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Plauderecke #07 | heute: Thomas Hofbauer

Bordairrace – Rennen, Abenteuer und Community zugleich!

 

Seit ich 2011 mit dem Gleitschirmfliegen begonnen habe, bin ich von der Kombination aus „Wandern & Fliegen“ total begeistert. Wenige Tage nach Erhalt des A-Scheins ging ich meine erste kleine aber schöne Hike & Fly Tour im Tannheimer Tal: Hoch wandern, Starten, Landschaft bestaunen und voller Bilder im Kopf wieder auf den Erboden zurückkehren – ja, da wusste ich bereits: Hike & Fly, das war meins!

Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dieser Spielart des Fliegens beschäftigt, stößt über kurz oder lang unweigerlich auch auf die in diesem Bereich namhaften und regelmäßig stattfindenden Bewerbe: Crossalps, Bordairrace, Dolomiti Superfly und natürlich die großen X-Alps – um nur einige zu nennen.

Mit Fitness und fliegerischen Skills ausgestattet, die vielleicht so im annähernd guten Mittelfeld angesiedelt sein dürften, hat es bei mir dann aber doch bis Juli 2021 gedauert, bis ich mich selbst für eine Teilnahme an einem Hike & Fly Bewerb entschieden hatte. Letztendlich hatte ich so viel Gutes und so viele Worte der Begeisterung über das Format Bordairrace gehört, dass ich mich dieser Herausforderung nicht länger entziehen wollte. Wer nichts probiert, der erlebt auch nichts!

Neben der sportlichen Herausforderung bei einem solchen Race bin ich als Blogger natürlich in erster Linie an den Menschen interessiert, die hinter den Kulissen agieren und die Durchführung eines solch erfolgreichen Events erst möglich machen. Umso erfreuter war ich, als mir der Kontakt zu einem der Race Organisatoren, Tomy Hofbauer, hergestellt wurde.
Tomy ist so eine Person, die mich irgendwie schon mein ganzes Fliegerleben lang begleitet – ob diverse Berichte in verschiedenen Online- und Printmedien oder bei der Verfolgung der X-Alps 2013 – Tomy’s Gesicht tauchte auf meinem Fiegerradar in regelmäßigen Abständen auf.

Im Vorfeld des diesjährigen Bordairrace Events in der Wildschönau war es dann so weit und ich traf den sympathischen Österreicher samt seiner Partnerin Ulli persönlich an der Bergbahn des Markbachjochs. Eine Kaffeerunde später durfte ich Tomy dann in die lifttup Plauderecke bitten und in der Folge ein Gespräch mit einem Menschen führen, dessen Ausstrahlung und dessen Worte geradezu vor Begeisterung für unseren Sport, vor allem für das Hike & Fly, sprühen.
Ich empfinde es als großes Privileg, mit Menschen wie Ulli und Tomy in Kontakt treten und ausführlich sprechen zu dürfen – dafür bin ich wahnsinnig dankbar!

Aber nun genug der Vorrede: Bühne frei für Tomy Hofbauer und die Hike & Fly Rennserie Bordairrace!

 

liftuup: Hey Tomy. Erst mal recht herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für ein kurzes Interview nimmst. Wie geht es dir?

Tomy: Hey, sehr gerne! Mir geht es super! Wir, also meine Partnerin Ulli und ich, waren heute schon hier auf dem Hausberg, dem Markbachjoch, und konnten bereits schön Fliegen und das Gebiet ein wenig aus der Luft erkunden. Na, und jetzt freue ich mich einfach darauf, mit dir ein wenig zu sprechen.

 

liftuup: Mit meinen 10 Jahren Gleitschirmfliegen bin ich in der Szene quasi noch ein ganz junges Küken – du dagegen ein wirklich erfahrener Flughase 😉 Bereits seit den Anfängen meiner eigenen Fliegerei lese ich deinen Namen immer mal wieder beim Durchstöbern von Event- oder Reiseberichten. Gib uns doch mal einen kurzen Abriss deines eigenen, ganz persönlichen Werdegangs als Pilot.

Tomy: Ja, wie du bereits gesagt hast, bin ich doch schon recht lange in der Gleitschirmszene unterwegs – mittlerweile müssten das etwa 33 Jahre sein. So viel hat sich für mich als Pilot in der ganzen Zeit eigentlich gar nicht verändert. Das, was mich schon vor 33 Jahren so sehr am Gleitschirmfliegen faszinierte, das fasziniert mich auch heute noch daran. Angefangen hat das Ganze bei mir so, dass ich auf dem Fernsehsender ORF einen Bericht über das Gleitschirmfliegen gesehen habe. In dem Fernsehbeitrag wurde das als DIE neue Trendsportart vorgestellt, welche ihre Ursprünge in Frankreich hätte und von dort aus nun auch immer stärker zu uns nach Österreich kommen würde. Ich war von den Bildern, die ich da im Fernsehen sah, sofort gefesselt. Zu der Zeit war ich 15 Jahre alt. Ich holte mir sofort Erkundigungen ein und erfuhr, dass man in Österreich mit dem beginnenden 16 Lebensjahr seine Fluglizenz erwerben durfte. Na, und das habe ich dann auch gemacht. Naja, eigentlich ging die ganze Ausbildung nur eine Woche lang und in dieser hatten wir zudem schlechtes Wetter. Dennoch hielt ich nach der Woche stolz meinen Pilotenschein in den Händen – von irgendeinem fliegerischen Können konnte natürlich nach dieser Ausbildung nicht mal ansatzweise die Rede sein (lacht).

Da stand ich nun. Naja und zu Hause, in meiner Umgebung, kannte ich eigentlich niemanden, der zu dieser Zeit Gleitschirm flog; insgesamt gab es damals ja auch erst sehr wenige Gleitschirmpiloten. Die ersten Schritte als Freiflieger waren dann „learning-by-doing“. Naja, vielleicht auch ein bisschen „learning-by-Draufzahling“ (lacht). Aber, Gott sei Dank, ist mir in den ganzen 33 Jahren Fliegerei bis auf einige verstauchte Knöchel nie wirklich etwas Schlimmes passiert. Die für mich ganz große Faszination beim Gleitschirmfliegen ist einfach diese unglaubliche Leichtigkeit. Rauf auf den Berg gehen und dann von oben herunterfliegen. Dieses Gefühl des „Leicht-Seins“, hat sich für mich zu einer wahren Leidenschaft entwickelt – und diese Faszination, diese Leidenschaft begleitet mich seit den Anfängen bis zum heutigen Tag.

Naja, und irgendwann kamen dann die ersten Bewerbe im Bereich „Hike & Fly“ auf – da war ich als Sport begeisterter Mensch natürlich sofort dabei. Die Kombination von Ausdauersport und Fliegen packte mich von Anfang an! Die ersten Erfahrungen mit solchen Wettbewerben machte ich bei den Crossalps; das müsste jetzt auch schon wieder 15 Jahre zurückliegen.

Über die ganzen Jahre hinweg konnte ich natürlich auch die riesigen Sprünge in der Materialentwicklung miterleben. Mit den ersten Schirmgenerationen hatte man bei einer geschätzten Gleitzahl von 1:3 doch eher wenig Startoptionen. Viele Gelände waren einfach nicht steil genug, um beflogen zu werden.

Das Thema Thermik muss ich bei meiner Ausbildung in der Flugschule wohl verschlafen haben (lacht). Fliegen, das war für mich jahrelang einfach hochlaufen, starten und zwei bis drei Minuten lang abgleiten. Thermik oder Hangaufwind zur Flugverlängerung nutzen? Das hatte ich ziemlich lange so gar nicht auf dem Radar! Umso grandioser ist es heutzutage erleben zu dürfen, was wir mit unseren Fluggeräten so alles anstellen können.

copyright: T. Hofbauer

liftuupWie hat sich deine Fliegerei im Laufe der Jahre verändert? Was mochtest du früher, für was brennst du heute?

Tomy: Also, wie schon gesagt: Die Faszinationen für die Leichtigkeit beim Gleitschirmfliegen, vor allem beim Hike & Fly, ist ungebrochen groß. Hike & Fly, gerne auch in Kombination mit tollen Streckenflügen, ist für mich eine der schönsten Spielarten der Fliegerei. Was in den letzten Jahren für mich neu dazugekommen ist, ist die Begeisterung für das gemeinsame „Erleben“. Ich habe vor etwa vier Jahren meine Partnerin Ulli kennengelernt. Sie fliegt zwar auch solo, aber wir genießen es wirklich sehr, gemeinsame Hike & Fly Touren zu gehen und auch Streckenfliegen gemeinsam am Tandem zu erleben. Gerade gestern bin ich mit Ulli zusammen von meinem Hausberg, dem Schöckl, mit dem Tandem vom Grazer Bergland fast bis an den Dachstein geflogen, den höchsten Berg der Steiermark. Das waren etwa 140 Kilometer Hochgenuss am Tandem! Ich gehe natürlich auch immer noch gerne solo auf Strecke, aber das ist einfach nicht mehr das Gleiche für mich.

Auch die Bordairrace Rennen bestreiten wir seit einiger Zeit zusammen als Team. Sich zu zweit solchen Herausforderungen zu stellen und diese gemeinsam zu bestreiten, das ist schon etwas ganz Besonderes. Gerade bei den langen Fußmärschen unterstützen wir uns gegenseitig enorm. Man teilt sowohl die schönen, als auch die etwas stressigen bzw. herausfordernden Momente. Diese Komponente bei der Fliegerei wollte ich heute nicht mehr missen.

copyright: T. Hofbauer

liftuup: Heuer begegne ich dir als Mitorganisator der Hike & Fly Rennserie „Bordairrace“. Für diejenigen Leserinnen und Leser unter uns, die davon noch nichts gehört haben: Was genau ist das „Bordairrace“? Wie sind die Regeln und wie gestaltet sich der Ablauf?

Tomy: Die Regeln sind eigentlich relativ simpel. Wir durften das Regelwerk dankenswerterweise aus der ursprünglichen Rennserie, den bayrischen „Crossalps“, übernehmen. Dem Athleten steht von Start bis Finish ein Zeitfenster von 33 Stunden zur Verfügung. In diesem Zeitfenster darf sich der Athlet nur zu Fuß oder fliegend fortbewegen. Aufgabe ist es, so weit wie möglich vom Start weg und wieder ins Ziel zurückzukommen. Die Richtung, in der sich der Athlet dabei fortbewegt, ist ihm überlassen. Schlussendlich zählt für das Ranking die Luftliniendistanz zwischen Start und dem am weitesten entfernten Wendepunkt. Rechtzeitig ins Ziel zurückzukommen, also vor Ablauf der 33 Stunden, lohnt und wird mit satten Extrapunkten belohnt, wohingegen ein Nichterreichen des Ziels Punktabzug gibt. Darüber hinaus müssen 20 % der projizierten Strecke geflogen werden – ansonsten gibt es auch hier Punktabzug. An einem normalen oder mäßigen Streckenflugtag ist das Erfüllen der 20 % Vorgabe aber eigentlich kein Problem.

Jo, That’s it! In unseren Ausschreibungen zu den Rennevents kann das aber alles nochmal ausführlich nachgelesen werden.

 

liftuup: Gibt es auch verschiedene Wertungsklassen?

Tomy: Ja genau. Ganz zu Beginn des Bordairrace Formats gab es nur eine einzige Wertungsklasse. Heuer gibt es mehrere unterschiedliche Wertungsklassen. Klar, es gibt die Gesamtwertung; daneben gibt es auch noch die Fun-, Rookie, Tandem- und auch Frauenwertung. Wir sehen die verschiedenen Klasseneinteilungen als Anreiz, gerade auch für Neueinsteiger in diese Art von Rennen; oder auch für Piloten, die bewusst mit niedrig klassifizierten Schirmen unterwegs sein wollen. Und natürlich wollen wir auch gerne die Mädels für unser Format begeistern und zum zahlreichen Mitmachen animieren.

Seit etwa 4-5 Jahren gibt es sogar eine Ehrung für den „Supporter oft he Year“ und den „Bordairracer of the Year“. Hier geht es überhaupt nicht um Punkte oder Platzierungen. Nein, hier geht es ganz klar um soziale Aspekte: Kollegialität, gegenseitige Unterstützung, ja einfach um den gelebten Sportsgeist. Wir sehen und erleben während des Rennverlaufs immer wieder ganz großartige Momente. Beispielsweise versorgt der Supporter wie selbstverständlich einen anderen Athleten mit Essen und Trinken. Oder ein Athlet begleitet einen schon ermüdeten Mitkonkurrenten für ein paar Kilometer, feuert ihn an und unterstütz ihn mental. Solche Dinge sind einfach spitze und verdienen gesonderte Anerkennung. Das wollen wir mit diesen Auszeichnungen abdecken.

copyright: UP Paragliders, Bordairrace Media

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Wie bzw. auf welchem Wege entstand denn das Format „Bordairrace“?

Tomy: Wie bereits erwähnt, ist das heutige Bordairrace aus den Crossalps hervorgegangen. Uli Straßer und ein paar weitere bekannte Piloten riefen die Crossalps damals ins Leben und daraus entwickelte sich schließlich eine ganze Rennserie, aus welcher dann letztendlich auch die sog. „Bordairline“ Bewerbe hervorgingen. Als Willi Ludwig und ich als Mitorganisator einstiegen, haben wir das Format recht schnell auf „Bordairrace“ umbenannt. Wir wollten mit dem Namen einfach keine Assoziationen zu dem Krankheitsbild wecken.

Regelwerk und Ablauf haben wir eigentlich unverändert aus dem Crossalps Format übernommen. Von Anfang an war da einfach diese Idee, das Hike & Fly mit dem Streckenfliegen zu kombinieren und in einen Wettkampf zu packen. Das fing hinsichtlich der Distanzen zunächst recht klein und überschaubar an; mittlerweile sind die Entfernungen der Wendepunkte, die durch einige der Teilnehmer bei den Rennen gesetzt werden, wirklich enorm – und sie verschieben sich von Jahr zu Jahr weiter. Als Grund dafür ist zum einen sicherlich der enorme Leistungszuwachs moderner Gleitschirmprofile zu sehen; zum anderen sind diese Leistungssprünge natürlich auch auf das spezifische Training und die insgesamt zu beobachtende Professionalisierung der Athleten zurückzuführen.

 

liftuup: Und wo steht das Event heute, viele Jahre nach seiner Entstehung? Wie wird es in der Szene wahrgenommen und wie groß ist der „Run“ darauf?

Tomy: Wir konnten in den letzten Jahren ein stetig wachsendes Starterfeld beobachten. Und der Trend hält an! Hier in der Wildschönau erleben wir wohl das erste Event, bei dem die Teilnehmerzahl die magische 100er Marke erreicht oder gar übersteigt.

Ich erinnere mich noch genau: Vor 4-5 Jahren, als Willi und ich die Race-Orga von unseren Vorgängern übernahmen, zählte das Starterfeld meistens so um die 25-30 Athleten. Seitdem stiegen die Anmeldungen und Teilnahmen kontinuierlich an, sodass wir heuer in der Regel zwischen 80-100 Athleten pro Event zählen.

Ich denke in der Gleitschirmszene, vor allem bei den Hike & Fly affinen Piloten, hat das Bordairrace schon einen recht hohen Bekanntheitsgrad und Stellenwert. Eines kann man auch ganz klar festhalten: Erfolgreiche Teilnahmen bei den Bordairrace Rennen sind zumindest innerhalb des deutschsprachigen Raums DAS Sprungbrett für die Red Bull X-Alps.

Viele Top-Athleten, die in den letzten Jahren für eine Teilnahme bei den X-Alps ausgewählt wurden, sind ehemalige Bordairrace Teilnehmer. Ich denke da beispielsweise an Simon Oberrauner, Tommy Friedrich, Markus Anders oder Sebastian Huber. Naja, oder auch an mich selbst (lacht). Ich selbst konnte 2011 und 2012 die Gesamtwertung der Bordairrace Serie gewinnen – wahrscheinlich war das auch für mich das Ticket für meine eigene Teilnahme bei den X-Alps im Jahr 2013.

copyright: Bordairrace Media

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Wer ist neben dir noch für die Organisation des Events verantwortlich? Welcher organisatorische Aufwand steckt eigentlich „hinter den Kulissen“ eines Bordairrace Events?

Tomy: In den Anfängen haben Petra und Jochen Vorderegger von der Firma „Biotech Energietechnik GmbH“ die Bordairrace Rennen organisiert. Die beiden sind nach wie vor sehr aktiv und engagiert in der Gleitschirmszene. Mit den ganzen Verpflichtungen der Firma im Rücken war den beiden aber irgendwann der organisatorische Aufwand für die Events zu viel und es wurde ein Nachfolger gesucht. Willi und ich bekamen das dann mit und wir boten den beiden an, dass wir die Orga gerne weiterführen würden. Petra zeigte sich dann auch recht schnell damit einverstanden, ihr „Baby“ in unsere Hände zu geben. Ich denke wir konnten sie ganz gut davon überzeugen, dass wir das Format „Bordairrace“ mit ganz viel Energie, Engagement und Herzblut weiterführen würden. Die erste Zeit nach der Orga-Übernahme war wirklich viel zu machen. Es musste eine Homepage samt Anmeldesystem aufgesetzt werden. Wir haben die ganze Website quasi von null an aufgebaut; wobei dabei natürlich gesagt werden muss, dass wir ganz viele tolle engagierte Helfer und Unterstützer hatten.

Mittlerweile hat sich alles eingespielt und die Abläufe und Strukturen sind klar, sodass sich der gesamte organisatorische Aufwand in Grenzen hält. Dazu kommt, dass Willi und ich ganz gut arbeitsteilig vorgehen: Willi ist für den Bewerb vor Ort zuständig. Er führt u. a. die Gespräche mit dem Veranstalter und betreut auch unser Auswertesystem für das Ranking.

Meine Parts sind vorwiegend die Homepage samt Anmeldemanagement und die Sponsorenbetreuung. Gerade das Thema Sponsoren und Sponsorengewinnung hat zwischenzeitlich stark an Bedeutung gewonnen. Wie bei vielen anderen Events, so geht auch bei den Bordairrace Rennen ohne Sponsoren einfach nichts. Mit den Sponsorengeldern können gut unsere Ausgaben für das Event decken und wir können den Athleten wirklich tolle Siegerpreise bieten. Was Letzteres betrifft, brauchen wir uns vor keinem anderen Bewerb der Gleitschirmszene zu verstecken. Darauf sind wir wirklich stolz und wir wollen das auch gerne so beibehalten.

Den organisatorischen Gesamtaufwand zeitlich abzuschätzen ist schwierig. Es sind bestimmt einige 100 Stunde pro Jahr (lacht). Ich sehe das aber nicht wirklich als Arbeit an. Es macht einfach unheimlich Spaß. Wir verdienen daran nichts – unseren Lohn erhalten wir dann bei den Bewerben. Wenn beim Zieleinlauf alle happy sind und wir vor Freude strahlende Gesichter sehen, dann geht uns das Herz auf und wir wissen wieder, dass sich jede Minute an zeitlicher Investition gelohnt hat.

 

liftuup: Die Austragungsorte sind wechselnd; pro Event ist meistens eine lokale Flugschule eingebunden. Wie läuft das ab? Kannst du dazu ein paar Worte verlieren?

Tomy: Ja, gerne. Veranstalter vor Ort können sowohl Flugschulen als auch Vereine sein. Wir haben das in den letzten Jahren eigentlich immer so gemacht, dass wir pro Saison ein bis zwei bereits bekannte Austragungsorte wählen und dazu, wenn möglich, mindestens ein ganz neues Gebiet – wie hier zum Beispiel in der Wildschönau – hier findet das Bordairrace zum ersten Mal statt. Der Reiz dabei ist einfach, neue Gebiete und Gegenden kennenzulernen und dabei seinen fliegerischen Horizont zu erweitern. Mit jedem neuen Gebiet, das man befliegt, lernt man Neues dazu. Nun, und mit jedem neuen Austragungsort wächst für die regelmäßig teilnehmenden Athleten der Alpenraum quasi immer engmaschiger zusammen – die weißen Flecken auf der persönlichen „Erfahrungskarte“ werden dann zunehmend weniger.

Ein weiterer wichtiger Pluspunkt: An jedem neuen Austragungsort lernt man neue, nette Menschen kennen. Ich bin immer wieder erstaunt zu sehen, wie die Helfer vor Ort mit Freude und Tatkraft das Event auf die Beine stellen. Großartig!

Zu Beginn, als die Bordairrace Serie noch nicht den heutigen Bekanntheitsgrad hatte, hielten wir es in der Regel so, dass wir von Organisatorenseite aus Leute von Vereinen oder Flugschulen ansprachen bzw. bei ihnen anfragten, ob sie sich ein solches Event in ihrem Gelände vorstellen könnten. Mittlerweile ist es eher so, dass die lokalen Ausrichter eher auf uns zukommen und fragen, ob wir bei Ihnen ein Bordairrace durchführen könnten. Diesbezüglich sind wir heuer einfach in der glücklichen Lage, dass wir nicht „Klinke putzen“ und irgendwelchen möglichen Ausrichtern hinterherlaufen müssen. Es ist eher so eine „win-win Situation“. Die Freude und die Begeisterung für die Bordairrace Events kommt quasi von beiden Seiten und das ist großartig!

Wir haben uns auch mittlerweile bewusst für drei Bewerbe pro Saison entschieden. Früher waren es teilweise 4-5 Events pro Saison. Das zeigte sich aber problematisch, denn die meisten Piloten müssen ja ihren Urlaub um die Events herumlegen. Bei 4-5 Events bedeutete das für diejenigen Athleten, die an allen Races teilnehmen wollten, fast ihren kompletten Jahresurlaub dafür einsetzen zu müssen. Das wollten wir vermeiden; daher die Reduktion auf drei Bewerbe.

 

liftuup: Es gibt viele „Wiederholungstäter“ unter den Teilnehmern der Bordairrace Serie. Kannst du uns die besondere Atmosphäre rund um das Event ein wenig beschreiben und damit näherbringen? Was genau ist es, dass viele der Teilnehmer offensichtlich so catched und in den Bann zieht?

Tomy: Die Atmosphäre, der Spirit bei den Bordairrace Events ist schon wirklich etwas ganz Besonderes. Steht ein Rennen an, freue ich mich immer sehr auf ein Wiedersehen mit vielen Bekannten und Freunden. Für mich, wie auch für viele andere Teilnehmer, sind die Events so etwas wie eine kleine Familienzusammenkunft. Die Atmosphäre ist von Gemeinschaft und von gegenseitiger Unterstützung geprägt. Klar, es ist ein Bewerb, ein Rennen. Aber da ist eigentlich kaum jemand dabei, der dem anderen etwas neidet oder der mit seinen Plänen, seiner Strategie und Taktik hinter dem Berg hält. „Bordairracer“ pflegen einen sehr entspannten, offenen Umgang miteinander.

copyright: Bordairrace Media

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Kommen wir mal zu den spannenden Fragen für diejenigen Leserinnen und Leser unter uns, die noch nie bei solch einem Event mitgemacht haben. Welche Voraussetzungen, körperlich wie fliegerisch, braucht es, um für die Teilnahme an einem Bordairrace ausreichend gewappnet zu sein – Podiumsambitionen mal ausgeblendet 😉 ?

Tomy: Die Grundvoraussetzungen sind klar und stehen fest: Man braucht eine gültige und anerkannte Pilotenlizenz inklusive Überlandberechtigung sowie eine zugelassene Flugausrüstung.

Und um es gleich zu Beginn vorwegzunehmen: Nein, man braucht keine 10 Jahre plus Flugerfahrung, um bei Bordairraces mitmachen zu können. Prominentes Beispiel: Simon Oberrauner. Der Simon kam bereits eineinhalb Jahre nach seiner Gleitschirmausbildung auf mich zu und fragte mich, ob er denn mal an einem Bordairrace teilnehmen könnte. Im Jahr darauf war er dann als Athlet dabei und gewann das Rennen gleich bei seiner zweiten Teilnahme.

Ganz Grundsätzlich sind einfach eine solide Ausbildung und entsprechend solide Wetterkenntnisse wichtig. Dazu sollte auch ein wenig Spaß am gegenseitige Messen vorhanden sein sowie die Freude daran, sich gemeinsam draußen in der Natur zu bewegen.

