es wieder, das Gefühl, Teil einer großartigen Community zu sein. Ein eigener, selbst initiierter Mindshift kann so vieles bewirken. Das wurde mir hier wieder sehr eindrücklich vor Augen geführt.

 

Da wir in Krisenzeiten allzu leicht dazu tendieren, uns vom Negativen erdrücken zu lassen, will ich im Folgenden ganz bewusst nochmal einen Mindshift vollziehen und mich dabei intensiv auf die positiven Erlebnisse und Momente des Jahres besinnen. Ich lade euch, liebe Leserinnen und Leser, herzlich ein, mit auf meine persönliche Reise durch dieses besondere Jahr 2020 zu gehen. Los geht’s:

 

Januar:

Im Rahmen meiner Vereinsaktivität für den GSV Baden e. V. kann ich einen Vortragsabend zum Thema „Streckenfliegen im Schwarzwald“ mit Timm Asprion realisieren. Dabei darf ich Timmi, den ich zuvor nur von einem kurzen Schwatz am Starplatz kannte, bei gemütlichem Kaffee und Snack etwas besser kennenlernen. Timmi ist einer dieser besonderen Menschen unserer Flieger-Community. Wie er als Mensch und Pilot denkt, was er plant und dann auch fliegerisch umsetzt ist einfach unglaublich inspirierend und mitreißend. Danke Timmi! Zum Interview mit Timm Asprion geht es hier lang!

Februar:

Vortragabend Nr. 2. Achim Joos, Inhaber der Flugschule Freiraum, ist als Referent in Baden-Baden zu Gast. Im Nachgang an den tollen Vortrag darf ich mit Achim ein Interview führen – ein für mich sehr bereicherndes Gespräch. Noch nicht gelesen? Dann könnt ihr das nun hier nachholen.

März:

Es braut sich was zusammen am Corona-Horizont, aber noch sind die Fluggebiete offen. Ich breche mit meinen Fliegerkumpels zu einer genüsslichen Hike & Fly Tour an unserem Hausberg auf. Der kalte Atem des Winters liegt noch über der sanften Gebirgslandschaft des Schwarzwalds, doch der Frühling klopft bereits energisch an die Tür der Jahreszeiten. Wir spüren die ersten ordentlichen Thermiken der jungen Saison unter unseren Flügeln, folgen willig der vorgegebenen Richtung und jauchzen uns gegenseitig zu, als es zum ersten Mal wieder heißt: Baaaasis, Junge. Ist das geil!

April:

Closed! Noch bevor die Flugsaison so richtig in Schwung kam, musste zumindest in Deutschland der Flugbetrieb temporär eingestellt werden. An meinem Geburtstag Anfang April tummeln sich scharf umrandete Cumuli am strahlend blauen Himmel. Grund zum Ärgern? Keinesfalls! Meine Frau belohnt mich an meinem Wiegentag mit selbstgebackenem Kuchen und frisch gebrühtem Kaffee. In T-Shirt sitzen wir bei angenehmen Frühjahrstemperaturen gemeinsam auf unserem Balkon und genießen eines der kostbarsten Güter unsere Zeit – Zeit.

Mai:

Au wei – der Lockdown ist aufgehoben und ich fühle mich sowas von unterflogen. „Sind die fliegerischen Sinne schon komplett eingerostet?“, geistert es mir durch den Kopf, als ich leicht nervös am ersten brauchbaren Streckentag am Startplatz stehe. Schissrig nehme ich den erst besten Bart in Angriff, der mich sogleich an die leider nicht allzu hohe Basis befördert. Geht doch noch. Und weil es so schön ist, lass ich es gleich laufen. Der Flug dauert nicht allzu lange und der Tacho verbucht auch nur knappe 30 km one way. Aber über solche Zahlen kann ich heute nur schmunzeln. Ich stehe auf einer wunderschönen, sonnenbeschienenen Obstwiese. In diesem Moment zählen ganz anderen Fakten, welche den Flug zu einem persönlichen Erfolg werden lassen: Mein Grinsen, das bis über beide Ohren reicht und das unglaublich starke Gefühl von Freiheit in der Brust.

