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Plauderecke #06 | heute: Michael Lacher

Mein Weg zu den Red Bull X-Alps 2021

 

Es gibt Dinge für mich als Gleitschirmpilot, die mich immer wieder auf’s Neue begeistern, die eine über die Jahre hinweg ungebrochene Faszination auf mich ausüben. Persönlich gehe ich 2021 in meine 10. Flugsaison nach Erhalt des A-Scheins. Trotz regelmäßigen Fliegens und einer für einen Freizeitpiloten wie mich akzeptablen jährlichen Airtime, veranstaltet mein Herz immer wieder Freudensprünge, wenn nach einem langen, nassgrauen Winter die ersten ordentlichen Thermiken des Jahres ihre Arbeit aufnehmen, unter meinen Flügel greifen, und mich in Begleitung einer fröhlich-jauchzenden Vario-Melodie gen Basis katapultieren. Diese unsichtbaren Kräfte der Natur sind für mich nach wie vor magisch, anziehend, süchtig machend.

Eine ähnliche Begeisterung und magnetische Anziehung entfaltet auf mich seit Beginn meines Pilotendaseins das Format der Red Bull X-Alps – wenn auch nur aus der Zuschauerperspektive. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst schon immer durch und durch Sportler war. Vor der Fliegerei verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit beim Trainieren verschiedener Kampfsportarten. Heuer fröne ich eher dem Ausdauersport im Freien. Egal welcher Sport betrieben wird: Jeder, der regelmäßig hart trainiert weiß, welche Willensstärke vonnöten ist, sich Tag ein Tag aus zu pushen, sich durch Hochs und Tiefs zu bewegen und stets neue Reize zu setzen, um in seinem Sport kontinuierlich voranzukommen und zu wachsen. Nun, Ausdauersport allein ist schon extrem zeitintensiv; Gleitschirmfliegen erst recht, wie wahrscheinlich jeder von uns Freifliegern weiß und aus eigener Erfahrung berichten kann. Einen Shortcut gibt es dabei nicht. Klar, die einen sind mit mehr, die anderen mit weniger Talent ausgestattet – ein hoher zeitlicher bzw. insgesamt persönlicher Invest wird aber in jedem Fall abverlangt. Ich selbst kann nur vage erahnen, wie (zeit)intensiv trainiert werden muss, um sowohl körperlich als auch fliegerisch das Niveau zu erreichen, um für einen Bewerb wie die X-Alps wirklich gerüstet zu sein.

Einer, der so ziemlich von Beginn seiner Fliegerkarriere an von einer Teilnahme bei den Red Bull X-Alps träumte und der sich nach bestandener A-Schein Prüfung im Jahr 2015 mit eisernem Willen auf den Weg machte, seinen Traum auch in die Tat umzusetzen, ist Michael Lacher. Michael nimmt zum ersten Mal an diesem hochkarätig besetzten Abenteuerrennen teil und wird in der 2021er Ausgabe für das Team Germany 3 antreten.

Vom A-Schein Neuling 2015 bis zur X-Alps Teilnahme 2021 – klingt ziemlich beeindruckend, oder? Für mich jedenfalls Grund genug, den „X-Alps-Rookie“ Michael in die liftuup Plauderecke einzuladen und ihm ein paar Löcher in den Bauch zu fragen. An dieser Stelle schon mal: Danke für deine Zeit und Geduld, lieber Michael!

Ich wünsche euch, liebe Leserinnen und Leser, ganz viel Spaß beim Lesen der folgenden Zeilen. Aber seid vorgewarnt: Motivationsschub garantiert!!

 

copyright: Frithjof Kjer

liftuup: Hallo Michi! Schön, dass du dir für mich und meine Leser Zeit nimmst. Stell dich doch mal kurz vor. Wo kommst du her, wer bist du und wie sieht dein Leben so aus?

Michael: Servus! Ich bin der Michael Lacher und komme aus Oberstdorf im Allgäu. Beruflich bin ich je nach Saison unterschiedlich tätig. Im Winter arbeite ich hauptberuflich in der Bergrettung und im Sommer arbeite ich als Tandempilot; dazu helfe ich noch in der Firma meines Vaters mit. Ich bin selbst Familienvater und habe einen 9 Monate alten Sohn. Ja, so schaut mein Leben aus (lacht).

copyright: Michael Lacher

copyright: Michael Lacher

liftuup: Der Athletenseite der offiziellen Red Bull X-Alps Homepage konnte ich entnehmen, dass du schon recht früh in deinem Leben mit dem Flugvirus infiziert wurdest. Beschreibe uns bitte deine bisherige fliegerische Laufbahn.

Michael: Ja du, mit dem Flugvirus bin ich wirklich schon recht früh infiziert worden. Mein Vater war damals schon Drachenflieger – das hat mich recht früh in meinem Leben zur Modellfliegerei gebracht. Mit 14 – 15 Jahren fing ich mit dem Segelfliegen an, was ich dann in der Folgezeit auch wirklich aktiv betrieben habe. Aber da ich schon immer ziemlich sportlich war, störte es mich irgendwann, immer nur auf dem Flugplatz herumzuhängen und sich dabei körperlich nicht zu betätigen. Dazu kam, dass ich zu der Zeit recht viel mit meinen Kumpels Bergtouren gegangen bin. Meine Kumpels sind dann oft mit ihren Schirmen vom Gipfel gestartet und runtergeflogen, wohingegen ich alleine herunterlaufen musste. Da dauerte es natürlich nicht lange, bis mir klar wurde, dass das Gleitschirmfliegen auch etwas für mich sein könnte. Außerdem hatte meine Freundin zu der Zeit bereits seit etwa 4 Jahren den Schein in der Tasche. Ja, und so kam ich dann logischerweise auch zum Gleitschirmfliegen und begann letztendlich 2015 mit meiner Pilotenausbildung.

 

liftuup: Deine Gleitschirmlizenz hast du also 2015 erworben. Um sich die nötigen Skills für die Teilnahme an einem so anspruchsvollen Bewerb wie den X-Alps zu erarbeiten, ist es als Pilot normalerweise ein recht langer und steiniger Weg – bei dir dauerte dieser gerade einmal 5-6 Jahre. Wie erklärst du dir deine so steile Progression? Wie bist du an den Gleitschirmsport herangegangen?

Michael: Naja, ich habe mit dem Fliegen angefangen –  und wer mich ein wenig kennt, weiß, dass wenn ich etwas anfange, dann mache ich das auch richtig und ziehe es voll durch; und zwar nicht nur 100 Prozent, sondern ich peile da eher die 300 Prozent an (lacht). Sprich, nachdem ich meinen Schein hatte, richtete ich eigentlich mein komplettes Leben mehr oder weniger auf’s Fliegen aus. Gerade das Hike & Fly hat mir von Anfang an komplett getaugt und so betrieb ich das Ganze dann auch immer exzessiver. Wenn es das Wetter zuließ, bin ich eigentlich jeden Tag mit dem Schirm auf die Berge marschiert. Auch ins Streckenfliegen bin ich ziemlich bald eingestiegen. Bei meinen ersten Streckenflügen wurde mir aber klar, dass ich in anspruchsvollen Bedingungen mit meinem damaligen Schirmhandling schnell an mein Limit stieß. Das brachte mich zur Acro-Fliegerei. Ich dachte einfach, dass mich das Acro-Fliegen hinsichtlich Schirmbeherrschung ein gutes Stück voranbringen könnte. Also entschied ich mich, verstärkt die Acro-Basics wie Fullstall etc. zu trainieren. Und wie sollte es auch anders sein, so hat mich schnell auch das Acro-Fliegen total gepackt. An Tagen, an denen es nicht gut zum Streckenfliegen ging, bin ich eigentlich nur noch Acro geflogen. Innerhalb von zwei bis drei Jahren habe ich auf diese Weise so gut wie alle Manöver erlernen können. Bis auf den Super-Stall oder die ganz krass komplizierten Sachen gibt es eigentlich kaum irgendwelche Figuren und Manöver, die ich nicht fliege. Heli, Stall und so weiter fliege ich mittlerweile auch mit Hochleistern und habe keine Angst davor. Insgesamt hat mir das Acro-Training einen extremen Zugewinn an Schirmbeherrschung gebracht. Das hilft mir jetzt immens beim Streckenfliegen, da man dabei ja immer wieder in Situationen geraten kann, in denen der Schirm extrem reagiert und man wissen muss, wie man zu reagieren hat. Allgemein denke ich, dass kein Weg am regelmäßigen Acro-Training vorbeiführt, wenn man im Gleitschirmsport zügig vorankommen bzw. richtig gut werden will. Das Manövertraining und deren Beherrschung sehe ich als mein Fundament an; und auf dieses Fundament baut sich dann in der Folge die ganze XC Erfahrung auf, die man nach und nach beim regelmäßigen Streckenfliegen sammelt.

copyright: Petar Loncar

liftuup: Dein Vater ist Bergführer. Da liegt es nahe, dass du dich schon seit dem Kindesalter viel in den Bergen herumgetrieben hast. Welche Bedeutung haben Berge für dich? Wie prägen sie dein Leben?