Das ist ja das Schöne am Regelwerk des Bordairrace: Den Wendepunkt, den definiert bzw. legt ja jeder für sich selbst; und dabei muss man sich ja bei weitem nicht nach den besten Athleten im Feld richten. Die minimale Distanz, um in die Wertung zu kommen, beträgt 15 km. Das ist wirklich für jeden, der ein bisschen Sport affin ist, zu schaffen. Im Prinzip sind das ein bis zwei Aufstiege samt Gleitflüge und dann ist man schon in der Wertung.

Ja, und auch die Herangehensweise innerhalb des 33stündigen Zeitfensters kann ja jeder beliebig selbst wählen. Man kann abends in ein Hotel einchecken und 10 Stunden schlafen, wenn man das möchte. Das ist genauso möglich und legitim wie die ganze Nacht durchzumarschieren.

Du gestaltest DEIN Bordairrace auf DEINE Weise!

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copyright: Airdesign, Bordairrace Media

liftuup: Und welche Ausrüstung empfiehlst du einem Bordairrace-Neuling? Ist ein großer Invest für ein superleichtes Gurtzeug samt Schirm unabdingbar?

Tomy: Für die erste Teilnahme ist es mit Sicherheit nicht notwendig, komplett umzurüsten und sein ganzes Equipment auf leicht umzustellen – das ist nicht nötig und würde auch von den Kosten her völlig den Rahmen sprengen. Klar, eine ganz schwere, auf Wettkampf ausgerichtete Streckenausrüstung taugt natürlich nicht; aber viele Piloten sind ja mittlerweile durchaus schon mit semi-leichtem Equipment unterwegs. So mit plus-minus 15 kg ist so ein Rennen durchaus machbar. Natürlich muss ich dann meine Kräfte einteilen und Laufstrecke und Höhenmeter an das Gewicht und meine Kondition anpassen.

Eines beobachte ich aber immer wieder: Gerade die Wiederholungstäter, die mit Leidenschaft dabei sind, satteln doch meist früher als später auf wirklich leichtes Material um. Egal ob man ganz vorne mitspielen möchte oder nur so „just for fun“ mitmacht: Die Freude, der Genuss ist mit leichtem Equipment einfach deutlich größer.

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liftuup: Nehmen wir an, der Funke aus deinen Schilderungen ist übergesprungen und eine Leserin oder ein Leser dieses Interviews möchte sich für das nächste Event anmelden? Was genau ist zu tun?

Tomy: Am besten schaut man auf unserer Homepage, www.bordairrace.com, vorbei. Dort geben wir spätestens zu Jahresbeginn die Termine für die kommende Saison bekannt.

Die Anmeldung für die einzelnen Races öffnet genau 4 Wochen vorher, exakt um 00:00 Uhr. Das mit den 00:00 Uhr entstand aus einer Laune von Willi und mir heraus und ist mittlerweile zur Tradition geworden. Wir finden das einfach cool. Außerdem ist das Wachbleiben bzw. Wecker stellen quasi die erste kleine Herausforderung für eine Teilnahme am Bordairrace. Heuer ist es übrigens auch so, dass man nicht bis morgens in der Früh mit der Anmeldung zuwarten sollte – da kann es gut sein, dass bereits alle Plätze vergriffen sind. Der Run auf die Teilnehmerplätze ist groß. Das Anmeldungsprocedere ist übrigens für alle Starter gleich. Wir machen da keine Ausnahmen, nur, weil der oder diejenige einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Szene hat.

Ist es soweit und das Anmeldeportal geöffnet, klickt man einfach auf Anmeldung, füllt das Formular aus und das war’s.

Oft bleibe ich selbst bis zur Öffnung der Anmeldung wach. Ich finde es einfach toll zu sehen, wer da nachts alles noch wach ist und sich anmeldet. Wenn ich dann viele bekannte oder auch neue Namen lese, freue ich mich immer riesig.

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Was erwartet denn den „Bordairrace-Frischling“ auf zwischenmenschlicher Ebene? Eher ein aufgeschlossener und von Hilfsbereitschaft geprägter Spirit unter den Racern? Oder trifft man dort vermehrt auf die verschlossenen Einzelkämpfer?

Tomy: Die verschlossenen Einzelkämpfer stellen bei den Bordairraces ziemliche Mangelware dar (lacht). Natürlich gibt es bei solch einem großen Teilnehmerfeld die verschiedensten Charaktere. Der Spirit des Events ist aber vielmehr von einem übergreifenden Miteinander geprägt. Speziell den Neulingen gegenüber ist man sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Man kann getrost als Neuling jeden anreden und nach Tipps und Tricks fragen – auch diejenigen, die vielleicht auf Podiumsplätze schielen oder die sich schon einen gewissen Namen in der Szene gemacht haben. Wir sind eine große Familie und sprechen miteinander auf Augenhöhe – von Pilot zu Pilot.

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Unter anderem durch den wachsenden Bekanntheitsgrad des Mega-Events „Red Bull X-Alps“ befeuert, erlebten wir in den letzten Jahren einen regelrechten Boom in Richtung Hike & Fly. Was bedeutet dieser anhaltende Trend aus deiner Sicht für solche Formate wie das Bordairrace? Wo würdest die Bordairrace-Events gerne in den kommenden 5 bis 10 Jahren sehen?

Tomy: Auch bei unserem Rennformat, den Bordairraces, wird es, analog zu den X-Alps, immer professioneller. Das zeigte sich in den letzten Jahren sehr deutlich; und zwar in allen Bereich: Der Organisation, bei technischen Standards, wie zum Beispiel beim Livetracking, und natürlich auch bei den Athleten. Deren Vorbereitung, Planung und Herangehensweise an die Races – da ging es in den letzten Jahren schon ordentlich voran.

Unser Anspruch ist, die Bordairrace-Events auch für die Zuschauer zu Hause mittels stetig optimiertem Livetracking noch interessanter und attraktiver zu gestalten. Ganz grundsätzlich betrachtet wünschen wir uns für die Zukunft, dass dieser Bewerb seinen ganz eigenen, besonderen Spirit beibehält. Ein Spirit, der Jahr für Jahr viele tolle Menschen begeistert und zu den Events lockt.

Trotz der ganzen Entwicklung bei den Races bzw. allgemein bei Hike & Fly Rennen möchte ich nicht, dass das Bordairrace in 10 Jahre nur noch eine reine Profi-Veranstaltung ist. Ganz im Gegenteil: Wir wollen den Bewerb offenhalten, gerade auch für Streckenflugneulinge und Einsteiger ins Hike & Fly. Daher beispielsweise auch die bereits erwähnte Aufteilung in unterschiedliche Wertungsklassen.

Bei den Bordairraces sollen immer auch Pilotinnen und Piloten willkommen sein, die einfach Lust auf ihr eigenes, ganz persönliche Abenteuer haben und eine sportliche Herausforderung suchen. Wie man dann sein „Abenteuer Bordairrace“ gestaltet, darf jeder für sich selbst entscheiden.

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Gibt es eine Möglichkeit, die Rennen der Bordairrace Serie auch als Zuschauer von zu Hause aus zu verfolgen?

Tomy:Ja, die gibt es. Auf unserer Homepage findet ihr den Link zum Livetracking. Sobald das Rennen gestartet ist, könnt ihr das Teilnehmerfeld via Livetracking hautnah verfolgen – und zwar nicht nur in 2D als kleine Punkte auf einer Karte dargestellt, sondern auch in 3D Ansicht. Das ermöglicht dem Zuschauer, die Athleten visuell zu „begleiten“. Dreht der Athlet gerade auf oder setzt er zur Talquerung an – all das lässt sich schön mitverfolgen. Durch das Livetracking wird das Bordairrace somit auch für die Daheimgebliebenen erlebbar.

copyright: Nova, Bordairrace Media

liftuup: Meine Leserinnen und Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das interessante und aufschlussreiche Interview. Wir wünschen dir für die kommenden Rennen viel Erfolg, sowohl als Organisator als auch als aktiver Teilnehmer; vor allem aber wünschen wir dir ganz viel Freude und erfüllende Momente bei der Ausübung des schönsten Hobbys der Welt!

 

Mehr über Ulli und Tomy und ihre gemeinsamen fliegerischen Aktivitäten findet ihr übrigens auf:

https://www.hike2fly4fun.com/

 

Die Sponoren der Bordairrace Serie 2021 sind im Übrigen (Reihenfolge willkürlich):

 

 

 

 

 

 

 

TESTED: BipBip PRO

Werbung / Transparenz

Das im Folgenden beschriebene Vario BiBip PRO wurde mir vom Hersteller Stodeus Solar Paragliding Instruments für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Ich durfte das Vario nach Abschluss der Testarbeiten unentgeltlich behalten. Weder für die Verfassung dieses Textes noch für die Darstellungen auf Instagram erhielt ich von Stodeus eine finanzielle Zuwendung. Auch erfolgte seitens Stodeus keinerlei Einflussnahme hinsichtlich der zum Vario veröffentlichten Inhalte.

 

Bist du ein Thermikschnüffler?

Wer kennt sie nicht? Wer beneidet sie nicht? Diese Piloten, auf deren DNA sich wohl ein paar genetische Codes unserer gefiederten Vorbilder eingeschlichen haben. Diese Piloten, die mit dem gewissen Fliegergen geboren wurden. Diese Piloten, die mit geradezu anmutiger Leichtigkeit der Schwerkraft regelmäßig ein Schnippchen schlagen, die scheinbar „unabsaufbar“ sind und die am Ende des Tages immer einen Tick höher am Himmel hängen als der Rest der Meute. Diese Piloten, die auch dann noch ihre Kreise über unseren Köpfen ziehen, während wir schon längst ungewollt gegroundet sind und verdutzt und neidvoll zu ihnen aufschauen. Ja, diese Piloten kennt wohl einer jeder von uns. Gehörst du zu diesen Piloten?

Ich jedenfalls nicht. Ich glaube von mir sagen zu können, dass ich mittlerweile, nach vielen hundert Flugstunden im Erfahrungsrucksack, ganz ordentlich und einigermaßen effizient Thermiken verschiedenster Ausprägung und Güte zentrieren kann – wobei ich dahingehend auch heuer noch maximal im oberen Mittelfeld agiere. Und alleine bis zu diesem Level war es für mich ein langer Weg, waren doch die begehrten Aufwinde in den ersten Jahren meiner Fliegerei lange ein Buch mit sieben Siegeln.

Ich bin ein Kind der Technik. Mein erstes Vario legte ich mir unmittelbar nach absolvierter A-Schein Prüfung zu. Das alleinige Fliegen mit dem „Popometer“ und damit ganz ohne piepsende Helferlein, was als Übung für das Thermikgespür von vielen Seiten wärmstens empfohlen wird, habe ich nie praktiziert – vielleicht ein Versäumnis.

Es ist nicht so, dass ich dem „Gefühl“ keine Bedeutung einräume – im Gegenteil. Natürlich bin auch ich stetig bemüht, die Dynamik und Bewegungen der Luftmassen wahrzunehmen, zu interpretieren und dadurch die Aufwinde aufzuspüren und diese dann in der Folge zu zentrieren bzw. beim Kurbeln immer wieder mit kleinen Shifts und Inputs nachzujustieren. Dennoch: Im Großen und Ganzen bin ich einfach sehr stark auf die Akustik meines Varios fokussiert.

Und da ich ganz sicher NICHT mit diesem eingangs beschrieben Fliegergen gesegnet bin, lasse ich mir gerne von der Technik ein wenig unter die Arme greifen. Ergo: Die Performance meines Varios muss für mich einfach wirklich zu hundert Prozent passen.

 

Es war einmal…

Es muss irgendwann im Winter 2019 gewesen sein; draußen klirrende Kälte. Ich lausche einem Vortrag über das Streckenfliegen. Was ich dort in Bezug auf die Einstellungen des Varios aufschnappe, war mir in einigen Teilbereichen bis dato neu. So erfuhr ich von der Relevanz eines sehr sensiblen, raschen Ansprechverhaltens und dass eine zuschaltbare akustische Signalgabe für den sog. Nullschieber sinnvoll sein kann – gerade für Flachlandpiloten. Sinngemäß wurde wie folgt argumentiert: Sinkst du nicht, befindest du dich bereits in steigender Luft, denn dein Eigensinken wird aufgehoben. Das reicht zwar noch nicht zum Aufdrehen, aber irgendwo um dich herum gibt es eine Thermikquelle, die Aufwind produzierte. Gut möglich, dass hier in gewissen Intervallen wieder eine nutzbare Thermik aufsteigt.“ Das klang einleuchtend für mich. Da ich außerhalb der Urlaubsfliegerei zumeist im Mittelgebirge fliege und von dort aus gerne auch Abstecher ins Flachland unternehme, notierte ich mir diesen Tipp auf meiner Verbesserungsagenda.

Das Vario, welches ich bis dahin zum Fliegen nutzte, war grundsolide; aber viele Einstellungsmöglichkeiten, gerade in Bezug auf Ansprechsensibilität bzw. Reaktionszeit gab es nicht.

Und so folgte eine kleine Bestandsaufnahme. Der Markt an Fluginstrumenten für Gleitschirmpiloten ist bunt, breit sortiert und bietet wohl für jeden Pilotengeschmack und Einsatzzweck die passende Lösung – wenn denn das Kleingeld stimmt. Gerade die Top-Geräte, allesamt High-End Produkte, haben einen stolzen Preis.

Im Zuge meiner Recherche stieß ich auf den französischen Instrumentenhersteller Stodeus Solar Paragliding. Deren minimalistisches Solarvario in auffallend grüner Farbe, das BipBip, war mir bereits zurückliegend des Öfteren an diversen Startplätzen ins Auge gefallen.

Ein kurzer Check auf der Firmenseite mündete recht fix in einer Bestellung.

Trotz des minimalistischen Designs und der rudimentären Bedienung wies der kleine grüne Piepser alle oben genannten und von mir erwünschten Funktionen auf; und das in Kombination mit einem für diese Performance unschlagbar günstigen Preis.

 

Was bisher geschah…

Long story short: Das BipBip+ begleitete mich seit dem Kauf auf über 200 Flugstunden, bewahrte mich dabei wohl unzählige Male vor dem Absaufen und zeigte mir stets zuverlässig den Weg zurück an die Basis. Kein Wunder also, bin ich bis heute total in love mit meinem grünen Piepmatz.

 

Das BipBip PRO

Das BipBip+ hatte ganz viele Stärken und nur ein paar wenige Schwächen.

Als Stodeus Ende 2020 den Nachfolger des BipBip+, das BipBip PRO, launchte und auf der Website gut aufbereitet die neuen Eigenschaften des minimalistischen Varios beschrieb, sah ich die von mir bis dato wahrgenommenen Schwächen des Vorgängers als beseitigt. Ich wurde neugierig. Also kontaktierte ich fix das Team von Stodeus und frage nach einem Testgerät bzw. nach einer Kooperation. Mit einsetzendem Frühjahr und thermischer Aktivität dauerte es dann auch nicht lange und das Team aus Grenoble beglückte mich mit einer Paketsendung.

Alt war gut – neu ist besser. Eine sanfte Evolution!

Ich erwähnte ja bereits eingangs, dass ich den Vorgänger, das BipBip+, in vielen, vielen Flügen so richtig zu schätzen gelernt habe. Allerdings hatte der Vorgänger auch ein paar wenige Eigenschaften, die mir persönlich nicht ganz so gut gefielen:

  • Die etwas geringe Lautstärke (am Helm kein Problem; am Cockpit mit Windgeräuschen ein bisschen zu leise)
  • Der etwas blecherne Vario-Ton (hörte sich ein wenig wie Spielzeug an)

Ob es Stodeus geschafft hat, die Grundcharakteristik des für mich so genialen Vorgängers beizubehalten und mit einigen Stellschrauben das BipBip PRO noch ausgefeilter und gewissermaßen erwachsener werden zu lassen und dabei die o. a. Schwächen auszumerzen, dem wollte ich in einem ausführlichen Test auf den Grund gehen. Also raus aus dem Büro und rauf in die Luft. Ich habe mit dem neuen BipBip PRO im Testzeitraum nunmehr etwas über 30 Stunden geflogen und sämtliche Einstellungen ausprobiert. Meine Eindrücke zum Gerät findet ihr in den folgenden Abschnitten.

 

Stodeus Solar Paragliding | State-Of-The-Art Technology – MADE IN FRANCE

Stodeus Solar Paragliding Instruments ist ein französisches Unternehmen mit Sitz in Grenoble, im Herzen der Französischen Alpen. Die noch junge Firmengeschichte von Stodeus begann im Jahr 2011, als der spätere Firmengründer Timothée auf der Suche nach einem kompakten, ultraleichten, solarbetriebenen und gleichzeitig leistungsstarken Variometer war. Da Timothée innerhalb der damaligen Angebotspalette der etablierten Flugelektronikhersteller nicht bzw. für ihn nicht zufriedenstellen fündig wurde, beschloss er kurzerhand, selbst ein Vario für seine Bedürfnisse zu entwickeln – irgendwie naheliegend, ist Timothée doch selbst Ingenieur der Elektrotechnik. In Zusammenarbeit mit seiner aktiven Flieger-Community, darunter auch Top-Piloten des französischen Nationalteams, entwarf er das „leBipBip“. Vom großen Erfolg des Ur BipBip befeuerte, wurde die die Performance des minimalistischen Varios sukzessive weiterentwickelt und gesteigert: es folgten das „leBipBip+“ und schließlich das hier getestete „BipBip PRO.“

Parallel dazu brachte Stodeus auch eine GPS-Version der BipBip-Erfolgsreihe auf den Markt: Das „leGPSBip“ und später das „leGPSBip+“.

Clarisse trat 2014 dem Unternehmen bei und übernahm in Anbetracht der stetig wachsenden Nachfrage sämtliche Aufgaben im Zusammenhang mit Grafikdesign und Kundenservice.

Timothée und Clarisse arbeiten aber nicht nur im Unternehmen erfolgreich zusammen; sie sind auch in der Luft ein tolles Team. Gemeinsam genießen die beide das Streckenfliegen im Tandem – ein persönlicher Tandem-Rekord von 152 km spricht da wohl Bände!

Das Unternehmen besteht mittlerweile aus 5 Mitarbeitern, die als Team alle erforderlichen Bereiche zur Fortführung der Erfolgsgeschichte von Stodeus abdecken: Forschung und Entwicklung, Kommunikation, Design, Fertigung, Versand und natürlich auch einen kundennahen Service.

Aus Überzeugung und mit dem Anspruch, eine Fertigungsqualität auf höchstem Stand zu gewährleisten, werden alle Stodeus-Instrumente in Frankreich entwickelt und produziert; die firmeneigene Produktionsstätte befindet sich in Grenoble.

Ein weiteres zentrales Bestreben von Stodeus: Nachhaltigkeit! Stodeus bietet für alle ihre Fluginstrumente Ersatzteile und Reparaturservice an, sodass der Endkunde wirklich lange Freude an seinem Stodeus-Produkt haben kann.

 

BipBip PRO – technische Eigenschaften

Die nachfolgend aufgeführten technischen Eigenschaften des BipBip PRO sind der Website des Herstellers entnommen. Hier aus dem Englischen übersetzt:

  • Solarbetrieben, 400% energieautark
  • Batterie mit 400h Autonomiebetrieb ohne Sonne
  • Drucksensor mit 1cm Auflösung (100 Samples pro Sekunde)
  • Lauter Buzzer 95dB (5 Stufen: leise, medium, laut, boost, stumm + LED)
  • Starterkennung (kann deaktiviert werden)
  • 2 Audioprofile: kurze oder lange Tonfolge
  • Einstellbare Integrationszeit von 0 bis 100 %
  • Sinkalarm (von -0,50 m/s bis 3,50 m/s, Standard ist aus)
  • Weak Lift (Nullschieber) Detektor mit einer Range von -30 cm/s bis + 10cm/s (Standard ist aus)
  • Vario LED (grün: Steigen, orange: schwach, rot: Sinken)
  • Batteriestand-Anzeige beim Start
  • Akku-Aufladung mittels Solarpanel von 0 bis 100 % in 10 Std.
  • Micro-USB als Backup fürs Aufladen
  • Ultraleicht: 26g
  • Made in France

 

Unboxing

Ohhh, wie ich das Auspacken von neuem Equipment liebe 🙂 Ich öffne den Karton und ziehe das Vario in seiner Verpackung heraus. Die Verpackung enthält ein Sichtfenster, welches den ersehnten Inhalt, das „Kleine Grüne“, dem Auge des neuen Besitzers zentral präsentiert. Und dieser wird gleich mit motivierenden Worten begrüßt: „Always on top“ – der Slogan auf der Verpackungsvorderseite springt sofort ins Auge und klingt verheißungsvoll.

Die nächste Freude erwartet mich beim herausholen des Varios. Timothée und Clarisse haben es sich nicht nehmen lassen, dem Gerät eine kleine persönliche Grußkarte beizulegen. Danke ihr beiden 🙂

Dann halte ich endlich das Vario in der Hand. Klein, Federleicht, minimalistisch. Eine optische Änderung zum Vorgänger erkenne ich sogleich an der Beschaffenheit der Solarzelle, die nunmehr fast die gesamte Oberfläche des Gerätes einnimmt.

Zum Lieferumfang des BipBip PRO gehören ferner eine Kurzanleitung, eine Sicherungsschlaufe und mehrere Klett-Klebepads.

Ich nehme das Vario in die Hand, drehe und wende es. Es ist so leicht, dass man sein Gewicht kaum spürt. Das wenige fühlbare Material wirkt haptisch hochwertig und sauber verarbeitet.

Wie bereits erwähnt, nimmt die leistungsstarke Solarzelle fast die gesamte Vorderseite des Geräts ein. Auf der Rückseite befinden sich Kletthaken, um das Gerät später ganz nach Belieben festkletten zu können. Die kurzen Stirnseiten beherbergen den solide wirkenden Sicherungsbügel zur Befestigung der Sicherungsschlaufe auf der einen und den Lautsprecher auf der gegenüberliegenden Seite. Auf einer der Längsseiten des Geräts ist ein Micro-USB Anschluss zusammen mit einer LED Leuchte (visuelle Steig- und Sinkanzeige) verbaut, auf der anderen Seite befindet sich der Bedienknopf.

 

Eine Frage des Einsatzgebiets

Das BipBip PRO ist mit 26 g federleicht. Dank der starken Klettverbindung lässt es sich praktisch überall anbringen. Tragegurte, Schultergurte am Gurtzeug, Helm oder Cockpit – alles geht.

Fliege ich zum spaßigen Herumtollen und soften Manövern am Hausberg mit Sitzgurt, so klette ich das Vario im Nu an den Helm. Aufdrehen, Spielen, Höhe vernichten und wieder aufdrehen… ich liebe diese spielerische Art der Fliegerei 🙂 Und dafür reicht mir der akustische Input des BipBip PRO völlig aus.

Die Befestigung am Helm oder am Schultergurt bietet sich beispielsweise auch für Hike & Fly Unternehmungen oder beim Tandemfliegen an. Gerade beim Tandemfliegen kann ich mir sehr gut den Einsatz der LED Anzeige (Vario-Ton stumm) vorstellen. Der Pilot erhält via der farblich differenzierten LED Anzeige den gewünschten Input, während der Passagier ganz in Ruhe die Landschaft und das Erlebnis „Fliegen“ genießen kann. Ebenso wie der genussorientierte Hike & Flyer, der das Bergerlebnis und die Naturkulisse mit all seinen Sinnen wahrnehmen möchte, ohne dabei von störendem Gepiepe abgelenkt zu werden.

Plane ich lange in der Luft zu sein und/ oder auf Strecke zu gehen, dann nutze ich mein Liegegurtzeug. Ich klette das BipBip PRO dann ans Cockpit und kombiniere das Ganze mit einem (älteren) klassischen Display-Vario, welches mir Groundspeed, Höhe, Steigwerte, Himmelrichtung, bzw. alle anderen wichtigen Parameter anzeigt; und das dann natürlich auch den IGC File aufzeichnet. Da ich das rasche Ansprechverhalten, die Sensibilität und die feine akustische Abstufung des BipBip PRO so dermaßen schätze, habe ich das klassische Vario einfach stumm geschaltet. Die Akustik liefert mir also das BipBip PRO, die visuell relevanten Daten fürs Fliegen das klassische Vario mit Display.

