Plauderecke #07 | heute: Thomas Hofbauer

Bordairrace – Rennen, Abenteuer und Community zugleich!

 

Seit ich 2011 mit dem Gleitschirmfliegen begonnen habe, bin ich von der Kombination aus „Wandern & Fliegen“ total begeistert. Wenige Tage nach Erhalt des A-Scheins ging ich meine erste kleine aber schöne Hike & Fly Tour im Tannheimer Tal: Hoch wandern, Starten, Landschaft bestaunen und voller Bilder im Kopf wieder auf den Erboden zurückkehren – ja, da wusste ich bereits: Hike & Fly, das war meins!

Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dieser Spielart des Fliegens beschäftigt, stößt über kurz oder lang unweigerlich auch auf die in diesem Bereich namhaften und regelmäßig stattfindenden Bewerbe: Crossalps, Bordairrace, Dolomiti Superfly und natürlich die großen X-Alps – um nur einige zu nennen.

Mit Fitness und fliegerischen Skills ausgestattet, die vielleicht so im annähernd guten Mittelfeld angesiedelt sein dürften, hat es bei mir dann aber doch bis Juli 2021 gedauert, bis ich mich selbst für eine Teilnahme an einem Hike & Fly Bewerb entschieden hatte. Letztendlich hatte ich so viel Gutes und so viele Worte der Begeisterung über das Format Bordairrace gehört, dass ich mich dieser Herausforderung nicht länger entziehen wollte. Wer nichts probiert, der erlebt auch nichts!

Neben der sportlichen Herausforderung bei einem solchen Race bin ich als Blogger natürlich in erster Linie an den Menschen interessiert, die hinter den Kulissen agieren und die Durchführung eines solch erfolgreichen Events erst möglich machen. Umso erfreuter war ich, als mir der Kontakt zu einem der Race Organisatoren, Tomy Hofbauer, hergestellt wurde.
Tomy ist so eine Person, die mich irgendwie schon mein ganzes Fliegerleben lang begleitet – ob diverse Berichte in verschiedenen Online- und Printmedien oder bei der Verfolgung der X-Alps 2013 – Tomy’s Gesicht tauchte auf meinem Fiegerradar in regelmäßigen Abständen auf.

Im Vorfeld des diesjährigen Bordairrace Events in der Wildschönau war es dann so weit und ich traf den sympathischen Österreicher samt seiner Partnerin Ulli persönlich an der Bergbahn des Markbachjochs. Eine Kaffeerunde später durfte ich Tomy dann in die lifttup Plauderecke bitten und in der Folge ein Gespräch mit einem Menschen führen, dessen Ausstrahlung und dessen Worte geradezu vor Begeisterung für unseren Sport, vor allem für das Hike & Fly, sprühen.
Ich empfinde es als großes Privileg, mit Menschen wie Ulli und Tomy in Kontakt treten und ausführlich sprechen zu dürfen – dafür bin ich wahnsinnig dankbar!

Aber nun genug der Vorrede: Bühne frei für Tomy Hofbauer und die Hike & Fly Rennserie Bordairrace!

 

liftuup: Hey Tomy. Erst mal recht herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für ein kurzes Interview nimmst. Wie geht es dir?

Tomy: Hey, sehr gerne! Mir geht es super! Wir, also meine Partnerin Ulli und ich, waren heute schon hier auf dem Hausberg, dem Markbachjoch, und konnten bereits schön Fliegen und das Gebiet ein wenig aus der Luft erkunden. Na, und jetzt freue ich mich einfach darauf, mit dir ein wenig zu sprechen.

 

liftuup: Mit meinen 10 Jahren Gleitschirmfliegen bin ich in der Szene quasi noch ein ganz junges Küken – du dagegen ein wirklich erfahrener Flughase 😉 Bereits seit den Anfängen meiner eigenen Fliegerei lese ich deinen Namen immer mal wieder beim Durchstöbern von Event- oder Reiseberichten. Gib uns doch mal einen kurzen Abriss deines eigenen, ganz persönlichen Werdegangs als Pilot.