Michael: Ich bin im Oberallgäu und damit praktisch mit den Bergen vor der Haustüre aufgewachsen. Mein Vater als Bergführer hat mich schon früh mit in die Berge genommen. Die Berge sind sogar Teil meines beruflichen Umfelds – ich arbeite seit über 10 Jahren in der Bergwacht, im Winter sogar hauptberuflich. Das heißt allein vom beruflichen Background her treibe ich mich im Prinzip täglich in den Bergen herum. Aber der Beruf ist nur die eine Seite. Auch privat zieht es mich eigentlich immer in die Höhe. Klar gehe ich im Winter auch gerne mal Langlaufen. Aber sobald das Wetter einigermaßen passt, zieht es mich raus und rauf. Und für diese Art der Freizeitgestaltung wohne ich glücklicherweise perfekt. Ich kann so gut wie alles direkt vor der Haustüre machen und brauche dafür kein Auto bzw. habe keine langen Anfahrtswege. Ob es einfach die sportliche Bergtour mit den Kumpels ist, das Hike & Fly oder im Winter Skitourengehen – ich mag eigentlich alle Arten von Sport und Bewegung in den Bergen und in der Natur. Zeit in den Bergen zu verbringen ist für mich einfach ein großer und wichtiger Bestandteil meines Lebens.

copyright: Michael Lacher

liftuup: Wann hast du die Entscheidung getroffen, dich als Teilnehmer für die X-Alps zu bewerben? Wie kam es dazu und was genau war bzw. ist deine Motivation?

Michael: Gleich zu Beginn, als ich mit dem Gleitschirmfliegen angefangen habe, wurde ich auf die X-Alps aufmerksam – das Rennen hat mich sofort fasziniert und in seinen Bann gezogen.

Ich habe dann für den Einstieg in solche Rennen erst einmal an der Bordairrace-Serie teilgenommen; das lief ganz gut, machte mir mega viel Spaß und es zeigte mir ganz schnell, dass die Red Bull X-Alps einfach DAS große Ziel sind, auf das ich hinarbeiten will.

Die Bewerbung für die X-Alps 2021 war meine erste Bewerbung auf das Rennen überhaupt und ich war natürlich unglaublich Happy, dass es gleich geklappt hat und ich als Teilnehmer ausgewählt wurde.

Ja, was ist meine Motivation? Naja, es taugt mir einfach sehr, an meine eigenen körperlichen Grenzen zu gehen und dann diesen körperlichen, athletischen Aspekt noch mit dem Fliegen kombinieren zu können – das reizt mich enorm. Im Vorfeld der letzten Ausgabe der X-Alps durfte ich das Training von Manuel Nübel bei seiner Vorbereitung ein wenig begleiten und im Rennen selbst auch in einige Abschnitten den Manu als Supporter unterstützen. Das war genial und gab mir quasi den letzten Ruck, mich selbst als Teilnehmer und Athlet für das Rennen zu bewerben.

 

liftuup: Wo warst du, als du erfahren hast, dass du als Athlet für die Red Bull X-Alps 2021 nominiert wurdest? Kannst du diesen Moment beschreiben?

Michael: (Lacht) Das war eigentlich eher unspektakulär. Ich saß am Computer und arbeitete, als plötzlich auf dem Bildschirm eine E-Mail des X-Alps Orga-Teams aufpoppte. Ich habe zu dem Zeitpunkt mit einer Benachrichtigung der Rennleitung noch gar nicht gerechnet, die hätte nämlich erst so ca. zwei Wochen später kommen sollen. Mein erster Gedanke war daher, dass die E-Mail wahrscheinlich ein paar allgemeine Infos enthalten wird, also wie es weitergeht und so. Naja und dann: Bäm! Wow! Da stand tatsächlich, dass ich als Teilnehmer genommen wurde. Natürlich war die Freude riesig, aber gleichzeitig war da auch ein gewisses Bewusstwerden: ab jetzt wird es ernst! Keine Träumerei mehr. Jeder weiß nun um meine Teilnahme! Es gibt kein zurück! Für mich ein extra Kick Motivation!

 

liftuup: Welche Vorerfahrung in Sachen Alpinsport und Fliegen, Hike & Fly –  Races und Wettkampf bringst du mit?

Michael: Ich war früher viel Alpinklettern und habe auch recht viel klassisches Bergsteigen in den West- und Ostalpen betrieben – da waren natürlich auch einige 4000er dabei. Im Winter gehe ich oft Eisklettern und Skibergsteigen und mache da durchaus auch technisch anspruchsvollere Sachen. Ich behaupte mal, dass ich mich in den Bergen, v. a. auch in weglosem Gelände, sehr gut bewegen und orientieren kann. Darin sehe in Bezug auf das Rennen einen großen Pluspunkt für mich selbst.

In Bezug auf Hike & Fly – Races habe ich wie schon erwähnt an diversen Bordairraces und 2017 auch am Dolomiti Superfly teilgenommen. Das Dolomiti Superfly lief damals eigentlich auch ganz gut, bis ich einen gröberen Fehler gemacht habe, der mich leider weit zurückwarf; die gesammelte Erfahrung war aber trotzdem super.

Klassisches Wettbewerbsfliegen, also mit 2-Leinern in der Gegend herumheizen, mag und mache ich auch. Das Wettkampffliegen begann mit der DHV Junior-Challenge, dann flog ich zwei Jahre lang in der Liga und danach folgten einige FAI Kategorie 2 Wettbewerbe.

copyright: Adi Geisegger

liftuup: Wie siehst du das Teilnehmerfeld? Wo siehst du dich als X-Alps „Rookie“ darunter?

Michael: Das Teilnehmerfeld ist in der diesjährigen Ausgabe des Rennes extrem stark. Da besteht meiner Meinung nach eine unglaublich hohe Leistungsdichte. Die TOP 15 Athleten sind alle ganz nah beieinander. Wenn du bei diesem Teilnehmerfeld einen kleinen Fehler machst, dann wirst du knallhart nach hinten durchgereicht. Und mit der 48 Stunden Regel kann es dazu noch ganz schnell sch**** laufen, wenn man nicht aufpasst.

Ich bin zwar Rookie unter den Teilnehmern, aber ich bin schon jetzt gut in Form und ich werde so gut als möglich vorbereitet an den Start gehen. Im Hinblick auf die fliegerischen Skills schätze ich mich selbst als recht guten Piloten ein und bewege mich diesbezüglich auf einem guten Level. Ich bringe XC- und Wettkampferfahrung mit und in Bezug auf die körperliche Leistungsfähigkeit sehe ich mich sogar eher im vorderen Bereich des Athletenfelds. Zudem habe ich ein spitzen Support-Team und so denke ich, dass ich insgesamt gut aufgestellt bin.

 

liftuup: Damit hast du uns gerade aufgezeigt, wo du deine eigenen Stärken siehst. Verrätst du uns auch deine Schwächen, an denen du in deiner Vorbereitung bewusst und gezielt arbeiten willst?

Michael: Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Schwäche ist; aber ich versuche in der Vorbereitung auf das Event viel an meiner mentalen Stärke zu arbeiten. Ich glaube, dass der Kopf sehr bald im Rennen einen großen Einfluss auf die eigene Leistungsfähigkeit hat – und damit natürlich auch maßgeblich auf den persönlichen Rennverlauf. Wenn man körperlich an seine Grenzen stößt und sich dann, gerade in solchen Momenten, Probleme auftun oder sich bereits getroffenen Entscheidungen als fehlerhaft herausstellen – dann ist es unglaublich wichtig, mental stark zu sein, sich fokussieren zu können und damit effektiv den aufkeimenden Frust auszublenden bzw. fernzuhalten.