Ich weiß, dass viele Piloten mittlerweile ganz auf die Kombination Smartphone (z. B. XC Track) und GPS fähiges Minivario (z. B. Le GPSBip+) umgestiegen sind. Für mich war das bisher aber noch keine wirklich zufriedenstellende Lösung. Ich möchte nicht immer extra eine Powerbank mitschleppen und mich mit Bluetooth-Verbindungsproblemen oder einer schlechten Display-Ablesbarkeit herumschlagen. Ich habe zwei autarke Geräte, die beide höchst zuverlässig funktionieren und eine lange Akkulaufzeit gewährleisten. Punkt. Sehe ich mich beim Streckenfliegen doch einmal mit einer komplexeren Luftraumstruktur konfrontiert, so kann ich im Flug auch schnell mein Handy zücken und XC Track um Rat bemühen 😉

Aber wer weiß, wenn mir Stodeus ein GPSBip+ zur Verfügung stellen würden – würde ich dem neuen „Trendsystem“ vielleicht doch mal eine Chance einräumen. Achtung: An dieser Stelle zwinkere ich Timothée und Clarisse einfach mal gaaanz schelmisch zu 😉

 

Bedienung und Einstellungen

Hat man sich für eine passende Befestigung des Varios entschieden, geht es an die individuelle Geräteeinstellung. Die Bedienung hierfür gestaltet sich, ganz im Zeichen des minimalistischen Konzepts, völlig simpel. Es gibt genau einen Knopf. Die beiliegende Bedienkurzanleitung reicht völlig aus. Dieser kann man die werksseitigen Standarteinstellungen entnehmen und natürlich, wie man diese individuell für sich anpasst.

Das User Manual könnt ihr euch hier mal anschauen. Simpler geht’s kaum.

 

Praxis

Der Erstflug mit dem neuen BipBip PRO ist gleich mal eine ausgedehnte Hausbergrunde am Spätnachmittag in zuverlässiger Thermik. Ideal, um die noch junge Bekanntschaft mit dem BipBip PRO zu vertiefen.

Was gleich positiv auffällt: Nach Einschalten des Varios, was mit einer deutlich hörbaren Tonfolge akustisch bestätigt wird, verstummt das Vario sofort wieder; der eingebauten Starterkennung sei Dank! Das schont die Nerven – sowohl die eigenen, als auch diejenigen der ebenfalls am Startplatz befindlichen Fliegerkollegen. Ich fliege stets mit aktiviertem Nullschieber-Detektor (Weak-Lift-Detector / Standarteinstellung ist aus). Dieser gibt ein stetiges „buzzen“ von sich, wenn weder Höhe gewonnen noch verloren wird. Das Vorgängermodell tat dies dann eben auch am Starplatz (kein Sinken + kein Steigen, ergo buzzen). Das war teilweise so nervig und störte die Konzentration bei den Startvorbereitungen, dass ich das Vario meist ausgeschaltet ließ, bis ich gestartet war.

Das neue BipBip PRO gibt am Startplatz keinen Mucks von sich. Hebt der Pilot ab, gibt es ein kurzes akustisches Signal und das Vario nimmt freudig seine Arbeit auf. Das funktioniert wirklich absolut zuverlässig.

Wo ich schon dabei bin, will ich auch gleich mit der Beschreibung des Weak-Lift-Detectors weitermachen. Für mich als Pilot, der sich im Mittelgebirge und im Flachland oftmals mit kniffliger Aufwindsuche und schwachem Steigen konfrontiert sieht, ist diese „Nullschieber-Erkennung“ eine wirklich feine Sache.

Ich versuche das mal wie folgt zu beschreiben:

Befinde ich mich im Gleitflug und habe nur mein Eigensinken, ist das Vario still.

Gleite ich durch Luftmassen, die mir ein vermindertes Sinken bescheren (von -30cm/s bis +10cm/s) ertönt der Buzzer. Die Akustik ist dabei so sensibel eingestellt, dass je nach Länge bzw. Kürze der Tonfolge die umgebende Luftmasse sehr gut gelesen und abgescannt werden kann:

  • langsam gezogene Buzzer-Töne –> wieder mehr Sinken bzw. das Steigen nimmt wieder ab
  • schnelle Aneinanderreihung der Buzzer-Töne –> Steigen nimmt zu, man nähert sich nutzbarem Aufwind

Diese sensible, quasi akustische „Visualisierung“ der umgebenden Luftmassen ermöglicht feine Korrekturen der Gleitrichtung. Mal mit dem Gewicht nach links shiften, dann wieder nach rechts; für mich ist das eine unglaublich große Hilfe für die Linienwahl im Gleitflug.

Bewerte ich meine Lage so, dass ich in erreichbarer Umgebung keine zuverlässig nutzbare Aufwindquelle ansteuern kann, so bleibt dennoch die Möglichkeit, im Bereich des verminderten Sinkens weiterzusuchen. Dieser Bereich reicht zwar nicht zum Zentrieren bzw. zum Höhengewinn aus, aber wer weiß – gut möglich, dass hier eine Thermikquelle am Werk ist bzw. war, die in Bälde wieder Nachschub gen Himmel entlässt.

Erreiche ich endlich wirklich nutzbaren Aufwind, ändert sich die Akustik fast verzögerungsfrei (Ansprechgeschwindigkeit ist stufenweise einstellbar). Aus dem Buzzen wird das so geliebte Piepen, das unsere Herzen höherschlagen lässt.

Dieses schnelle, fast verzögerungsfreie Ansprechverhalten des BipBip PRO ist einfach nur genial; gerade wenn es darum geht, kleine enge Kerne oder windversetzte Blasen zu zentrieren, denn hier ist schnelles Reagieren und Nachzentrieren unabdingbar.

Freilich ist auch der Sinkalarm individuell einstellbar. Die einen nervt’s, für mich jedoch ein wichtiges Tool und eine weitere Hilfe, gerade beim Einsatz des Beschleunigers.

Apropos individuelle Einstellbarkeit. Eine weitere Neuerung zum Vorgänger sind die zwei vorprogrammierten Soundprofile:

  • langgezogene, progressive Töne mit variablen, fein akzentuierten Tonhöhen
  • kurze, knackige Töne

Der Vorgänger kannte nur die schnellen, kurzen Töne. Das funktionierte gut, hörte sich aber immer etwas blechern an.

Übrigens, der Lautsprecher am BipBip PRO hat stark an Leistung zugelegt. Ich kann das BipBip PRO nun endlich so laut stellen, dass ich es auch bei Befestigung am Cockpit und mit Sturmhaube/Stirnband unter dem Helm mit den stets herrschenden Windgeräuschen super klar hören kann.

Da ich durch den Vorgänger an die kurze, stakkatoartige Tonmodulation gewöhnt war, stellte ich für meinen Erstflug das BipBip PRO auf dieses Soundprofil ein und musste mich damit zunächst überhaupt nicht umgewöhnen. Prima dachte ich – das alternative Soundprofil wollte ich in Anbetracht der Testtätigkeit obligatorisch natürlich auch mal ausprobieren. Kurzum mittels Ein-Knopf-Bedienung eingestellt (kann auch ganz einfach im Flug umgestellt werden), war ich vom Ergebnis wirklich positiv überrascht. Die langgezogene, tiefere Tonmodulation hört sich klasse an. Kein Spielzeug-Flair, kein blechernes Piepsen mehr. Nach einigen Flugstunden bin ich hellauf begeistert und möchte dieses Soundprofil nicht mehr wechseln. Das geniale daran: Im Vergleich zum kurztönigen Soundprofil empfinde ich diese langgezogenen Töne als noch präziser bzw. akzentuierter. Die Ab- bzw. Zunahme der Tonlänge und deren Aneinanderreihung ist unglaublich eingängig und leicht verständlich. Mehr Schräglage oder weniger Schräglage, Shift nach außen oder doch weiter nach Innen in den Kern drücken – dieses Soundprofil des BipBip PRO macht solche Entscheidungen noch leichter bzw. intuitiver.

Ein paar Worte möchte ich noch zum Akku bzw. dessen Laufzeit verlieren. Dieser wird beim BipBip PRO über eine leistungsstarke Solarzelle gespeist, kann aber auch via Micro-USB über das Stromnetz geladen werden. Beim BipBip PRO kann ich an dieser Stelle noch nicht wirklich von Langzeiterfahrung sprechen. Der Vorgänger jedenfalls ließ mich in dieser Hinsicht nie im Stich. Das Vario funktionierte einfach immer! Selbst nach vielen Wochen im Winterschlaf im dunklen Keller erwachte das BipBip+ zum Frühjahr umgehend auf Knopfdruck – ohne es vorher eine Weile in die Sonne gelegt zu haben.

Ich gehe daher davon aus, dass es sich beim BipBip PRO genauso verhalten wird.

 

Fazit

Wie ihr unschwer beim Lesen dieser Zeilen erkennen konntet, bin ich hellauf begeistert vom neuen BipBip PRO. Unterstützte mich schon der Vorgänger massiv beim Nutzen von Aufwinden und Auffinden guter Linien, so ist das nunmehr erhältliche BipBip PRO ein mehr als würdiger Nachfolger – hat das Vario doch in allen Funktionsbereichen nochmal eine ordentliche Schippe draufgelegt.

Im Detail gefallen mir besonders die automatische Starterkennung (kein nerviges Gepiepe mehr am Startplatz), die unterschiedlichen Soundprofile mit ihren präzisen, fein akzentuierten Tonmodulationen (in Kombination mit dem super nützlichen Weak-Lift-Detector) und die nunmehr völlig ausreichend regulierbare Lautstärke.

Alles in allem spricht mich das gleichzeitig leistungsstarke wie minimalistische Gesamtkonzept des BipBip PRO einfach total an.

Alleine genutzt kannst du das Fliegen ganz ursprünglich und puristisch (sogar lautlos via LED Anzeige) erleben und genießen. Kombinierst du das BipBip PRO mit einem klassischen Display-Vario, kannst du zu allen Strecken und Routen deiner Träume aufbrechen.

Hinzu kommt der angesichts der gebotenen Performance wirklich faire Preis.

Zu guter Letzt: Das BipBip PRO ist grün. Grün ist die Farbe der Hoffnung – und die darfst du beim Fliegen nie verlieren; irgendwo steht immer ein Bart und den wirst du mithilfe des BipBip PRO ganz sicher finden. Getreu dem Slogan auf der Verpackung: „Always on top“ 😉

In diesem Sinne, viel Spaß beim Fliegen mit dem BipBip PRO. Schreibt doch gerne eure Erfahrungen mit dem BipBip bzw. den Geräten von Stodeus Solar Paragliding unten in die Kommentare!

 

Cheers!

WOWschau #04: Bordairrace Fever

 

Es ist die erste Juni-Woche. Ich befinde mich zum Fliegen in Sillian, im schönen Hochpustertal. Die jüngste Entschärfung der zuletzt doch recht restriktiven Reisebestimmungen scheinen in der Fliegergemeinde noch nicht ganz angekommen zu sein. Der beschauliche Ort am Fuße des Thurntalers zeigt sich noch im Winterschlaft; was vielleicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass die auf den Hausberg führende Bergbahn ihre Tore noch geschlossen hält.

Dann steht das Wochenende an. Der seit meiner Ankunft doch recht verwaiste Campingplatz, auf dem ich mein Quartier bezogen habe, füllt sich stetig. Ein Campingbus nach dem anderen rollt auf das idyllische Plätzchen. Was dabei auffällt: Bei den ankommenden Campinggästen handelt es sich fast ausschließlich um Fliegerinnen und Flieger – und die sehen irgendwie sportlicher aus als gewohnt – stramme Wadeln statt Landebierplauze 😉

Nach kurzem Grübeln klingelt es in meinem Gedächtnis. Klar: vom 04. bis zum 06. Juni findet in Sillian ein Hike & Fly Rennen der Bordairrace-Serie statt!

Musste das erste Event der Serie in Altaussee noch Corona bedingt abgesagt werden, bildet das Rennen in Sillian quasi den Auftakt der 2021er Bordairrace Serie. Ausrichter vor Ort ist die Flugschule Blue Sky.

Es dauert nicht lange, und ich bin mit einigen der Teilnehmern im Gespräch. Ich erkundige mich nach Vorbereitung, Ablauf, Taktik und Ausrüstung.
Ich empfinde die Atmosphäre als sehr angenehm, kollegial und in Bezug auf die anstehende sportliche und fliegerische Herausforderung geradezu als ansteckend und motivierend!

Livestream und Instagram sei Dank, kann ich das Rennen zumindest via Smartphone recht „nahe“ miterleben.

Mein Bordairrace Fieber ist zumindest entfacht 😉

Was ist mit euch? Bewegte Bilder gefällig? Dann schaut euch die oben eingebetteten Videos an.

Die ersten beiden Videos zeigen die Bordairrace Teilnahme von Markus Anders, welcher das Hike & Fly Rennen rund um Sillian auch als Vorbereitung bzw. Rennsimulation für das in knapp 2 Wochen stattfindende Mega Event, die Red Bull X-Alps, nutzte.

Das dritte Video dokumentiert ganz hautnah und sympathisch die Bordairrace Teilnahme von Philip Brugger. Philip ist nicht nur begeisterter Pilot und Vielflieger, er kennt sich auch mit langen Distanzen zu Fuß aus – schließlich nahm er zurückliegend bereits an einigen Ultra Trailwettkämpfen (Trail- und Berglauf länger als Marathon Distanz, also über 42 km) teil.

Schaut euch neben den hier verlinkten Videos auch mal ausgiebig auf den Kanälen von Markus und Philip um (und lasst, sofern noch nicht geschehen, ein Abo da!). Es finden sich dort jede Menge sehr sehenswerte Videos, die einfach Lust auf eines machen: Fliegen und Abenteuer!

TESTED: JULBO Stream

Werbung / Transparenz

Die im Folgenden beschriebene Sonnenbrille wurde mir von Julbo für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Ich durfte die Sonnenbrille nach Abschluss der Testarbeiten unentgeltlich behalten. Weder für die Verfassung dieses Textes noch für die Darstellungen auf Instagram erhielt ich von Julbo eine finanzielle Zuwendung. Auch erfolgte seitens Julbo keinerlei Einflussnahme hinsichtlich der zur Brille veröffentlichten Inhalte.

 

Vorwort

Es ist offensichtlich: Die Augen sind wohl das zentrale Sinnesorgane von uns Menschen, ermöglichen sie uns doch erst den visuellen Zugang zu unserem wunderschönen, facettenreichen Planeten. Aus dieser zentralen Stellung im Reigen bzw. Zusammenspiel unserer Sinne lässt sich auch ohne tiefgreifende medizinische Kenntnisse das Erfordernis ableiten, unsere „Fenster zur Welt“ vor schädigenden Umwelteinflüssen wie zum Beispiel direkter Sonnen-/ UV-Einstrahlung zu schützen – sollte doch ein jeder von uns bestrebt sein, seine naturgegebene Sehleistung bis ins hohe Alter bestmöglich zu erhalten.

„Schau mir in die Augen, Kleines!“ Genau, Augen sind ja nicht nur Sinnesorgan, sondern auch unmittelbarer Dreh- und Angelpunkt zwischenmenschlicher Kommunikation. Und da unsere verbale und nonverbale Kommunikation stets von unserem Gesamterscheinungsbild begleitet wird, liegt das Folgehandeln auf der Hand: Eine coole Sonnenbrille muss her 😉

Eine Sonnenbrille fürs Gleitschirmfliegen – das Anforderungsprofil

Ich stellte eingangs fest: „Eine coole Sonnenbrille muss her.“ Man kann ja über das Streben nach einer gewissen „Coolness“ schmunzeln, aber mal ehrlich: Wir Outdoor- Enthusiasten, die wir für die unseren Sport, für unsere Passion Tag ein Tag aus brennen, wir wollen bei der Ausübung unserer Lieblingsbeschäftigung einfach auch gut aussehen. Eitelkeit? Nö, ich betrachte das als Lifestyle!

Coole Sonnenbrillen gibt es ja nun wirklich an jeder Ecke. Aber „Coolness“ bzw. die Optik ist natürlich nur die eine Seite der Medaille.

Allein aus gesundheits- und sicherheitsrelevanten Gesichtspunkten sollte nicht unbedingt zum 30 € Modell aus dem Discounter oder der nächstgelegenen Strandbar gegriffen werden. Warum?

Zum einen sollte die Brille aus geeigneten Materialien gefertigt und hochwertig verarbeitet sein. Wir Gleitschirmpiloten (aber auch Trailrunner, Biker, Bergsteiger, etc.) setzen unsere Sportbrillen erhöhten mechanischen Belastungen aus: Vibrationen, Erschütterungen, Stöße und, im Worst-Case-Szenario, auch mal ein Crash! Da ist es wichtig, dass die Brille robust und solide gefertigt und speziell für solche Belastungen ausgelegt wurde. Materialversagen an den Glaseinfassungen oder den Scharnieren der Brillenbügel wäre nur ärgerlich. Materialbrüche am Gestell mit scharfkantigen Bruchstellen als Folge stellen dagegen ein konkretes und nicht zu unterschätzendes Verletzungsrisiko dar.

Aber auch den an der Brille zum Einsatz kommenden Gläser sollte Beachtung geschenkt werden – dies gilt insbesondere für uns Gleitschirmpiloten. Beim Fliegen haben wir es mit ständigen Veränderungen der Lichtverhältnisse zu tun. Mal brezelt uns die Sonne unbarmherzig ins Gesicht, wenig später fliegen wir unter großen Abschattungen. Haben wir komfortable Arbeitshöhe, können wir unsere Blicke direkt gen Himmel richten und die Wolken in ihren Entstehungszyklen beobachten. Dabei wollen wir natürlich nicht von der Sonne geblendet werden, gilt es doch, die Konturen unserer weißen Thermikanzeiger klar und deutlich betrachten und interpretieren zu können. Kommen wir dagegen tief und kämpfen gegen das Absaufen, so richten wir unseren Fokus eher gen Boden. Fliegen wir unter einer großen Abschattung, ist eine weitere Verdunkelung durch die Brillengläser kontraproduktiv, da wir gerade dann die Konturen des Reliefs genau scannen und lesen müssen. Also wäre es doch sinnvoll, unsere Sonnenbrille könnte quasi „intelligent“ auf das Umgebungslicht bzw. die Umgebungshelligkeit reagieren und sich blitzschnell entsprechend adaptieren.

Gleiches gilt natürlich auch in Bezug auf andere Sportarten und deren Anforderungen. Ich denke das zum Beispiel ans Mountainbiken oder Trailrunning. Biegen wir da von einer Sonne beschienenen Flächen auf einen kleinen, schattigen Trail ab, so ändern sich die Lichtverhältnisse im Handumdrehen – ungetrübte Konturenwahrnehmung ist in solchen Szenarien einfach immens wichtig für die Sicherheit des Sportlers.

Julbo – ein französischer Traditionshersteller

Julbo ist eine französische Traditionsmarke, deren Ursprünge bis ins Jahr 1888 zurückreichen. Ja, du hast richtig gelesen: 1888!

Nach den ersten Jahren begann Gründer Jules Baud Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Fertigung von Hochgebirgssonnenbrillen für emsige Kristallsucher aus Chamonix.

Tradition, Innovation und stetiges Streben nach Perfektion prägten die Firmenhistorie von Julbo – und das bis zum heutigen Tag. Reichlich Erfahrungsschatz ist also garantiert, wenn es bei Julbo darum geht, sich jedem Einsatzbereich individuell zu widmen und Sportsonnenbrillen im Geiste der heutigen Zeit für anspruchsvolle Athleten und Abenteurer zu entwerfen.

Wer mehr über den Traditionshersteller Julbo und dessen bewegte Firmengeschichte, einschließlich der historischen Meilensteine, erfahren möchte, der kann das hier nachlesen.

Heute entwickelt Julbo neben Sonnenbrillen auch Skibrillen und Skihelme.

Vorstellung der Julbo Stream

Welche Brille sollte es also werden? Als ich von der Julbo Marketingabteilung das „Go“ für unsere Zusammenarbeit bzw. diesen Testbericht erhalten hatte, besuchte ich ohne Umschweife die offizielle Julbo Website bzw. den deutschsprachigen Onlineshop. Dabei zeigte sich gleich: Der interessierte Kunde hat bei Julbo die Qual der Wahl – im positiven Sinne, denn bei Julbo strebt man keine Universallösungen an. Vielmehr hat man dort erkannt, dass die Anforderungen der jeweiligen Einsatzgebiete bzw. Sportarten hochindividuell sind und daher spezifisch bedient werden wollen. Bei der Auswahl und Entscheidungsfindung hilft der optisch ansprechend aufgebaute Onlineshop von Julbo rasch weiter. Hier kann man sich, übersichtlich nach Sportarten geordnet, sämtliche Kollektionen und Modelle anzeigen lassen.

Nach einiger Zeit der Recherche entschied ich mich letztendlich für das Modell „Stream“. Dieses Modell ist unter den Sportarten „Mountainbike“ und „Triathlon“ geführt, wird von Julbo jedoch als „vielseitige Sonnenbrille für alle Outdoor-Sportarten“ beworben. Neben der sportlich-ästhetischen Form des Gestells und der im Website-Text angepriesenen guten Belüftung, waren es vor allem die speziellen Brillenbügel der „Stream“, die am Ende ausschlaggebend für meine Auswahl waren. Diese sind nämlich 360° verstellbar – ein Feature, das mir gerade für den Einsatz beim Gleitschirmfliegen als überaus sinnvoll erschien, trägt man doch beim Fliegen über Stunden hinweg einen Helm.

Die vollständigen technischen Eigenschaften der JulboStream“ finden sich auf der Website – hier der Originaltext zitiert:

  • „Air Flow: In den Rahmen integrierte Belüftung zur Optimierung der Luftzirkulation zum Schutz vor Beschlagen.
  • Grip Nose: Weiches, stoßfestes und rutschsicheres Nasensteg-Insert.
  • Grip-Tech Bügel: Exklusives Soft-Material auf den Bügeln, das nicht an den Haaren haftet. Es gewährleistet absoluten Tragekomfort und einen sicheren Sitz.
  • Gut abdeckendes Wraparound-Profil: Gut abdeckendes Profil, das hohen Schutz und gute Sicht verbindet.
  • Um 360° verstellbare Bügel: Die Bügelenden können in alle Richtungen ausgerichtet werden. Die Brille kann bequem unter einem Helm, auf einer Mütze oder ohne Kopfbedeckung getragen werden und hat immer festen Halt.“

In meinen Ausführungen zur Praxiserprobung werde ich auf die einzelnen hier genannten Punkte genauer eingehen.

Die Brillengläser – Reactive Performance

Ist die finale Entscheidung für ein bestimmtes Modell getroffen, so darf sich der Kunde auf den nächsten Schritt freuen: Die Wahl der Brillengläser! Zur Auswahl stehen Gläser in verschiedenen Performance-Stufen.

Wie unter dem Punkt „Anforderungsprofil“ bereits dargestellt, war für mich die automatische Anpassung an die herrschenden Lichtverhältnisse bei der Auswahl der Brillengläser entscheidend. Darüber hinaus kommt, speziell für den Einsatz beim Gleitschirmliegen, ein weiteres wichtiges Kriterium hinzu: Eine Filterung, die eine gute Ablesbarkeit von Displays (Smartphone und Fluginstrumente) uneingeschränkt gewährleistet.

Passend zu diesen speziellen Anforderungen wurde mir vom Julbo Marketing-Team, passend zum Modell „Stream“, die „Reactive Performance Gläser 1-3“ empfohlen. Ich folgte dieser Empfehlung und so fiel meine Wahl dann eben auf genau diese. Julbo beschreibt die Reactive-Performance Gläser 1-3 auf ihrer Website mit den folgenden Worten:

„Selbsttönende Gläser (Kat. 1 bis 3 – Übertragungsrate des sichtbaren Lichts: 17% – 75%): Je nach Lichtstärke dunkeln sie sich ein oder hellen sich wieder auf und passen sich so den ganzen Tag lang an die jeweiligen Lichtverhältnisse und wechselndes Gelände an. Beschlagschutzbehandlung auf der Innenseite und ölabweisende Behandlung auf der Außenseite (verhindert Finger- bzw. Fettspuren, erleichtert das Reinigen und sorgt dafür, dass Wasser auf dem Glas abperlt). Ideal fürs Mountainbiken und Trailrunning.“

Hört sich geradezu perfekt an für den Einsatz beim Gleitschirmfliegen.