Tomy: Ja, wie du bereits gesagt hast, bin ich doch schon recht lange in der Gleitschirmszene unterwegs – mittlerweile müssten das etwa 33 Jahre sein. So viel hat sich für mich als Pilot in der ganzen Zeit eigentlich gar nicht verändert. Das, was mich schon vor 33 Jahren so sehr am Gleitschirmfliegen faszinierte, das fasziniert mich auch heute noch daran. Angefangen hat das Ganze bei mir so, dass ich auf dem Fernsehsender ORF einen Bericht über das Gleitschirmfliegen gesehen habe. In dem Fernsehbeitrag wurde das als DIE neue Trendsportart vorgestellt, welche ihre Ursprünge in Frankreich hätte und von dort aus nun auch immer stärker zu uns nach Österreich kommen würde. Ich war von den Bildern, die ich da im Fernsehen sah, sofort gefesselt. Zu der Zeit war ich 15 Jahre alt. Ich holte mir sofort Erkundigungen ein und erfuhr, dass man in Österreich mit dem beginnenden 16 Lebensjahr seine Fluglizenz erwerben durfte. Na, und das habe ich dann auch gemacht. Naja, eigentlich ging die ganze Ausbildung nur eine Woche lang und in dieser hatten wir zudem schlechtes Wetter. Dennoch hielt ich nach der Woche stolz meinen Pilotenschein in den Händen – von irgendeinem fliegerischen Können konnte natürlich nach dieser Ausbildung nicht mal ansatzweise die Rede sein (lacht).

Da stand ich nun. Naja und zu Hause, in meiner Umgebung, kannte ich eigentlich niemanden, der zu dieser Zeit Gleitschirm flog; insgesamt gab es damals ja auch erst sehr wenige Gleitschirmpiloten. Die ersten Schritte als Freiflieger waren dann „learning-by-doing“. Naja, vielleicht auch ein bisschen „learning-by-Draufzahling“ (lacht). Aber, Gott sei Dank, ist mir in den ganzen 33 Jahren Fliegerei bis auf einige verstauchte Knöchel nie wirklich etwas Schlimmes passiert. Die für mich ganz große Faszination beim Gleitschirmfliegen ist einfach diese unglaubliche Leichtigkeit. Rauf auf den Berg gehen und dann von oben herunterfliegen. Dieses Gefühl des „Leicht-Seins“, hat sich für mich zu einer wahren Leidenschaft entwickelt – und diese Faszination, diese Leidenschaft begleitet mich seit den Anfängen bis zum heutigen Tag.

Naja, und irgendwann kamen dann die ersten Bewerbe im Bereich „Hike & Fly“ auf – da war ich als Sport begeisterter Mensch natürlich sofort dabei. Die Kombination von Ausdauersport und Fliegen packte mich von Anfang an! Die ersten Erfahrungen mit solchen Wettbewerben machte ich bei den Crossalps; das müsste jetzt auch schon wieder 15 Jahre zurückliegen.

Über die ganzen Jahre hinweg konnte ich natürlich auch die riesigen Sprünge in der Materialentwicklung miterleben. Mit den ersten Schirmgenerationen hatte man bei einer geschätzten Gleitzahl von 1:3 doch eher wenig Startoptionen. Viele Gelände waren einfach nicht steil genug, um beflogen zu werden.

Das Thema Thermik muss ich bei meiner Ausbildung in der Flugschule wohl verschlafen haben (lacht). Fliegen, das war für mich jahrelang einfach hochlaufen, starten und zwei bis drei Minuten lang abgleiten. Thermik oder Hangaufwind zur Flugverlängerung nutzen? Das hatte ich ziemlich lange so gar nicht auf dem Radar! Umso grandioser ist es heutzutage erleben zu dürfen, was wir mit unseren Fluggeräten so alles anstellen können.

copyright: T. Hofbauer

liftuupWie hat sich deine Fliegerei im Laufe der Jahre verändert? Was mochtest du früher, für was brennst du heute?

Tomy: Also, wie schon gesagt: Die Faszinationen für die Leichtigkeit beim Gleitschirmfliegen, vor allem beim Hike & Fly, ist ungebrochen groß. Hike & Fly, gerne auch in Kombination mit tollen Streckenflügen, ist für mich eine der schönsten Spielarten der Fliegerei. Was in den letzten Jahren für mich neu dazugekommen ist, ist die Begeisterung für das gemeinsame „Erleben“. Ich habe vor etwa vier Jahren meine Partnerin Ulli kennengelernt. Sie fliegt zwar auch solo, aber wir genießen es wirklich sehr, gemeinsame Hike & Fly Touren zu gehen und auch Streckenfliegen gemeinsam am Tandem zu erleben. Gerade gestern bin ich mit Ulli zusammen von meinem Hausberg, dem Schöckl, mit dem Tandem vom Grazer Bergland fast bis an den Dachstein geflogen, den höchsten Berg der Steiermark. Das waren etwa 140 Kilometer Hochgenuss am Tandem! Ich gehe natürlich auch immer noch gerne solo auf Strecke, aber das ist einfach nicht mehr das Gleiche für mich.