 

liftuup: Manuel Nübel hat ja bereits mehrfach (3mal) an den X-Alps teilgenommen – in der letzten Ausgabe dazu noch sehr erfolgreich. Manu wohnt ja quasi bei dir ums Eck. Trainiert ihr zusammen und besprecht gemeinsam eure Strategien oder macht da jeder eher sein eigenes Ding?

Michael: Ja, richtig, Manuel ist ein sehr guter Freund von mir. Ich durfte mit Manu schon 2017 und 2019 bei den Vorbereitungen seiner X-Alps Teilnahmen trainieren. 2019 konnte ich ihn teilweise als Supporter unterstützen. Wir arbeiten eigentlich recht viel zusammen. Manu als alter X-Alps Hase (lacht) hält mit seinem Wissen auch nicht hinterm Berg, sondern teilt sein Erfahrungsschatz mit mir und gibt gerne alles weiter, was er weiß. Das schätze ich sehr an ihm.

 

liftuup: Kommen wir mal konkret auf die Vorbereitung und das Training zu sprechen. Hast du einen Coach oder bereitest du dich alleine auf das Rennen vor?

Michael: Für die fliegerischen Belange habe ich keinen Trainer. Ich habe aber einen Trainer, der mich in den Bereichen Kraft, Ausdauer und Fitness unterstützt. Mit ihm mache ich die Leistungsdiagnostik; darauf basierend erstellt er Trainingspläne für mich und führt auch persönlich einige Trainingseinheiten mit mir durch.

 

liftuup: Ich folge dir auf Strava. Das gibt mir eine annähernde Vorstellung davon, wie hart du an deiner körperlichen Fitness und Konstitution arbeitest. Außerdem wirkt das ganze Training bei dir sehr strukturiert. Nimm uns doch mal mit auf eine exemplarische Trainingswoche.

Michael: Exemplarisch eine Trainingswoche aufzuzeigen ist etwas schwierig. Ich versuche das mal so darzustellen: Ich absolviere immer 2-Wochen-Pläne. Die Wochen haben dabei immer einen ganz speziellen Fokus. Innerhalb dieser Wochen-Blöcke trainiere ich dann ganz spezifisch; manchmal liegt da der Schwerpunkt eher auf reiner Ausdauer, gefolgt von Kraft bzw. Kraftausdauer, usw.

70-80 % des Trainingumfangs liegt im Grundlagenbereich. Da liegt der Fokus bei mir ganz klar auf den Höhenmetern. Gerade jetzt im Winter sehe ich das Abspulen vieler Höhenmetern als sehr wichtig an. Im Winter gehe ich dafür sehr viel mit den Tourenski. Dazu kommt Langlaufen, wobei ich in der Regel ca. 1-2 Stunden Einheiten absolviere und eher im niedrigen Bereich laufe.

Bei einer Trainingseinheit in der Woche wird richtig geballert, also im Schwellenbereich trainiert. Krafttraining absolviere ich immer ergänzend.

Ab dem einsetzenden Frühling kommt dann viel Hike and Fly dazu. Einheiten im Flachen mache ich auch, wobei ich nicht viel joggen werde. Das Hauptaugenmerk lege ich eher auf schnelles Gehen mit Gepäck; und zwar in dem Tempo, das man während des Rennes auch anschlägt. So gewöhne ich meine Sehnen, Bänder und Gelenke an die anstehende Belastung. Solche Einheiten versuche ich dann auf die Schlechtwettertage zu legen.

 

liftuup: Hast du innerhalb dieser 2-Wochen-Blöcke feste Trainingseinheiten, die du dann entsprechend dem Wetter (Sonne/ Regen/ Schnee/ Flugwetter/ etc.) flexibel auf die Wochentage verteilen kannst?

Michael: Ja, im Prinzip habe ich feste Trainingstage, die ich aber immer mal wieder etwas adaptiere. Das gefällt dann meinem Trainer nicht ganz so gut, weil seine Trainingspläne ja hinsichtlich Aufbau und Abfolge einen Sinn haben (lacht). Natürlich versuche ich, die Reihenfolge weitestgehend einzuhalten. Aber wenn es mal den ganzen Tag in Strömen regnet, habe ich ehrlich gesagt keine Lust, eine vier Stunden Skitour zu gehen. Dann schiebe ich eben mal. Im Worst-Case-Fall mache ich Rollentraining mit dem Rennrad. Das sehe ich aber wirklich als Notlösung an. Mir macht es einfach keinen Spaß, drinnen Ausdauer zu trainieren.

Neben dem ganzen Training habe ich zur Erholung einen Ruhetag pro Woche, manchmal auch zwei.

 

liftuup: Neben dem vielen Ausdauertraining hast du vorhin auch von Krafttraining gesprochen? Wie sieht das aus?

Michael: Ich versuche spezifisch meine Kraft zu trainieren, um gezielt meine Gelenke durch eine gut ausgebildete Muskulatur zu stützen und dadurch das Risiko von Überlastungen bzw. allgemein von Verletzungen zu minimieren. Beispielsweise mache ich Kniebeuge mit Gewicht und trainiere mit Kettlebells.

 

liftuup: Zusammengefasst: Wie viele Trainingsstunden haben deine Wochen so im Schnitt?

Michael: Das sind so 10 bis 15 Stunden pro Woche. Aber wie bereits erwähnt, ich lege mehr Wert darauf, dass ich viele Höhenmeter zurücklege. In der Regel komme ich da auf 25.000 – 30.000 Höhenmeter pro Monat.

 

liftuup: Wie regenerierst du dich am besten? Couch, Netflix, Füße hoch?

Michael: (Lacht) Couch und Netflix – hört sich wirklich gut an, ist bei mir aber selten der Fall. Ich habe einen 9 Monate alten Sohn. An meinen Ruhetagen bin ich mit unserem Nachwuchs beschäftig. Meine Partnerin hält mir für mein Training ganz stark den Rücken frei; daher bin ich natürlich bemüht, an meinen trainingsfreien Tagen ihr bestmöglich unter die Arme zu greifen. Außerdem genieße ich es ja, Zeit mit unserem Kleinen zu verbringen. Habe ich an freien Tagen trotzdem etwas Luft, gehe ich gerne ein bisschen Acro fliegen oder mache eine ganz gemütliche Wanderung oder Radtour mit Freunden.

copyright: Petar Loncar

copyright: Petar Loncar

liftuup: Achtest du auch explizit auf deine Ernährung? Trainierst du dabei bereits in der Vorbereitung die Kalorienzufuhr unter Belastung, so wie es im Race-Modus ja dann auch letztendlich ablaufen wird?

Michael: In Bezug auf das Rennen versuche ich, genügend Kalorien zuzuführen, um meinen Kalorienbedarf auch unter starken Belastungen weitestgehend decken zu können. Da bin ich noch am Ausprobieren, welche Lebensmittel ich auch in großen Mengen gut vertrage. Das ist nicht unwichtig zu wissen, denn ich muss ja im Rennen so etwa zwischen 5000 und 8000 kcal pro Tag zuführen. Grundlegend ernähre ich mich vegetarisch und ich versuche dabei, meinen Speiseplan sehr ausgewogen zu gestalten.

 

liftuup: Das Frühjahr ist nicht mehr weit. Bald stehen wieder vermehrt gute Flugbedingungen an. Schraubst du dann dein körperliches Training ein wenig herunter und konzentrierst dich mehr auf deine fliegerischen Fähigkeiten?

Michael: Ja, momentan ist bei uns im Allgäu noch tiefster Winter und es ist richtig kalt. Zur jetzigen Zeit fokussiere ich mich voll auf das körperliche Training. Da die Bahnen wegen Corona derzeit nicht fahren, kann ich leider auch kein Acro trainieren. Sobald es dann aber wieder ordentlich zum Fliegen geht, will ich möglichst viel wegfahren und mir verschiedene Gegenden anschauen und aus der Luft erkunden. In dieser Zeit werde ich das körperliche Training etwas zurückfahren und mehr Zeit in der Luft verbringen. Ziel ist es, bis zum Rennstart schon ca. 100 Std Airtime auf der Uhr zu haben.