Also ab nach draußen! Schauen wir doch mal, wie sich die versprochene Performance der Gestell-Gläser-Kombination im harten Praxisalltag schlägt.

Get outside! Einsatz in der Praxis

Nicht, dass ich nicht daran glaube, dass ein renommierter Brillenspezialist wie Julbo sein Handwerk nicht beherrscht. Aber Marketing ist eben Marketing und Werbetexte und die damit einhergehenden, zumeist verheißungsvoll klingenden Werbeversprechen müssen sich letztendlich am harten Outdoor-Einsatz messen lassen. So auch in meinem Test:

Zwar bin ich mit Leib und Seele dem Gleitschirmfliegen verschrieben, jedoch bin ich auch durch und durch Sportler; und das ist gut so, zeigt doch das Wetter uns Tuchfliegern gerne mal die kalte Schulter und vermiest über Tage hinweg jegliche Flugambitionen. Fliegt es, gehe ich (nicht nur zu Corona-Zeiten) regelmäßig kleinere Hike & Fly Touren, kombiniere also das Wandern mit dem Fliegen. Zeigt sich das Wetter ungeeignet für fliegerische Unternehmungen, trainiere vorwiegend meine Ausdauer. Am liebsten durchstreife ich dann beim Trailrunning auf schmalen flowigen Pfaden den heimischen Schwarzwald oder genieße im Alltag die kleine große Freiheit und das Unterwegssein auf sportlich genussvollen Radtouren.

Mehr als genug Gelegenheiten also, die JulboStream“ mit den Reactive Performance Gläsern ausgiebig zu testen.

Das erste Auspacken (auf Neu-Deutsch „Unboxing“) der „Stream“ gefällt. Alles an der Brille wirkt sauber und hochwertig verarbeitet. Da wackelt nichts, alles wirkt wie aus einem Guss. Die Scharniere der Bügel weisen einen angenehmen Widerstand auf und versprechen bereits in der Hand ein hohes Maß an Stabilität.

Apropos Bügel: Diese sind angenehm beschichtet. Weich, dennoch griffig, aber niemals klebrig; auch dann nicht, wenn sie durch den Schweiß von Haut und Haaren angefeuchtet werden.

Weiterhin lassen sich die Bügel wirklich 360° verdrehen und verbiegen. Das kann man sich in etwa wie die Verformung einer stabilen Knetmasse vorstellen. Einmal in Form gebracht, verbleiben die Bügel exakt in dieser Position.

Bereits beim ersten Anprobieren habe ich das Gefühl, dass sich die Brille unglaublich gut ins Gesicht fügt, dabei sowohl Kopf als auch Schläfen angenehm umschließt. Der bezüglich meiner Kopfform zunächst nicht hundertprozentige Sitz lässt sich ganz einfach perfektionieren, indem man die Bügel durch deren Biegsamkeit so in Form bringt, dass sich die Brille wie eine Individualanfertigung anschmiegt. Klasse gelöst, Julbo!

Der nächste Tag. Ich schiele nach draußen und beobachte die Bäume, die gelassen aber folgsam im stark böigen Wind ächzen. An Fliegen ist nicht zu denken. Tja, Schönwetter ist eben nicht gleich Flugwetter. Na dann, Laufschuhe an und raus auf die Trails!

Entlang Wiesen und Obstbäumen geht es gen Berg. Die Sonne steht mir voll ins Gesicht, dennoch ist die Frühjahrsluft noch frostig kalt. Zunächst macht die JulboStream“ als Sonnenbrille erstmal das, was man von ihr ganz offensichtlich erwartet: Sie schützt meine Augen vor der Sonneneinstrahlung und hält die Helligkeit fern, sodass ich ohne Blinzeln oder Augen zusammenkneifen ganz entspannt dahinlaufen und die Natur genießen kann. Aufgrund der Umgebungskälte kondensiert meine Atemluft und streift im Takt der Schritte an meinem Sichtfeld vorbei. Die im Rahmen integrierten Belüftungsmechanismen scheinen effektiv zu funktionieren. Ich nehme keinerlei Beschlagen der Gläser wahr.

Genug der breiten Wege. Ich tauche ein in den Wald und nehme gleich den ersten verlockenden Singletrail, der steil links weggeht. Ich lasse es laufen. Der weiche, feuchte Waldboden ist mit Steinen und Wurzeln durchzogen. Jetzt bin ich aber wirklich überrascht! Normalerweise ziehe ich an solchen Übergangsstellen zwischen hell und dunkel rechtzeitig die Sonnenbrille ab, sodass ich trittsicher das anstehende Gelände bewältigen kann. Das entfällt hier komplett. Schnell lässt die Tönung der Reactive Peformance Gläser nach und passt sich den dunkleren Lichtverhältnissen des Waldes an. Geil! Ich sehe messerscharf jedes Detail am Boden und kann einfach weiterlaufen und im Flow bleiben. Ganz ehrlich, dass diese Helligkeitsadaption so gut funktioniert, hätte ich nicht erwartet!

Es ziehen einige weitere Tage ins Land, bis das Wetter und ich wieder Freunde sind – es fliegt endlich wieder im Schwarzwald!

Eben schnell den frühen Feierabend eingereicht, stehe ich auch schon am Parkplatz meines Hausbergs. Der Aufstieg zum Startplatz erfolgt, ganz im Zeichen der aktuellen Gesundheitslage, zu Fuß.

Oben angekommen geht mir das Herz auf. Ein ordentliches Lüftchen weht von vorne, die Sonne steht triumphierende an einem ungetrübt blauen Bilderbuch-Himmel, der sich prahlerisch mit formschönen weißen Cumuli schmückt. Ein Traum!

Prächtig zeigen sich heute nicht nur das Wetter, sondern auch die Steigwerte. Auf einem schönen lokalen Rundflug von über 3 Stunden kann ich die JulboStream“ ausführlich testen.

Fangen wir mal mit dem an, was wir als Flieger direkt vor der Nase haben – genau, unsere Instrumente. Neben dem klassischen Vario verwende ich dazu ergänzend ein Smartphone. Kurzum: Ich habe den Durchblick! 😉 Mit den Reactiv Performance Gläsern kann ich keinerlei Einschränkungen in Bezug auf die Display-Ablesbarkeit feststellen.

Der erste Bart des Tages ist genommen und ich begebe mich auf Gleitstrecke. Wohin soll es als nächstes gehen? Ich beobachte die sich stets aufbauenden und wieder zusammenfallenden Cumuli, welche sich von meiner Position aus in realistischer Reichweite befinden. Die Sonne steht hoch und brennt mir gnadenlos auf das Haupt. Dennoch kann ich ganz entspannt und ohne Anstrengung Struktur und Form der weißen Thermikanzeiger studieren. Die Reactive Performance Gläser dunkeln angenehm ab, schützen dabei effektiv meine Augen und ich kann gelassen den Himmel abscannen. Das Gestell der JulboStream“ ist dabei so geformt, dass die Augenpartie rundum abgedeckt ist; so werden meinem Empfinden nach auch die peripheren Bereiche effektiv abgeschirmt und damit vor schädlicher Einstrahlung geschützt.

Es ist später Nachmittag. Die Sonne zwinkert bereits aus Westen, leistet Überstunden und befeuert weiterhin unermüdlich die bodennahen Luftschichten. Es geht gut. Zu gut. Ein Moment der Unachtsamkeit, ein paar Kreise zu viel und ich klebe an einer mächtigen Basis. Nun aber schnell weg, bevor die Sicht verschwindet. Hier ist es merklich dunkler als ein paar hundert Meter tiefer. Wie bereits beim Trailrunning lobend festgestellt, glänzen die Reactive Performance Gläser auch in dieser Situation mit einer raschen Helligkeitsadaption. Fließend aber merklich nimmt die Tönung ab. Ich erkenne meine Instrumente glasklar und kann mich am weit entfernten Boden unter mir orientieren. Kurz die Ohren angelegt, ins Gas getreten und im Nu tauche ich wieder ein ins helle Sonnenlicht über dem weitläufigen Relief des Schwarzwalds.

Fazit

Gleitschirmfliegen ist kein billiges Hobby. Schirm, Gurtzeug, Fluginstrumente, Helm – da kommt schnell mal ein kleines Vermögen zusammen. Die Mehrheit unter uns sind „Normalverdiener“ – und als solcher schaut man eben, wo bzw. an welcher Stelle man ein paar Kröten einsparen kann.

Reflektiere ich mich und mein dahingehendes Einsparverhalten selbst, so muss ich mir eingestehen, dass ich in Vergangenheit doch etwas am falschen Ende gespart hatte: Beim Augenschutz. „Die Sonnenbrille für 30,00 € vom Discounter sieht doch auch ganz passabel aus und wird’s schon irgendwie richten“ – so oder so ähnlich ließen sich mein bis dato angestellten Überlegungen in Worte fassen. Nach Einlesen in die Materie „Augenschutz“ und einigen Gesprächen mit Bergsportlern aus meinem Bekanntenkreis, ließ ich mich schließlich eines Besseren belehren.

Gesagt, getan; eine neue Brille für’s Fliegen musste her. Aber bei welchem namhaften Hersteller am Markt umsehen?

Nun, einige sehr gute Gleitschirmpiloten, die ich entweder persönlich oder via Social Media kenne, setzten bereits seit Jahren auf die Sportbrillen des französischen Traditionsherstellers Julbo; und da ich für Tipps und hilfreiche Empfehlungen in puncto Equipment immer offen und dankbar bin, stand meine Wahl für Julbo alsbald fest.

Ganz ehrlich und ohne dabei zu doll auf die Werbe-Pauke trommeln zu wollen, kann ich besten Gewissens sagen: Für mich ist die JulboStream“ mit den Reactive Performance Gläsern ein echter Gamechanger bei der Ausübung meines Sports. Ich habe mit diesem Modell eine Brille, die ich sowohl beim Gleitschirmfliegen, als auch beim Hiken, Trailrunning und Biken einsetzten bzw. tragen kann; darüber hinaus sieht die Brille einfach mega cool aus und taugt mir daher auch als Sonnenbrille für den Alltag – Balkon, Strand, Biergarten, alles geht.

Zum Schluss möchte ich meine Eindrücke nochmal zusammengefasst darstellen:

  • Die Brille ist super hochwertig und robust verarbeitet. Die Haptik ist grandios, man nimmt sie einfach gerne aus dem Etui in die Hand und freut sich dann auf den Einsatz bzw. darauf, die Brille zu tragen.
  • Sie hat einen genialen Sitz und fügt sich wie in einem Guss auf das Gesicht und vor das Sichtfeld. Mit den angenehmen Materialien an Nasensteg und Bügeln fühlt sich die Brille nie in irgendeiner Art störend an.
  • Gestell samt Gläser sind in ihrer Form so beschaffen, dass sie den sensiblen Augenbereich wirklich großzügig abschirmen und so effektiv vor schädlicher Einstrahlung schützen.
  • Dank guter Belüftungsmechanismen gehören beschlagene Brillengläser bei der Aktivität fortan der Vergangenheit an.
  • Jeder von uns hat einen ganz eigenen Dickschädel 😉 – dank der 360° verstellbaren Bügel kann die Julbo Stream kinderleicht an deine individuelle Kopfform angepasst werden. Selbst bei stundenlangem Einsatz unter einem Helm drückt und zwickt da nichts.
  • Egal ob gleißendes Sonnenlicht beim Studieren von Wetter und Wolken oder bei der Betrachtung des schattigen Reliefs beim hangnahen kratzen; egal ob du auf lichtdurchfluteten Bergrücken dahintrabst oder über enge dunkle Waldtrails mit dem Biken gen Tal ballerst: Dank der Reactive Performance Gläser bist du stets im Bilde über deine Umgebung und kannst blitzschnell auf diese reagieren.

Ich hoffe, ich konnte euch, liebe Leserinnen und Leser, den Mehrwert einer guten, qualitativ hochwertigen Sonnenbrille vermitteln oder euch die Thematik zumindest ein Stück näherbringen.

Habt auch ihr bereits Erfahrungen mit Sportbrillen von Julbo oder anderen namhaften Herstellern gemacht? Dann lasst doch die Community hier auf liftuup daran teilhaben und schreibt ein paar Zeilen zu euren Erfahrungen gleich unten in die Kommentare. Wie immer freue ich mich darauf, von euch zu lesen!

Cheers!

TESTED: UP Kangri

Transparenz / Werbung

Als Teampilot bei UP bin ich mit der Truppe aus Garmisch-Partenkirchen bekannt, befreundet und verbandelt.

Den Kangri habe ich mir selbst von meinem eigenen Geld gekauft. Die Initiative zum Verfassen dieses Textes kam alleine von mir. Seitens des Herstellers UP Paragliders gab es keinerlei Vorgaben oder Einflussnahme auf die folgenden Inhalte.

copyright: Sandor Nusser

Vorbemerkung

Achtung: Dies ist kein Testbericht! Die folgenden Zeilen strotzen gerade so vor Subjektivität. Mein Schirm, meine Eindrücke und einfach meine Freude, darüber zu schreiben und zu berichten!

Englischsprachiger Technikjargon, trockene Konstruktionsdaten und Leistungsmessungen anhand zweifelhafter Steigvergleiche und nichtssagenden Trimmspeedrennen in bewegter Luft finden sich woanders 😉

Den Kangri in Größe M (75 – 100 kg) erhielt ich Mitte August 2020. Bis Ende September / Anfang Oktober konnte ich mit dem Schirm noch knapp 40 Stunden Airtime verbuchen, darunter viele Genussflüge im Schwarzwald und in den Alpen, aber auch das eine oder andere kleinere Streckenabenteuer. Mein Abfluggewicht lag im Testzeitraum bei etwa 92 kg.

 

Allgemeines

Der Summit XC 4 und ich waren bis zum Sommer 2020 so richtig gute Kumpels geworden. Ein vertrautes und eingespieltes Team sozusagen, was nach knapp 140 Stunden gemeinsam in der Luft ja auch nicht weiter verwunderlich war. Der Summit gab mir beim Fliegen so ziemlich alles, was ich mir von meinem Fluggerät wünsche bzw. erwarte: Er startete zuverlässig, hatte im Klassenvergleich in allen Beschleunigerstufen richtig viel Speed zu bieten, zeigte Luftbewegungen gut an, wirkte beruhigend und vertrauensbildend an meinen persönlichen „Schisser-Tagen“ und machte vor allem eines: verdammt viel Spaß!

Warum also einen Schirm wechseln, der einem so ans Herz gewachsen und bei dem der „Grins-Faktor“ beim Fliegen fast schon garantiert war?

Als ich mich damals für den Summit XC 4 als neuen Schirm entschied, passte hinsichtlich der technischen Eckdaten des Geräts und den bis dato gewonnenen subjektiven Eindrücken soweit eigentlich alles – bis auf das Gewicht. Als Hike & Fly affiner Pilot, der sich den Flug gerne und regelmäßig sportlich erarbeitet, schreckte mich das doch recht hohe Kappengewicht des Summits ein wenig ab. Ich entschied mich trotzdem für den Kauf und kompensierte das Mehr an Gewicht mit dem extra Mehr an Zunder in den Wadeln 😉

Als UP dann in der Folge den Kangri launchte und das Kappengewicht in meiner Größe M mit 3,9 kg angab, war ich sofort on fire. Die Vorstellung, den für mich so genialen Summit XC 4 in leichtem Tuchgewand und damit gewichtsmäßig deutlich abgespeckt bekommen bzw. fliegen zu können, gefiel mir und so war die Entscheidung pro Kangri doch recht bald gefällt.

Nach dem Zusammenkratzen des notwendigen Kleingelds und dem Zurechtlegen einer passenden Argumentationsstrategie für die Überzeugungsarbeit gegenüber meiner Frau, war es dann Mitte August 2020 endlich so weit: Das Paket mit dem heiß begehrten Inhalt flatterte in Haus.

copyright: Sandor Nusser

copyright: Jonas Böttcher

Lieferumfang

Der Kangri wird mit dem Zellpacksack „Parasleeve 2“ und dem Leichtrucksack „Summiteer light“ ausgeliefert. Den Zellpacksack hatte ich schon bei Kibo und Summit XC 4 im Einsatz. Er ist robust verarbeitet und funktioniert wirklich super – allerdings ist er doch recht schwer (460 gr. in Größe M). Somit ist es fast zu schade, den leichtgewichtigen Kangri in ein so schweres Gewand zu hüllen 😉 Da gibt es auf dem Zubehörmarkt leichtgewichtigere Lösungen.

Richtig leicht dagegen ist der Rucksack „Summiteer light“. Der bringt in Einheitsgröße S gerade mal 385 Gramm auf die Waage. Ich verwende den Rucksack gerne auf meinen Hike & Fly Touren und empfinde den Tragekomfort als sehr angenehm. Der Rucksack ist aus hauchdünnem Rip-Stop Gewebe gefertigt (40er Skytex / Dominico) und gehört damit eher zu den filigranen Vertretern seiner Gattung. Für den harten und oft unachtsamen Fliegeralltag (Gondel, Bergbahn, Shuttlebus, etc.) verwende ich ihn daher nicht.

 

Unboxing

Ach wie ich es liebe, einen nagelneuen Gleitschirm zum ersten Mal auszupacken und aufzuziehen – dieses Rascheln und Knistern ist wie Musik in den Ohren 😉 Im Vergleich zum Summit fällt natürlich gleich das leichte Tuch ins Auge. Zum Einsatz kommt dabei eine Kombination aus 32er und 27er Skytex – leicht und bewährt also. Wer seinen Schirm nicht gerade regelmäßig über die schroff-scharfen Soaringhänge von Lanzarote oder Marokko prügelt, sollte in Puncto Langlebigkeit eigentlich kaum Einbußen hinnehmen müssen.

Das Leinensetup entspricht dem heutigen Geist moderner Leistungsschirme und zeigt sich einfarbig und gänzlich ohne Mantel.

Richtig geil finde ich die neu konstruierte Arretierung der Steuergriffe am Tragegurt. UP nennt das System „Snap-Lock.“ Dabei wird der Bremsgriff durch einen zylinderförmigen Magneten in eine U-förmige Halterung am Tragegurt gezogen und auf diese Weise arretiert. Ich hatte bereits beim Kibo 2 darüber berichtet. Das funktioniert so unglaublich gut und spielerisch – ich möchte nie wieder mit klassischen Druckknöpfen hantieren.

 

Starten & Bodenhandling

Schon den Summit XC 4 empfand ich als sehr zuverlässigen Starter; spurstabiles Hochkommen und keine Tendenz zum Überschießen oder Aushebeln zeichneten den Streckenflügel aus. Ich weiß aber auch, dass es gerade diesbezüglich im deutschsprachigen Gleitschirmforum andere Meinungen bzw. Wahrnehmungen gab. Aber ich kann eben nur von meiner Warte aus sprechen. Ich kam mit dem Summit immer sehr gut zurecht.

Aus meiner Sicht das einzige Manko beim Startprocedere mit dem Summit: bei Nullwind oder leichter Brise von hinten machte sich das schwere Tuch des Schirms in der Aufzieh- bzw. Füllphase bemerkbar. Da brauchte es ab und an eine wirklich konsequente Führung, damit die Kappe zuverlässig bis zum Zenit marschierte. Die mit Stäbchen verstärkte und damit recht schwere Eintrittskante tendierte zudem in steilerem Startgefälle bei fehlender Vorwindkomponente dazu, von alleine einzuklappen bzw. umzuschlagen, was mitunter etwas nervig sein konnte.

Nach Erhalt des Kangri marschierte ich mit dem neuen Flügel zunächst auf die Groundhandlingswiese, um einen ersten Eindruck in Bezug auf das Startverhalten zu bekommen. Nach ausgiebigen Boden-Sessions und zahlreichen Starts in fast allen denkbaren Bedingungen, kann ich mittlerweile ein ganz gutes Bild über das Startverhalten des Schirms skizzieren.

Das leichte Tuch macht sich beim Kangri äußert positiv bemerkbar. Der Kangri steigt auch bei Nullwind schon bei leichtem Zug der A-Leinen zuverlässig über den Piloten (sowohl vorwärts als auch rückwärts aufgezogen). Mit etwas deutlicherem Zug gelingen so auch Start bei leichtem Rückenwind, was gerade beim Hike & Fly durchaus als wichtige Tugend gelten darf. Die äußeren (geschlossenen) Zellen bleiben dann etwas länger ungefüllt. Wird Fahrt aufgenommen, füllen sich diese aber zuverlässig; das Ganze kann mit einem kurzen Bremsinput noch unterstützt werden.

Einen markanten Unterschied zum Summit XC 4 erfuhr ich beim Bodenhandling in knackigeren Bedingungen, beispielsweise bei thermischen Ablösungen mit schnell wechselnden Windrichtungen. Der Kangri ist ein super agiler Flügel – auch am Boden. Beim Groundhandling macht das total Spaß. Auf Fingerzeig kann man die Kappe exakt dorthin dirigieren, wohin man möchte. Wechselseitiges Stabilo-Parken, Kiten – all das geht super exakt. Soviel Spaß diese Agilität auch macht, beim Start in anspruchsvollen Bedingungen erfordert die agile und um die Hochachse doch eher lebendige Kappe ein feinfühliges Händchen und mitunter eine schnelle Pilotenreaktion, um auf der gewünschten Spur zu bleiben.

Sowohl beim Groundln als auch beim eigentlichen Startvorgang spielt natürlich auch die doch beachtliche Streckung von 6,3 eine Rolle. Aufsteiger von niedrig gestreckten Schirmen sollten sich daher zunächst etwas mit dem Kangri eingrooven. Ist das geschehen, hat man mit dem Kagri am Boden richtig viel Spaß.

 

Fluggefühl und Thermikverhalten

Der das Fluggefühl prägende Charakter eines Gleitschirmprofils… wow! Gibt es irgendetwas Subjektiveres? Ich denke nicht. In diesem Punkt unterscheiden sich die Geschmäcker und Wahrnehmungen der Pilotenschar ja oft massiv. In Bezug auf die Mitteilsamkeit einer Kappe taugt mir persönlich die goldene Mitte. Ich mag weder die ganz stummen Charaktere noch die unsäglichen Plappermäuler. Knallt es im Frühjahr deftig, bin ich ziemlich froh darum, wenn mein Flügel etwas Arbeit für mich abnimmt, sozusagen „vorfiltert“ und dann nur diejenigen Infos an Steuerleinen und Tragegurte weitergibt, die mein Gehirn auch verarbeiten, deuten und letztendlich in Aktion umsetzen kann. Schirmmodelle, die ständig zippeln und zuppeln machen mich innerlich unruhig und lenken mich in der Folge zu sehr von meiner eigentlichen Flugaufgabe ab. Umgekehrt: Ein zu stummer Geselle erschwert das Zentrieren in wirklich schwachen Bedingungen oder auch das Auffinden guter Linien beim Gleiten.

Wie gesagt, das alles ist völlig subjektiv und jeder Pilot benötigt ein unterschiedliches Maß an Kommunikation zwischen ihm und seinem Fluggerät. Mir persönlich taugt die Mitteilsamkeit des Kangri sehr gut. Er zeigt Luftströme und Bewegungen der Luftmasse sehr gut an – sowohl über die Steuerleinen als auch über die Tragegurte. So gelang es mir mit dem Kangri oft, bessere Luftmassen zu erspüren und durch leichte Gewichtsverlagerung in Richtung des Steigens zu driften und so in der Summe einfach effektiver zu Gleiten. Da ich öfters aus dem Mittelgebirgsrelief des Schwarzwalds hinaus ins Flachland fliege, ist das eine Stärke des Schirms, die mir sehr zu Gute kommt.

copyright: Jonas Böttcher

Gestützt auf meine bisherigen Leichtschirmerfahrungen ging ich im Übrigen vor dem Erstflug mit dem Kangri davon aus, dass sich der Schirm ziemlich ähnlich wie sein schwererer Bruder, der Summit XC 4, fliegen bzw. anfühlen wird – vielleicht auf Grund des leichten Tuchs etwas weniger statt, dafür aber etwas verspielter, lebendiger und vielleicht auch einen Tick nervöser.