Auch die Bordairrace Rennen bestreiten wir seit einiger Zeit zusammen als Team. Sich zu zweit solchen Herausforderungen zu stellen und diese gemeinsam zu bestreiten, das ist schon etwas ganz Besonderes. Gerade bei den langen Fußmärschen unterstützen wir uns gegenseitig enorm. Man teilt sowohl die schönen, als auch die etwas stressigen bzw. herausfordernden Momente. Diese Komponente bei der Fliegerei wollte ich heute nicht mehr missen.

copyright: T. Hofbauer

liftuup: Heuer begegne ich dir als Mitorganisator der Hike & Fly Rennserie „Bordairrace“. Für diejenigen Leserinnen und Leser unter uns, die davon noch nichts gehört haben: Was genau ist das „Bordairrace“? Wie sind die Regeln und wie gestaltet sich der Ablauf?

Tomy: Die Regeln sind eigentlich relativ simpel. Wir durften das Regelwerk dankenswerterweise aus der ursprünglichen Rennserie, den bayrischen „Crossalps“, übernehmen. Dem Athleten steht von Start bis Finish ein Zeitfenster von 33 Stunden zur Verfügung. In diesem Zeitfenster darf sich der Athlet nur zu Fuß oder fliegend fortbewegen. Aufgabe ist es, so weit wie möglich vom Start weg und wieder ins Ziel zurückzukommen. Die Richtung, in der sich der Athlet dabei fortbewegt, ist ihm überlassen. Schlussendlich zählt für das Ranking die Luftliniendistanz zwischen Start und dem am weitesten entfernten Wendepunkt. Rechtzeitig ins Ziel zurückzukommen, also vor Ablauf der 33 Stunden, lohnt und wird mit satten Extrapunkten belohnt, wohingegen ein Nichterreichen des Ziels Punktabzug gibt. Darüber hinaus müssen 20 % der projizierten Strecke geflogen werden – ansonsten gibt es auch hier Punktabzug. An einem normalen oder mäßigen Streckenflugtag ist das Erfüllen der 20 % Vorgabe aber eigentlich kein Problem.

Jo, That’s it! In unseren Ausschreibungen zu den Rennevents kann das aber alles nochmal ausführlich nachgelesen werden.

 

liftuup: Gibt es auch verschiedene Wertungsklassen?

Tomy: Ja genau. Ganz zu Beginn des Bordairrace Formats gab es nur eine einzige Wertungsklasse. Heuer gibt es mehrere unterschiedliche Wertungsklassen. Klar, es gibt die Gesamtwertung; daneben gibt es auch noch die Fun-, Rookie, Tandem- und auch Frauenwertung. Wir sehen die verschiedenen Klasseneinteilungen als Anreiz, gerade auch für Neueinsteiger in diese Art von Rennen; oder auch für Piloten, die bewusst mit niedrig klassifizierten Schirmen unterwegs sein wollen. Und natürlich wollen wir auch gerne die Mädels für unser Format begeistern und zum zahlreichen Mitmachen animieren.

Seit etwa 4-5 Jahren gibt es sogar eine Ehrung für den „Supporter oft he Year“ und den „Bordairracer of the Year“. Hier geht es überhaupt nicht um Punkte oder Platzierungen. Nein, hier geht es ganz klar um soziale Aspekte: Kollegialität, gegenseitige Unterstützung, ja einfach um den gelebten Sportsgeist. Wir sehen und erleben während des Rennverlaufs immer wieder ganz großartige Momente. Beispielsweise versorgt der Supporter wie selbstverständlich einen anderen Athleten mit Essen und Trinken. Oder ein Athlet begleitet einen schon ermüdeten Mitkonkurrenten für ein paar Kilometer, feuert ihn an und unterstütz ihn mental. Solche Dinge sind einfach spitze und verdienen gesonderte Anerkennung. Das wollen wir mit diesen Auszeichnungen abdecken.

copyright: UP Paragliders, Bordairrace Media

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liftuup: Wie bzw. auf welchem Wege entstand denn das Format „Bordairrace“?