Juni:

Meine Frau und ich beschließen in Anbetracht der weiterhin angespannten Gesundheitslage, den ersten längen Urlaub des Jahres nicht im Ausland zu verbringen. Stattdessen tingeln wir mit unserem Campingbus durch den deutschen Alpenraum. Nach kurzem Besuch und herzlichem Hallo im UP Headquarter in Garmisch-Partenkirchen, gesellen sich Timm Asprion und seine Frau spontan zu uns. Nach einer großartigen Wanderung zu viert über die beeindruckende Partnachklamm hinauf auf den Osterfelder, geht sich am Folgetag von selbigem noch ein schöner gemeinsamer Flug aus. Timmi und ich starten zum ersten Mal vom Hausberg des bekannten Ferienortes, drehen gemeinsam auf und überfliegen Flügel an Flügel die atemberaubende Alpspitze. Das Zugspitzmassiv zum ersten Mal aus der Luft betrachten zu dürfen, während tief unter mir der Eibsee sein smaragdgrünes Farbenspiel entfaltet, macht mich glücklich und ehrfürchtig zugleich.

Juli:

Freitag sieht gut aus – kurzum nehmen Bene und ich frei und düsen nach Elzach im Schwarzwald. Bene und ich absolvierten am dortigen Flugberg „Gschasi“ 2011 unsere ersten Höhenflüge. Wir verbinden also viel mit diesem Fluggebiet, waren aber seit der Schulung nur noch sehr selten dort. Nach genüsslicher Hike & Fly Tour starten wir voller Erwartung und Vorfreude, stehen aber knapp 20 Minuten später schon wieder am Boden. Mist! Wir schreiben den Tag innerlich schon ab, lassen uns aber nichtsdestotrotz nochmal für einen kurzen Genussflug nach oben shutteln. Da reißt die Wolkendecke plötzlich auf. Es ist labil und der thermische Motor daher sofort in Gang. Gegen 15:30 Uhr starte ich und kann in den folgenden Stunden das wunderschöne Elztal bis zum südlich gelegenen Kandel und wieder retour abfliegen. Das war damals, als angehender A-Schein Pilot, mein großer Traum. Ein kleiner Flug für die Menschheit (bzw. den DHV XC 😉 ), aber ein ganz besonderer Flug für mich 😉

August:

An der Klewenalp trainiere ich einige Tage über Wasser. Hohe Wing-Over, Stalls, SATs – die Basics eben. Es macht unglaublich viel Spaß, in sicherer Trainingsumgebung einfach mal verschiedenen Dinge auszuprobieren. Das Manövertraining holt mich immer wieder ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Mir wird dabei ein ums andere Mal bewusst, wieviel ich noch zu lernen habe – nein, lernen darf. Ich finde das so wahnsinnig motivierend, dass man sich in unserem Sport wirklich stetig verbessern kann; und zwar jeder Pilot auf seinem eigenen persönlichen Level. Progression im Gleitschirmfliegen ist ein Prozess, ein nie endendes Lernen und Weiterkommen – ich bin so dankbar, dass ich dieses Hobby für mich gefunden habe, ausüben und darin wachsen darf!

September:

Das Piemont kenne ich eigentlich nur von einer bereits etwas länger zurückliegenden Motorradreise. Auch wenn die Erinnerungen an die damalige Tour bereits etwas angestaubt sind, habe ich noch Bilder von einsamen Gebirgszügen, kargen Hochebenen und pittoresken Bergdörfern im Kopf.

Im September dieses Jahrs besuche ich die Region erneut. Nach zähem Thermikeinstieg am Starplatz Santa Elisabetta, gelingt mir der Sprung an die rückwärtigen höheren Berge mit ihren aktiven Südflanken. Die Thermik ist angenehm und ich nehme mir viel Zeit fürs Sightseeing. So lasse ich mich treiben, fliege entlang schroffer Geröllfelder, vorbei an verwaisten Gehöften und kargen Viehweiden. Es ist diese Schwerelosigkeit und dieses hundertprozentige Sein im Hier, das mich immer wieder an unserer grandiosen Art der Fortbewegung, am Fliegen, fasziniert.