Erstaunlicherweise war gerade das Gegenteil der Fall – und der erste Eindruck verfestigte sich dann auch in den folgenden Flügen (bei gleichem TOW und dem gleichem Gurtzeug samt Gurteinstellung): Der Kangri liegt ruhiger und satter in der Luft als der Summit XC 4 – kommuniziert aber im Gegenzug auch etwas weniger mit dem Piloten. In durchwühlter Luft fühlt sich die Kappe homogener, kompakter an als die ihres schwereren Bruders.

Wie eigentlich alle Konstruktionen des UP Designers Frantisek Pavlousek zeigt sich auch der Kangri unglaublich stabil und klappresistent.

Im Sommer finden wir bei uns am Hausberg (Merkur bei Baden-Baden) mit der angrenzenden, zu dieser Jahreszeit oft stabilen Rheinebene regelmäßig stark überhitzte bodennahe Luftmassen vor – entsteht Thermik, ist diese dementsprechend garstig, da kleinräumig, scharfkantig und versatzanfällig bei Wind. Selbst unter Dauerbeschuss in dieser Böllerthermik zeigte sich der Kangri unbeeindruckt, klappte nicht und blieb stets auf der vorgegebenen Bahn. Ganz selten rollte mal der Außenflügel ein; die Schirmmitte blieb stets bockstabil. Weder im blubbernden Hexensud des Schwarzwaldes noch in der herzhaften Südflankenthermik des Piemont erfuhr ich am Kangri eine ernsthafte Kappenstörung.

Die „Workload“ empfand ich dabei trotz der beachtlichen Streckung als recht gering – jedenfalls geringer als beim schweren Bruder Summit XC 4. An objektiven Kriterien kann ich das nicht festmachen; vielleicht entstand dieser Eindruck einfach dadurch, dass der Summit XC 4 in kochender Luft viel stärker dazu neigte, sich in sich selbst zu verbiegen und zu verwinden – den Kangri empfand ich da eher wie einen soliden Block über mir.

Auch beim Rollen und Pitchen empfand ich den Schirm als sehr ausbalanciert. Kann man den Schirm beim induzierten Nicken mit wenigen Amplituden frontseitig zum Einklappen bringen, so pitcht der Schirm beim Biss in die Thermik bzw. beim Herausfallen aus starken Aufwinden nur sehr wenig und zeigt seinen Vorwärtsdrang deutlich und rechtzeitig an.

Der Vorlauf der Steuerleinen ist moderat – nach meiner Einschätzung etwas länger als beim Summit XC 4. Der Bremsdruck fällt im Vergleich zum schweren Bruder etwas geringer aus, was ich als angenehm empfand. Flüge über 5 Stunden konnte ich super entspannt und ohne Ermüdungserscheinungen in Schultern, Armen und Handgelenken absolvieren.

In Puncto Agilität und Steuerpräzision kann ich dem Kangri nur Bestnoten aussprechen. Das meine ich wirklich ernst! Ich denke darin unterscheidet sich der Kangri wohl am meisten von anderen Vertretern seiner (Schirm-)Klasse. Das was du vorgibst, setzt der Kangri auch um. Punkt! Oft verlieren Schirme der A- und B-Klasse in starken Aufwinden oder turbulenten Luftmassen ihre Manövrierfähigkeit. Die Steuerleinen werden dann zu Kaugummi und die Steuerung wird völlig unpräzise. Nicht so der Kangri. Der Schirm bleibt hier super exakt. Man hat das Gefühl, stets Herr der Lage zu sein.

Dabei steht dem Piloten das volle Schräglagenrepertoire zur Verfügung. Weiträumig durch verblasene Aufwindfetzen schwimmen um jedes kleinste Steigen mitzunehmen? Geht! Einmal bitte auf den Stabilo stellen und vor Freude jauchzend gen Basis ballern? Aber jederzeit!

Das macht so Laune, dass ich beim Kurbeln fast ständig irgendwelche Freudenlaute herausposaune. Fragt mal meine Fliegerbuddys 😉

Apropos Freude. Eine Spaßbremse ist beim Kangri nicht eingebaut. Die Energie für mächtige Wing Over steht fix zur Verfügung und es geht rasch weit über die Kappe – da sollte der Pilot also schon wissen, was er tut und wie er mit der einmal ins System eingeleiteten Energie weiter umzugehen hat 😉

copyright: Sandor Nusser

Hike & Fly und Reise – das Packmaß

Der Kangri bringt trotz seines komplexen Innenlebens und der klassisch aufgebauten Tragegurte (solide versteift zur sicheren Startvorbereitung) in Größe M gerade einmal 3,9 kg auf die Waage – den Pilotenrücken freut’s bei längeren Fußmärschen. In Kombination mit leichtem Gurt und Rettung ergibt sich damit ein Setup, das geradezu prädestiniert für genüssliche Hike & Fly Touren bis hin zu mehrtägigen Biwak-Abenteuern ist.

Beim Packen des Kangri mittels des mitgelieferten (leider recht schweren) Zellenpacksacks wird der Schirm quasi gedrittelt – was in Anbetracht der an Eintritts- und Hinterkante verbauten Stäbchen bzw. C-Wires auch durchaus Sinn macht. Auf Grund des leichten, dünnen Tuchs ergibt das dann ein zwar recht flaches aber auch langes Paket. Ein richtig kleines Packerl ist damit nicht zu realisieren. So könnte der Platz im Innern eines klassischen Wendegurtzeugs schon ein wenig knapp werden. In Kombination mit einem leichten Liegegurt kann der Schirm im Zellpacksack um das zusammengelegte Liegegurtzeug herumgelegt werden. Auf diese Weise sollte das Päckchen gut in den mitgelieferten Leichtrucksack Summiteer light bzw. in die am Markt gängigen Konkurrenzmodelle passen.

Wer die anspruchsvollsten alpinen Steige unter die Bergstiefel nehmen und mit komplett minimalistischem Gepäck unterwegs sein will, dabei aber nicht unbedingt die stärkste XC-Performance benötigt, der sollte sich im gleichen Haus auch mal den Mana ansehen. Den Mana konnte ich bereits ausgiebig testen. Einen Bericht dazu findet ihr hier.

 

XC

Leistung – oh je, darüber möchte ich eigentlich gar nicht allzu viele Worte verlieren. Für relaxte XC Piloten wie mich, für die das Landschaftserlebnis im Vordergrund steht und bei denen am Ende des Tages mal 50, mal 100 oder vielleicht auch mal 150 km auf dem Tacho stehen, reicht doch die Leistung aller moderner Gleitschirme völlig aus. Ein Schirm muss Spaß machen und sich für seinen Piloten in allen Bedingungen gut anfühlen – das ist doch das Wichtigste und am Ende des Tages viel entscheidender für den Faktor Leistung als alles andere!

copyright: Jonas Böttcher

Nichtsdestotrotz, ein paar (völlig subjektive) Eindrücke will ich hier dennoch zum Besten geben:

Gefühlt gleitet der Kangri für diese Klasse extrem gut. Vor allem ist er pfeilschnell. Auf einigen kleineren Streckenflügen war über ich längere Zeit hinweg mit einem Delta 3 und einem Artik 5 unterwegs. Ich fühlte mich dabei neben meinen Mitreisenden nie untermotorisiert, wobei wir auf den Gleitstrecken meist mit Halbgas unterwegs waren. Im Trimm war ich etwas schneller als der Delta 3. Das kann aber natürlich auch an vielen andere Faktoren (Gewicht, Sitzposition, Gurtzeugeinstellung, etc.) gelegen haben und hat somit wenig bis gar keine Aussagekraft.

Wahre Gleitperformance zeigt sich ja erst so richtig beim Vollgasfliegen in thermisch stark durchsetzter Luft, gerade wenn dann noch eine deutliche Gegenwindkomponente hinzukommt. Dahingehend kann ich nicht wirklich aus eigener Erfahrung berichten. 6-8 Stunden im Vollgas hochkonzentriert durch rauhes Wetter brezeln um irgendwelchen (persönlichen) Rekorden hinterherzujagen – das ist so gar nicht meine Fliegerei und daher überlasse ich dieses Feld und solche Einschätzungen gerne anderen, die das lieber tun und auch besser können als ich.

Beim Fliegen in stärkerem Wind am Hausberg hatte ich mit dem Kangri stets ausreichende Speed-Reserven zu Verfügung. Das wirkte auf mich immer sehr beruhigend, denn mit einem kurzen Kickdown kam ich auch dann noch gut vorwärts, wenn der Wind mal unvermittelt auflebte. Betätigt man das Gaspedal, nimmt der Kangri zügig aber ruhig Fahrt auf, ohne merklich zu nicken. Gerade Piloten, die aus unteren Schirmklassen aufsteigen und auf den Kangri switchen, werden bei diesem markanten Geschwindigkeitszuwachs einen echten AHA-Moment erleben. Der Kraftaufwand für die Betätigung des Beschleunigers empfinde ich in jeder Stufe als angenehm.

Interessant für die wirklich XC-ambitionierten unter euch: Sobald man auf Halbgas (und darüber hinaus) geht, wird der Kangri noch stabiler und klappresistenter, als er ohnehin schon ist – das wirkt sehr vertrauensfördernd und man bleibt wie selbstverständlich auch dann noch im Gas stehen, wenn die Luftmassen um einen herum mal etwas wilder werden.

copyright: Sandor Nusser

Fazit

Ich habe den Kangri als sehr vielseitigen Schirm kennengelernt.

Er ist schön leicht und gleichzeitig leistungsstark und ist damit geradezu prädestiniert für ausgedehnte Hike & Fly Touren bis hin zu mehrtägigen Biwak-Abenteuern. Er wird auch all diejenigen Piloten begeistern, die ihren Schirm gerne mit auf Reisen nehmen, um neue Länder und Landschaften aus der Luft zu erkunden. Der Kangri ist ein Schirm für Entdecker, Weltenbummler und waschechte Abenteurer!

Verspielte Piloten, die gerne vor dem Take-Off am Startplatz noch etwas am Boden posen und später in der Luft mit schnellem Energieaufbau dynamische Freestyle Manöver fliegen möchten, werden mit dem Kangri ihr neues Lieblingsspielzeug kennenlernen.

Thermik-Liebhaber jauchzen vor Freude, wenn sie am Kangri ihre Schräglage ganz nach Belieben einstellen können und ihnen ihr Flügel wunschgemäß und intuitiv auf Fingerzeig folgt. Was gibt es schöneres, als seinen Schirm auf den Stabilo zu stellen und dann straight gen Basis zu ballern?

XC Enthusiasten finden im Kangri einen zuverlässigen „Träume-In-Taten-Umwandler“, denn der Leistungsflügel bietet dem bekennenden Kilometerfresser so ziemlich alles, was das Streckenherz begehrt: Gleiten, Speed, Stabilität – alles on top. Ein weiteres Plus: Der Kangri schont auf anspruchsvollen Flügen in harzigen Bedingungen auch die mentale Kapazität des Piloten, da er in rauer Luft vergleichsweise wenig „Workload“ von seinem Dirigenten abverlangt.

Auch kann der Kangri ein treuer Begleiter auf der fliegerischen Weiterentwicklung hin zur Sportklasse sein. Wer sich sanft an höhere Streckungen und das gewisse „C“ Feeling herantasten möchte, bei gleichzeitig hoher passiver Sicherheit, für den könnte der Kangri auch ein sehr interessanter Kandidat sein.

Erfahrene Piloten, die auf der Suche nach einem High-B Schirm sind, der sich einfach komplett anders fliegt als der sonstige B-Schirm Einheitsbrei, sollten sich den Kangri mal genauer ansehen und am besten einen Probeflug ins Auge fassen. Ich bin gespannt, ob ihr danach genauso begeistert seid von dem Schirm wie ich.

 

Einordnung / Zielgruppe

Diese Einschätzungen schreibe ich aus meiner Perspektive und damit als Pilot, der selbst regelmäßig über 100 Stunden pro Jahr fliegt. Das gilt natürlich bei der Bewertung und Interpretation der von mir geschilderten Eindrücke zu berücksichtigen.

Der (künftige) Kangri Pilot sollte regelmäßig fliegen und bereits über ein fortgeschrittenes Maß an Erfahrung verfügen. Das aktive Fliegen sollte in dieser Klasse natürlich intuitiv beherrscht werden.

copyright: Jonas Böttcher

Danksagung

Einen ganz besonderen Dank geht an dieser Stelle an die Fotografen Sandor Nusser und Jonas Böttcher, die für die tollen Bilder im Beitrag verantwortlich sind 🙂

 

!! ACHTUNG Bildrechte !!

Alle im Text verwendeten Bilder unterliegen den alleinigen Bildrechten der in den jeweiligen Bildunterschriften genannten Urheber.

 

Plauderecke #06 | heute: Michael Lacher

Mein Weg zu den Red Bull X-Alps 2021

 

Es gibt Dinge für mich als Gleitschirmpilot, die mich immer wieder auf’s Neue begeistern, die eine über die Jahre hinweg ungebrochene Faszination auf mich ausüben. Persönlich gehe ich 2021 in meine 10. Flugsaison nach Erhalt des A-Scheins. Trotz regelmäßigen Fliegens und einer für einen Freizeitpiloten wie mich akzeptablen jährlichen Airtime, veranstaltet mein Herz immer wieder Freudensprünge, wenn nach einem langen, nassgrauen Winter die ersten ordentlichen Thermiken des Jahres ihre Arbeit aufnehmen, unter meinen Flügel greifen, und mich in Begleitung einer fröhlich-jauchzenden Vario-Melodie gen Basis katapultieren. Diese unsichtbaren Kräfte der Natur sind für mich nach wie vor magisch, anziehend, süchtig machend.

Eine ähnliche Begeisterung und magnetische Anziehung entfaltet auf mich seit Beginn meines Pilotendaseins das Format der Red Bull X-Alps – wenn auch nur aus der Zuschauerperspektive. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst schon immer durch und durch Sportler war. Vor der Fliegerei verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit beim Trainieren verschiedener Kampfsportarten. Heuer fröne ich eher dem Ausdauersport im Freien. Egal welcher Sport betrieben wird: Jeder, der regelmäßig hart trainiert weiß, welche Willensstärke vonnöten ist, sich Tag ein Tag aus zu pushen, sich durch Hochs und Tiefs zu bewegen und stets neue Reize zu setzen, um in seinem Sport kontinuierlich voranzukommen und zu wachsen. Nun, Ausdauersport allein ist schon extrem zeitintensiv; Gleitschirmfliegen erst recht, wie wahrscheinlich jeder von uns Freifliegern weiß und aus eigener Erfahrung berichten kann. Einen Shortcut gibt es dabei nicht. Klar, die einen sind mit mehr, die anderen mit weniger Talent ausgestattet – ein hoher zeitlicher bzw. insgesamt persönlicher Invest wird aber in jedem Fall abverlangt. Ich selbst kann nur vage erahnen, wie (zeit)intensiv trainiert werden muss, um sowohl körperlich als auch fliegerisch das Niveau zu erreichen, um für einen Bewerb wie die X-Alps wirklich gerüstet zu sein.

Einer, der so ziemlich von Beginn seiner Fliegerkarriere an von einer Teilnahme bei den Red Bull X-Alps träumte und der sich nach bestandener A-Schein Prüfung im Jahr 2015 mit eisernem Willen auf den Weg machte, seinen Traum auch in die Tat umzusetzen, ist Michael Lacher. Michael nimmt zum ersten Mal an diesem hochkarätig besetzten Abenteuerrennen teil und wird in der 2021er Ausgabe für das Team Germany 3 antreten.

Vom A-Schein Neuling 2015 bis zur X-Alps Teilnahme 2021 – klingt ziemlich beeindruckend, oder? Für mich jedenfalls Grund genug, den „X-Alps-Rookie“ Michael in die liftuup Plauderecke einzuladen und ihm ein paar Löcher in den Bauch zu fragen. An dieser Stelle schon mal: Danke für deine Zeit und Geduld, lieber Michael!

Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser, ganz viel Spaß beim Lesen der folgenden Zeilen. Aber seid vorgewarnt: Motivationsschub garantiert!!

 

copyright: Frithjof Kjer

liftuup: Hallo Michi! Schön, dass du dir für mich und meine Leser Zeit nimmst. Stell dich doch mal kurz vor. Wo kommst du her, wer bist du und wie sieht dein Leben so aus?

Michael: Servus! Ich bin der Michael Lacher und komme aus Oberstdorf im Allgäu. Beruflich bin ich je nach Saison unterschiedlich tätig. Im Winter arbeite ich hauptberuflich in der Bergrettung und im Sommer arbeite ich als Tandempilot; dazu helfe ich noch in der Firma meines Vaters mit. Ich bin selbst Familienvater und habe einen 9 Monate alten Sohn. Ja, so schaut mein Leben aus (lacht).

copyright: Michael Lacher

copyright: Michael Lacher

liftuup: Der Athletenseite der offiziellen Red Bull X-Alps Homepage konnte ich entnehmen, dass du schon recht früh in deinem Leben mit dem Flugvirus infiziert wurdest. Beschreibe uns bitte deine bisherige fliegerische Laufbahn.

Michael: Ja du, mit dem Flugvirus bin ich wirklich schon recht früh infiziert worden. Mein Vater war damals schon Drachenflieger – das hat mich recht früh in meinem Leben zur Modellfliegerei gebracht. Mit 14 – 15 Jahren fing ich mit dem Segelfliegen an, was ich dann in der Folgezeit auch wirklich aktiv betrieben habe. Aber da ich schon immer ziemlich sportlich war, störte es mich irgendwann, immer nur auf dem Flugplatz herumzuhängen und sich dabei körperlich nicht zu betätigen. Dazu kam, dass ich zu der Zeit recht viel mit meinen Kumpels Bergtouren gegangen bin. Meine Kumpels sind dann oft mit ihren Schirmen vom Gipfel gestartet und runtergeflogen, wohingegen ich alleine herunterlaufen musste. Da dauerte es natürlich nicht lange, bis mir klar wurde, dass das Gleitschirmfliegen auch etwas für mich sein könnte. Außerdem hatte meine Freundin zu der Zeit bereits seit etwa 4 Jahren den Schein in der Tasche. Ja, und so kam ich dann logischerweise auch zum Gleitschirmfliegen und begann letztendlich 2015 mit meiner Pilotenausbildung.

 

liftuup: Deine Gleitschirmlizenz hast du also 2015 erworben. Um sich die nötigen Skills für die Teilnahme an einem so anspruchsvollen Bewerb wie den X-Alps zu erarbeiten, ist es als Pilot normalerweise ein recht langer und steiniger Weg – bei dir dauerte dieser gerade einmal 5-6 Jahre. Wie erklärst du dir deine so steile Progression? Wie bist du an den Gleitschirmsport herangegangen?

Michael: Naja, ich habe mit dem Fliegen angefangen –  und wer mich ein wenig kennt, weiß, dass wenn ich etwas anfange, dann mache ich das auch richtig und ziehe es voll durch; und zwar nicht nur 100 Prozent, sondern ich peile da eher die 300 Prozent an (lacht). Sprich, nachdem ich meinen Schein hatte, richtete ich eigentlich mein komplettes Leben mehr oder weniger auf’s Fliegen aus. Gerade das Hike & Fly hat mir von Anfang an komplett getaugt und so betrieb ich das Ganze dann auch immer exzessiver. Wenn es das Wetter zuließ, bin ich eigentlich jeden Tag mit dem Schirm auf die Berge marschiert. Auch ins Streckenfliegen bin ich ziemlich bald eingestiegen. Bei meinen ersten Streckenflügen wurde mir aber klar, dass ich in anspruchsvollen Bedingungen mit meinem damaligen Schirmhandling schnell an mein Limit stieß. Das brachte mich zur Acro-Fliegerei. Ich dachte einfach, dass mich das Acro-Fliegen hinsichtlich Schirmbeherrschung ein gutes Stück voranbringen könnte. Also entschied ich mich, verstärkt die Acro-Basics wie Fullstall etc. zu trainieren. Und wie sollte es auch anders sein, so hat mich schnell auch das Acro-Fliegen total gepackt. An Tagen, an denen es nicht gut zum Streckenfliegen ging, bin ich eigentlich nur noch Acro geflogen. Innerhalb von zwei bis drei Jahren habe ich auf diese Weise so gut wie alle Manöver erlernen können. Bis auf den Super-Stall oder die ganz krass komplizierten Sachen gibt es eigentlich kaum irgendwelche Figuren und Manöver, die ich nicht fliege. Heli, Stall und so weiter fliege ich mittlerweile auch mit Hochleistern und habe keine Angst davor. Insgesamt hat mir das Acro-Training einen extremen Zugewinn an Schirmbeherrschung gebracht. Das hilft mir jetzt immens beim Streckenfliegen, da man dabei ja immer wieder in Situationen geraten kann, in denen der Schirm extrem reagiert und man wissen muss, wie man zu reagieren hat. Allgemein denke ich, dass kein Weg am regelmäßigen Acro-Training vorbeiführt, wenn man im Gleitschirmsport zügig vorankommen bzw. richtig gut werden will. Das Manövertraining und deren Beherrschung sehe ich als mein Fundament an; und auf dieses Fundament baut sich dann in der Folge die ganze XC Erfahrung auf, die man nach und nach beim regelmäßigen Streckenfliegen sammelt.

copyright: Petar Loncar

liftuup: Dein Vater ist Bergführer. Da liegt es nahe, dass du dich schon seit dem Kindesalter viel in den Bergen herumgetrieben hast. Welche Bedeutung haben Berge für dich? Wie prägen sie dein Leben?

Michael: Ich bin im Oberallgäu und damit praktisch mit den Bergen vor der Haustüre aufgewachsen. Mein Vater als Bergführer hat mich schon früh mit in die Berge genommen. Die Berge sind sogar Teil meines beruflichen Umfelds – ich arbeite seit über 10 Jahren in der Bergwacht, im Winter sogar hauptberuflich. Das heißt allein vom beruflichen Background her treibe ich mich im Prinzip täglich in den Bergen herum. Aber der Beruf ist nur die eine Seite. Auch privat zieht es mich eigentlich immer in die Höhe. Klar gehe ich im Winter auch gerne mal Langlaufen. Aber sobald das Wetter einigermaßen passt, zieht es mich raus und rauf. Und für diese Art der Freizeitgestaltung wohne ich glücklicherweise perfekt. Ich kann so gut wie alles direkt vor der Haustüre machen und brauche dafür kein Auto bzw. habe keine langen Anfahrtswege. Ob es einfach die sportliche Bergtour mit den Kumpels ist, das Hike & Fly oder im Winter Skitourengehen – ich mag eigentlich alle Arten von Sport und Bewegung in den Bergen und in der Natur. Zeit in den Bergen zu verbringen ist für mich einfach ein großer und wichtiger Bestandteil meines Lebens.

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liftuup: Wann hast du die Entscheidung getroffen, dich als Teilnehmer für die X-Alps zu bewerben? Wie kam es dazu und was genau war bzw. ist deine Motivation?

Michael: Gleich zu Beginn, als ich mit dem Gleitschirmfliegen angefangen habe, wurde ich auf die X-Alps aufmerksam – das Rennen hat mich sofort fasziniert und in seinen Bann gezogen.

Ich habe dann für den Einstieg in solche Rennen erst einmal an der Bordairrace-Serie teilgenommen; das lief ganz gut, machte mir mega viel Spaß und es zeigte mir ganz schnell, dass die Red Bull X-Alps einfach DAS große Ziel sind, auf das ich hinarbeiten will.

Die Bewerbung für die X-Alps 2021 war meine erste Bewerbung auf das Rennen überhaupt und ich war natürlich unglaublich Happy, dass es gleich geklappt hat und ich als Teilnehmer ausgewählt wurde.