Tomy: Wie bereits erwähnt, ist das heutige Bordairrace aus den Crossalps hervorgegangen. Uli Straßer und ein paar weitere bekannte Piloten riefen die Crossalps damals ins Leben und daraus entwickelte sich schließlich eine ganze Rennserie, aus welcher dann letztendlich auch die sog. „Bordairline“ Bewerbe hervorgingen. Als Willi Ludwig und ich als Mitorganisator einstiegen, haben wir das Format recht schnell auf „Bordairrace“ umbenannt. Wir wollten mit dem Namen einfach keine Assoziationen zu dem Krankheitsbild wecken.

Regelwerk und Ablauf haben wir eigentlich unverändert aus dem Crossalps Format übernommen. Von Anfang an war da einfach diese Idee, das Hike & Fly mit dem Streckenfliegen zu kombinieren und in einen Wettkampf zu packen. Das fing hinsichtlich der Distanzen zunächst recht klein und überschaubar an; mittlerweile sind die Entfernungen der Wendepunkte, die durch einige der Teilnehmer bei den Rennen gesetzt werden, wirklich enorm – und sie verschieben sich von Jahr zu Jahr weiter. Als Grund dafür ist zum einen sicherlich der enorme Leistungszuwachs moderner Gleitschirmprofile zu sehen; zum anderen sind diese Leistungssprünge natürlich auch auf das spezifische Training und die insgesamt zu beobachtende Professionalisierung der Athleten zurückzuführen.

 

liftuup: Und wo steht das Event heute, viele Jahre nach seiner Entstehung? Wie wird es in der Szene wahrgenommen und wie groß ist der „Run“ darauf?

Tomy: Wir konnten in den letzten Jahren ein stetig wachsendes Starterfeld beobachten. Und der Trend hält an! Hier in der Wildschönau erleben wir wohl das erste Event, bei dem die Teilnehmerzahl die magische 100er Marke erreicht oder gar übersteigt.

Ich erinnere mich noch genau: Vor 4-5 Jahren, als Willi und ich die Race-Orga von unseren Vorgängern übernahmen, zählte das Starterfeld meistens so um die 25-30 Athleten. Seitdem stiegen die Anmeldungen und Teilnahmen kontinuierlich an, sodass wir heuer in der Regel zwischen 80-100 Athleten pro Event zählen.

Ich denke in der Gleitschirmszene, vor allem bei den Hike & Fly affinen Piloten, hat das Bordairrace schon einen recht hohen Bekanntheitsgrad und Stellenwert. Eines kann man auch ganz klar festhalten: Erfolgreiche Teilnahmen bei den Bordairrace Rennen sind zumindest innerhalb des deutschsprachigen Raums DAS Sprungbrett für die Red Bull X-Alps.

Viele Top-Athleten, die in den letzten Jahren für eine Teilnahme bei den X-Alps ausgewählt wurden, sind ehemalige Bordairrace Teilnehmer. Ich denke da beispielsweise an Simon Oberrauner, Tommy Friedrich, Markus Anders oder Sebastian Huber. Naja, oder auch an mich selbst (lacht). Ich selbst konnte 2011 und 2012 die Gesamtwertung der Bordairrace Serie gewinnen – wahrscheinlich war das auch für mich das Ticket für meine eigene Teilnahme bei den X-Alps im Jahr 2013.

copyright: Bordairrace Media

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liftuup: Wer ist neben dir noch für die Organisation des Events verantwortlich? Welcher organisatorische Aufwand steckt eigentlich „hinter den Kulissen“ eines Bordairrace Events?

Tomy: In den Anfängen haben Petra und Jochen Vorderegger von der Firma „Biotech Energietechnik GmbH“ die Bordairrace Rennen organisiert. Die beiden sind nach wie vor sehr aktiv und engagiert in der Gleitschirmszene. Mit den ganzen Verpflichtungen der Firma im Rücken war den beiden aber irgendwann der organisatorische Aufwand für die Events zu viel und es wurde ein Nachfolger gesucht. Willi und ich bekamen das dann mit und wir boten den beiden an, dass wir die Orga gerne weiterführen würden. Petra zeigte sich dann auch recht schnell damit einverstanden, ihr „Baby“ in unsere Hände zu geben. Ich denke wir konnten sie ganz gut davon überzeugen, dass wir das Format „Bordairrace“ mit ganz viel Energie, Engagement und Herzblut weiterführen würden. Die erste Zeit nach der Orga-Übernahme war wirklich viel zu machen. Es musste eine Homepage samt Anmeldesystem aufgesetzt werden. Wir haben die ganze Website quasi von null an aufgebaut; wobei dabei natürlich gesagt werden muss, dass wir ganz viele tolle engagierte Helfer und Unterstützer hatten.