 

liftuup: Ok, es steht also ein guter Flugtag an. Gehst du einfach fliegen und ballerst Kilometer oder hat dein Fliegen auch eine Art Struktur.

Michael: Struktur hat mein Flugtraining nicht. Ich versuche einfach viel Zeit in der Luft zu verbringen, Techniktraining einzubauen, verschiedene Lande bzw. Anflugtechniken zu üben und dabei bewusst auch kleine Plätze zum Einlanden anzusteuern. Ich gehe auch bewusst in schwierigen und anspruchsvollen Bedingungen fliegen – also auch dann, wenn der Wind stärker auflebt und es recht turbulent ist.

copyright: Michael Lacher

liftuup: Du hast es gerade angesprochen: Bei den X-Alps wird ja oft auch noch in Bedingungen geflogen, an denen Freizeitpiloten so wirklich gar nichts mehr in der Luft verloren haben. Wie gehst du damit um und wie bereitest du dich darauf vor?

Michael: Wie bereits erwähnt versuche ich, einfach bestmöglich auf solche Bedingungen vorbereitet zu sein. Das heißt ich fliege im Alltag auch dann, wenn es sich eher unangenehm anfühlt und schwierige, suboptimale Bedingungen herrschen. Ich denke das bringt mir sehr viel für das eigentliche Rennen. Ganz wichtig ist mir dabei, keine unnötig hohen Risiken einzugehen. Klar, die Grenzen verschwimmen bei so einem Wettbewerb ganz automatisch ein wenig – das bringt ja ein solches Format mit diesem hochkarätigen Teilnehmerfeld von Natur aus mit sich. Aber ich will definitiv nichts im Übermaß herausfordern oder ausreizen. Im Grunde will ich mein bisheriges Risikomanagement beim Fliegen wie bisher beibehalten. Damit habe in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht.

copyright: Michael Lacher

liftuup: Welche Bedeutung kommt deiner Meinung nach der mentalen Stärke eines Athleten zu. Arbeitest du diesbezüglich auch an dir?

Michael: Mentale Stärke ist meiner Meinung nach ein wirklich wichtiger und nicht zu unterschätzender Punkt. Hier kann man echt noch einiges aus sich herausholen. Ich selbst arbeite viel an mir selbst, an meiner mentalen Stärke. Ich muss schon zugeben, dass ich ab und an mal ein wenig nervös werden kann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich mir das vorgestellt habe – vielleicht ist das eine kleine Schwäche von mir. Aber genau da setzt die Arbeit gemeinsam mit meinem Team an. Wir spielen alle möglichen Szenarien durch, die sich so ereignen könnten und versuchen sie zu visualisieren – auf diese Weise können wir bereit im Voraus diverse Strategien für den Umgang damit erarbeiten. So können wir im eigentlich Rennen dann teamintern schnell reagieren, gemeinsam Lösungen finden und vernünftige Entscheidungen treffen.

 

liftuup: Die finale X-Alps Route der 2021er Ausgabe wurde noch nicht bekannt gegeben. Wirst du nach Bekanntmachung gewissen Streckenabschnitte auch vor Ort scouten oder sogar abfliegen?

Michael: Wenn die Strecke bekanntgegeben wurde, werde ich sicherlich Abschnitte, auf denen ich mich nicht allzu gut auskenne, anschauen und im besten Fall auch mal abfliegen – falls bis dahin das Reisen wieder normal möglich sein wird. Das ist mir wichtig. Klar, im Bewerb zeigt sich das Ganze mit den dann vorherrschenden Bedingungen meistens nochmal von einer anderen Seite. Aber ich finde es schon ziemlich hilfreich, wenn man zumindest mal in der Gegend war das Gebiet ein wenig kennt.

 

liftuup: Wie bereits in den letzten Jahren, so hat auch die diesjährige Ausgabe des Abenteuer-Rennens einen Prolog; quasi ein kleines Rennen vor dem großen Rennen. Den besten drei Athleten winkt ein zusätzlicher „Night-Pass“ wohingegen Athleten, die den Prolog nicht finishen, mit einer Zeitstrafe belegt werden. Wie stehst du zu dem Prolog? Was wird deine Taktik dafür sein?

Michael: Ich denke der Prolog ist eine ganz nette Show. Mir persönlich ist es allerdings wichtig, dass ich mich beim Prolog körperlich nicht komplett zerstöre. Klar, es geht um einen zusätzlichen „Night-Pass“; aber wenn du dich körperlich zerlegst, nur um dafür eine zusätzliche Nacht laufen zu können, in der du dich quasi noch mehr kaputt machst, dann kann das auch echt nach hinten los gehen. Das muss man sich schon genau überlegen, denn Schlaf ist einfach super wichtig – gerade während solch hoher körperlicher und mentaler Belastungen. Zu Beginn des Rennens kann man sich einfach zu viel kaputt machen; beispielsweise, wenn man deutlich überpaced. Ich werde also den Prolog mit Bedacht angehen. Fühle ich mich dann gut und so richtig im Rennen angekommen, werde ich natürlich auch in gesundem Maße pushen, das ist klar.

 

liftuup: Steht dein Support Team schon fest? Wer hat welche Aufgaben im Team?

Michael: Ja, mein Team steht schon fest. Es besteht aus langjährigen Freunden, die selbst auch fliegen. Ich kann mich in meinem Team wirklich blind auf jeden verlassen. Die einzelnen Aufgaben sind grob durchstrukturiert, wobei sich dahingehend sicherlich noch einiges verschieben und konkretisieren wird. So fährt beispielsweise ein Team-Member das Versorgungsfahrzeug und kümmert sich um die Verpflegung. Einer aus dem Team unterstütz mich beim Treffen taktischer Entscheidungen und einer begleitet mich beim Hiken bzw. den langen Fußmärschen – wobei gerade bei den Laufparts auch mal durchgewechselt wird. Mit meinem Team bin ich jedenfalls bereits jetzt sehr zufrieden.

 

liftuup: Hast du Sponsoren, die dich bei deiner X-Alps Teilnahme unterstützen?

Michael: Ja, Sponsoren habe ich und ich bin mega glücklich und dankbar, dass ich durch sie unterstützt werde. Ohne die Sponsoren wäre ein solches Projekt alleine schon finanziell gar nicht möglich. Im Einzelnen sind meine Sponsoren:

  • Hymer stellt mir ein Wohnmobil als Versorgungsfahrzeug für das Rennen zur Verfügung
  • La Sportiva ist mein Partner in Sachen Bekleidung und Schuhwerk
  • Von ADVANCE beziehe ich meine Flugausrüstung
  • Julbo versorgt mich mit Sonnenbrillen
  • Basisrausch supportet mich mit Flieger-Handschuhen
  • Die passenden Socken für lange Märsche erhalte ich von Wrightsock
  • Auch die Firma Möbel Böck und Oberstdorf Tourismus unterstützen mich tatkräftig bei meinem Projekt

Ich hätte sogar noch einen Sponsoren-Platz frei. Also, liebe Interessenten da draußen, ihr dürft euch gerne bei mir melden (lacht).

 

liftuup: Michael – Hand auf’s Herz: Was ist dein Ziel für deine Teilnahme bei den Red Bull X-Alps 2021? Einfach Spaß haben, Erfahrung sammeln und das persönlich Beste geben? Oder schielst du doch ein wenig in Richtung Floß?

Michael: (Lacht). Naja, das wichtigste Ziel ist erst einmal, gesund zu bleiben und sich nicht vorzeitig körperlich oder mental abzuschießen. Klar, es ist ein Rennen: Auch für mich ist es wichtig, gut zu performen und eine gute Zeit hinzulegen – ich bin Sportler und Wettkämpfer, dementsprechend ambitioniert bin ich auch. Aber vor allem geht es für mich darum, eine geiles Abenteuer zu erleben und viele einzigartige Erlebnisse mitzunehmen; die Endplatzierung ist da eher zweitranging und diesbezüglich habe ich auch keine konkreten Vorstellungen. Ich will einfach gut durchkommen und wenn wirklich alles gut laufen sollte, liebäugle ich natürlich auch damit, ins Ziel zu kommen und auf dem Floß zu landen. Ich freue mich einfach wahnsinnig auf das Rennen!