Ja, was ist meine Motivation? Naja, es taugt mir einfach sehr, an meine eigenen körperlichen Grenzen zu gehen und dann diesen körperlichen, athletischen Aspekt noch mit dem Fliegen kombinieren zu können – das reizt mich enorm. Im Vorfeld der letzten Ausgabe der X-Alps durfte ich das Training von Manuel Nübel bei seiner Vorbereitung ein wenig begleiten und im Rennen selbst auch in einige Abschnitten den Manu als Supporter unterstützen. Das war genial und gab mir quasi den letzten Ruck, mich selbst als Teilnehmer und Athlet für das Rennen zu bewerben.

 

liftuup: Wo warst du, als du erfahren hast, dass du als Athlet für die Red Bull X-Alps 2021 nominiert wurdest? Kannst du diesen Moment beschreiben?

Michael: (Lacht) Das war eigentlich eher unspektakulär. Ich saß am Computer und arbeitete, als plötzlich auf dem Bildschirm eine E-Mail des X-Alps Orga-Teams aufpoppte. Ich habe zu dem Zeitpunkt mit einer Benachrichtigung der Rennleitung noch gar nicht gerechnet, die hätte nämlich erst so ca. zwei Wochen später kommen sollen. Mein erster Gedanke war daher, dass die E-Mail wahrscheinlich ein paar allgemeine Infos enthalten wird, also wie es weitergeht und so. Naja und dann: Bäm! Wow! Da stand tatsächlich, dass ich als Teilnehmer genommen wurde. Natürlich war die Freude riesig, aber gleichzeitig war da auch ein gewisses Bewusstwerden: ab jetzt wird es ernst! Keine Träumerei mehr. Jeder weiß nun um meine Teilnahme! Es gibt kein zurück! Für mich ein extra Kick Motivation!

 

liftuup: Welche Vorerfahrung in Sachen Alpinsport und Fliegen, Hike & Fly –  Races und Wettkampf bringst du mit?

Michael: Ich war früher viel Alpinklettern und habe auch recht viel klassisches Bergsteigen in den West- und Ostalpen betrieben – da waren natürlich auch einige 4000er dabei. Im Winter gehe ich oft Eisklettern und Skibergsteigen und mache da durchaus auch technisch anspruchsvollere Sachen. Ich behaupte mal, dass ich mich in den Bergen, v. a. auch in weglosem Gelände, sehr gut bewegen und orientieren kann. Darin sehe in Bezug auf das Rennen einen großen Pluspunkt für mich selbst.

In Bezug auf Hike & Fly – Races habe ich wie schon erwähnt an diversen Bordairraces und 2017 auch am Dolomiti Superfly teilgenommen. Das Dolomiti Superfly lief damals eigentlich auch ganz gut, bis ich einen gröberen Fehler gemacht habe, der mich leider weit zurückwarf; die gesammelte Erfahrung war aber trotzdem super.

Klassisches Wettbewerbsfliegen, also mit 2-Leinern in der Gegend herumheizen, mag und mache ich auch. Das Wettkampffliegen begann mit der DHV Junior-Challenge, dann flog ich zwei Jahre lang in der Liga und danach folgten einige FAI Kategorie 2 Wettbewerbe.

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liftuup: Wie siehst du das Teilnehmerfeld? Wo siehst du dich als X-Alps „Rookie“ darunter?

Michael: Das Teilnehmerfeld ist in der diesjährigen Ausgabe des Rennes extrem stark. Da besteht meiner Meinung nach eine unglaublich hohe Leistungsdichte. Die TOP 15 Athleten sind alle ganz nah beieinander. Wenn du bei diesem Teilnehmerfeld einen kleinen Fehler machst, dann wirst du knallhart nach hinten durchgereicht. Und mit der 48 Stunden Regel kann es dazu noch ganz schnell sch**** laufen, wenn man nicht aufpasst.

Ich bin zwar Rookie unter den Teilnehmern, aber ich bin schon jetzt gut in Form und ich werde so gut als möglich vorbereitet an den Start gehen. Im Hinblick auf die fliegerischen Skills schätze ich mich selbst als recht guten Piloten ein und bewege mich diesbezüglich auf einem guten Level. Ich bringe XC- und Wettkampferfahrung mit und in Bezug auf die körperliche Leistungsfähigkeit sehe ich mich sogar eher im vorderen Bereich des Athletenfelds. Zudem habe ich ein spitzen Support-Team und so denke ich, dass ich insgesamt gut aufgestellt bin.

 

liftuup: Damit hast du uns gerade aufgezeigt, wo du deine eigenen Stärken siehst. Verrätst du uns auch deine Schwächen, an denen du in deiner Vorbereitung bewusst und gezielt arbeiten willst?

Michael: Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Schwäche ist; aber ich versuche in der Vorbereitung auf das Event viel an meiner mentalen Stärke zu arbeiten. Ich glaube, dass der Kopf sehr bald im Rennen einen großen Einfluss auf die eigene Leistungsfähigkeit hat – und damit natürlich auch maßgeblich auf den persönlichen Rennverlauf. Wenn man körperlich an seine Grenzen stößt und sich dann, gerade in solchen Momenten, Probleme auftun oder sich bereits getroffenen Entscheidungen als fehlerhaft herausstellen – dann ist es unglaublich wichtig, mental stark zu sein, sich fokussieren zu können und damit effektiv den aufkeimenden Frust auszublenden bzw. fernzuhalten.

 

liftuup: Manuel Nübel hat ja bereits mehrfach (3mal) an den X-Alps teilgenommen – in der letzten Ausgabe dazu noch sehr erfolgreich. Manu wohnt ja quasi bei dir ums Eck. Trainiert ihr zusammen und besprecht gemeinsam eure Strategien oder macht da jeder eher sein eigenes Ding?

Michael: Ja, richtig, Manuel ist ein sehr guter Freund von mir. Ich durfte mit Manu schon 2017 und 2019 bei den Vorbereitungen seiner X-Alps Teilnahmen trainieren. 2019 konnte ich ihn teilweise als Supporter unterstützen. Wir arbeiten eigentlich recht viel zusammen. Manu als alter X-Alps Hase (lacht) hält mit seinem Wissen auch nicht hinterm Berg, sondern teilt sein Erfahrungsschatz mit mir und gibt gerne alles weiter, was er weiß. Das schätze ich sehr an ihm.

 

liftuup: Kommen wir mal konkret auf die Vorbereitung und das Training zu sprechen. Hast du einen Coach oder bereitest du dich alleine auf das Rennen vor?

Michael: Für die fliegerischen Belange habe ich keinen Trainer. Ich habe aber einen Trainer, der mich in den Bereichen Kraft, Ausdauer und Fitness unterstützt. Mit ihm mache ich die Leistungsdiagnostik; darauf basierend erstellt er Trainingspläne für mich und führt auch persönlich einige Trainingseinheiten mit mir durch.

 

liftuup: Ich folge dir auf Strava. Das gibt mir eine annähernde Vorstellung davon, wie hart du an deiner körperlichen Fitness und Konstitution arbeitest. Außerdem wirkt das ganze Training bei dir sehr strukturiert. Nimm uns doch mal mit auf eine exemplarische Trainingswoche.

Michael: Exemplarisch eine Trainingswoche aufzuzeigen ist etwas schwierig. Ich versuche das mal so darzustellen: Ich absolviere immer 2-Wochen-Pläne. Die Wochen haben dabei immer einen ganz speziellen Fokus. Innerhalb dieser Wochen-Blöcke trainiere ich dann ganz spezifisch; manchmal liegt da der Schwerpunkt eher auf reiner Ausdauer, gefolgt von Kraft bzw. Kraftausdauer, usw.

70-80 % des Trainingumfangs liegt im Grundlagenbereich. Da liegt der Fokus bei mir ganz klar auf den Höhenmetern. Gerade jetzt im Winter sehe ich das Abspulen vieler Höhenmetern als sehr wichtig an. Im Winter gehe ich dafür sehr viel mit den Tourenski. Dazu kommt Langlaufen, wobei ich in der Regel ca. 1-2 Stunden Einheiten absolviere und eher im niedrigen Bereich laufe.

Bei einer Trainingseinheit in der Woche wird richtig geballert, also im Schwellenbereich trainiert. Krafttraining absolviere ich immer ergänzend.

Ab dem einsetzenden Frühling kommt dann viel Hike and Fly dazu. Einheiten im Flachen mache ich auch, wobei ich nicht viel joggen werde. Das Hauptaugenmerk lege ich eher auf schnelles Gehen mit Gepäck; und zwar in dem Tempo, das man während des Rennes auch anschlägt. So gewöhne ich meine Sehnen, Bänder und Gelenke an die anstehende Belastung. Solche Einheiten versuche ich dann auf die Schlechtwettertage zu legen.

 

liftuup: Hast du innerhalb dieser 2-Wochen-Blöcke feste Trainingseinheiten, die du dann entsprechend dem Wetter (Sonne/ Regen/ Schnee/ Flugwetter/ etc.) flexibel auf die Wochentage verteilen kannst?

Michael: Ja, im Prinzip habe ich feste Trainingstage, die ich aber immer mal wieder etwas adaptiere. Das gefällt dann meinem Trainer nicht ganz so gut, weil seine Trainingspläne ja hinsichtlich Aufbau und Abfolge einen Sinn haben (lacht). Natürlich versuche ich, die Reihenfolge weitestgehend einzuhalten. Aber wenn es mal den ganzen Tag in Strömen regnet, habe ich ehrlich gesagt keine Lust, eine vier Stunden Skitour zu gehen. Dann schiebe ich eben mal. Im Worst-Case-Fall mache ich Rollentraining mit dem Rennrad. Das sehe ich aber wirklich als Notlösung an. Mir macht es einfach keinen Spaß, drinnen Ausdauer zu trainieren.

Neben dem ganzen Training habe ich zur Erholung einen Ruhetag pro Woche, manchmal auch zwei.

 

liftuup: Neben dem vielen Ausdauertraining hast du vorhin auch von Krafttraining gesprochen? Wie sieht das aus?

Michael: Ich versuche spezifisch meine Kraft zu trainieren, um gezielt meine Gelenke durch eine gut ausgebildete Muskulatur zu stützen und dadurch das Risiko von Überlastungen bzw. allgemein von Verletzungen zu minimieren. Beispielsweise mache ich Kniebeuge mit Gewicht und trainiere mit Kettlebells.

 

liftuup: Zusammengefasst: Wie viele Trainingsstunden haben deine Wochen so im Schnitt?

Michael: Das sind so 10 bis 15 Stunden pro Woche. Aber wie bereits erwähnt, ich lege mehr Wert darauf, dass ich viele Höhenmeter zurücklege. In der Regel komme ich da auf 25.000 – 30.000 Höhenmeter pro Monat.

 

liftuup: Wie regenerierst du dich am besten? Couch, Netflix, Füße hoch?

Michael: (Lacht) Couch und Netflix – hört sich wirklich gut an, ist bei mir aber selten der Fall. Ich habe einen 9 Monate alten Sohn. An meinen Ruhetagen bin ich mit unserem Nachwuchs beschäftig. Meine Partnerin hält mir für mein Training ganz stark den Rücken frei; daher bin ich natürlich bemüht, an meinen trainingsfreien Tagen ihr bestmöglich unter die Arme zu greifen. Außerdem genieße ich es ja, Zeit mit unserem Kleinen zu verbringen. Habe ich an freien Tagen trotzdem etwas Luft, gehe ich gerne ein bisschen Acro fliegen oder mache eine ganz gemütliche Wanderung oder Radtour mit Freunden.

copyright: Petar Loncar

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liftuup: Achtest du auch explizit auf deine Ernährung? Trainierst du dabei bereits in der Vorbereitung die Kalorienzufuhr unter Belastung, so wie es im Race-Modus ja dann auch letztendlich ablaufen wird?

Michael: In Bezug auf das Rennen versuche ich, genügend Kalorien zuzuführen, um meinen Kalorienbedarf auch unter starken Belastungen weitestgehend decken zu können. Da bin ich noch am Ausprobieren, welche Lebensmittel ich auch in großen Mengen gut vertrage. Das ist nicht unwichtig zu wissen, denn ich muss ja im Rennen so etwa zwischen 5000 und 8000 kcal pro Tag zuführen. Grundlegend ernähre ich mich vegetarisch und ich versuche dabei, meinen Speiseplan sehr ausgewogen zu gestalten.

 

liftuup: Das Frühjahr ist nicht mehr weit. Bald stehen wieder vermehrt gute Flugbedingungen an. Schraubst du dann dein körperliches Training ein wenig herunter und konzentrierst dich mehr auf deine fliegerischen Fähigkeiten?

Michael: Ja, momentan ist bei uns im Allgäu noch tiefster Winter und es ist richtig kalt. Zur jetzigen Zeit fokussiere ich mich voll auf das körperliche Training. Da die Bahnen wegen Corona derzeit nicht fahren, kann ich leider auch kein Acro trainieren. Sobald es dann aber wieder ordentlich zum Fliegen geht, will ich möglichst viel wegfahren und mir verschiedene Gegenden anschauen und aus der Luft erkunden. In dieser Zeit werde ich das körperliche Training etwas zurückfahren und mehr Zeit in der Luft verbringen. Ziel ist es, bis zum Rennstart schon ca. 100 Std Airtime auf der Uhr zu haben.

 

liftuup: Ok, es steht also ein guter Flugtag an. Gehst du einfach fliegen und ballerst Kilometer oder hat dein Fliegen auch eine Art Struktur.

Michael: Struktur hat mein Flugtraining nicht. Ich versuche einfach viel Zeit in der Luft zu verbringen, Techniktraining einzubauen, verschiedene Lande bzw. Anflugtechniken zu üben und dabei bewusst auch kleine Plätze zum Einlanden anzusteuern. Ich gehe auch bewusst in schwierigen und anspruchsvollen Bedingungen fliegen – also auch dann, wenn der Wind stärker auflebt und es recht turbulent ist.

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liftuup: Du hast es gerade angesprochen: Bei den X-Alps wird ja oft auch noch in Bedingungen geflogen, an denen Freizeitpiloten so wirklich gar nichts mehr in der Luft verloren haben. Wie gehst du damit um und wie bereitest du dich darauf vor?

Michael: Wie bereits erwähnt versuche ich, einfach bestmöglich auf solche Bedingungen vorbereitet zu sein. Das heißt ich fliege im Alltag auch dann, wenn es sich eher unangenehm anfühlt und schwierige, suboptimale Bedingungen herrschen. Ich denke das bringt mir sehr viel für das eigentliche Rennen. Ganz wichtig ist mir dabei, keine unnötig hohen Risiken einzugehen. Klar, die Grenzen verschwimmen bei so einem Wettbewerb ganz automatisch ein wenig – das bringt ja ein solches Format mit diesem hochkarätigen Teilnehmerfeld von Natur aus mit sich. Aber ich will definitiv nichts im Übermaß herausfordern oder ausreizen. Im Grunde will ich mein bisheriges Risikomanagement beim Fliegen wie bisher beibehalten. Damit habe in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht.

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liftuup: Welche Bedeutung kommt deiner Meinung nach der mentalen Stärke eines Athleten zu. Arbeitest du diesbezüglich auch an dir?

Michael: Mentale Stärke ist meiner Meinung nach ein wirklich wichtiger und nicht zu unterschätzender Punkt. Hier kann man echt noch einiges aus sich herausholen. Ich selbst arbeite viel an mir selbst, an meiner mentalen Stärke. Ich muss schon zugeben, dass ich ab und an mal ein wenig nervös werden kann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich mir das vorgestellt habe – vielleicht ist das eine kleine Schwäche von mir. Aber genau da setzt die Arbeit gemeinsam mit meinem Team an. Wir spielen alle möglichen Szenarien durch, die sich so ereignen könnten und versuchen sie zu visualisieren – auf diese Weise können wir bereit im Voraus diverse Strategien für den Umgang damit erarbeiten. So können wir im eigentlich Rennen dann teamintern schnell reagieren, gemeinsam Lösungen finden und vernünftige Entscheidungen treffen.

 

liftuup: Die finale X-Alps Route der 2021er Ausgabe wurde noch nicht bekannt gegeben. Wirst du nach Bekanntmachung gewissen Streckenabschnitte auch vor Ort scouten oder sogar abfliegen?

Michael: Wenn die Strecke bekanntgegeben wurde, werde ich sicherlich Abschnitte, auf denen ich mich nicht allzu gut auskenne, anschauen und im besten Fall auch mal abfliegen – falls bis dahin das Reisen wieder normal möglich sein wird. Das ist mir wichtig. Klar, im Bewerb zeigt sich das Ganze mit den dann vorherrschenden Bedingungen meistens nochmal von einer anderen Seite. Aber ich finde es schon ziemlich hilfreich, wenn man zumindest mal in der Gegend war das Gebiet ein wenig kennt.

 

liftuup: Wie bereits in den letzten Jahren, so hat auch die diesjährige Ausgabe des Abenteuer-Rennens einen Prolog; quasi ein kleines Rennen vor dem großen Rennen. Den besten drei Athleten winkt ein zusätzlicher „Night-Pass“ wohingegen Athleten, die den Prolog nicht finishen, mit einer Zeitstrafe belegt werden. Wie stehst du zu dem Prolog? Was wird deine Taktik dafür sein?

Michael: Ich denke der Prolog ist eine ganz nette Show. Mir persönlich ist es allerdings wichtig, dass ich mich beim Prolog körperlich nicht komplett zerstöre. Klar, es geht um einen zusätzlichen „Night-Pass“; aber wenn du dich körperlich zerlegst, nur um dafür eine zusätzliche Nacht laufen zu können, in der du dich quasi noch mehr kaputt machst, dann kann das auch echt nach hinten los gehen. Das muss man sich schon genau überlegen, denn Schlaf ist einfach super wichtig – gerade während solch hoher körperlicher und mentaler Belastungen. Zu Beginn des Rennens kann man sich einfach zu viel kaputt machen; beispielsweise, wenn man deutlich überpaced. Ich werde also den Prolog mit Bedacht angehen. Fühle ich mich dann gut und so richtig im Rennen angekommen, werde ich natürlich auch in gesundem Maße pushen, das ist klar.

 

liftuup: Steht dein Support Team schon fest? Wer hat welche Aufgaben im Team?

Michael: Ja, mein Team steht schon fest. Es besteht aus langjährigen Freunden, die selbst auch fliegen. Ich kann mich in meinem Team wirklich blind auf jeden verlassen. Die einzelnen Aufgaben sind grob durchstrukturiert, wobei sich dahingehend sicherlich noch einiges verschieben und konkretisieren wird. So fährt beispielsweise ein Team-Member das Versorgungsfahrzeug und kümmert sich um die Verpflegung. Einer aus dem Team unterstütz mich beim Treffen taktischer Entscheidungen und einer begleitet mich beim Hiken bzw. den langen Fußmärschen – wobei gerade bei den Laufparts auch mal durchgewechselt wird. Mit meinem Team bin ich jedenfalls bereits jetzt sehr zufrieden.

 

liftuup: Hast du Sponsoren, die dich bei deiner X-Alps Teilnahme unterstützen?

Michael: Ja, Sponsoren habe ich und ich bin mega glücklich und dankbar, dass ich durch sie unterstützt werde. Ohne die Sponsoren wäre ein solches Projekt alleine schon finanziell gar nicht möglich. Im Einzelnen sind meine Sponsoren:

  • Hymer stellt mir ein Wohnmobil als Versorgungsfahrzeug für das Rennen zur Verfügung
  • La Sportiva ist mein Partner in Sachen Bekleidung und Schuhwerk
  • Von ADVANCE beziehe ich meine Flugausrüstung
  • Julbo versorgt mich mit Sonnenbrillen
  • Basisrausch supportet mich mit Flieger-Handschuhen
  • Die passenden Socken für lange Märsche erhalte ich von Wrightsock
  • Auch die Firma Möbel Böck und Oberstdorf Tourismus unterstützen mich tatkräftig bei meinem Projekt

Ich hätte sogar noch einen Sponsoren-Platz frei. Also, liebe Interessenten da draußen, ihr dürft euch gerne bei mir melden (lacht).

 

liftuup: Michael – Hand auf’s Herz: Was ist dein Ziel für deine Teilnahme bei den Red Bull X-Alps 2021? Einfach Spaß haben, Erfahrung sammeln und das persönlich Beste geben? Oder schielst du doch ein wenig in Richtung Floß?

Michael: (Lacht). Naja, das wichtigste Ziel ist erst einmal, gesund zu bleiben und sich nicht vorzeitig körperlich oder mental abzuschießen. Klar, es ist ein Rennen: Auch für mich ist es wichtig, gut zu performen und eine gute Zeit hinzulegen – ich bin Sportler und Wettkämpfer, dementsprechend ambitioniert bin ich auch. Aber vor allem geht es für mich darum, eine geiles Abenteuer zu erleben und viele einzigartige Erlebnisse mitzunehmen; die Endplatzierung ist da eher zweitranging und diesbezüglich habe ich auch keine konkreten Vorstellungen. Ich will einfach gut durchkommen und wenn wirklich alles gut laufen sollte, liebäugle ich natürlich auch damit, ins Ziel zu kommen und auf dem Floß zu landen. Ich freue mich einfach wahnsinnig auf das Rennen!

 

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für dieses Interview. Einfach spitze, dass du uns so tiefe Einblicke in deine persönliche X-Alps Vorbereitung gewährt hast. Wir wünschen dir für das Rennen stets das entscheidende Quäntchen Aufwind unter dem Flügel und natürlich immer ein gutes Händchen für all die schwierigen Entscheidungen, die du auf deinem langen Weg nach Monaco treffen wirst. Bleib‘ gesund! Wir fiebern mit dir!

 

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An einem Sponsoring von Michael interessiert? Dann kannst du Michael direkt hier kontaktieren! Alternativ kannst du mit mir Kontakt aufnehmen – ich leite entsprechende Anfragen direkt an Michael weiter.

 

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Plauderecke #05 | heute: Marlon Jonat

Paragliding & Yoga & YouTube – einmal Backstage bitte!

Schwarzer Vollbart, muskulöse Arme, Sonnenbrille und lässige Sprüche – Marlon Jonat ist wirklich ‘ne coole Socke und dürfte vermutlich die meisten Klickzahlen deutschsprachiger Gleitschirmvideos auf YouTube verbuchen. Und das zu Recht, ist Marlon doch einfach ein sympathischer Kerl und obendrein ein toller Pilot, der es mit seinen Videos vermag, selbst Nicht-Gleitschirmflieger an den Bildschirm zu fesseln und für unseren Sport zu begeistern.

Marlons Videos sind für mich wie bestes Popcorn-Kino; ein Samstagabend-Blockbuster für Gleitschirmflieger sozusagen. Warum? Weil Marlon mich regelmäßig mitnimmt auf eine emotionale Berg- und Talfahrt: Mal knistert es vor Spannung; wenig später Aufatmen und Erleichterung nach einem gemeisterten Low-Save; gefolgt von Verbiegungen auf der Couch und Lachkrämpfen, wenn Marlon wieder einen seiner genialen Sprüche aus dem Cockpit seines Liegegurts feuert. Love it!!

Ich denken die meisten unter euch werden Marlon auch auf diese oder ähnliche Art und Weise auf YouTube wahrgenommen haben.

Nun zeigen die sozialen Medien bekanntermaßen ein doch eher eindimensionales Bild einer Person. Und wie ihr wisst, bin ich von Natur aus ein neugieriger Mensch. Bei einem so coolen Charakter wie Marlon frage ich mich: Was für ein Mensch steckt denn hinter den „Kulissen“. Ja, ich möchte mehr wissen über die Menschen, die unseren geilen Sport ausüben.

Also mache ich das, was jeder wissbegierige Mensch meiner Generation im ersten Schritt tun würde: Googeln 😉 Aha, Marlon arbeitet als Yoga-Coach bzw. betreibt sogar eine eigene Yoga-Schule.

Darüber wollte ich natürlich mehr erfahren. Also kontaktierte ich Marlon kurzerhand per Mail und bat ihn um ein (digitales) Meeting in der liftuup Plauderecke.

Ich bin dankbar dafür, dass Marlon mir sogleich für ein Interview zusagte – umso mehr, gestaltet sich doch für die meisten Selbstständigen diese Zeit der Pandemie alles andere als einfach.