Mittlerweile hat sich alles eingespielt und die Abläufe und Strukturen sind klar, sodass sich der gesamte organisatorische Aufwand in Grenzen hält. Dazu kommt, dass Willi und ich ganz gut arbeitsteilig vorgehen: Willi ist für den Bewerb vor Ort zuständig. Er führt u. a. die Gespräche mit dem Veranstalter und betreut auch unser Auswertesystem für das Ranking.

Meine Parts sind vorwiegend die Homepage samt Anmeldemanagement und die Sponsorenbetreuung. Gerade das Thema Sponsoren und Sponsorengewinnung hat zwischenzeitlich stark an Bedeutung gewonnen. Wie bei vielen anderen Events, so geht auch bei den Bordairrace Rennen ohne Sponsoren einfach nichts. Mit den Sponsorengeldern können gut unsere Ausgaben für das Event decken und wir können den Athleten wirklich tolle Siegerpreise bieten. Was Letzteres betrifft, brauchen wir uns vor keinem anderen Bewerb der Gleitschirmszene zu verstecken. Darauf sind wir wirklich stolz und wir wollen das auch gerne so beibehalten.

Den organisatorischen Gesamtaufwand zeitlich abzuschätzen ist schwierig. Es sind bestimmt einige 100 Stunde pro Jahr (lacht). Ich sehe das aber nicht wirklich als Arbeit an. Es macht einfach unheimlich Spaß. Wir verdienen daran nichts – unseren Lohn erhalten wir dann bei den Bewerben. Wenn beim Zieleinlauf alle happy sind und wir vor Freude strahlende Gesichter sehen, dann geht uns das Herz auf und wir wissen wieder, dass sich jede Minute an zeitlicher Investition gelohnt hat.

 

liftuup: Die Austragungsorte sind wechselnd; pro Event ist meistens eine lokale Flugschule eingebunden. Wie läuft das ab? Kannst du dazu ein paar Worte verlieren?

Tomy: Ja, gerne. Veranstalter vor Ort können sowohl Flugschulen als auch Vereine sein. Wir haben das in den letzten Jahren eigentlich immer so gemacht, dass wir pro Saison ein bis zwei bereits bekannte Austragungsorte wählen und dazu, wenn möglich, mindestens ein ganz neues Gebiet – wie hier zum Beispiel in der Wildschönau – hier findet das Bordairrace zum ersten Mal statt. Der Reiz dabei ist einfach, neue Gebiete und Gegenden kennenzulernen und dabei seinen fliegerischen Horizont zu erweitern. Mit jedem neuen Gebiet, das man befliegt, lernt man Neues dazu. Nun, und mit jedem neuen Austragungsort wächst für die regelmäßig teilnehmenden Athleten der Alpenraum quasi immer engmaschiger zusammen – die weißen Flecken auf der persönlichen „Erfahrungskarte“ werden dann zunehmend weniger.

Ein weiterer wichtiger Pluspunkt: An jedem neuen Austragungsort lernt man neue, nette Menschen kennen. Ich bin immer wieder erstaunt zu sehen, wie die Helfer vor Ort mit Freude und Tatkraft das Event auf die Beine stellen. Großartig!

Zu Beginn, als die Bordairrace Serie noch nicht den heutigen Bekanntheitsgrad hatte, hielten wir es in der Regel so, dass wir von Organisatorenseite aus Leute von Vereinen oder Flugschulen ansprachen bzw. bei ihnen anfragten, ob sie sich ein solches Event in ihrem Gelände vorstellen könnten. Mittlerweile ist es eher so, dass die lokalen Ausrichter eher auf uns zukommen und fragen, ob wir bei Ihnen ein Bordairrace durchführen könnten. Diesbezüglich sind wir heuer einfach in der glücklichen Lage, dass wir nicht „Klinke putzen“ und irgendwelchen möglichen Ausrichtern hinterherlaufen müssen. Es ist eher so eine „win-win Situation“. Die Freude und die Begeisterung für die Bordairrace Events kommt quasi von beiden Seiten und das ist großartig!