 

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für dieses Interview. Einfach spitze, dass du uns so tiefe Einblicke in deine persönliche X-Alps Vorbereitung gewährt hast. Wir wünschen dir für das Rennen stets das entscheidende Quäntchen Aufwind unter dem Flügel und natürlich immer ein gutes Händchen für all die schwierigen Entscheidungen, die du auf deinem langen Weg nach Monaco treffen wirst. Bleib‘ gesund! Wir fiebern mit dir!

 

copyright: Adi Geisegger

An einem Sponsoring von Michael interessiert? Dann kannst du Michael direkt hier kontaktieren! Alternativ kannst du mit mir Kontakt aufnehmen – ich leite entsprechende Anfragen direkt an Michael weiter.

 

!! ACHTUNG Bildrechte !!

Alle im Text verwendeten Bilder unterliegen den alleinigen Bildrechten der in den jeweiligen Bildunterschriften genannten Urheber. Weitere Infos unter:

WOWschau #02: Ein cooler Erklärbär

 

Erklärbär – meine Güte, alleine schon das Wort finde ich furchtbar und jedes Mal, wenn ich es irgendwo lese, sträuben sich mir alle Nackenhaare. Vor meinem geistigen Auge formen sich dann Bilder von miserabel zusammengeschnittenen Videos, auf denen eine gelangweilt monotone Männerstimme blechern durch Lautsprecher ihr Wissen weitergibt. Da fühle ich mich immer an den Erdkundeunterricht zurückerinnert: Vorhänge im Klassenzimmer zu und der Super 8 Filmprojektor rattert unsäglich im Ohr einer komplett im Schlafdelirium befindlichen Schülerschaft 😉 Fliegt der Erklärbar dann auch noch Gleitschirm, trägt er in meinen schaurigen Phantasien ein Vollschutz-Integralhelm und einen Ganzkörper-Flugoverall, dessen Beinstege sich um knallig orangenfarbene Fliegerstiefel spannen. Joa…

Spaß beiseite, liebe Freunde, natürlich sind Videos, die Wissen transferieren, eine supercoole Sache und können uns in unserem Sport voranbringen – vor allem dann, wenn sie so fresh und optisch wertig daherkommen wie die Videos von Sebastian Benz auf seinem YouTube Channel.

Gerade für Streckenfluginteressierte lohnt sich das Anschauen besonders. Sebastian zeigt uns weite Teile seiner langen Streckenflüge via Time Lapse, also als Zeitraffer, und kommentiert dabei seine Wetterbeobachtungen und flugtaktischen Entscheidungen entlang seiner Flugroute. Das gibt uns eine sehr gute und anschauliche Vorstellung von Wolkenentstehung im Tagesverlauf, von Windeinflüssen und vom Geländerelief samt daraus resultierender Linienwahl. Und, mal ehrlich: Die hochalpine Gebirgswelt, in die uns Sebastian entführt, ist doch einfach nur atemberaubend schön! Zurücklehnen, Träumen und dabei noch was lernen. Was will man mehr? Danke Sebastian!

Das hier im Post direkt verlinkte Video ist Sebastians neuester Streich; wir werden mitgenommen auf einen 100 km Dreiecksflug vom schweizerischen Mornera aus – und das im Februar wohlgemerkt. Herausstechend auch hier wieder: Mit Sebastian über die vom Schnee weiß gezuckerte Landschaft zu fliegen ist ein Traum!

Trotz der spitzen Qualität von Sebastians Videos, hat sein YouTube Channel aktuell nur 2190 Abonnenten. Das muss sich ändern, liebe Fliegerfreunde: Also, fleißig Videos angucken, Abo dalassen und auf Facebook, Insta, etc. teilen 🙂

Übrigens, wer Sebastians Flüge genauer nachvollziehen und analysieren möchte, kann dies im XC Contest tun.

Plauderecke #05 | heute: Marlon Jonat

Paragliding & Yoga & YouTube – einmal Backstage bitte!

Schwarzer Vollbart, muskulöse Arme, Sonnenbrille und lässige Sprüche – Marlon Jonat ist wirklich ‘ne coole Socke und dürfte vermutlich die meisten Klickzahlen deutschsprachiger Gleitschirmvideos auf YouTube verbuchen. Und das zu Recht, ist Marlon doch einfach ein sympathischer Kerl und obendrein ein toller Pilot, der es mit seinen Videos vermag, selbst Nicht-Gleitschirmflieger an den Bildschirm zu fesseln und für unseren Sport zu begeistern.

Marlons Videos sind für mich wie bestes Popcorn-Kino; ein Samstagabend-Blockbuster für Gleitschirmflieger sozusagen. Warum? Weil Marlon mich regelmäßig mitnimmt auf eine emotionale Berg- und Talfahrt: Mal knistert es vor Spannung; wenig später Aufatmen und Erleichterung nach einem gemeisterten Low-Save; gefolgt von Verbiegungen auf der Couch und Lachkrämpfen, wenn Marlon wieder einen seiner genialen Sprüche aus dem Cockpit seines Liegegurts feuert. Love it!!

Ich denken die meisten unter euch werden Marlon auch auf diese oder ähnliche Art und Weise auf YouTube wahrgenommen haben.

Nun zeigen die sozialen Medien bekanntermaßen ein doch eher eindimensionales Bild einer Person. Und wie ihr wisst, bin ich von Natur aus ein neugieriger Mensch. Bei einem so coolen Charakter wie Marlon frage ich mich: Was für ein Mensch steckt denn hinter den „Kulissen“. Ja, ich möchte mehr wissen über die Menschen, die unseren geilen Sport ausüben.

Also mache ich das, was jeder wissbegierige Mensch meiner Generation im ersten Schritt tun würde: Googeln 😉 Aha, Marlon arbeitet als Yoga-Coach bzw. betreibt sogar eine eigene Yoga-Schule.

Darüber wollte ich natürlich mehr erfahren. Also kontaktierte ich Marlon kurzerhand per Mail und bat ihn um ein (digitales) Meeting in der liftuup Plauderecke.

Ich bin dankbar dafür, dass Marlon mir sogleich für ein Interview zusagte – umso mehr, gestaltet sich doch für die meisten Selbstständigen diese Zeit der Pandemie alles andere als einfach.

Ich wünsche euch nun super viel Spaß und jede Menge Input beim Lesen der folgenden Zeilen. Aber eines nehme ich schonmal vorweg: Marlon kann nicht nur tolle Videos produzieren, sondern er ist ein Mensch, der mich in seinem ganzen Sein, Denken und Tun begeistert! Aber lest selbst…

liftuup: Hey Marlon! Ich freue mich sehr, dich in der liftuup Plauderecke begrüßen zu dürfen; Die meisten YouTube-affinen Piloten werden dich wahrscheinlich von deinen tollen und viel geklickten Gleitschirmvideos kennen –  für alle, die noch nichts von dir gehört haben: stell dich doch einfach mal selbst vor.

Marlon: Hey Rüdiger! Vielen Dank für die Einladung, es ist schön hier bei dir in der Plauderecke zu sein. Ich heiße Marlon Jonat, bin 31 Jahre alt, komme aus Salzkotten bei Paderborn und bin von Beruf Yogalehrer und Sozialarbeiter.

 

liftuup: Wenn ich mich richtig erinnere, hast du in einem deiner Videos erwähnt, dass du bereits schon vor der Fliegerei Pilot warst – damals allerdings unterwegs auf zwei Rädern und geduckt hinter der Scheibe eines Motorrad-Cockpits. Wie bist du denn vom Motor- zum Gleitschirmsport gekommen? Skizziere doch mal deinen Werdegang zum Freiflieger.

Marlon: Ja genau, das ist richtig! Ich bin in meiner Jugend viel mit dem Mofa, dann mit dem Roller und ab 18 mit dem Motorrad unterwegs gewesen. Damals hat mich besonders die Geschwindigkeit fasziniert und ich habe es geliebt auf einem Rad zu fahren. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung wie unglaublich Gleitschirmfliegen ist und dachte, dass Motorradfahren eben das Beste sei, was man auf der Erde machen kann. Dabei habe ich leider die Erfahrung machen müssen, dass es auf dem Motorrad oft erst dann anfängt Spaß zu machen, wenn es eigentlich schon viel zu gefährlich wird und noch dazu nicht mehr im Sinne der Straßenverkehrsordnung abläuft. Ich bin dann hier und da mal auf der Rennstrecke gewesen, doch auch dort habe ich nicht das gefunden, was ich vielleicht insgeheim gesucht habe. Es war noch immer ziemlich gefährlich und hat noch dazu einen Haufen Geld gekostet. Es hat dann noch eine Weile gedauert, bis ich 24 Jahre alt war. Ich erinnere mich noch gut an den Tag!