Oktober:

Urlaubszeit again 😊. Frankreich als ursprüngliches Reiseziel fällt leider aufgrund der zunehmenden Zahl an eingestuften Risikogebiet flach – also: Bella Italia! Mit dem Camper cruisen meine Frau und ich zwischen Südtirol und Mittelmeer durch die Lande, wobei der Fokus dabei mehr auf gemeinsamen Wandertouren als auf dem Fliegen liegt.

Nichtsdestotrotz will ich auf der Heimreise noch einen kurzen Zwischenstopp in Meduno einlegen. Ein Anruf des umtriebigen und flugverrückten Paradealers, der die kommenden Flugtage in Gemona verbringen möchte, genügt und ich lasse ich mich hinsichtlich des Reiseziels gerne umstimmen. Tom hatte ich bis dato nur über Instagram kennengelernt. Jetzt nimmt er mich mit zum Starplatz Mt. Curanan bei Gemona und zeigt mir das Fluggebiet. Danke Tom! Und für Oktober ging’s dann auch noch erstaunlich gut.

November:

Während der Oktober zumindest im Schwarzwald den Piloten die nasskalte Schulter zeigt, schmeichelte der November unseren Augen mit goldenen Farbklängen und sanften Thermiken.

So auch an einem Tag Mitte November. Der feucht Herbstboden zeigt sich gnädig und entlässt einige zarte Aufwinde gen Atmosphäre. So darf ich mit meinen Fliegerfreunden ausgiebig über einem prächtigen Farbenmeer kreisen. Genussfliegen pur!

Dezember:

Mit reichlich Glühwein und Plätzchen feile ich stoisch konstant an einer hohen Flächenbelastung. Dynamik ist schließlich alles! 😉 Auf die zu dieser Jahreszeit verwaist und im Keller ruhenden Ausrüstung bildet sich die erste zarte Staubschicht. Da geschieht es ganz unverhofft: Das Christkind bereitet den heimischen Piloten am zweiten Weihnachtsfeiertag, quasi auf den letzten Drücker, eine verspätete Bescherung. Bei eisigem Wind kann ich mit einigen Fliegerfreunden bibbernd und schlotternd soaren und dabei den Ausblick auf die schneebedeckten Höhenzüge des nördlichen Schwarzwaldes genießen. Die schönsten Geschenke finden sich eben nicht im vorweihnachtlichen Shoppingtrubel sondern draußen, in der Natur!

 

Liebe Fliegerfreunde, ich sage danke, dass ihr mich auf meiner Reise durch 2020 begleitet habt. Für mich persönlich gab es trotz all der Unwägbarkeiten viele fantastische Momente. Und so schön das Fliegen als solches ist, sind es dennoch die Menschen in unserem Sport, das Teilen der Erlebnisse und Eindrücke mit unseren Fliegerfreunden, mit unserer Community, was das Gleitschirmfliegen zu diesem ganz besonderen Teil unseres Lebens macht.

 

Rausblick? Nun, eigentlich war’s jetzt doch mehr Rück- als Ausblick. Was erwartet uns 2021? Lasst uns auf ein Jahr hoffen, indem wir unseren Flugsport wieder in aller gewohnter Freiheit ausüben können. Und wenn dies so eintritt, lasst uns stets ein Bewusstsein dafür haben, welche Bedeutung diesem Gut, Freiheit, innewohnt.

Hier auf meinem Blog wird es bald wieder einige Interviews mit interessanten Gesprächspartnern geben – ich hoffe ich kann euren Fliegeralltag damit ein wenig bereichern. Zudem sind noch ein bis zwei weitere Rubriken in der Mache – an dieser Stelle sei aber noch nicht zu viel verraten.

 

Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser, liebe Pilotinnen und Piloten, einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Vor allem wünsche ich euch und euren Familien gute Gesundheit und dabei all die nötige Stärke und Kraft, um diese hoffentlich letzte Etappe der Krise gut zu durchstehen.

 

Cheers,

Rüdiger

 

 

Und hier in loser Reihenfolge noch ein paar luftige Schnappschüsse aus 2020 🙂