Wir haben uns auch mittlerweile bewusst für drei Bewerbe pro Saison entschieden. Früher waren es teilweise 4-5 Events pro Saison. Das zeigte sich aber problematisch, denn die meisten Piloten müssen ja ihren Urlaub um die Events herumlegen. Bei 4-5 Events bedeutete das für diejenigen Athleten, die an allen Races teilnehmen wollten, fast ihren kompletten Jahresurlaub dafür einsetzen zu müssen. Das wollten wir vermeiden; daher die Reduktion auf drei Bewerbe.

 

liftuup: Es gibt viele „Wiederholungstäter“ unter den Teilnehmern der Bordairrace Serie. Kannst du uns die besondere Atmosphäre rund um das Event ein wenig beschreiben und damit näherbringen? Was genau ist es, dass viele der Teilnehmer offensichtlich so catched und in den Bann zieht?

Tomy: Die Atmosphäre, der Spirit bei den Bordairrace Events ist schon wirklich etwas ganz Besonderes. Steht ein Rennen an, freue ich mich immer sehr auf ein Wiedersehen mit vielen Bekannten und Freunden. Für mich, wie auch für viele andere Teilnehmer, sind die Events so etwas wie eine kleine Familienzusammenkunft. Die Atmosphäre ist von Gemeinschaft und von gegenseitiger Unterstützung geprägt. Klar, es ist ein Bewerb, ein Rennen. Aber da ist eigentlich kaum jemand dabei, der dem anderen etwas neidet oder der mit seinen Plänen, seiner Strategie und Taktik hinter dem Berg hält. „Bordairracer“ pflegen einen sehr entspannten, offenen Umgang miteinander.

copyright: Bordairrace Media

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liftuup: Kommen wir mal zu den spannenden Fragen für diejenigen Leserinnen und Leser unter uns, die noch nie bei solch einem Event mitgemacht haben. Welche Voraussetzungen, körperlich wie fliegerisch, braucht es, um für die Teilnahme an einem Bordairrace ausreichend gewappnet zu sein – Podiumsambitionen mal ausgeblendet 😉 ?

Tomy: Die Grundvoraussetzungen sind klar und stehen fest: Man braucht eine gültige und anerkannte Pilotenlizenz inklusive Überlandberechtigung sowie eine zugelassene Flugausrüstung.

Und um es gleich zu Beginn vorwegzunehmen: Nein, man braucht keine 10 Jahre plus Flugerfahrung, um bei Bordairraces mitmachen zu können. Prominentes Beispiel: Simon Oberrauner. Der Simon kam bereits eineinhalb Jahre nach seiner Gleitschirmausbildung auf mich zu und fragte mich, ob er denn mal an einem Bordairrace teilnehmen könnte. Im Jahr darauf war er dann als Athlet dabei und gewann das Rennen gleich bei seiner zweiten Teilnahme.

Ganz Grundsätzlich sind einfach eine solide Ausbildung und entsprechend solide Wetterkenntnisse wichtig. Dazu sollte auch ein wenig Spaß am gegenseitige Messen vorhanden sein sowie die Freude daran, sich gemeinsam draußen in der Natur zu bewegen.

Das ist ja das Schöne am Regelwerk des Bordairrace: Den Wendepunkt, den definiert bzw. legt ja jeder für sich selbst; und dabei muss man sich ja bei weitem nicht nach den besten Athleten im Feld richten. Die minimale Distanz, um in die Wertung zu kommen, beträgt 15 km. Das ist wirklich für jeden, der ein bisschen Sport affin ist, zu schaffen. Im Prinzip sind das ein bis zwei Aufstiege samt Gleitflüge und dann ist man schon in der Wertung.

Ja, und auch die Herangehensweise innerhalb des 33stündigen Zeitfensters kann ja jeder beliebig selbst wählen. Man kann abends in ein Hotel einchecken und 10 Stunden schlafen, wenn man das möchte. Das ist genauso möglich und legitim wie die ganze Nacht durchzumarschieren.

Du gestaltest DEIN Bordairrace auf DEINE Weise!

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copyright: Airdesign, Bordairrace Media

liftuup: Und welche Ausrüstung empfiehlst du einem Bordairrace-Neuling? Ist ein großer Invest für ein superleichtes Gurtzeug samt Schirm unabdingbar?