Es war an einem dunklen kalten Herbstabend 2013, als ich von Langeweile geplagt vor dem Bildschirm saß und mich durch YouTube Videos geklickt habe. Schließlich wurde mir ein Video von Jean-Baptiste Chandelier vorgeschlagen. Mit seiner herausragenden Art, Paragliding in seinen Videos in Szene zu setzen, hat mich diese Art der Fliegerei sofort in seinen Bann gezogen.

Nachdem ich mich durch sämtliche Paragliding Videos geklickt hatte, war mein Verständnis für diesen Sport von Grund auf verändert. Natürlich war mir bereits vor diesem besagten Abend bewusst, dass es Paragliding/ Gleitschirmfliegen als Sport gibt, allerdings habe ich es bis zu diesem Zeitpunkt anders wahrgenommen. Ich hatte das Bild von alten Männern, die an einem Tuch, langsam von einem Hügel herab schweben, im Kopf.

In dem Video von Jean-Baptiste habe ich jedoch erkannt wie viel mehr Potential dieser Sport hat. Es ist nicht nur möglich von oben nach unten zu schweben, sondern auch mit der Thermik aufzusteigen und atemberaubende Manöver zu fliegen und sogar große Distanzen zurück zu legen.

Genau da ist mir klar geworden, dass Gleitschirmfliegen alles andere als langweilig ist und vermutlich genau das war, wonach ich schon immer gesucht und geträumt hatte.

Es war noch derselbe Abend, an dem ich mir bei bei ebay Kleinanzeigen meinen ersten Gleitschirm für 60€ kaufte! Es war ein Gleitschirm von 1989, aber das war mir egal. Ich dachte, der wird schon reichen, um die ersten Erfahrungen zu sammeln.

Wenige Tage später kam das Paket mit der alten, aber noch sehr gut erhaltenen “Tüte” an. Neben dem alten Firebird Schirm hatte ich nur einen Klettergurt, Baumarkt Karabiner und einen Skateboardhelm. Da ich hier im Flachland noch nicht die passenden Hügel kannte, blieb mir erstmal nur das Groundhandling. Das hat mir aber nicht gereicht und ich wollte unbedingt abheben, koste es, was es wolle. Und so ereignete es sich, dass ich an einem sehr windigen Tag mal wieder mit dem Schirm auf einer Wiese stand und mich im Groundhandeln übte, aber schnell merkte, dass der Wind immer stärker wurde. In meiner damaligen Unwissenheit, habe ich mich dann mit einer 10m Reepschnur am Auto befestigt, um nicht vom Wind weggepustet zu werden.

Ihr könnt euch sicher denken was dann passierte…der Wind wurde immer stärker und ich merkte wie ich langsam begann abzuheben. Im ersten Augenblick war ich total happy, denn ich war endlich in der Luft. Doch es dauerte nicht lang und ich merkte, in welch missliche Lage ich mich gebracht hatte. Ich hing verkehrt herum, also mit dem Blick zum Gleitschirm gerichtet, da ich das Groundhandling über Kreuz noch nicht beherrschte, auf voller Seillänge fast senkrecht in der Luft ohne den Schirm richtig steuern zu können. Irgendwann ging es natürlich wieder runter, zwar alles andere als kontrolliert, aber ich bin unbeschadet aus der Situation herausgekommen.

Es folgten viele weitere abenteuerliche Flugversuche und Experimente, in denen ich per Seilschlepp vom Auto in die Luft gezogen wurde, Bruchlandungen und beinahe Abstürze hatte, bis ich endlich den Weg zur Flugschule wählte. Auch wenn ich mir zu dem Zeitpunkt bereits die grundlegenden Start- und Flugfähigkeiten beigebracht hatte, ging es mit der A-Lizenz erst so richtig los.

 

liftuup: Was bedeutet Fliegen für dich heute – viele Flugstunden später?

Marlon: Die Fliegerei hat mich nach wie vor in ihren Bann gezogen und es ist jedes Mal ein unglaubliches Gefühl abzuheben und den Boden zu verlassen. Doch heutzutage ist es nicht nur der starke Wunsch, der mich in die Luft bringt, sondern auch das nötige Maß an Wissen und Erfahrung, um auch wieder sicher zu landen. Doch den  Hang zum Experimentieren und den Wunsch nach mehr zu streben, trage ich nach wie vor in mir. Wenn es die Konditionen also hergeben, geht es oft darum, höher, weiter oder schneller zu fliegen oder Acro Manöver zu erlernen, um die Fliegerei in all ihren Facetten kennenzulernen.

liftuup: Hand auf’s Herz: Wie wurde aus dem begeisterten Tuchflieger Marlon Jonat der wohl bekannteste deutsche Gleitschirm-VLOGer auf YouTube? Eine Erfolgsgeschichte nach Plan oder doch eher ein „hat-sich-so-ergeben-Selbstläufer-Ding?“

Marlon: Tja das ist eine gute Frage… Also eine Erfolgsgeschichte nach Plan war es sicher nicht. Genau weiß ich es selbst nicht, aber ich glaube, da haben einige Faktoren und etwas Glück dazu beigetragen. Ich denke, es ist mir gelungen, das Gleitschirmfliegen so darzustellen, dass auch für den Laien erfahrbar wird, was es bedeutet, mit dem Gleitschirm zu fliegen. Die Kombination, aus mehreren Perspektiven zu filmen und meine Emotionen und Eindrücke vor der Kamera zu teilen, um dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln als wäre er selbst mitgeflogen. Und natürlich werde ich auch einfach Glück mit dem YouTube Algorithmus gehabt haben!

 

liftuup: In deinen Videos nimmst du deine Zuschauer auf ganz sympathische und authentisch Art und Weise mit auf beeindruckend schöne Streckenflüge – dabei begeisterst du sogar Zuschauer, die sonst mit dem Fliegen überhaupt nichts am Hut haben. Beim digitalen Blick über deine Schulter spürt man regelrecht, welche Emotionen du beim Fliegen durchlebst. Was fasziniert dich im Besonderen an der Spielart des Streckenfliegens?

Marlon: Vielen Dank Rüdiger, deine netten Worte weiß ich sehr zu schätzen! Es hat mir immer schon viel bedeutet, meine Begeisterung mit meinen Mitmenschen zu teilen.

Dabei hat das Streckenfliegen einen ganz besonderen Reiz. Ich denke, dass besonders die Herausforderung und das Abenteuer am XC Fliegen mich so faszinieren. Wie sagt man so schön: “Runter kommen sie alle!” Nur, dass es beim Streckenfliegen darum geht, möglichst lange oben zu bleiben, um eine möglichst große Distanz zu überwinden. Doch gerade hier, bei mir im Flachland, muss man erstmal einen Weg finden, hoch zu kommen. Das ist an manchen Tagen gar nicht so leicht, besonders, wenn man bedenkt, dass die Hügel von denen ich starte, oft nicht mehr als 50m Höhenunterschied haben. Hat man es dann geschafft bis zur Basis aufzudrehen und hängt unter den Wolken, ist das ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Es erweckt den Eindruck, man könnte ohne Grenzen überall hinfliegen. Es fasziniert mich ungemein, mich z.B. unter einer Wolkenstraße entlang zu hangeln und aus der Vogelperspektive die Welt zu erkunden. Jeder Streckenflug ist ein neues Abenteuer, jedes Mal lernt man etwas Neues oder entdeckt die Welt aus einer anderen Perspektive. Die Bedingungen in der Luft sind nie gleich, die Ungewissheit, wo man die nächste Thermik findet und wie weit der Flug noch geht, können ganz schön an den Kräften zehren und es gibt vermutlich kaum etwas Spannenderes als ein Lowsave! Ein Flug, der sich dem Ende neigt und man schon fest mit der Landung rechnet, aber noch bis zum letzten Meter kämpft und dann…plötzlich piept das Vario und man findet Thermik, die einen wieder bis an die Basis trägt. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Auf einmal ist wieder alles möglich!

Ja, ich denke, das Alles ist es, was mich am Streckenfliegen so fasziniert. Das Gesamtpaket aus Herausforderung und Abenteuer!