Ich wünsche euch nun super viel Spaß und jede Menge Input beim Lesen der folgenden Zeilen. Aber eines nehme ich schonmal vorweg: Marlon kann nicht nur tolle Videos produzieren, sondern er ist ein Mensch, der mich in seinem ganzen Sein, Denken und Tun begeistert! Aber lest selbst…

liftuup: Hey Marlon! Ich freue mich sehr, dich in der liftuup Plauderecke begrüßen zu dürfen; Die meisten YouTube-affinen Piloten werden dich wahrscheinlich von deinen tollen und viel geklickten Gleitschirmvideos kennen –  für alle, die noch nichts von dir gehört haben: stell dich doch einfach mal selbst vor.

Marlon: Hey Rüdiger! Vielen Dank für die Einladung, es ist schön hier bei dir in der Plauderecke zu sein. Ich heiße Marlon Jonat, bin 31 Jahre alt, komme aus Salzkotten bei Paderborn und bin von Beruf Yogalehrer und Sozialarbeiter.

 

liftuup: Wenn ich mich richtig erinnere, hast du in einem deiner Videos erwähnt, dass du bereits schon vor der Fliegerei Pilot warst – damals allerdings unterwegs auf zwei Rädern und geduckt hinter der Scheibe eines Motorrad-Cockpits. Wie bist du denn vom Motor- zum Gleitschirmsport gekommen? Skizziere doch mal deinen Werdegang zum Freiflieger.

Marlon: Ja genau, das ist richtig! Ich bin in meiner Jugend viel mit dem Mofa, dann mit dem Roller und ab 18 mit dem Motorrad unterwegs gewesen. Damals hat mich besonders die Geschwindigkeit fasziniert und ich habe es geliebt auf einem Rad zu fahren. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung wie unglaublich Gleitschirmfliegen ist und dachte, dass Motorradfahren eben das Beste sei, was man auf der Erde machen kann. Dabei habe ich leider die Erfahrung machen müssen, dass es auf dem Motorrad oft erst dann anfängt Spaß zu machen, wenn es eigentlich schon viel zu gefährlich wird und noch dazu nicht mehr im Sinne der Straßenverkehrsordnung abläuft. Ich bin dann hier und da mal auf der Rennstrecke gewesen, doch auch dort habe ich nicht das gefunden, was ich vielleicht insgeheim gesucht habe. Es war noch immer ziemlich gefährlich und hat noch dazu einen Haufen Geld gekostet. Es hat dann noch eine Weile gedauert, bis ich 24 Jahre alt war. Ich erinnere mich noch gut an den Tag!

Es war an einem dunklen kalten Herbstabend 2013, als ich von Langeweile geplagt vor dem Bildschirm saß und mich durch YouTube Videos geklickt habe. Schließlich wurde mir ein Video von Jean-Baptiste Chandelier vorgeschlagen. Mit seiner herausragenden Art, Paragliding in seinen Videos in Szene zu setzen, hat mich diese Art der Fliegerei sofort in seinen Bann gezogen.

Nachdem ich mich durch sämtliche Paragliding Videos geklickt hatte, war mein Verständnis für diesen Sport von Grund auf verändert. Natürlich war mir bereits vor diesem besagten Abend bewusst, dass es Paragliding/ Gleitschirmfliegen als Sport gibt, allerdings habe ich es bis zu diesem Zeitpunkt anders wahrgenommen. Ich hatte das Bild von alten Männern, die an einem Tuch, langsam von einem Hügel herab schweben, im Kopf.

In dem Video von Jean-Baptiste habe ich jedoch erkannt wie viel mehr Potential dieser Sport hat. Es ist nicht nur möglich von oben nach unten zu schweben, sondern auch mit der Thermik aufzusteigen und atemberaubende Manöver zu fliegen und sogar große Distanzen zurück zu legen.

Genau da ist mir klar geworden, dass Gleitschirmfliegen alles andere als langweilig ist und vermutlich genau das war, wonach ich schon immer gesucht und geträumt hatte.

Es war noch derselbe Abend, an dem ich mir bei bei ebay Kleinanzeigen meinen ersten Gleitschirm für 60€ kaufte! Es war ein Gleitschirm von 1989, aber das war mir egal. Ich dachte, der wird schon reichen, um die ersten Erfahrungen zu sammeln.

Wenige Tage später kam das Paket mit der alten, aber noch sehr gut erhaltenen “Tüte” an. Neben dem alten Firebird Schirm hatte ich nur einen Klettergurt, Baumarkt Karabiner und einen Skateboardhelm. Da ich hier im Flachland noch nicht die passenden Hügel kannte, blieb mir erstmal nur das Groundhandling. Das hat mir aber nicht gereicht und ich wollte unbedingt abheben, koste es, was es wolle. Und so ereignete es sich, dass ich an einem sehr windigen Tag mal wieder mit dem Schirm auf einer Wiese stand und mich im Groundhandeln übte, aber schnell merkte, dass der Wind immer stärker wurde. In meiner damaligen Unwissenheit, habe ich mich dann mit einer 10m Reepschnur am Auto befestigt, um nicht vom Wind weggepustet zu werden.

Ihr könnt euch sicher denken was dann passierte…der Wind wurde immer stärker und ich merkte wie ich langsam begann abzuheben. Im ersten Augenblick war ich total happy, denn ich war endlich in der Luft. Doch es dauerte nicht lang und ich merkte, in welch missliche Lage ich mich gebracht hatte. Ich hing verkehrt herum, also mit dem Blick zum Gleitschirm gerichtet, da ich das Groundhandling über Kreuz noch nicht beherrschte, auf voller Seillänge fast senkrecht in der Luft ohne den Schirm richtig steuern zu können. Irgendwann ging es natürlich wieder runter, zwar alles andere als kontrolliert, aber ich bin unbeschadet aus der Situation herausgekommen.

Es folgten viele weitere abenteuerliche Flugversuche und Experimente, in denen ich per Seilschlepp vom Auto in die Luft gezogen wurde, Bruchlandungen und beinahe Abstürze hatte, bis ich endlich den Weg zur Flugschule wählte. Auch wenn ich mir zu dem Zeitpunkt bereits die grundlegenden Start- und Flugfähigkeiten beigebracht hatte, ging es mit der A-Lizenz erst so richtig los.

 

liftuup: Was bedeutet Fliegen für dich heute – viele Flugstunden später?

Marlon: Die Fliegerei hat mich nach wie vor in ihren Bann gezogen und es ist jedes Mal ein unglaubliches Gefühl abzuheben und den Boden zu verlassen. Doch heutzutage ist es nicht nur der starke Wunsch, der mich in die Luft bringt, sondern auch das nötige Maß an Wissen und Erfahrung, um auch wieder sicher zu landen. Doch den  Hang zum Experimentieren und den Wunsch nach mehr zu streben, trage ich nach wie vor in mir. Wenn es die Konditionen also hergeben, geht es oft darum, höher, weiter oder schneller zu fliegen oder Acro Manöver zu erlernen, um die Fliegerei in all ihren Facetten kennenzulernen.

liftuup: Hand auf’s Herz: Wie wurde aus dem begeisterten Tuchflieger Marlon Jonat der wohl bekannteste deutsche Gleitschirm-VLOGer auf YouTube? Eine Erfolgsgeschichte nach Plan oder doch eher ein „hat-sich-so-ergeben-Selbstläufer-Ding?“

Marlon: Tja das ist eine gute Frage… Also eine Erfolgsgeschichte nach Plan war es sicher nicht. Genau weiß ich es selbst nicht, aber ich glaube, da haben einige Faktoren und etwas Glück dazu beigetragen. Ich denke, es ist mir gelungen, das Gleitschirmfliegen so darzustellen, dass auch für den Laien erfahrbar wird, was es bedeutet, mit dem Gleitschirm zu fliegen. Die Kombination, aus mehreren Perspektiven zu filmen und meine Emotionen und Eindrücke vor der Kamera zu teilen, um dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln als wäre er selbst mitgeflogen. Und natürlich werde ich auch einfach Glück mit dem YouTube Algorithmus gehabt haben!

 

liftuup: In deinen Videos nimmst du deine Zuschauer auf ganz sympathische und authentisch Art und Weise mit auf beeindruckend schöne Streckenflüge – dabei begeisterst du sogar Zuschauer, die sonst mit dem Fliegen überhaupt nichts am Hut haben. Beim digitalen Blick über deine Schulter spürt man regelrecht, welche Emotionen du beim Fliegen durchlebst. Was fasziniert dich im Besonderen an der Spielart des Streckenfliegens?

Marlon: Vielen Dank Rüdiger, deine netten Worte weiß ich sehr zu schätzen! Es hat mir immer schon viel bedeutet, meine Begeisterung mit meinen Mitmenschen zu teilen.

Dabei hat das Streckenfliegen einen ganz besonderen Reiz. Ich denke, dass besonders die Herausforderung und das Abenteuer am XC Fliegen mich so faszinieren. Wie sagt man so schön: “Runter kommen sie alle!” Nur, dass es beim Streckenfliegen darum geht, möglichst lange oben zu bleiben, um eine möglichst große Distanz zu überwinden. Doch gerade hier, bei mir im Flachland, muss man erstmal einen Weg finden, hoch zu kommen. Das ist an manchen Tagen gar nicht so leicht, besonders, wenn man bedenkt, dass die Hügel von denen ich starte, oft nicht mehr als 50m Höhenunterschied haben. Hat man es dann geschafft bis zur Basis aufzudrehen und hängt unter den Wolken, ist das ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Es erweckt den Eindruck, man könnte ohne Grenzen überall hinfliegen. Es fasziniert mich ungemein, mich z.B. unter einer Wolkenstraße entlang zu hangeln und aus der Vogelperspektive die Welt zu erkunden. Jeder Streckenflug ist ein neues Abenteuer, jedes Mal lernt man etwas Neues oder entdeckt die Welt aus einer anderen Perspektive. Die Bedingungen in der Luft sind nie gleich, die Ungewissheit, wo man die nächste Thermik findet und wie weit der Flug noch geht, können ganz schön an den Kräften zehren und es gibt vermutlich kaum etwas Spannenderes als ein Lowsave! Ein Flug, der sich dem Ende neigt und man schon fest mit der Landung rechnet, aber noch bis zum letzten Meter kämpft und dann…plötzlich piept das Vario und man findet Thermik, die einen wieder bis an die Basis trägt. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Auf einmal ist wieder alles möglich!

Ja, ich denke, das Alles ist es, was mich am Streckenfliegen so fasziniert. Das Gesamtpaket aus Herausforderung und Abenteuer!

 

liftuup: Ich möchte in diesem Interview aber gar nicht in erster Linie über deine mediale Präsenz sprechen. Wenn man dich googelt, dann findet man ganz leicht heraus, dass du Yoga-Lehrer bist – und das bereits seit 2007. Ich finde das super spannend. Wie kam es dazu? Erzähl uns bitte von deiner nicht ganz gewöhnlichen Berufswahl.

Marlon: Ich war damals gerade fertig mit meinem Fachabitur, habe noch in einem Hochseilgarten gearbeitet und hatte schon den Plan, Soziale Arbeit zu studieren. Ich wollte allerdings nicht gleich von der Schule ins Studium wechseln. Zu der Zeit war meine Mutter gerade dabei, zur Yogalehrerin ausgebildet zu werden. Ich hatte bis dahin keine Ahnung davon, was Yoga wirklich bedeutet und hatte auch noch keinerlei Vorerfahrung. Ich habe es – ehrlich gesagt – immer etwas belächelt und dachte, dass man beim Yoga Räucherstäbchen anzündet und sich zum Geräusch der Klangschale auf seiner Schaf-Fell-Matte entspannt. Eines Tages ist mir dann ein Übungsbuch meiner Mutter in die Hände gefallen und ich war ganz überrascht, wie akrobatisch und sportlich es beim Yoga zugehen kann. Ich habe, soweit ich konnte, gleich einige Übungen ausprobiert und wollte mehr. Ich erfuhr, dass wir hier ganz in der Nähe meiner Heimat das größte Yoga- und Seminarhaus Europas haben und ich dort auch zum Yogalehrer ausgebildet werden könnte. Es dauerte nicht lang und die Entscheidung war getroffen…Ich wollte Yogalehrer werden! Als ich dann 2007 die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, war ich gerade mal 16 Jahre alt und so war ich zu dem Zeitpunkt der jüngste Yogalehrer Deutschlands. Anfangs habe ich die Ausbildung eher als Weiterbildung für mich selbst gesehen. Dass sich daraus mal meine Selbständigkeit und meine heutige Yogaschule entwickeln würde, hätte ich nie gedacht.

 

liftuup: Welche Bedeutung hat Yoga für dich? Wie hat es dich geprägt? Hat sich durch das regelmäßige Praktizieren etwas an oder in dir geändert?

Marlon: Yoga ist ein Teil meines Lebens geworden und ich kann mir heutzutage kein Leben mehr ohne Yoga vorstellen! Yoga hilft mir, mich fit und gesund zu halten. Es geht aber noch weit darüber hinaus. Ich habe viele Aspekte des Lebens erst durch Yoga aus einer ganz neuen Perspektive betrachten können und es hilft mir mit einem anderen Bewusstsein durchs Leben zu gehen. Auch mein Verständnis von Yoga hat sich grundlegend verändert und ich habe gelernt, dass Yoga so viel größer ist, als ich damals dachte. Es ist viel mehr als nur ein Übungssystem für Körper und Geist. Ich habe selbst nur die “Spitze des Eisbergs” erfahren und entdecke Yoga und mich selbst immer wieder aufs Neue. Es ist schwer zu beschreiben, was Yoga alles umfasst, da es so groß ist, dass jeder etwas Anderes für sich daraus ziehen kann.

Durch das regelmäßige Praktizieren hat sich eine ganze Menge in mir verändert. Ganz offensichtlich sind die körperlichen Veränderungen. Ich bin deutlich flexibler und geschmeidiger als ich es vor der Ausbildung war. Auch ein deutlicher Kraftzuwachs ist unverkennbar. Die aber – in meinen Augen – größte Veränderung ist das Entwickeln innerer Gelassenheit. Yoga hilft mir, einen Ausgleich zum Alltag zu schaffen und bringt mich durch den Wechsel von Anspannung und Entspannung in ein tiefes inneres Gleichgewicht.

 

liftuup: Sieht man dich in den YouTube Videos, so stellt man eines ziemlich schnell fest: Der Marlon ist echt fit! Du bist körperlich ganz hervorragend in „shape“. Machst du neben dem regelmäßigen Yoga Training noch mehr für deine Fitness?

Marlon: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt! Tatsächlich würde ich behaupten, dass Yoga den Schwerpunkt meines Trainings ausmacht. Allerdings gehe ich auch gerne bouldern und laufen und ich baue auch immer wieder funktionelle Fitness-Übungen in mein Training ein.

liftuup: Nun, gute Streckenpiloten gibt es viele – ob mit Plauze oder ohne 😉 Dennoch stelle ich immer wieder fest, dass Toppiloten oftmals auch in unglaublich guter körperlicher Verfassung sind. Man denke nur an die X-Alps Athleten, die alle 2 Jahre auf beeindruckende Art und Weise zeigen, was in unserem Sport geht, welche körperlichen und fliegerischen Leistung abgerufen werden können. Siehst du einen erkennbaren Zusammenhang zwischen körperlicher Konstitution und der potentiellen fliegerischen Leistungsfähigkeit eines Piloten?

Marlon: Ich denke bei den X-Alps Piloten ist die körperliche Leistungsfähigkeit eine unumgängliche Voraussetzung, um den läuferischen Anteil des Rennens überhaupt bewältigen zu können. Aber ich bin davon überzeugt, dass auch für die weniger laufstarken Piloten unter uns die körperliche Fitness einen positiven Effekt auf die fliegerische Leistungsfähigkeit hat. Wer schon mal mehrere Stunden am Stück bei anspruchsvollen Bedingungen unter dem Schirm hing, der weiß, wie körperlich es beim Gleitschirmfliegen zur Sache geht und wie wichtig es ist, eine konstant hohe Leistungsfähigkeit über Stunden hinweg aufrecht zu erhalten.

 

liftuup: Die körperliche Verfassung ist die eine Seite der Medaille, sozusagen die Hardware, mit der wir arbeiten können. Fliegen spielt sich aber bekanntermaßen auch ganz stark im Kopf ab. Situationen und Begebenheiten sondieren, analysieren und in der Folge möglichst gute Entscheidungen treffen – gerade anspruchsvolle Streckenflüge verlangen von uns Piloten in dieser Hinsicht so einiges ab. Was denkst du persönlich über mentale Stärke und das passende Mindset als Rüstzeug für erfolgreiches (Strecken-)Fliegen?

Marlon: Ich bin ganz deiner Meinung! Oft gerät man beim Fliegen und besonders beim Streckenfliegen in Situationen, in denen man nicht nur schnell und präzise analysieren und wichtige Entscheidungen treffen muss, sondern auch unter starker mentaler Spannung steht. Ich habe gleich eine ganze Reihe Situationen vor Augen, in denen die äußeren Umstände ein schnelles und konsequentes Handeln erfordert haben und das Treffen der richtigen Entscheidung maßgeblich am Erfolg des Fluges oder der Sicherheit beigetragen haben.

Zum Beispiel bei meinem Flug von Detmold bis an die belgische Grenze. Da hatte ich bereits kurz nach dem Start eine Situation, in der ich sehr tief auf der Suche nach Thermik war und deutlich spürte, wie meine innere Anspannung anstieg. Es schien ziemlich aussichtslos, mich aus dieser Situation nochmal herauszuarbeiten. Hätte ich in dem Moment dem Zweifel Raum geschenkt und meinen Fokus verloren, wäre der Flug dort auf dem Feld sicher zu Ende gewesen.

 

liftuup: Hilft dir dein regelmäßiges Yoga-Training auch als Vorbereitung für knifflige oder gar brenzlige Situationen während eines Fluges?  Gibt es Techniken, die du in den jeweiligen Situationen abrufen und anwenden kannst? Wie sieht das konkret aus?

Marlon: Ich denke schon, dass sich Yoga bzw. die durch das Yoga geübte innere Gelassenheit positiv auf meine fliegerische Leistungsfähigkeit auswirkt und mich schon so manches Mal vor einer Bruchlandung bewahrt hat. Ich glaube, ich habe auch ein Händchen dafür, mich in brenzlige Situationen zu bringen oder mich höherem Risiko auszusetzen. Aber gerade dann, wenn es darauf ankommt, bin ich innerlich oft ganz ruhig und im Kopf ganz klar. Wenn es mal eng wird, habe ich das Gefühl, dass auf einmal alles wie in Zeitlupe läuft und ich mehr Zeit für meine Entscheidungen und mein Handeln habe. Ich kann mich an einige Situationen erinnern, die das Potential hatten, gefährlich enden zu können, es mir aber gelungen ist, die Ruhe zu bewahren und die richtige Entscheidung zu treffen.

Ich habe allerdings keine spezielle Technik, die ich in der Situation selbst anwende. Es ist vielmehr meine grundsätzliche innere Einstellung. Man könnte jetzt natürlich anführen, dass es hilfreich ist, tief in den Bauch zu atmen und die Ausatmung etwas zu verlangsamen. Das ist eine Technik, um sich aktiv zu beruhigen, jedoch mache ich davon in der Luft eher weniger Gebrauch. Ich denke, ich profitiere von der grundsätzlichen inneren Haltung, die ich durch mein Yoga-Training entwickeln konnte. Da sich im Yoga Anspannung und Entspannung immer wieder abwechseln, wird einem völlig klar, wie es sich anfühlt unter Spannung zu stehen und was nötig ist, um wieder in einen entspannten Zustand zurück zu finden. Yoga hat mir geholfen, selbst in starken Spannungszuständen Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln, um meinen Fokus nicht zu verlieren.

 

liftuup: Es gibt viele verschiedene Yoga-Stile bzw. Ausprägungen. Die Thematik wirkt auf Laien der Materie wie mich sehr faszinierend aber natürlich auch unglaublich komplex. Wie gelingt der Einstieg?

Marlon: Ich selbst habe als Yogalehrer noch nicht alle Yogastile ausprobiert und es gibt nahezu endlose Übungen, Techniken und Methoden, um die körperliche, geistige und seelische Entwicklung zu trainieren. Ich habe damals mit Hatha-Yoga begonnen und es ist nach wie vor der Grundbaustein meines Trainings und meiner Kurse. Es ist ein eher körperorientierter Yogastil, der Elemente aus den 6 grundlegenden Yogastilen vereint. Wenn ich mir jetzt als Einsteiger die Frage stelle, welcher Yogastil für mich der richtige ist, dann würde ich mich zunächst fragen, was mein Ziel ist, das ich erreichen möchte. Hier im westlichen Teil der Welt, wird Yoga oft mit Pilates oder Aerobic verglichen und natürlich gibt es gewisse Parallelen und Gemeinsamkeiten. Es gibt aber noch so viel mehr! Und keine Sorge, liebe Männer da draußen: Es ist nicht nur für Frauen! Ich bin davon überzeugt, dass besonders die Männer vom Yoga profitieren. Für mich ist die körperliche Komponente nach wie vor das, was ich im Yoga trainieren möchte. Aber der Geist spielt dabei immer eine wichtige Rolle.

Welcher Stil für einen der richtige ist, kann ich nicht pauschal sagen. Ich denke, in der heutigen Zeit ist man gut damit beraten, sich im Internet mal ein paar Stile anzuschauen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Unabhängig vom Yoga Stil ist es aber auch entscheidend, den für sich passenden Yogalehrer zu finden.

 

liftuup: Gibt es einen Yoga-Stil, den du insbesondere Gleitschirmpiloten ans Herz legen würdest? Wenn ja welcher und warum?

Marlon: Ich kann zumindest sagen, was mir persönlich hilft: Das ist ein körperorientierter Stil, der eine ausgewogene Mischung aus Körperübungen (Kräftigung, Mobilisierung und Koordination) sowie Entspannungs-, Meditations- und Atemübungen beinhaltet, also Hatha-Yoga. Die Körperübungen halten mich fit und flexibel und helfen mir, an Flugtagen in bester Verfassung zu sein. Die Entspannungs- und Meditationsübungen helfen mir, gelassen und gleichzeitig fokussiert zu fliegen. Übrigens haben die ursprünglichen Yogis in Indien die Yoga Übungen praktiziert, um möglichst lange beschwerdefrei in der Meditationshaltung verweilen zu können, teilweise mehrere Tage am Stück. Da ist es doch naheliegend, dass uns die Yogaübungen auch auf langen Streckenflügen helfen, möglichst lange leistungsfähig zu sein und bequem im Gurtzeug sitzen zu können.

 

liftuup: Jetzt steht noch einige Zeit des Winters bevor. Für die meisten Piloten bedeutet diese Jahreszeit Kälte und Nässe statt der geliebten Airtime. Eigentlich die beste Zeit, um anderweitig für die eigenen fliegerischen Projekte, Träume und Ziele zu trainieren. Gib uns doch eine Empfehlung, wie wir die flugarme Jahreszeit sinnvoll nutzen können, um uns körperlich und mental zu stärken, sodass wir mit vollem Tatendrang samt neu erworbener Fähigkeiten in die neue Flugsaison starten können.

Marlon: Ja schon richtig, dass es im Winter nicht so einladend ist und wetterbedingt auch weniger Flugtage zur Verfügung stehen. Aber wann immer ich kann, bin ich auch im Winter in der Luft bzw. am Übungshügel, um im Training zu bleiben. Wenn es im Frühling mit den thermisch aktiven Tagen losgeht, dann will ich doch vorbereitet sein! Genauso würde ich es auch jedem anderen Piloten raten!

An den schlechten Tagen gibt es dann wiederum kaum etwas Besseres, als sich ein gutes Buch aus der Gleitschirmliteratur zu schnappen, sich aufs Sofa zu setzen und einfach mal tief in die unterschiedlichen Themeninhalte abzutauchen. Ich liebe es, ein solches Buch richtig durchzuarbeiten. Mit Textmarker und Post-it bewaffnet markiere ich die für mich relevanten Themen und versuche aufkommende Fragestellungen für mich zu beantworten. Dabei habe ich regelmäßig “AHA Momente”, die mich am nächsten Flugtag besser und erfolgreicher fliegen lassen.