Tomy: Für die erste Teilnahme ist es mit Sicherheit nicht notwendig, komplett umzurüsten und sein ganzes Equipment auf leicht umzustellen – das ist nicht nötig und würde auch von den Kosten her völlig den Rahmen sprengen. Klar, eine ganz schwere, auf Wettkampf ausgerichtete Streckenausrüstung taugt natürlich nicht; aber viele Piloten sind ja mittlerweile durchaus schon mit semi-leichtem Equipment unterwegs. So mit plus-minus 15 kg ist so ein Rennen durchaus machbar. Natürlich muss ich dann meine Kräfte einteilen und Laufstrecke und Höhenmeter an das Gewicht und meine Kondition anpassen.

Eines beobachte ich aber immer wieder: Gerade die Wiederholungstäter, die mit Leidenschaft dabei sind, satteln doch meist früher als später auf wirklich leichtes Material um. Egal ob man ganz vorne mitspielen möchte oder nur so „just for fun“ mitmacht: Die Freude, der Genuss ist mit leichtem Equipment einfach deutlich größer.

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liftuup: Nehmen wir an, der Funke aus deinen Schilderungen ist übergesprungen und eine Leserin oder ein Leser dieses Interviews möchte sich für das nächste Event anmelden? Was genau ist zu tun?

Tomy: Am besten schaut man auf unserer Homepage, www.bordairrace.com, vorbei. Dort geben wir spätestens zu Jahresbeginn die Termine für die kommende Saison bekannt.

Die Anmeldung für die einzelnen Races öffnet genau 4 Wochen vorher, exakt um 00:00 Uhr. Das mit den 00:00 Uhr entstand aus einer Laune von Willi und mir heraus und ist mittlerweile zur Tradition geworden. Wir finden das einfach cool. Außerdem ist das Wachbleiben bzw. Wecker stellen quasi die erste kleine Herausforderung für eine Teilnahme am Bordairrace. Heuer ist es übrigens auch so, dass man nicht bis morgens in der Früh mit der Anmeldung zuwarten sollte – da kann es gut sein, dass bereits alle Plätze vergriffen sind. Der Run auf die Teilnehmerplätze ist groß. Das Anmeldungsprocedere ist übrigens für alle Starter gleich. Wir machen da keine Ausnahmen, nur, weil der oder diejenige einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Szene hat.

Ist es soweit und das Anmeldeportal geöffnet, klickt man einfach auf Anmeldung, füllt das Formular aus und das war’s.

Oft bleibe ich selbst bis zur Öffnung der Anmeldung wach. Ich finde es einfach toll zu sehen, wer da nachts alles noch wach ist und sich anmeldet. Wenn ich dann viele bekannte oder auch neue Namen lese, freue ich mich immer riesig.

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liftuup: Was erwartet denn den „Bordairrace-Frischling“ auf zwischenmenschlicher Ebene? Eher ein aufgeschlossener und von Hilfsbereitschaft geprägter Spirit unter den Racern? Oder trifft man dort vermehrt auf die verschlossenen Einzelkämpfer?

Tomy: Die verschlossenen Einzelkämpfer stellen bei den Bordairraces ziemliche Mangelware dar (lacht). Natürlich gibt es bei solch einem großen Teilnehmerfeld die verschiedensten Charaktere. Der Spirit des Events ist aber vielmehr von einem übergreifenden Miteinander geprägt. Speziell den Neulingen gegenüber ist man sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Man kann getrost als Neuling jeden anreden und nach Tipps und Tricks fragen – auch diejenigen, die vielleicht auf Podiumsplätze schielen oder die sich schon einen gewissen Namen in der Szene gemacht haben. Wir sind eine große Familie und sprechen miteinander auf Augenhöhe – von Pilot zu Pilot.

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Unter anderem durch den wachsenden Bekanntheitsgrad des Mega-Events „Red Bull X-Alps“ befeuert, erlebten wir in den letzten Jahren einen regelrechten Boom in Richtung Hike & Fly. Was bedeutet dieser anhaltende Trend aus deiner Sicht für solche Formate wie das Bordairrace? Wo würdest die Bordairrace-Events gerne in den kommenden 5 bis 10 Jahren sehen?

Tomy: Auch bei unserem Rennformat, den Bordairraces, wird es, analog zu den X-Alps, immer professioneller. Das zeigte sich in den letzten Jahren sehr deutlich; und zwar in allen Bereich: Der Organisation, bei technischen Standards, wie zum Beispiel beim Livetracking, und natürlich auch bei den Athleten. Deren Vorbereitung, Planung und Herangehensweise an die Races – da ging es in den letzten Jahren schon ordentlich voran.