 

liftuup: Ich möchte in diesem Interview aber gar nicht in erster Linie über deine mediale Präsenz sprechen. Wenn man dich googelt, dann findet man ganz leicht heraus, dass du Yoga-Lehrer bist – und das bereits seit 2007. Ich finde das super spannend. Wie kam es dazu? Erzähl uns bitte von deiner nicht ganz gewöhnlichen Berufswahl.

Marlon: Ich war damals gerade fertig mit meinem Fachabitur, habe noch in einem Hochseilgarten gearbeitet und hatte schon den Plan, Soziale Arbeit zu studieren. Ich wollte allerdings nicht gleich von der Schule ins Studium wechseln. Zu der Zeit war meine Mutter gerade dabei, zur Yogalehrerin ausgebildet zu werden. Ich hatte bis dahin keine Ahnung davon, was Yoga wirklich bedeutet und hatte auch noch keinerlei Vorerfahrung. Ich habe es – ehrlich gesagt – immer etwas belächelt und dachte, dass man beim Yoga Räucherstäbchen anzündet und sich zum Geräusch der Klangschale auf seiner Schaf-Fell-Matte entspannt. Eines Tages ist mir dann ein Übungsbuch meiner Mutter in die Hände gefallen und ich war ganz überrascht, wie akrobatisch und sportlich es beim Yoga zugehen kann. Ich habe, soweit ich konnte, gleich einige Übungen ausprobiert und wollte mehr. Ich erfuhr, dass wir hier ganz in der Nähe meiner Heimat das größte Yoga- und Seminarhaus Europas haben und ich dort auch zum Yogalehrer ausgebildet werden könnte. Es dauerte nicht lang und die Entscheidung war getroffen…Ich wollte Yogalehrer werden! Als ich dann 2007 die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, war ich gerade mal 16 Jahre alt und so war ich zu dem Zeitpunkt der jüngste Yogalehrer Deutschlands. Anfangs habe ich die Ausbildung eher als Weiterbildung für mich selbst gesehen. Dass sich daraus mal meine Selbständigkeit und meine heutige Yogaschule entwickeln würde, hätte ich nie gedacht.

 

liftuup: Welche Bedeutung hat Yoga für dich? Wie hat es dich geprägt? Hat sich durch das regelmäßige Praktizieren etwas an oder in dir geändert?

Marlon: Yoga ist ein Teil meines Lebens geworden und ich kann mir heutzutage kein Leben mehr ohne Yoga vorstellen! Yoga hilft mir, mich fit und gesund zu halten. Es geht aber noch weit darüber hinaus. Ich habe viele Aspekte des Lebens erst durch Yoga aus einer ganz neuen Perspektive betrachten können und es hilft mir mit einem anderen Bewusstsein durchs Leben zu gehen. Auch mein Verständnis von Yoga hat sich grundlegend verändert und ich habe gelernt, dass Yoga so viel größer ist, als ich damals dachte. Es ist viel mehr als nur ein Übungssystem für Körper und Geist. Ich habe selbst nur die “Spitze des Eisbergs” erfahren und entdecke Yoga und mich selbst immer wieder aufs Neue. Es ist schwer zu beschreiben, was Yoga alles umfasst, da es so groß ist, dass jeder etwas Anderes für sich daraus ziehen kann.

Durch das regelmäßige Praktizieren hat sich eine ganze Menge in mir verändert. Ganz offensichtlich sind die körperlichen Veränderungen. Ich bin deutlich flexibler und geschmeidiger als ich es vor der Ausbildung war. Auch ein deutlicher Kraftzuwachs ist unverkennbar. Die aber – in meinen Augen – größte Veränderung ist das Entwickeln innerer Gelassenheit. Yoga hilft mir, einen Ausgleich zum Alltag zu schaffen und bringt mich durch den Wechsel von Anspannung und Entspannung in ein tiefes inneres Gleichgewicht.

 

liftuup: Sieht man dich in den YouTube Videos, so stellt man eines ziemlich schnell fest: Der Marlon ist echt fit! Du bist körperlich ganz hervorragend in „shape“. Machst du neben dem regelmäßigen Yoga Training noch mehr für deine Fitness?

Marlon: Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt! Tatsächlich würde ich behaupten, dass Yoga den Schwerpunkt meines Trainings ausmacht. Allerdings gehe ich auch gerne bouldern und laufen und ich baue auch immer wieder funktionelle Fitness-Übungen in mein Training ein.

liftuup: Nun, gute Streckenpiloten gibt es viele – ob mit Plauze oder ohne 😉 Dennoch stelle ich immer wieder fest, dass Toppiloten oftmals auch in unglaublich guter körperlicher Verfassung sind. Man denke nur an die X-Alps Athleten, die alle 2 Jahre auf beeindruckende Art und Weise zeigen, was in unserem Sport geht, welche körperlichen und fliegerischen Leistung abgerufen werden können. Siehst du einen erkennbaren Zusammenhang zwischen körperlicher Konstitution und der potentiellen fliegerischen Leistungsfähigkeit eines Piloten?

Marlon: Ich denke bei den X-Alps Piloten ist die körperliche Leistungsfähigkeit eine unumgängliche Voraussetzung, um den läuferischen Anteil des Rennens überhaupt bewältigen zu können. Aber ich bin davon überzeugt, dass auch für die weniger laufstarken Piloten unter uns die körperliche Fitness einen positiven Effekt auf die fliegerische Leistungsfähigkeit hat. Wer schon mal mehrere Stunden am Stück bei anspruchsvollen Bedingungen unter dem Schirm hing, der weiß, wie körperlich es beim Gleitschirmfliegen zur Sache geht und wie wichtig es ist, eine konstant hohe Leistungsfähigkeit über Stunden hinweg aufrecht zu erhalten.

 

liftuup: Die körperliche Verfassung ist die eine Seite der Medaille, sozusagen die Hardware, mit der wir arbeiten können. Fliegen spielt sich aber bekanntermaßen auch ganz stark im Kopf ab. Situationen und Begebenheiten sondieren, analysieren und in der Folge möglichst gute Entscheidungen treffen – gerade anspruchsvolle Streckenflüge verlangen von uns Piloten in dieser Hinsicht so einiges ab. Was denkst du persönlich über mentale Stärke und das passende Mindset als Rüstzeug für erfolgreiches (Strecken-)Fliegen?

Marlon: Ich bin ganz deiner Meinung! Oft gerät man beim Fliegen und besonders beim Streckenfliegen in Situationen, in denen man nicht nur schnell und präzise analysieren und wichtige Entscheidungen treffen muss, sondern auch unter starker mentaler Spannung steht. Ich habe gleich eine ganze Reihe Situationen vor Augen, in denen die äußeren Umstände ein schnelles und konsequentes Handeln erfordert haben und das Treffen der richtigen Entscheidung maßgeblich am Erfolg des Fluges oder der Sicherheit beigetragen haben.

Zum Beispiel bei meinem Flug von Detmold bis an die belgische Grenze. Da hatte ich bereits kurz nach dem Start eine Situation, in der ich sehr tief auf der Suche nach Thermik war und deutlich spürte, wie meine innere Anspannung anstieg. Es schien ziemlich aussichtslos, mich aus dieser Situation nochmal herauszuarbeiten. Hätte ich in dem Moment dem Zweifel Raum geschenkt und meinen Fokus verloren, wäre der Flug dort auf dem Feld sicher zu Ende gewesen.

 

liftuup: Hilft dir dein regelmäßiges Yoga-Training auch als Vorbereitung für knifflige oder gar brenzlige Situationen während eines Fluges?  Gibt es Techniken, die du in den jeweiligen Situationen abrufen und anwenden kannst? Wie sieht das konkret aus?

Marlon: Ich denke schon, dass sich Yoga bzw. die durch das Yoga geübte innere Gelassenheit positiv auf meine fliegerische Leistungsfähigkeit auswirkt und mich schon so manches Mal vor einer Bruchlandung bewahrt hat. Ich glaube, ich habe auch ein Händchen dafür, mich in brenzlige Situationen zu bringen oder mich höherem Risiko auszusetzen. Aber gerade dann, wenn es darauf ankommt, bin ich innerlich oft ganz ruhig und im Kopf ganz klar. Wenn es mal eng wird, habe ich das Gefühl, dass auf einmal alles wie in Zeitlupe läuft und ich mehr Zeit für meine Entscheidungen und mein Handeln habe. Ich kann mich an einige Situationen erinnern, die das Potential hatten, gefährlich enden zu können, es mir aber gelungen ist, die Ruhe zu bewahren und die richtige Entscheidung zu treffen.