Aber ich vermute, du spielst auf etwas Anderes an. Wenn wir schon beim Thema sind, ist der Winter die perfekte Zeit, um etwas für sich und seinen Körper zu tun! Und wer weiß, vielleicht entdeckt der ein oder andere ja Yoga für sich!? Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!

 

liftuup: Nun sprich mal in eigener Sache. Wo findet man Infos über dich und dein Yoga-Training?

Marlon: Ja, sehr gern! Ich habe im letzten Jahr ein paar neue Übungsvideos auf meinem YouTube Yoga-Kanal hochgeladen. Den findet man auch, wenn man einfach meinen Namen “Marlon Jonat” am besten in Kombination mit Yoga bei YouTube eingibt. Da bekommt man sicher einen guten ersten Eindruck davon, wie der Yogastil, den ich praktiziere, aussieht. Ich habe die Absicht, dort in naher Zukunft noch mehr hochzuladen und den Kanal auszubauen. Ich bin aktuell dabei meine Yogaschule zu erweitern. Die Bauphase des neuen Gebäudes ist nun fast abgeschlossen. Die offizielle Website www.athleticyoga.de befindet sich aktuell noch im Aufbau. Aber auch dort wird demnächst Einiges zu finden sein. Wer hier im Paderborner Land mal unterwegs ist, ist nach dem Lockdown herzlich zu einer Probestunde eingeladen.

 

liftuup:  Wie geht es weiter mit Marlon Jonat auf YouTube? Auf was können wir uns künftig freuen?

Marlon: Natürlich kann ich noch nicht zu viel verraten, aber auf meinen Festplatten stapeln sich etliche Terabytes an Videomaterial, das nur darauf wartet, endlich bearbeitet zu werden. Es werden Videos kommen, die meine Geschichte des Gleitschirmfliegens darstellen und meine halsbrecherischen Anfänge dokumentieren. Natürlich weitere Streckenflüge im VLOG Style, aber auch Motor- und Akrofliegen werden Thema sein. Und als nächstes kommt das Video, was erzählt, wieso es so lange ruhig auf meinem Kanal war und was genau passiert ist! Denn eins ist sicher: Ich bin nach wie vor absolut fasziniert vom Fliegen und möchte meine Faszination auch weiterhin mit euch teilen!

 

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das tolle Interview und freuen uns, wenn es das nächste Mal heißt: „Jetzt muss es der Enzo einfach regeln!“ 😉

 

Anmerkung:

Alle hier in diesem Beitrag verwendeten Bilder unterliegen ausschließlich und alleine den Bildrechten des Bildinhabers Marlon Jonat

WOWschau #01: Der Reiz des Sinnlosen

ulligunde.com – Blogbeitrag: „Der Reiz des Sinnlosen (Stopselzieher-Jubigrat-Fly)“

 

Ulligunde (p)lauscht. Der Podcast von Gastgeberin Erika Dürr ist lange kein Geheimtipp mehr, sondern längst eine feste Größe in der Berg- und Alpinsportszene. In ihrem Pod(Cast)Bus unterhält sich Erika in heimeliger Atmosphäre mit hoch interessanten Menschen und Persönlichkeiten, die allesamt eines gemeinsam haben: „Berge im Kopf“!

Erika ist aber nicht nur selbst passionierte Kletterin und Alpinistin, sondern auch begeisterte Gleitschirmpilotin; da liegt es natürlich nahe, dass neben Seil und Steigeisen auch immer öfter der Gleitschirm in Erika’s Tourengepäck wandert.

Dass Erika aber nicht nur mit angenehmer Stimme ihre Podcast-Folgen moderieren, sondern darüber hinaus auch richtig toll schreiben kann, zeigt sie in ihren „Geschichten vom Berg.“ Hier nimmt sie uns Leser ganz hautnah und authentisch mit auf ihre großen und kleinen Abenteuer am Berg und am Gleitschirm. Besonders gut gefällt mir persönlich der Tourenbericht „Der Reiz des Sinnlosen (Stopselzieher-Jubigrat-Fly).“ Dabei zieht mich irgendwie schon der Titel magnetisch an, erkenne ich in ihm doch eine auffallende Parallele zu mir selbst: Ich träume oft von Flügen und fliegerischen Projekten, die zwar im Grunde völlig sinnbefreit sind – aber eben geil!

Also klicke ich auf den Beitragstitel und beginne zu schmökern; und das entpuppt sich als spannend, beeindrucken, lustig und unterhaltsam zugleich – eine perfekte Entertainment-Mischung also, die uns die Autorin da aufbietet. Ganz besonders sympathisch: Die Verfasserin nimmt sich trotz all des erzählerisch dargebotenen Abenteuers und Berg-Spirits selbst nicht allzu zu ernst.

Bei Beschreibungen wie „12 Stunden nach Aufbruch in Ehrwald warteten jetzt nur noch 700 Höhenmeter Abstieg (…)“ kann ich als Mittelgebirgs-Sportler natürlich nur ehrfürchtig und applaudierend den imaginären Respekt-Hut ziehen.

 

Danke für diesen Beitrag, Erika!

 

Und jetzt, liebe Pilotinnen und Piloten: Viel Spaß beim Lesen und beim anschließenden Schmieden eurer eigenen Hike  & Fly Pläne 🙂

copyright: ulligunde.com

WOWschau #00: Ankündigung neue Rubrik

Moinsen, liebe Leserinnen und Leser!

 

Herzlich willkommen zur liftuup WOWschau, der brandneuen Rubrik auf meinem Blog 🙂

 

Kennt ihr das? Wir durchstöbern querbeet das Netz, halten ohne festes Ziel Ausschau nach diesem und jenem und stoßen dann ganz unvermittelt auf einen Inhalt, der den gewissen WOW-Effekt bei uns auslöst. Dann kleben wir in der Folge wie gebannt an Text, Bild oder Video, konsumieren das Entdeckte und bereichern uns selbst genau in diesem Moment. Wir denken, sinnieren, lernen, träumen und schöpfen Motivation. Voilà, die Initialidee zur liftuup WOWschau!

Das Internet ist voll von genialen Text- und Videobeiträgen. Darunter findet sich natürlich auch allerlei Lesestoff und Filmmaterial für uns Gleitschirmflieger. Das Problem dabei: Gutes „Material“ zu recherchieren kann ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Hier kommt die liftuup WOWschau ins Spiel. Ich mache mich für euch regelmäßig auf die Suche nach Webseiten, Literatur und Videos aus den Tiefen des World-Wide-Web. Dabei geht es in der WOWschau sowohl ums Lernen und Weiterentwickeln als auch um Inspiration, Ideengebung und Motivationsschöpfung; und manchmal einfach nur um den reinen Unterhaltungsaspekt. Egal ob unmittelbar das Gleitschirmfliegen selbst betreffend oder ob der Blick über den Tellerrand unserer bunten Fliegerszene hinausgeht: Von der liftuup WOWschau sollt ihr als Piloten profitieren. Also, regelmäßiges Vorbeischauen lohnt sich!

Der erste Rubrikbeitrag folgt in Kürze 🙂

 

Habt ihr eigene Empfehlungen? Schreibt sie gerne in die Kommentare!

Gedankenblase #04: Rausblick zum Jahresende

Rausblick? Ja, richtig gelesen. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Rückblick und Ausblick – also wurde es ein Wortmix aus beidem 😉 Sei’s drum – aus der Rubrik Gedankenblase gab es ja schon eine Weile nichts Neues zu vermelden, was, ja ich gebe es zu, einer kleinen kreativen Atempause zuzuschreiben war. Eine Atempause, die mich als Gleitschirmpilot doch recht regelmäßig mit Beginn des Frühjahrs heimsucht und dann meist bis zum Spätsommer anhält. Schlecht für das Blogger-Geschäft. Aber hey, wer könnte dafür mehr Verständnis aufbringen als ihr, meine Leser 😉

 

Nun zum unmittelbar bevorstehenden Jahreswechsel ist es mir aber ein großes Bedürfnis, dieses in weiten Teilen doch sehr schwierige Jahr nochmal vor meinen geistigen Augen abzuspielen, zu reflektieren und meine diesbezüglichen Gedanken mit euch zu teilen. Wobei an dieser Stelle natürlich betont werden muss, dass die folgenden Zeilen aus meiner ganz eigenen und höchstpersönlichen Perspektive heraus entstanden.

 

Steigen wir also ein ins Jahr 2020. Ich halte inne, drücke auf den imaginären „Rewind-Button“ und spule die Zeit schnurstracks ein wenig zurück. Es muss irgendwann zwischen März und April gewesen sein. Der erste Lockdown wurde auf politischer Ebene entschieden und dessen Auswirkungen sickerten damit auch unaufhaltsam in unseren Mikrokosmos: unsere geliebte Gleitschirmwelt! Sperrung von Fluggebieten wurden ausgesprochen und damit einhergehende entbrannten in unserer Community hoch kontroverse Diskussionen. Da diese fortan nicht mehr ausgelassen bei schmackhaftem Landebier am Landeplatz persönlich ausgetragen werden konnten, verlagerte sich das Diskussionsgeschehen verstärkt in die sozialen Netzwerke, allen voran auf Facebook. Facebook nutze ich selbst fast ausschließlich für die Ankündigung neuer Blogposts. Ansonsten bin ich dort eher der stille Mitleser. Das Mitlesen dauerte in diesem Fall etwa zwei Wochen. Dann entschied ich mich zum ersten Mal nach vielen Jahren, die Facebook-App von meinem Smartphone zu deinstallieren.

 

An dieser Stelle möchte ich nicht falsch verstanden werden: Ich bin durchaus ein Freund kontroverser Diskussionen, führen sie doch, respektvoll und mit Achtung gegenüber dem Gesprächspartner geführt, oft zu wertvollen Inputs, neuen Ideen, zu Selbstreflexion und Weiterentwicklung. Mit der Pandemielage und deren prognostizierten Auswirkungen auf die anstehende Flugsaison im Rücken, konnte zu diesem Zeitpunkt aber von konstruktiver Gesprächs- und Diskussionskultur keine Rede mehr sein. Vielmehr wurde so ziemlich auf jeden noch so harmlosen Ausgangs-Post via der Kommentarfunktion Gift und Galle gespuckt. Ich wurde Zeuge von Angriffen auf persönlichster Ebene, von Diffamierung und Hetze. Uff, das schlug ziemlich ein bei mir. Ich bin mittlerweile auch schon etwa 10 Jahre Freiflieger, Gleitschirmpilot und damit Teil einer Community. Einer Community, die ich sehr schätze und die mir unglaublich ans Herz gewachsen ist. Bei uns Tuchfliegern tummeln sich so viele hoch interessante Menschen, kunterbunte Charaktere, die alle ihre eigenen Geschichten über das Leben, das Fliegen und das Leben geprägt vom Fliegen erzählen können.

 

Zu dieser Zeit des Jahres sah ich mich an einem Punkt, an dem ich mich, wie so oft im Leben, für eine gewisse Richtung entscheiden musste. Ich musste meine weitere gedankliche Bewertung der hier dargelegten Geschehnisse neu ausrichten – und konsequenterweise danach dann das eigene Handeln orientieren. Ich glaube an das Gute in den Menschen, und zwar felsenfest. Punkt! Also entschied ich recht direktiv, nicht an meiner persönlichen Haltung gegenüber meiner Fliegercommunity zu zweifeln. Meine Güte, ich bin einfach Fan von euch – von uns im Kollektiv! Ja, so ist das eben! Ich wollte jedem einzelnen von euch auch weiterhin zuhören, mit euch sprechen, diskutieren, mit euch lachen, lernen und gemeinsam mit euch fliegerisch wachsen. Also zeigte ich dem „Wegen-Corona-kommunizieren-wir-nur-noch-online-Ding“ den imaginären Stinkefinger. Konversation? Aber klar doch! Statt der Kommentarfunktion auf Social-Media musste jedoch ganz klassisch wieder die Groundhandlingswiese herhalten, auf der sich die örtliche Fliegerszene zu dieser Zeit regelmäßig zum Trainieren versammelte (mit Abstand versteht sich). Wenn der gewünschte Gesprächspartner nicht mal eben um die Ecke wohnte, dann tat es auch das eine oder andere bereichernde Telefonat.

Und da war es wieder.

Oh ja! Klönen, Fachsimpeln, Diskutieren, Respekt zeigen, sich gegenseitig ernst nehmen, sich unterstützen und motivieren.

Oh ja! Da war es wieder, das Gefühl, Teil einer großartigen Community zu sein. Ein eigener, selbst initiierter Mindshift kann so vieles bewirken. Das wurde mir hier wieder sehr eindrücklich vor Augen geführt.

 

Da wir in Krisenzeiten allzu leicht dazu tendieren, uns vom Negativen erdrücken zu lassen, will ich im Folgenden ganz bewusst nochmal einen Mindshift vollziehen und mich dabei intensiv auf die positiven Erlebnisse und Momente des Jahres besinnen. Ich lade euch, liebe Leserinnen und Leser, herzlich ein, mit auf meine persönliche Reise durch dieses besondere Jahr 2020 zu gehen. Los geht’s:

 

Januar:

Im Rahmen meiner Vereinsaktivität für den GSV Baden e. V. kann ich einen Vortragsabend zum Thema „Streckenfliegen im Schwarzwald“ mit Timm Asprion realisieren. Dabei darf ich Timmi, den ich zuvor nur von einem kurzen Schwatz am Starplatz kannte, bei gemütlichem Kaffee und Snack etwas besser kennenlernen. Timmi ist einer dieser besonderen Menschen unserer Flieger-Community. Wie er als Mensch und Pilot denkt, was er plant und dann auch fliegerisch umsetzt ist einfach unglaublich inspirierend und mitreißend. Danke Timmi! Zum Interview mit Timm Asprion geht es hier lang!

Februar:

Vortragabend Nr. 2. Achim Joos, Inhaber der Flugschule Freiraum, ist als Referent in Baden-Baden zu Gast. Im Nachgang an den tollen Vortrag darf ich mit Achim ein Interview führen – ein für mich sehr bereicherndes Gespräch. Noch nicht gelesen? Dann könnt ihr das nun hier nachholen.

März:

Es braut sich was zusammen am Corona-Horizont, aber noch sind die Fluggebiete offen. Ich breche mit meinen Fliegerkumpels zu einer genüsslichen Hike & Fly Tour an unserem Hausberg auf. Der kalte Atem des Winters liegt noch über der sanften Gebirgslandschaft des Schwarzwalds, doch der Frühling klopft bereits energisch an die Tür der Jahreszeiten. Wir spüren die ersten ordentlichen Thermiken der jungen Saison unter unseren Flügeln, folgen willig der vorgegebenen Richtung und jauchzen uns gegenseitig zu, als es zum ersten Mal wieder heißt: Baaaasis, Junge. Ist das geil!

April:

Closed! Noch bevor die Flugsaison so richtig in Schwung kam, musste zumindest in Deutschland der Flugbetrieb temporär eingestellt werden. An meinem Geburtstag Anfang April tummeln sich scharf umrandete Cumuli am strahlend blauen Himmel. Grund zum Ärgern? Keinesfalls! Meine Frau belohnt mich an meinem Wiegentag mit selbstgebackenem Kuchen und frisch gebrühtem Kaffee. In T-Shirt sitzen wir bei angenehmen Frühjahrstemperaturen gemeinsam auf unserem Balkon und genießen eines der kostbarsten Güter unsere Zeit – Zeit.

Mai:

Au wei – der Lockdown ist aufgehoben und ich fühle mich sowas von unterflogen. „Sind die fliegerischen Sinne schon komplett eingerostet?“, geistert es mir durch den Kopf, als ich leicht nervös am ersten brauchbaren Streckentag am Startplatz stehe. Schissrig nehme ich den erst besten Bart in Angriff, der mich sogleich an die leider nicht allzu hohe Basis befördert. Geht doch noch. Und weil es so schön ist, lass ich es gleich laufen. Der Flug dauert nicht allzu lange und der Tacho verbucht auch nur knappe 30 km one way. Aber über solche Zahlen kann ich heute nur schmunzeln. Ich stehe auf einer wunderschönen, sonnenbeschienenen Obstwiese. In diesem Moment zählen ganz anderen Fakten, welche den Flug zu einem persönlichen Erfolg werden lassen: Mein Grinsen, das bis über beide Ohren reicht und das unglaublich starke Gefühl von Freiheit in der Brust.

Juni:

Meine Frau und ich beschließen in Anbetracht der weiterhin angespannten Gesundheitslage, den ersten längen Urlaub des Jahres nicht im Ausland zu verbringen. Stattdessen tingeln wir mit unserem Campingbus durch den deutschen Alpenraum. Nach kurzem Besuch und herzlichem Hallo im UP Headquarter in Garmisch-Partenkirchen, gesellen sich Timm Asprion und seine Frau spontan zu uns. Nach einer großartigen Wanderung zu viert über die beeindruckende Partnachklamm hinauf auf den Osterfelder, geht sich am Folgetag von selbigem noch ein schöner gemeinsamer Flug aus. Timmi und ich starten zum ersten Mal vom Hausberg des bekannten Ferienortes, drehen gemeinsam auf und überfliegen Flügel an Flügel die atemberaubende Alpspitze. Das Zugspitzmassiv zum ersten Mal aus der Luft betrachten zu dürfen, während tief unter mir der Eibsee sein smaragdgrünes Farbenspiel entfaltet, macht mich glücklich und ehrfürchtig zugleich.

Juli:

Freitag sieht gut aus – kurzum nehmen Bene und ich frei und düsen nach Elzach im Schwarzwald. Bene und ich absolvierten am dortigen Flugberg „Gschasi“ 2011 unsere ersten Höhenflüge. Wir verbinden also viel mit diesem Fluggebiet, waren aber seit der Schulung nur noch sehr selten dort. Nach genüsslicher Hike & Fly Tour starten wir voller Erwartung und Vorfreude, stehen aber knapp 20 Minuten später schon wieder am Boden. Mist! Wir schreiben den Tag innerlich schon ab, lassen uns aber nichtsdestotrotz nochmal für einen kurzen Genussflug nach oben shutteln. Da reißt die Wolkendecke plötzlich auf. Es ist labil und der thermische Motor daher sofort in Gang. Gegen 15:30 Uhr starte ich und kann in den folgenden Stunden das wunderschöne Elztal bis zum südlich gelegenen Kandel und wieder retour abfliegen. Das war damals, als angehender A-Schein Pilot, mein großer Traum. Ein kleiner Flug für die Menschheit (bzw. den DHV XC 😉 ), aber ein ganz besonderer Flug für mich 😉

August:

An der Klewenalp trainiere ich einige Tage über Wasser. Hohe Wing-Over, Stalls, SATs – die Basics eben. Es macht unglaublich viel Spaß, in sicherer Trainingsumgebung einfach mal verschiedenen Dinge auszuprobieren. Das Manövertraining holt mich immer wieder ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Mir wird dabei ein ums andere Mal bewusst, wieviel ich noch zu lernen habe – nein, lernen darf. Ich finde das so wahnsinnig motivierend, dass man sich in unserem Sport wirklich stetig verbessern kann; und zwar jeder Pilot auf seinem eigenen persönlichen Level. Progression im Gleitschirmfliegen ist ein Prozess, ein nie endendes Lernen und Weiterkommen – ich bin so dankbar, dass ich dieses Hobby für mich gefunden habe, ausüben und darin wachsen darf!

September:

Das Piemont kenne ich eigentlich nur von einer bereits etwas länger zurückliegenden Motorradreise. Auch wenn die Erinnerungen an die damalige Tour bereits etwas angestaubt sind, habe ich noch Bilder von einsamen Gebirgszügen, kargen Hochebenen und pittoresken Bergdörfern im Kopf.

Im September dieses Jahrs besuche ich die Region erneut. Nach zähem Thermikeinstieg am Starplatz Santa Elisabetta, gelingt mir der Sprung an die rückwärtigen höheren Berge mit ihren aktiven Südflanken. Die Thermik ist angenehm und ich nehme mir viel Zeit fürs Sightseeing. So lasse ich mich treiben, fliege entlang schroffer Geröllfelder, vorbei an verwaisten Gehöften und kargen Viehweiden. Es ist diese Schwerelosigkeit und dieses hundertprozentige Sein im Hier, das mich immer wieder an unserer grandiosen Art der Fortbewegung, am Fliegen, fasziniert.

Oktober:

Urlaubszeit again 😊. Frankreich als ursprüngliches Reiseziel fällt leider aufgrund der zunehmenden Zahl an eingestuften Risikogebiet flach – also: Bella Italia! Mit dem Camper cruisen meine Frau und ich zwischen Südtirol und Mittelmeer durch die Lande, wobei der Fokus dabei mehr auf gemeinsamen Wandertouren als auf dem Fliegen liegt.

Nichtsdestotrotz will ich auf der Heimreise noch einen kurzen Zwischenstopp in Meduno einlegen. Ein Anruf des umtriebigen und flugverrückten Paradealers, der die kommenden Flugtage in Gemona verbringen möchte, genügt und ich lasse ich mich hinsichtlich des Reiseziels gerne umstimmen. Tom hatte ich bis dato nur über Instagram kennengelernt. Jetzt nimmt er mich mit zum Starplatz Mt. Curanan bei Gemona und zeigt mir das Fluggebiet. Danke Tom! Und für Oktober ging’s dann auch noch erstaunlich gut.

November:

Während der Oktober zumindest im Schwarzwald den Piloten die nasskalte Schulter zeigt, schmeichelte der November unseren Augen mit goldenen Farbklängen und sanften Thermiken.

So auch an einem Tag Mitte November. Der feucht Herbstboden zeigt sich gnädig und entlässt einige zarte Aufwinde gen Atmosphäre. So darf ich mit meinen Fliegerfreunden ausgiebig über einem prächtigen Farbenmeer kreisen. Genussfliegen pur!

Dezember:

Mit reichlich Glühwein und Plätzchen feile ich stoisch konstant an einer hohen Flächenbelastung. Dynamik ist schließlich alles! 😉 Auf die zu dieser Jahreszeit verwaist und im Keller ruhenden Ausrüstung bildet sich die erste zarte Staubschicht. Da geschieht es ganz unverhofft: Das Christkind bereitet den heimischen Piloten am zweiten Weihnachtsfeiertag, quasi auf den letzten Drücker, eine verspätete Bescherung. Bei eisigem Wind kann ich mit einigen Fliegerfreunden bibbernd und schlotternd soaren und dabei den Ausblick auf die schneebedeckten Höhenzüge des nördlichen Schwarzwaldes genießen. Die schönsten Geschenke finden sich eben nicht im vorweihnachtlichen Shoppingtrubel sondern draußen, in der Natur!

 

Liebe Fliegerfreunde, ich sage danke, dass ihr mich auf meiner Reise durch 2020 begleitet habt. Für mich persönlich gab es trotz all der Unwägbarkeiten viele fantastische Momente. Und so schön das Fliegen als solches ist, sind es dennoch die Menschen in unserem Sport, das Teilen der Erlebnisse und Eindrücke mit unseren Fliegerfreunden, mit unserer Community, was das Gleitschirmfliegen zu diesem ganz besonderen Teil unseres Lebens macht.

 

Rausblick? Nun, eigentlich war’s jetzt doch mehr Rück- als Ausblick. Was erwartet uns 2021? Lasst uns auf ein Jahr hoffen, indem wir unseren Flugsport wieder in aller gewohnter Freiheit ausüben können. Und wenn dies so eintritt, lasst uns stets ein Bewusstsein dafür haben, welche Bedeutung diesem Gut, Freiheit, innewohnt.

Hier auf meinem Blog wird es bald wieder einige Interviews mit interessanten Gesprächspartnern geben – ich hoffe ich kann euren Fliegeralltag damit ein wenig bereichern. Zudem sind noch ein bis zwei weitere Rubriken in der Mache – an dieser Stelle sei aber noch nicht zu viel verraten.

 

Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser, liebe Pilotinnen und Piloten, einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Vor allem wünsche ich euch und euren Familien gute Gesundheit und dabei all die nötige Stärke und Kraft, um diese hoffentlich letzte Etappe der Krise gut zu durchstehen.

 

Cheers,

Rüdiger

 

 

Und hier in loser Reihenfolge noch ein paar luftige Schnappschüsse aus 2020 🙂