Unser Anspruch ist, die Bordairrace-Events auch für die Zuschauer zu Hause mittels stetig optimiertem Livetracking noch interessanter und attraktiver zu gestalten. Ganz grundsätzlich betrachtet wünschen wir uns für die Zukunft, dass dieser Bewerb seinen ganz eigenen, besonderen Spirit beibehält. Ein Spirit, der Jahr für Jahr viele tolle Menschen begeistert und zu den Events lockt.

Trotz der ganzen Entwicklung bei den Races bzw. allgemein bei Hike & Fly Rennen möchte ich nicht, dass das Bordairrace in 10 Jahre nur noch eine reine Profi-Veranstaltung ist. Ganz im Gegenteil: Wir wollen den Bewerb offenhalten, gerade auch für Streckenflugneulinge und Einsteiger ins Hike & Fly. Daher beispielsweise auch die bereits erwähnte Aufteilung in unterschiedliche Wertungsklassen.

Bei den Bordairraces sollen immer auch Pilotinnen und Piloten willkommen sein, die einfach Lust auf ihr eigenes, ganz persönliche Abenteuer haben und eine sportliche Herausforderung suchen. Wie man dann sein „Abenteuer Bordairrace“ gestaltet, darf jeder für sich selbst entscheiden.

copyright: Bordairrace Media

liftuup: Gibt es eine Möglichkeit, die Rennen der Bordairrace Serie auch als Zuschauer von zu Hause aus zu verfolgen?

Tomy:Ja, die gibt es. Auf unserer Homepage findet ihr den Link zum Livetracking. Sobald das Rennen gestartet ist, könnt ihr das Teilnehmerfeld via Livetracking hautnah verfolgen – und zwar nicht nur in 2D als kleine Punkte auf einer Karte dargestellt, sondern auch in 3D Ansicht. Das ermöglicht dem Zuschauer, die Athleten visuell zu „begleiten“. Dreht der Athlet gerade auf oder setzt er zur Talquerung an – all das lässt sich schön mitverfolgen. Durch das Livetracking wird das Bordairrace somit auch für die Daheimgebliebenen erlebbar.

copyright: Nova, Bordairrace Media

liftuup: Meine Leserinnen und Leser und ich bedanken uns ganz herzlich bei dir für das interessante und aufschlussreiche Interview. Wir wünschen dir für die kommenden Rennen viel Erfolg, sowohl als Organisator als auch als aktiver Teilnehmer; vor allem aber wünschen wir dir ganz viel Freude und erfüllende Momente bei der Ausübung des schönsten Hobbys der Welt!

 

Mehr über Ulli und Tomy und ihre gemeinsamen fliegerischen Aktivitäten findet ihr übrigens auf:

https://www.hike2fly4fun.com/

 

Die Sponoren der Bordairrace Serie 2021 sind im Übrigen (Reihenfolge willkürlich):

 

 

 

 

 

 

 

6 thoughts on “Plauderecke #07 | heute: Thomas Hofbauer”

  1. Hannes sagt:

    Geile Kiste wieder Rüdiger! Danke! Macht echt Lust aufs Mitmachen!

  2. Anonymous sagt:

    Super Interview danke. Tipps zur Vorbereitung? Einfach viel hike and fly Touren gehen oder auch spezielle Trainingseinheiten?
    LG vom Benni

    • liftuup sagt:

      Hey Benni! Danke für dein Kommentar. Ich selbst habe ja bisher nur einmal mitgemacht, von daher überlasse ich explizite Tipps zur physischen Vorbereitung gerne den erfahreneren Bordairracern 🙂 Vielleicht liest hier ja einer mit und kommentiert 😉
      Grüße!

  3. Berthold Granacher sagt:

    Danke für das Interview Rüdiger! Bin zwar ein alter Knacker, aber da würde ich doch auch gerne mal mitmachen. Just 4 Fun 🙂
    LG und schöne Flüge!

    • liftuup sagt:

      Hallo mein lieber Berthold! Alter spielt keine Rolle – Spaß musst du haben 🙂 Meld dich einfach an, triff nette Menschen und mach dir eine gute Zeit 🙂
      Liebe Grüße aus dem Schwarzwald 🙂

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