Ich habe allerdings keine spezielle Technik, die ich in der Situation selbst anwende. Es ist vielmehr meine grundsätzliche innere Einstellung. Man könnte jetzt natürlich anführen, dass es hilfreich ist, tief in den Bauch zu atmen und die Ausatmung etwas zu verlangsamen. Das ist eine Technik, um sich aktiv zu beruhigen, jedoch mache ich davon in der Luft eher weniger Gebrauch. Ich denke, ich profitiere von der grundsätzlichen inneren Haltung, die ich durch mein Yoga-Training entwickeln konnte. Da sich im Yoga Anspannung und Entspannung immer wieder abwechseln, wird einem völlig klar, wie es sich anfühlt unter Spannung zu stehen und was nötig ist, um wieder in einen entspannten Zustand zurück zu finden. Yoga hat mir geholfen, selbst in starken Spannungszuständen Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln, um meinen Fokus nicht zu verlieren.

 

liftuup: Es gibt viele verschiedene Yoga-Stile bzw. Ausprägungen. Die Thematik wirkt auf Laien der Materie wie mich sehr faszinierend aber natürlich auch unglaublich komplex. Wie gelingt der Einstieg?

Marlon: Ich selbst habe als Yogalehrer noch nicht alle Yogastile ausprobiert und es gibt nahezu endlose Übungen, Techniken und Methoden, um die körperliche, geistige und seelische Entwicklung zu trainieren. Ich habe damals mit Hatha-Yoga begonnen und es ist nach wie vor der Grundbaustein meines Trainings und meiner Kurse. Es ist ein eher körperorientierter Yogastil, der Elemente aus den 6 grundlegenden Yogastilen vereint. Wenn ich mir jetzt als Einsteiger die Frage stelle, welcher Yogastil für mich der richtige ist, dann würde ich mich zunächst fragen, was mein Ziel ist, das ich erreichen möchte. Hier im westlichen Teil der Welt, wird Yoga oft mit Pilates oder Aerobic verglichen und natürlich gibt es gewisse Parallelen und Gemeinsamkeiten. Es gibt aber noch so viel mehr! Und keine Sorge, liebe Männer da draußen: Es ist nicht nur für Frauen! Ich bin davon überzeugt, dass besonders die Männer vom Yoga profitieren. Für mich ist die körperliche Komponente nach wie vor das, was ich im Yoga trainieren möchte. Aber der Geist spielt dabei immer eine wichtige Rolle.

Welcher Stil für einen der richtige ist, kann ich nicht pauschal sagen. Ich denke, in der heutigen Zeit ist man gut damit beraten, sich im Internet mal ein paar Stile anzuschauen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Unabhängig vom Yoga Stil ist es aber auch entscheidend, den für sich passenden Yogalehrer zu finden.

 

liftuup: Gibt es einen Yoga-Stil, den du insbesondere Gleitschirmpiloten ans Herz legen würdest? Wenn ja welcher und warum?

Marlon: Ich kann zumindest sagen, was mir persönlich hilft: Das ist ein körperorientierter Stil, der eine ausgewogene Mischung aus Körperübungen (Kräftigung, Mobilisierung und Koordination) sowie Entspannungs-, Meditations- und Atemübungen beinhaltet, also Hatha-Yoga. Die Körperübungen halten mich fit und flexibel und helfen mir, an Flugtagen in bester Verfassung zu sein. Die Entspannungs- und Meditationsübungen helfen mir, gelassen und gleichzeitig fokussiert zu fliegen. Übrigens haben die ursprünglichen Yogis in Indien die Yoga Übungen praktiziert, um möglichst lange beschwerdefrei in der Meditationshaltung verweilen zu können, teilweise mehrere Tage am Stück. Da ist es doch naheliegend, dass uns die Yogaübungen auch auf langen Streckenflügen helfen, möglichst lange leistungsfähig zu sein und bequem im Gurtzeug sitzen zu können.

 

liftuup: Jetzt steht noch einige Zeit des Winters bevor. Für die meisten Piloten bedeutet diese Jahreszeit Kälte und Nässe statt der geliebten Airtime. Eigentlich die beste Zeit, um anderweitig für die eigenen fliegerischen Projekte, Träume und Ziele zu trainieren. Gib uns doch eine Empfehlung, wie wir die flugarme Jahreszeit sinnvoll nutzen können, um uns körperlich und mental zu stärken, sodass wir mit vollem Tatendrang samt neu erworbener Fähigkeiten in die neue Flugsaison starten können.

Marlon: Ja schon richtig, dass es im Winter nicht so einladend ist und wetterbedingt auch weniger Flugtage zur Verfügung stehen. Aber wann immer ich kann, bin ich auch im Winter in der Luft bzw. am Übungshügel, um im Training zu bleiben. Wenn es im Frühling mit den thermisch aktiven Tagen losgeht, dann will ich doch vorbereitet sein! Genauso würde ich es auch jedem anderen Piloten raten!

An den schlechten Tagen gibt es dann wiederum kaum etwas Besseres, als sich ein gutes Buch aus der Gleitschirmliteratur zu schnappen, sich aufs Sofa zu setzen und einfach mal tief in die unterschiedlichen Themeninhalte abzutauchen. Ich liebe es, ein solches Buch richtig durchzuarbeiten. Mit Textmarker und Post-it bewaffnet markiere ich die für mich relevanten Themen und versuche aufkommende Fragestellungen für mich zu beantworten. Dabei habe ich regelmäßig “AHA Momente”, die mich am nächsten Flugtag besser und erfolgreicher fliegen lassen.

Aber ich vermute, du spielst auf etwas Anderes an. Wenn wir schon beim Thema sind, ist der Winter die perfekte Zeit, um etwas für sich und seinen Körper zu tun! Und wer weiß, vielleicht entdeckt der ein oder andere ja Yoga für sich!? Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!

 

liftuup: Nun sprich mal in eigener Sache. Wo findet man Infos über dich und dein Yoga-Training?

Marlon: Ja, sehr gern! Ich habe im letzten Jahr ein paar neue Übungsvideos auf meinem YouTube Yoga-Kanal hochgeladen. Den findet man auch, wenn man einfach meinen Namen “Marlon Jonat” am besten in Kombination mit Yoga bei YouTube eingibt. Da bekommt man sicher einen guten ersten Eindruck davon, wie der Yogastil, den ich praktiziere, aussieht. Ich habe die Absicht, dort in naher Zukunft noch mehr hochzuladen und den Kanal auszubauen. Ich bin aktuell dabei meine Yogaschule zu erweitern. Die Bauphase des neuen Gebäudes ist nun fast abgeschlossen. Die offizielle Website www.athleticyoga.de befindet sich aktuell noch im Aufbau. Aber auch dort wird demnächst Einiges zu finden sein. Wer hier im Paderborner Land mal unterwegs ist, ist nach dem Lockdown herzlich zu einer Probestunde eingeladen.

 

liftuup:  Wie geht es weiter mit Marlon Jonat auf YouTube? Auf was können wir uns künftig freuen?

Marlon: Natürlich kann ich noch nicht zu viel verraten, aber auf meinen Festplatten stapeln sich etliche Terabytes an Videomaterial, das nur darauf wartet, endlich bearbeitet zu werden. Es werden Videos kommen, die meine Geschichte des Gleitschirmfliegens darstellen und meine halsbrecherischen Anfänge dokumentieren. Natürlich weitere Streckenflüge im VLOG Style, aber auch Motor- und Akrofliegen werden Thema sein. Und als nächstes kommt das Video, was erzählt, wieso es so lange ruhig auf meinem Kanal war und was genau passiert ist! Denn eins ist sicher: Ich bin nach wie vor absolut fasziniert vom Fliegen und möchte meine Faszination auch weiterhin mit euch teilen!

 

liftuup: Meine Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das tolle Interview und freuen uns, wenn es das nächste Mal heißt: „Jetzt muss es der Enzo einfach regeln!“ 😉

 

Anmerkung:

Alle hier in diesem Beitrag verwendeten Bilder unterliegen ausschließlich und alleine den Bildrechten des Bildinhabers Marlon Jonat